Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 68)
- Language
- German
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69 Dr. Laupheimer, Breslau, für die Hörerschaft: Hochgeehrte Fest Versammlung! Der 75. Geburtstag unseres Seminars veranlaßt die heutige Hörerschaft, ihre herzlichsten Glückwünsche zu entbieten. Mit diesen Glückwünschen verbindet sie den Dank an das Seminar für die geistige und leibliche Förderung, die es ihr angedeihen läßt. Besonderen Dank aber sind wir der Tatsache schuldig, daß das Seminar von Anbeginn an seit seiner Gründung es nicht verabsäumt hat, die geistigen und kulturellen Probleme der Umwelt mit in sein Arbeitsfeld einzubeziehen. Die Verbindung: ,,jüdisches Wissen und moderne Wissenschaft“, die den Gründern als Aufgabe und Forderung vorgeschwebt hat, stellt sich heute schon im Lichte der analytischen Psychologie als ein ganz besonderer Weitblick der Gründer heraus. Denn, da wir in einer geistig teilweise anders gerichteten Umwelt leben, so ist die bewußte Erfassung und Unter- Scheidung aller Richtungen dieser Vorstellungswelten, die hier zusammenstoßen, zwingende Notwendigkeit; dies um so mehr, als wir Juden leicht in Gefahr sind, uns an die beherrschenden Tendenzen der Umwelt zu verlieren. — So war denn seinerzeit die Gründung des Seminars eine Aufgabe der Erhaltung der eigenen Kultur und zugleich auch eine Aufgabe ihrer Erneuerung. Dabei hat es das Seminar verstanden, im großen und ganzen die Extreme von sich femzuhalten, die Extreme, die in zwei Gefahren gipfeln, einerseits die Gefahr der Dogmatisierung und Erstarrung, die jeder Religiosität droht, auf der anderen Seite die Gefahr, daß das Bild der jüdischen Weltanschauung, das ein in sich einheitliches und geschlossenes ist, in schöngeistige Einzelideen zerrissen und aufgelöst wird. Wenn diese Gefahren vermieden worden sind, so ist das nicht zum mindesten auch dem zu danken, daß das Seminar sich die Prinzipien moderner Forschung zu eigen gemacht hat und dadurch den Inhalt jüdischer Quellen neu und tiefer ans Tageslicht heben konnte. — Aus jüdischem Bewußtsein kann und wird, so hoffen wir, die junge Generation, das Seminar die Aufgaben lösen, die sich aus den besonderen Verwicklungen unserer Zeit ergeben. Denn wenn heute noch Materialismus und einseitiger Rationalismus weitgehend das Weltbild beherrschen, so ist es Aufgäbe des Seminars, in uns das alt jüdische Kreatur-Gefühl, die Demut des Geschöpfes vor dem Schöpfer, wachzurufen und wachzuhalten, es auch in der wissenschaftlichen Forschung zur Geltung zu bringen und uns die Wege zu weisen, es zum beherrschenden Faktor unserer Lebensgestaltung zu machen. Je stärker dies geschieht, um so reicher werden die Früchte für unsere Gemeinschaft sein. Aber nicht nur für unsere Gemeinschaft, sondern auch für die Umwelt, denn das