Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 12 (1938)
- Issue
- Heft 727 (15.2.1938)
- Date
- 1938-02-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen Dienstags den 15* Februar 1938 12* lahrgang Nr. 721 v/frv»; Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedtö par V&diteax" DIE NEUE WELT R EVU E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich 8 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig 8 16.—; Polen monatlich Zloty 1.60, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Ko 6.—, vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar Jährig Dinar 40.—; Bnmänfen monatlich Lei 50.—, vierteljährig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark: 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monaUich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—j Schwei» und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8,7ei. A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u. Freitag ZUM FROHEN FESTE wird der PESSACH erst durch die so wunderbaren« delikaten Sdimidl-Nazzoth Die Marke des Feinschmeckers Verlangen Sie aberall nur ,,SCHHiDL"-Hazzottl! a) Das Fragezeichen Bundeskanzler Sdhusdinigg in Berchtesgaden Es ist Brauch, daß Staatsmänner von Zeit zu Zeit;zusammenkommen, um c sich'gegenseitig in bezug auf ^das\Verhältnis, ihrer;Länder. den Puls zu fühlen. Auch der Besuch des Bundeskanzlers. Dr. Schuschnigg beim c deutschen: Reichskanzler könnte: normalerweise diesem Zwecke, dienei : werden-, würde die Welt nicht dem reichsdeutschen Gesprächspartner selbst .'das: Ueberraschendste.. zutrauen, zumal . die Zusammenkunft am ominösen S am s t a;g stattgefunden hat, der. bekanntlich seitens des. ^nationalsozialistischen Regimes wiederholt für schlagartige" Exkursionen gewählt wurde. Die Begegnung Schuschnigg-Hitler.. mußte; allerdings diesmal um: so größerem Interesse begegnen, als die Spannung 25wischen';G.esterreich: und Deutschland: sich .durch die verschiedenen Aktionen der österreichischen Illegalen in der./letzten Zeit wieder verstärkt hatte und nicht ganz klar war, wie weit diese Aktionen, bzw. Wühlereien: und; Störungen drüben wohlwollend aufgenommen wurden. Daß der: „11. Juli", das Befriedungsabkommen zwischen; dem deutsch-christlich-^ständischen . Oesterreich . und , dem nationalsozialistisch-totalitären Deutschland nur mehr das Symbol einer nicht bestehenden'.Befriedung sei, wurde:von Österreichischer Seite an; zahllosen Fällen demonstriert. Viele Umstände trugen ,dazu bei, daß Hitler sich veranlaßt sah., gerade jetzt t— Mitte Februar — den österreichischen; Bundeskanzler zu einem Besuch nach Berchtesgaden einzuladen. "Es war ründ eine Woche1 nach dem aufsehenerregenden 4t F e b r u a r, da die Unterredung zwischen den Repräsentanten der beiden deutschen Staaten stattfand. In Deutschland hatte sich ein Ereignis vollzogen, dessen Auswirkung noch nicht abgeschlossen ist,-daher nicht in seinem Ausmaß eingeschätzt werden Tcann- Die Umgestaltung der Heeresführung und die Installation einer obersten Beratungsfcörperschaft für die Außenpolitik sind die Kennzeichen dieser Neuordnung, Zeugen dafür, daß der Nationalsozialismus die Armeeleitung noch nicht. erfaßt hat und .daß ein Ausgleich zwischen den Wünschen der Industrie, des Heeres und der gesamten Privatwirtschaft noch nicht zustandegekommen ist. - - Der Sturz Gogas hat den deutschen Propagandisten des Hakenkreuzes vor Augen geführt, daß man nicht überall mit der Wpßen Nachahmung des nationalsozialistischen Programms ''wirtschaften kann; daß die Moral'der westlichen' Demokratie noch immer einen Faktor in der Welt darstellt; daß ein Land zusammenbricht, wenn es eine Haßpolitik ohne Rücksicht auf die Wirtschaft betreibt. Der Zusammenbruch des rumänischen Nationalsozialismus hat in Deutschland stärken Eindruck gemacht. Vielleicht noch tiefgehender waren die Vorzeichen der beginnenden italienisch-englischen Entspannung, die sich zuerst in bezug auf den apanischen Bürgerkrieg, dann auf das Mittelmeer und schließlich auf das «üto&utecto Fudbfoiu auswickea wird. Warn auch von Nicht Israel — der Völkerbund hat gesiegt Aus Bukarest wird gemeldet: Im Ministerrat, welcher der Kunde von der Dcmmission der Regierung Goga vorausging, nahm der Premier mit einer großen Rede von seinen Kollegen Abschied. Er sagte» das politische Leben sei heute von UeberraSchungen und Demütigungen erfüllt. Eine Demütigung habe er über sich müssen ergehen lassen, als ihm der König erklärte, daß Gründe inner- und außenpolitischer Natur eine Aenderung der Regierung notwendig machen. Er habe vergebens dagegen Stellung genommen, daß man eine Regierung zwanzig Tage vor den Wahlen, die einen Sieg bringen dürften, einfach wegjage. Der König sei bei seiner Auffassung der Lage verblieben, d. h. die Regierung Goga muß verschwinden. Goga gab sodann einen zusammenfassenden Bericht über seine 45tägige Regierungstätigkeit und hob hiebei die von ihm begonnene Ausschaltung der Juden aus dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben Rumäniens hervor. Er schloß mit den Worten: „Vor seinem ' Sturze hat Julianus Apostata; ausgerufen: „Gälliläer! <Du - hast gesiegt!" Ich erkläre jetzt: „Israe 1Du ha'st gesiegtl'S Ich scheide erhobenen' Hauptes von meinem Posten, in der (Ueberzeingimg, daß 'die Zukunft mir recht geben wird." r. st. — Der Antisemit Goga hat sich während seines kurzen, von Judenhaß beseelten und fast ausschließlich bestimmten Regimes als gelehriger Schüler 'Hitler-Deutschlands ' erwiesen. Auch im Abgang hält er sich an seinen Lehrer, in dem . er Isräelals die Ursache allen Unglücks in. dieser Welt - hinstellt, also auch als Ursache seines Sturzes. Eine Verbeugung vor Berlin * und München macht er ferner damit, daß er sich mit dem römischen. Kaiser Jüiiänüs vergleicht, welcher das Heidentum wieder aufrichten will, aber vom „Gälliläer", also , vom Judenstämm 1 ing Jesus, heimtückisch angefallen und besiegt wird. :,;'..,<"■' * „Israel! Du hast gesiegt!" Damit hat Goga das Stichwort gegeben und sofort hat ein höllisches Konzert "der antisemitischen Presse in aller Welt eingesetzt. Alle deutschen und die judenfeindlichen Zeitungen in Polen, Ungarn, Sudetenböhmen usw. schreien „Israel hat gesiegt!" und beklagen Goga als Opfer der jüdischen Weltintrigen, als Opfer der von den Juden beherrschten Westmächte, als Opfer des jüdischen Völkerbundes. Aber nicht nur Antisemiten reden von einem Siege Israels. Auch mancher Jude ist geneigt, daran zu glauben. Es ist daher notwendig, den Umsturz in Rumänien nüchtern zu prüfen. *. An die Stelle des Antisemiten Goga ist wirklich kein Mann getreten, welcher geneigt ist, die Judenfrage wohlwollend oder auch* nur objektiv zu behandeln, sondern der PatriarchMiron, das Oberhaupt der rumänischen Staatskirche. Vom Patriarchen Miron war in letzter Zeit wiederholt die Rede. Er war vor zirka einem halben Jahre in London und wurde dort von einer jüdischen Abordnung unter Führung dea» englischen Oberrabbiners Herz aufgesucht. Die Herren brachten die rumänische Judenfrage zur Sprache. Patriarch Miron antwortete mit wilden Schmähungen des Judentums und erließ nach seiner. Rückkunft einen haßerfüllten Aufruf gegen die Juden. Als kurz darauf Herr Cuza, der im Stile des „Stürmer" arbeitende Häuptling des blutrünstigsten Antisemitismus, seinen 80. Geburtstag feierte, pries Patriarch Miron den Jubüar als den „Retter Rumäniens aus jüdischer Knechtschaft und Schande". Und der Einstellung des Patriarchen und jetzigen Regierungschefs ist es zuzuschreiben, daß unter* den Anführern der antisemitischen Demonstrationen und Ausschreitungen in Rumänien immer eine auffallend große Zahl von Theologie Studenten und Geistlichen zu finden war. Es ist anzunehmen, daß der Patriarch auch in jüdischen Fragen nicht unumschränkt und ganz im Geiste Gogas und Cuzas wird schalten und walten können. Die ihm beigegebenen Minister werden es wohl nicht zulassen, daß eine Politik, die sich gewiß mörderisch gegen die Juden, doch ebenso mörderisch gegen die Wirtschaft Rumäniens und sein Ansehen in der Welt ausgewirkt hat, fortgesetzt wird. Die ärgste Katastrophe scheint abgewendet, zumindest aufgehalten. Aber davon zu sprechen, daß nunmehr in Rumänien den Juden gegenüber gerecht regiert werden wird, wäre arge Selbsttäuschung. Die rumänischen Juden werden nach wie vor schwersten Prüfungen ausgesetzt sein. * Gewiß, im Falle Goga ist ein Sieg zu verzeichnen. Aber nicht Israel hat gesiegt, sondern der schon totgesagte Völkerbund hat gesiegt! Die Regierung Goga stand unmittelbar davor, den Völkerbund zu verlassen, die unter der. Patronanz des Völkerbundes geschlossenen Bündnisse zu lösen und sich dem Kommando der völkerbundfeindlichen Diktaturstaaten zu unterstellen. In diesem Moment hat der Völkerbund, dem man bereits die Fähigkeit zu irgend einer Aktion abgesprochen hatte, energisch eingegriffen. Ja, der Völkerbund, die Versam'mlung der großen Weststaaten, der nordischen Kleinstaaten und der amerikanischen Republiken hat die einzige Möglichkeit geboten, die von Rumänien her drohende Gefahr für den Weltfrieden und die Zivilisation zu erörtern und ihr wirksam zu begegnen. Von einem Siege Israels zu sprechen, ist absurd. Nur verbissene Antisemiten und utfremde Juden können so sprechen. Wahrlich, nicht allein um der deutscher und italienischer Seite betont wird, daß die Achse Berlin—Rom von den letzten Ereignissen unberührt geblieben sei, so geht man in der Annahme nicht fehl, daß Italien sich von einer Verständigung mit England für seine imperialen Interessen mehr verspricht als von einer starren, ausschließlichen Bindung an ein Land, das das Risiko einer weltpolitischen Isolierung . auf sich nimmt. Denn die kleinen Staaten werden am rumänischen Beispiel sehen, daß sich eine blinde Nachahmung der Methoden des Hakenkreuzes nicht bezahlt macht. Im Zusammenhang mit den Faktoren, welche in Berlin ein demonstratives Bekenntnis zur Abkehr von Abenteuern als ratsam erscheinen ließen, muß auch die Aufdeckung des Komplotts in der Teinfaltstraße erwähnt werden. Das dort beschlagnahme Material enthielt bekanntlich auch ein „Aktionsprogramm für 1938", das die Gefährlichkeit der Umtriebe der Illegalen Oesterreichs enthüllte. Ob und wie weit deutsche. Kreise die Vorbereitungen der Illegalen gegen die Sicherheit Oesterreichs unterstützten, ist nicht geklärt. All die Umstände trugen dazu bei, die für den 30. Jänner angesetzte Rede Hitlers vor seinem Reichstag abzusagen und für einen späteren Zeitpunkt anzusetzen. Dieser Zeitpunkt .ist der 20. Februar. Der deutsche Reichskanzler wird an diesem Tage vor der Welt neuerlich den deutschen Friedenswillen betonen. Um ihn glaubhaft zu machen, war eine demonstrative Aussprache mit dem österreichischen Bundeskanzler notwendig. Der Passus über Oesterreich, wie er vor dem 12. Februar vorgesehen war, wird zweifellos in starker Veränderung erscheinen. Der Welt wird gesagt werden, daß das nationalsozialistische Deutschland keine aggressiven Absichten gegen Mitteleuropa hege. Die Frage, was denn die beiden Staatsmänner am Sonnabend des 12. Februar miteinander gesprochen haben, wird also ihre Antwort in der Reichstagsrede des 20. Februar finden, vielleicht nur zwischen den Zeilen, aber doch verständlich, o. r.