Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 12 (1938)
- Issue
- Heft 722 (28.1.1938)
- Date
- 1938-01-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 20 Groschen freilag/ den 528* Jirnief 1938 1$« Jahrgang Nr* 722 V* b« b» DIE NEUE Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp6dl6 par l'editeur'* ■ T liothek Wien, Titl. Universitätsbibliothek REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN; Oesterreich monatllcü S 1.40. vierteljährig s 4.—, ganzjährig ö 16.—; Polen monatlich Zloty 1.80, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—. vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel-» jährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 50.—, vierteljährig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14,—2 Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnet« Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX,UniveTisitätsstr.8tTel,A'20^2'78 - Erscheint Dienstag u. Freitag Jüdische MinorifätemDebaffe in Genf versdiofoen Aus Genf wird uns vor Blattschluß gemeldet: Auf Grund der letzten Nachrichten aus den Kreisen der Völkerbunddelegierten wurde angenommen, daß man bei der Jubiläumstagung des Rates die Frage der jüdischen Minoritäten in Rumänien behandeln werde. Diese Annahme hat ich, nach Informationen im Sekretariat des Völkerbundrates, als irrig erwiesen. Wie die Dinge jetzt stehen, wird sich der Rat diesmal noch nicht unmittelbar mit der Frage der jüdischen Minoritäten in Rumänien beschäftigen. Vorläufig hat sich kein Ratsmitglied bemüßigt gesehen, die Beschwerden des Jüdischen Weltkongresses, der Alliance Israelite und einer englischen jüdischen Gruppe wegen Behandlung der Juden Rumäniens auf die Tagesordnung des Rates zu setzen, ehe sie den normalen Gang der Minderheitenpetitionen zurückgelegt hat. ■ ■/a- Der normale Gang ist der, daß auch diese Petitionen, wie alle anderen, einem Dreierkomitee zugehen werden, der sie zur Gegenäußerung der rumänischen Regierung zuleiten wird. Auch die beantragte dringliche Behandlung ist bisher nicht beschlossen worden. Die Zustimmung zu einer dringlichen Behand lung würde allerdings bloß bedeuten, daß man der betreffenden Regierung die sonst auf viele Monate bemessene Frist auf drei Wochen herabsetzen würde. Im gegenwärtigen Falle hätte auch diese Fristverkürzung keinen praktischen Wert, da der Rat auch nach drei Wochen nicht mehr beisammen sein wird. Unter diesen Umständen ist es wahrscheinlich, daß die Behandlung der Proteste des Jüdischen Weltkongresses und der anderen jüdischen Institutionen bis zur Maitagung des Rates verschoben werden wird. Man erwartet übrigens in Genf, daß der rumänische Außenminister Mficescu, entgegen seihen seinerzeitigen Erklärungen von sich aus die rumänische Minoritätenfrage nicht anschneiden, sondern, falls dies von anderer Seite ünerwarteterweise geschehen sollte, bloß diesbezügliche. Erklärungen abgeben werde. Jüdische Weltkongreß*Exeku6fve an Genf Zur bevorstehenden Intervention des Jüdischen Weltkongresses zugunsten der Juden Rumäniens wird aus Genf berichtet: Rev. M. L. Perlzweig aus London und M. J a rblum aus Paris sind am Montag, den 24. Jänner, in Genf eingetroffen, um aus Anlaß der am 26. Jänner beginnenden 100. Tagung des Völkerbundrates die Sache der rumänischen Juden zu vertreten. In ihrer Eigenschaft als Mitglieder der Exekutive des Jüdischen Weltkongresses haben Perlzweig und Jarblum Besprechungen betreffend die Petition über Schutz der Rechte der rumänischen jüdischen Minderheiten, die der Jüdische Weltkongreß vor kurzem dem Völkerbund überreicht hat. Außer den Repräsentanten des Jüdischen Weltkongresses weilen bereits in Genf Delegationen der Alliance Israöüte Universelle und des Pariser Komitees zur Verteidigung der Rechte der Juden in den Ländern Mittel- und Osteuropas. Die Delegation des letztgenannten Komitees wird vom Senator und früheren französischen Minister Justin G o d a r t geführt. Dio erwähnten drei Organisationen, die bisher noch niemals zusammen gearbeitet haben, haben jetzt beschlossen, in Genf in der Angelegenheit des Schutzes der Rechte und der Interessen der rumänischen Juden Hand in Hand zu arbeiten. Es verlautet, daß sich diese drei Organisationen in Genf mit der Abordnung des englisch-jüdischen Joint Foreign Committee (der auswärtigen Repräsentanz des Board of Debuties of British Jews und der Angio-Jewish Association) zu einem gemeinsamen Vorgehen zusammenschließen werden. Die Petitionen der Alliance Israelite Universelle und des Jüdischen Weltkongresses beschränken sich auf einen Appell an den Völkerbund, gegen die Verletzung des Minderheitenabkommens vom 9, Dezember 1919 seitens Rumäniens einzuschreiten. Die Petition des Komitees zur Verteidigung, der Rechte der Juden Mittel- und Osteuropas, welche hundert Seiten stark ist, geht noch weiter und verlangt, ' daß der Völkerbund, falls Rumänien Einwendungen, macht, die ganze Angelegenheit dem Haag er internationalen Gerichtshof abtrete, der sodann gegen Rumänien das Verfahren eröffnen wird. Bis zur Entscheidung durch den internationalen Gerichthof aber soll, so wird verlangt, der Völkerbund sofortige Maßnahmen ergreifen, um die rumänische Regierung daran zu hindern, ihr antisemitisches Programm durchzuführen, bzw. sie zu veranlassen, den bereits in die Tat umgesetzten Programmteil zurücuzunehmen. Nach einer Analyse der gegenwärtigen jüdischen Situation in Rumänien vom historischen, innenpolitischen und internationalen Gesichtspunkt wird am Schluß der Petition betont, daß die Juden so lange in Rumänien leben wie die Rumänen selbst und daß sie während des Krieges komplette Einheiten innerhalb der rumänischen Armee gebildet haben. Das Komitee wird für das kommende Frühjahr nach Paris eine Konferenz aller jüdischen und nichtjüdischen Organisationen, welche für Minderheitenrechte kämpfen, zur Ausarbeitung eines gemeinsamen Programms und zur Koordinierung der Tätigkeiten für die Minderheiten einberufen. Aus Basel wird gemeldet: Die „Baseler Nationalzeitung" teilt mit, daß laut ihrer Informationen der rumänische Außenminister Micescu alle Mittel anwenden wird, damit der Völkerbundrat die Petitionen der jüdischen Körperschaften bezüglich der jüdischen Minderheit in Rumänien nicht dringlich behandle. Es heißt, daß der Außenminister sogar mit der Demission der rumänischen Regierung gedroht habe und daß die radikalantisemitische „Eiserne Garde" die Lösung des Minderheitenvertrages verlange. KOHLE KOKS nuTimfiriT RUR* AMTHRACIT BUCHENHOLZ BÄSCH IV, ARGENTINIERSTRASSE 22 - TEL. U-47-5-40 Inhaber Dr. Richard Basoh gt?~ Zweimal täglich Elliustellung nach allen Bailrkan Geschenke erhalfen die Freundschaft Wenn früher ein Herrscher den anderen durch Gesandte aufsuchen ließ, dann kamen diese nicht mit leeren Händen. Sie brachten Geschenke mit. Gewöhnlich teure Landesprodukte. Edelsteine, Pelze, schöne Sklavinnen und häßliche Affen, Gewürze und seltsames Getier, um das Herz des Gastgebers zu erfreuen. Die Geschenke von heute sehen etwas anders aus, aber immerhin, der Brauch, durch Geschenke um Freundschaft zu werben und Freundschaft zu erhalten ist nicht ganz verschwunden. Das konnte man in den jüngsten Tagen beobachten, und zwar anläßlich der Besuche des jugoslawischen Ministerpräsidenten bei Hitler in Berlin und des italienischen Pressechefs und Leibjournalisten Mussolinis bei der neuen Regierung in Bukarest. Auch sie kamen nicht mit leeren Händen, und brachten mit, was des Gastgebers Herz erfreut. Wohl keine Weiber und Affen und Pelze, sondern Produkte der jüngsten heimischen Industrie: Funkelnagelneuen, hausgemachten italienischen und jugoslawischen Antisemitismus! 1 -'^V Ministerpräsident Stojadinowitsch überbrachte Hitler den Kopf des jugoslawischen Oberrabbiners Alkalay, das heißt die Kunde, daß dieser Vertreter der Judenschaft knapp vor Antritt der Berliner Reise aus dem Senat hinausgeworfen wurde. Alkalay war intimster Freund des ermordeten König Alexander und war fast zwanzig Jahre hindurch Wortführer der Juden im Senat. Sein Hinauswurf sollte eindringlichst zeigen, daß man in Belgrad mit der jahrhundertalten Tradition des guten Zusammenlebens mit den Juden» die im ermordeten König einen ganz hervorragenden Vertreter hatte, gründlich gebrochen hat. Um noch, ein Uebriges zu tun, hatte Ministerpräsident Stojadinowitsch den Redakteur des von Herrn Goebbels in Belgrad gegründeten antisemitischen Hetzblattes „Balkan" mitgebracht und erschien Arm in Arm mit dem Blutlügenverbreiter vor Adolf Hitler. Der Sondergesandte Mussolinis, der römische Pressechef Gajda verfuhr in Bukarest nicht anders. Er brachte dem neuen rumänischen Premier Goga, dessen politische Weisheit sich in abgrundtiefem Judenhaß erschöpft, einen ganzen Blütenstrauß antisemitischer Preßprodukte aus Italien mit. Lügen von der jüdischen Weltherrschaft, Blutmärchen, Verherrlichungen der „Weisen von Zion", kurz alles, was das Herz eines Goga erfreuen kann. Auch Gajda erbrachte augenfälligen Beweis dafür, daß das tolerante Italien, daß das Italien, in welchem Juden Ministerpräsidenten, Bürgermeister von Rom und kommandierende Generäle werden konnten, seit einigen Wochen nicht mehr ist, nur mehr der Geschichte angehört. Was ist hier geschehen? Wenn es zwei Staaten gab, die man als völlig frei von organisiertem Antisemitismus bezeichnen konnte, waren es Italien und Jugoslawien. Und nun diese Wandlung auf einen Schlag! Die antisemitischen Musterländer — Deutschland, Rumänien und Polen — mußten sich zum Antisemitismus durcharbeiten. Jahrzehntelange Bemühungen von Politikern und „Wissenschaftlern" waren notwendig, um das Volk zum Antisemitismus zu erziehen. Der Antisemitismus mußte Rückschläge überwinden und sein Sieg war das Produkt einer an Hindernissen reichen Entwicklung. In Rom und Belgrad nichts von alledem! Mit einer Bedenkenlosigkeit sondergleichen werden Menschlichkeit und alle Begriffe von Treue und Edelmut weggeworfen und man fällt unvermittelt und mit reißender Wildheit über den Freund und Weggenossen von gestern her. Die Zeit, in der wir leben, gibt dafür Erklärung. Der Zynismus, welchen Rom und Belgrad heute in der Judenfrage an den Tag legen, ist der nämliche Zynismus, der heute eine entartete Menschheit dahin gebracht hat, das Recht der Völker und der Menschen zu verhöhnen und mit Giftgasen und Brandbomben gegen Kinder und Greise und Mütter Ker.wcktu^gsJ^ wir als Menschen.