Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1917 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Auch dort suchte er unaufhörlich, uns mit guten Gedanken und großen Gefühlen zu bewirten, als wollte er sagen, das Leben ist lang, und Sie müssen doch jeden Tag und jede Stunde und jede Minute mit einer festtäglich geschmückten Seele vor Gott hintreten. Jeden Tag, der kommt, müssen Sie neu sein, erneuert, denn Sie dürfen nicht Stillstehen. Keinen unschönen Gedanken, kein unschönes Gefühl dürfen Sie mehr haben, keine Müdigkeit, kein Sichgehenlassen; es ist ja schwer, unendlich schwer, aber Sie müssen alle Kraft zusammennehmen, um bestehen zu können. Und doch fühlte er bei allem Ernste, aller strengen Forderung soviel Liebe, soviel Güte für jeden seiner Schüler. Brachten wir ihm unsere Sorgen, unser Weh, er trug sie mit, er suchte sie zu lösen und nahm sie uns mit zärtlicher Hand. So seltene seelische Keuschheit, so fein gestimmte innere Kultur. Und nun ist alle Schönheit dahin! — Darum בכו בכו להלך: müssen wir weinen und weinen um den Bildner und Führer, den wir verloren und nimmer wiederfinden. ואלו קרעים שאינן מתאחין Und das sind Bisse, die nie geheilt werden, das sind Wunden, die immer offen bleiben. Wollten wir Dir danken für alle Deine Wahrheit, Dein Wissen, Deine Güte, Deine Liebe, — wie können wir Dir danken? — Nur in der Tat kann unser Dank bestehen. דבריהן הן הן וכרונן Die Worte, die Lehren der frommen Helden sind ihr Andenken. Ein teures Vermächtnis hast Du, großer Lehrer, uns hinterlassen, als Denker und Charakter, als jüdischer Mensch. Wir wollen es hüten dieses Gut, wir wollen es heilig tief in unsere Herzen pflanzen. Wir wollen in unserem Leben davon zeugen, daß wir einen Führer hatten, der uns den einen Weg des wahren Juden wies. Dein reines Erdenwallen soll uns Vorbild bleiben. Amen.