Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1912 (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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20 Das Rundschreiben gelangte durch die Provinzialbehörden an die Vorsteher der bedeutendsten Gemeinden des Landes und dis Wahlen der Vertrauensmänner wurden vorgenommen1). Wie weit die Vorarbeiten gediehen, wissen wir nicht genau. Nur soviel steht fest, dass durch ein Ministerialreskript vom 7. August 1813 die Verhandlungen wegen der Verbesserung des jüdischen Gottesdienstes und Schulunterrichts und die Reisen der Delegierten nach Berlin zur Teilnahme an den Beratungen auf ruhigere Zeiten verschoben wurden2). Die ״ruhigeren“ Zeiten sind beiläufig bis heute nicht eingetreten. Damals aber lenkten die ausserordentlichen weltgeschichtliehen Ereignisse des Winters 1812 die Aufmerksamkeit der Fürsten und Völker völlig vom Ausbau der inneren Gesetzgebung ab. Allmählich verbreiteten sich die immer bestimmter auftretenden Nachrichten vom Untergang der grossen Armee auf den russischen Eisgefilden über das staunende Europa. Preussen und Russland schlossen am 24' Februar 1813 den Bund zum gemeinsamen Kampfe gegen den Kaiser der Franzosen. Wenige Tage später erlebte unsere Vaterstadt die wunderbare Zeit des Aufschwungs, in der der König den zündenden Aufruf ״An mein Volk“ erliess. Der Völkerkrieg entbrannte und das Waffenglück wandte sich den 1j Die Vertrauensmänner für Schlesien waren sehr wahrscheinlich Lewin Benjamin Dohm, der Syndikus der Breslauer Gemeinde, und Abraham Mu hr, Kaufmann in Pless. Welche Stellung zur Reform des Unterrichts und des Gottesdienstes sie einnahmen, ist aus den Darlegungen zu ersehen, die sie ohne Nennung ihres Namens veröffentlichten. Dohm schrieb: ״Etwas zum Schutz des angegriffenen Gebrauchs der hebräischen Sprache bei den Gebeten der Juden in den König), preussischen Staaten“ mit einem Motto aus Eccles. 7, 18 und der Bemerkung, dass sie ״auf Kosten des Verfassers zum Besten der im Felde blessierten vaterländischen Krieger“ gedruckt sei (Breslau 1813, bei Grass & Barth). Die Broschüre Muhrs ist betitelt: ״Jerubaal oder über die religiöse Reform in (!) preussischen Staaten.“ (Breslau 1813, bei C. B. Feistei). Auf der Rückseite des Titelblattes steht als Motto die Stelle Richter 6, 32 und am Ende (S. 45) das Datum: Pless, im Januar 1813. Vgl. Zunz, Ritus, S. 170, Anm. d und e. Einen Auszug aus Muhrs Broschüre habe ich in der Abhandlung: ״Abraham Muhr. Ein Lebensbild“ in meinem Jahrb. 1891, S. 74 — 84, gegeben. Adlig war Dohm selbstverständlich nicht, wie Freund II, 424. 449 anzunehmen scheint Als Subskribent auf Mendelssohns Pentateuch-Uebersetzung hiess er noch R. Loeb Schiffroh. Den neuen Namen nahm er zu Ehren des Kriegsrats Dohm an, wie im Maassef VII.(Breslau 1797). S. 71, Anm. 1 zu lesen ist. Er war auch der Redner der Gemeinde. Bei der ersten Wahl der Stadtverordneten 1809 und beim Ausmarsch der Truppen 1813 hielt er die Ansprachen in der Synagoge der Brüder-Gesellschaft, zu deren Begründern und Vor• Stehern er gehörte, vgl. Gesch. d. Gesellsch. d. Brüder, S. 17. 36. 56. 2) Vgl. W. Freund, zur Judenfrage I, S. 198.