Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 713 (28.12.1937)
- Date
- 1937-12-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 10 Groschen Dfensfags den S8. Dexembet 1937 ff» Jahrgang DIE NEUE Nr* 711 V«f»«b* Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp6die par Tedltenr" "T Titl. Universitätsbibliothek ^1» Wien» 1. REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich s 1.40, vierteljährig ö 4.—, ganzjährig ö 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 18.—; Jngoslawien monatlich Dinar 14.—. vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 60,—, vierteljährig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljahrig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—2 Schweix und die übrigen Lander monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.Verwaltuns: lX,Universitäfsstr.8t7el.A-20~2-78 - Erscheint Dienstag u. Freitag Zur Tagesordnung Wien, 27. Dezember. In einem Aufsatz des „Pester Lloyd" wies der österreichische Bundeskanzler Dr.v.Schuschnigg darauf hin, „daß die Welt in Anarchie verfallen müßte, wenn nach der Quantität alle anderen großen Begriffe ausgelöscht würden". Dieser Hinweis bezog sich auf das Recht der kleinen Nationen, das heute im weltpolitischen Geschehen Gefahr laufe, bagatellisiert zu werden. In verständnisvoller und unvoreingenommener Konsequenz müßte auch die Judenfrage als Problem der Art und nicht der Q u a n t i t ä t gesehen werden. Wenn man sich erlaubt, die Juden zu unterdrücken, weil-sie eine Minorität sind, so hat man eben den Maßstab der Quantität angelegt, die alle anderen Begriffe — wie Kultur, Humanität, Recht -- auslöscht und die Welt in Anarchie stürzt. Es geht jetzt darum, die Erkenntnis Dr.. von Schuschniggs ins Bewußtsein derjenigen zu bringen, die hier bei uns, vom Standpunkt der Quantität, bzw. Majorität, der jüdischen Minorität das Recht auf Leben absprechen wollen. * •Nach neudeutschem Muster werden jetzt bei uns Verleumdungen .gegen "alle Schichten der' Judenheit ausgestreut. Seit kurzem ist; es Mode geworden, nun auch die jüdischen Frontkämpfer, außer den lebenden .auch die.dtoten, d.- i. ■ die - inr Weltkrieg gefallenen, "zu beschunpfen-und ihnen die Ehre zu-rauben. Nun hat vor; einigen; Tagen die Landesführung Steiermark und Kärnten des Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs in einer Protestversammlung (in der Grazer Synagoge) gegen den Ahtisemitenbund Stellung genoinmen, der bekanntlich die jüdischen Soldaten als Schwindler, Feiglinge und Drückeberger hingestellt hat;-eine läppische Beschuldigung, wenn man bedenkt, daß für das Deutsche Reich 12.000 Juden, für die Habsburger-Monarchie mehr als 30.000 Juden gefallen sind, nicht zu . reden von den hohen und höchsten Auszeichnungen für Tapferkeit im Felde. Aber noch ein Moment , wird in der Protestresolution betont, das Moment.der sogenannten „Bodenständigkeit"; es wird festgehalten, daß die Juden ins Land gekommen sind genau so "wie die Christen, und daß es jüdische Grabsteine aus der Römerzeit bei uns gibt. ' "" Wenn man also mit dem Terminus „Bodenständigst". operiert, fällt die Sache nicht zugunsten jener aus, die den Anspruch auf Beruf, Recht und Sicherheit nur den „Bodenständigen" zuerkennen wollen. Aber mit dieser Wortspielerei kommt man nicht weiter, dient man nicht der vaterländischen Wohlfahrt, die zu schützen , man vorgibt. . . , . Die. Resolution der jüdischen Frontsoldaten begab sich in keine „bodenständige" Politik, sondern appellierte an die „Wahrheitsliebe der christlichen Oesterreicher"... Judenfrage vor dem Unterhaus Churchill gegen Lansbury Aus London wird berichtet: Der Arbeiterführer George Lansbury (bis vor einem Jahre Vorsitzender der englischen Arbeiterpartei), welcher in den letzten Monaten Hitler in Berlin und dann Prag, Warschau und Wien besucht und mit den führenden Staatsmännern und Politikern gesprochen hatte, berichtete im englischen Unterhaus über die Ergebnisse seiner Reise und kam dabei auch auf die Lage der Juden in den Ländern Mitteleuropas zu sprechen. Lansbury sieht in der Judenfrage ein bevölkerungspolitisches und ein Wirtschaftsproblem. Niemand kann umhin, sagte Lansbury, über die Lage entsetzt zu sein, die sich für die Juden in Europa rapid entwickelt. Ich glaube, daß die reichen Juden in der ganzen Welt etwas hätten tun können, um die Lage zu mildern. Diesen Ausführungen Lansburys trat der Führer der Konservativen, Winston Churchill, entgegen. Lansbury, sagte er,,habe offenbar seine rosar o t e Brille aufgesetzt. „Ich glaube nicht", fuhr Churchill fort, „daß Lansbury die großen Uebel religiöser und rassischer Unduldsamkeit mit jenen Ausdrücken der E mp'imrn~g behandelt, welche sie — dessen bin ich sicher — in seinem großen Herzen tatsächlich erregt haben. Ist es doch etwas Furchtbar e s, daß versucht wird,, einen Menschenschlag auszustreichen aus der Gesellschaft, in der er geboren In einer Weihnachtsbotschaft— wenn dieses Wort im Zusammenhang: mit der „Nordischen Gotteslehre" erlaubt ist — erklärte der Stellvertreter des deutschen Reichskanzlers, Rudolf Heß, daß die Friedenssehnsucht der anständigen Menschen aller Kulturnationen eine der stärksten Garantien der, Ruhe in Europa sei. Kein vernünftiger Mensch wird diese Erklärung bezweifeln. Es geht nur darum, herauszubekommen, wo die unanständigen Menschen zu finden sind, die jeder Friedenssehnsucht bar und darum für die Unruhe in Europa (und anderswo) verantwortlich sind. * Die schweizerische deutsche, christliche „Nationalzeitung"' (Basel) schreibt in ihrer Weihnachtsbetrachtung 1937: „Das nationalsozialistische Deutschland will den Krieg, genau so zäh verbissen wie das kaiserliche. Es will wieder hereinholen, was das kaiserliche Deutschland in seinem leichtsinnig eröffneten Krieg verlor. Aber es will sich darauf nicht" nur wirtschaften und kriegstechhisch vorbereiten, für dieses „arische Heldentum" ist. Krieg religiöse Pflicht. Und so schafft es zuvor eine eigentliche Kriegsreligion. Das ist von großer und,weiter Sicht geschehen. Wenn man das Christentum jeder Form vernichten will! muß. »an zuvor wurde. Außerdem handelt es sich nicht nur um Unduldsamkeit gegenüber Juden, sondern auch gegenüber religiösen Ueberzeugungen überhaupt. Auch Katholiken und Protestanten leiden unter Vorurteüen, von denen wir annahmen, das 19. Jahrhundert habe die Welt von ihnen befreit." * Der alte Lansbury, dessen edles, reines Wollen unbestritten ist, muß von Churchül den berechtigten Vorwurf hinnehmen, daß er über die Judenfrage verständnislos, ja herzlos spricht. Churchül geht fehl, wenn er die Verirrung Lansburys einer rosaroten Brüle zuschreibt. Nicht durch die rosarote; sondern durch die marxistische Brille gesehen, präsentieren sich die Dinge, wie Lansbury sie sieht. Alles, auch die Judenfrage, als ein Produkt rein wirtschaftlicher, materieller Entwicklung betrachten, Begriffe wie Menschlichkeit und Menschenwürde außer Kalkül setzen, nicht mehr fühlende, leidende Wesen, sondern nur Ziffern und Zahnräder sehen, ist gutes, altes marxistisches Rezept. Aber der alte Lansbury ist nicht ganz Marxs.chüler, er ist auch Philanthrop. Also bemüht er sich, Marxismus und Phüanthröpie zu mischen und .gerät damit in grandiosen Unsinn. Die reichen Juden' sollen helfen! Ein „Arbeiterführer", der an die Heükraft des kapitalistischen Almosens glaubt. Eine jener vielen Grotesken, die entstehen, wenn man die Judenfrage von der Oberfläche her angeht. Da§ rumänische Parlament ohne Juden Aus B u ka r e s t: Zum erstenmal in der Geschichte des rumänischen Parlamentarismus hat eine Regierungspartei, diesmal die liberale, die zur Erlangung der Prämienmandate erforderlichen 40 Prozent aller abgegebenen Stimmen nicht auf ihre Listen zu vereinigen vermocht. Die bisherige liberale Regierungspartei, die von den 2,700.000 abgegebenen Stimmen nur 971.000 (37,5 Prozent) äuf sich vereinigen konnte, wird gemäß der Verfassimg nicht in der Lage sein, selbständig die Regierung weiterzuführen, sie wird auf eine Koalition mit anderen Parteien angewiesen sein. Von der Gestaltung einer solchen Koalition hängt die politische Linie der künftigen Regierung und also auch ihre Politik gegenüber der j ü d ischen Minderheit a.b. Auf die Liste der Jüdischen Reichspartei, die bei den Wahlen mit allerlei widrigen Umständen zu kämpfen hatte, sind im ganzen 34.849 Stimmen, das sind 1,31 Prozent der Gesamtstimmen, abgegeben worden. Obwohl diese Stimmenzahl zu der Erlangung einiger Mandate ausgereicht hätte, geht die Jüdische Reichspartei leer aus. da sie nicht die vorgeschriebenen zwei Prozent der Gesamtstimmen erreicht hat. Ueberrascht hat die hohe Ziffer der auf den Listen der Codreanu-Partei „Alles fürs Vaterland" (Eiserne <3arde) abgegebenen Stimmen: 430.000, das sind 16,1 Prozent der Gesamtstimmen. Für die Christlich-Nationale Partei Coga-Cuza wurden 260.000 (9,7 Prozent) Stimmen •abgegeben.; Man rechnet mit etwa 6 5 Sitzen der Eiser.nen Garde und über 35 Sitzen der Cuza- Partei im neuen Parlament, wozu noch die Sitze der Vaida-Voevod-Partei, der Jorga-Partei und der Deutschen den Judenhaß züchten. Ist dieser groß genug geworden, so kann man das Alte Testament verbieten. Damit fällt auch das Neue. Christus ist als Menschensohn der Sohn-der Jüdin. Aller Antisemitismus ist Vorgefecht zur Anfechtung des Christentums." v Was sägen unsere Herren Gewerbebündler dazu, die sich dagegen wehren, daß man ihren Antisemitismus mit dem nazistischen Rassismus auf eine Stufe ßtm hinzukommen, die alle drei ein technisches Wahlabkommen mit den Liberalen geschlossen hatten und die ebenfalls ein antisemitisches Programm haben. Die Parteien Codreanus und Cuzas, die über ungefähr ein Viertel der Sitze in dem neuen rumänischen Parlament verfügen, huldigen einem Programm, welches mit den Worten umschrieben werden kann: Ausmerzung der Juden. Wohl ist zu erwarten, daß die zukünftige Regierung, getreu den ausländischen Bündnissen Rumäniens, sich dem Einfluß eines Codreanu und eines Cuza, die sich offen zu Adolf Hitler und zu Mussolini bekennen, in der äußeren Politik widersetzen wird, dagegen ist aber zu befürchten, daß sie den anti jüdischen Forderungen dieser Gruppen — wie dies auch schon bisher der Fall gewesen ist — in einem gewissen Maße nachzugeben bestrebt sein wird. Im Parlament aber wird sich keine jüdische Stimme erheben können, um diesen Einflüssen auch nur ein moralisches Gegengewicht zu bieten. Eine fürchterliche Statistik Aus London wird berichtet: Im „Daily Herald" berichtet der englische Journalist A. L. Eastermaa über das Ergebnis seiner Reise durch Polen: »Vom Tode Marschall Pilsudskis im Mai 1935 an sind diepolnischenJuden einem Terror ausgeliefert, den man als den beängstigendsten in der Geschichte der Judenverfolgungen überhaupt bezeichnen könnte, Keine jüdische Minderheit in irgend einem Staate der Welt ist so eingeschüchtert und : verängstigt, wie jene Minderheit, die ich in Polen sah. Seit Mai 1935 wurden in Polen mehr als 15 Juden ermordet, Tausende von ihnen wurden verletzt und weitere Tausende auf Straßen und öffentlichen Plätzen geschlagen. (In die Anzahl der Ermordeten habe ich jene nicht miteingerechnet, die nach einer Verwundung, in den Krankenhäusern starben.) Der Materialschaden läßt sich in Ziffern überhaupt nicht ausdrücken, allein in vier Bezirken schätzt man ihn auf. ungefähr 200.000 Pfund." Druckerei der „Chwtfa" gesperrt Aus Lemberg wird berichtet: Die Druckerei der in polnischer Sprache erscheinenden jüdischen Zeitung „Obwila* ist behördlich versiegelt worden,,