Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1868
- Date
- 1868-01-01
- Page
- – (sequence 70)
- Language
- German
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62 Lage. Das Christenthum durften sie nicht verlassen, weil sie einmal die Taufe empfangen hatten, und doch waren sie eben wegen ihrer Ketzerei, ja auch wegen ihrer Zerlumptheit bei den Christen verachtet, sowie den Juden verhasst. Sie bettelten halbnackt vor den Kirchthüren, bekamen aber selten etwas, wenn ihre verhungerten Gestalten nicht hin und wieder Mitleid erregten1). Später (October 1760) scheint die Geistlichkeit, um das äusserliche Zeichen des Christenthums an ihnen nicht allzu sehr der Verachtung preissgegeben zu sehen, einige Hundert derselben in die Gegend von Zamosö (im Lublin'schen) transportirt zu haben2). Ihr Rachegefühl gegen die talmudischen Juden war, womöglich, durch die erlittenen Unfälle noch stärker geworden. Es machte ihnen eine hämische Schadenfreude, Unschuldige dem Tod zu überliefern. In einem Städtchen Woylawice (nordöstlich von Zamosc) sollen die Frankisten eine ihrer Frauen als die Rabbinerin des Ortes verkleidet und animirt haben, sich zum Geistlichen zu begeben und die Anzeige zu machen, dass mehrere Juden des Ortes und ihr Gatte, der Rabbiner, mit ihnen, einige Christen umgebracht hätten. Darauf hin wurden die Angeschuldigten eingezogen, gefoltert und hingerichtet (Elul Sept. 17613). Die ächte Rabbinersfrau wurde in Folge dessen auch gezwungen, sich mit ihren fünf Kindern taufen zu lassen. Die übrigen Juden des Städtchens retteten sich durch die Flucht. Die Blutbeschuldigung gegen die talmudischen Juden, von den Frankisten mit so vielem Eifer betrieben, wurzelte sich dadurch in Polen tiefer ein, gerade zur Zeit, als sie in den civilisirten Ländern Europas immer mehr abnahm. Der Franciscaner Gaudentius Pikulski, der Katechet der Sektirer, hatte in dieser Zeit eine Anklageschrift gegen die Juden „Die Bosheit der Juden gegen Gott und Menschen"4) verfasst, worin er die Ursachen aufführte, aus welchen sie Christenblut gebrauchten. Er erzählte darin, laut Angabe der boshaften Frankisten, von der Entführung, der Christenkinder durch Juden und von Ceremonien, unter welchen dieselben umgebracht würden. *) S. oben die drittletzte Anmerkung. 2) S. oben dieselbe Anmerk. ... . . . 3) Bei Emden I p. 85, Gewährsmann Lipmänn Kolin aus Danzig. 4) Titel der Schrift oben S. 6 No. IV.