Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1865
- Date
- 1865-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2720904-2720935-2720936--0512-2721754- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das geistige Leben der Juden fand, seitdem der jüdische Staat gebrochen und vom politischen Schauplatze abgetreten war, seinen Brennpunkt in den Worten „Du sollst über sie (die Lehre) nachdenken Tag und Nacht" (Josua 1,-8). Die Lehre potenzirte sich zum Gedanken, Erforschen und Eindringen bildeten das Gebiet, auf welchem die geistigen Kräfte sich bewegten; das Ziel der Forschung war Ausübung, Vollführung des durch die Lehre Gesetzten; aber der Vollführung ging ein geistiger Prozess voran, das Gesetz war vorerst Eigenthum des Geistes geworden und trat von da ins Leben. So schlug jdie Lehre Wurzel in Geist und Leben, von der unsichtbaren Welt des Geistes aus in die sichtbare des Lebens; und über diesen Welten schwebte der begeisternde Gedanke : Gott. Und weil Geist und That sich verbanden, weil eine in rastloser Friction sich vollendende Geistesthätigkeit die religiöse Ausübung setzte und diese Ausübung wiederum die geistige. Thätigkeit bedingte, war der Beschauung sowohl als dem verdumpfenden blinden Gehorsam der Boden entzogen. Darum bewahrte das Judenthum eine unvergängliche Frische, es fand in der Lehre-nicht nur Trost, sondern eine unversiegbare Quelle rastloser, durch die unerhörtesten Leiden nicht gebrochener Geistesthätigkeit; brütete nicht in erschlaffendem, resigniren*- dem Märtyrerthum hin, sondern lebte in der Welt der widerwärtigsten Geschicke ein, die geistigen Kräfte wachhaltendes und spannendes Leben. Diese geistige Thätigkeit reicht weit hinauf: sie fällt fast mit dem Einleben des Volkes in den mosaischen Glauben zusammen. Erst durch das babylonische Exil war die Lehre zum allgemeinen Bewusstseiri gekommen, den aus dem Exil 1