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Die neue Welt · 1937-12-21 · Heft 711 (21.12.1937) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 711 (21.12.1937)
Date
1937-12-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Dienstag/ den 21« De*etnber 1937 _ ■ IF |||! ■wlM W ML II« Jahrgang Nr« 711 V« Ii« ©♦ Zeitung vom Verleger versendet „Journal cxp6di6 par rsditeur" 187 Titl. Universitätsbibliothek Wien, I. R E V U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Eine gebührende Antwort Bede des Rates der Stadt Wien Dr. Jakob Ehrlich In der Budgetdebatte der Wiener Bürgerschaft nahm Dr. Jakob Ehrlich, welcher viele Jahre hindurch die nationale Judenschaft im früheren Wiener Gemeinderate vertreten hatte und jetzt als jüdischer Vertreter in der Wiener Bürgerschaft verdienstvoll wirkt, die Gelegenheit wahr, um in einer großangelegten. Rede den auf Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen und wirtschaftlichen Leben gerichteten Bestrebungen entgegenzutreten. Insbesondere wußte er der auf Ausschaltung der Juden, besonders der jüdischen Gewerbetreibenden, gerichteten Tätigkeit des Vizebürgermeistefs Dr. W. Kresse, vornehm und doch rückhaltlos zu begegnen. Die Rede Dr. Ehrlichs, welchem der Dank der Judenschaft in vollstem Maße gebührt, ' wurde mit größter Aufmerksamkeit und achtungsvoll aufgenommen. Vorerst gab Dr. Ehrlich die Anregung, dem. Ermessen des .Magistrats im Interesse der sittlich-religiösen Erziehung in bezug auf Religionsgemeinschaften, religiöse Vereine und Schulen hei Be feiungen von der Mietauf wandsteu er einen weiteren Spielraum einzuräumen. Zur Besprechung der Personalpolitik übergehend, bedauerte der Redner, daßdie Zulassungvon Juden .in den Ge m e in d etd i ens t nicht „ erfolge. Unter 22.611 aktiven Angestellten und 13.608 Pensionisten befinden sich nach den dem Redner, zuteil gewordenen Informationen 54 Juden. (Zwischenruf: \,Wieviel1 Konfesr. .. .. *\ .. , - ji . .. » j - , , „ slonslose?) Rat Ehrlich: Die' Konfessionslosen sind bereits aus den Diensten1 der Gemeinde-Wien entlassen worden, und ich weine ihnen keine Träne nach.'Der Anteil der Juden an den Dienstnehmern der Stadt Wien beträgt ungefähr ein Viertelprozent. Man wird zugeben müssen, daß dieses Verhältnis' weder Unserer Zahl noch der Steuerleistuhg, noch unserem Anteil an den sonstigen öffentlichen Lasten entspricht. Unter den. 4765 städtischen Lehrper'son e n befinden sich nur zehn Juden. Vor einem-Jahr wurden an den-Sohulen Parallelklassen eingerichtet. Es gibt also jüdische Parallelklassen, jüdische. Lehrer wurden nicht angestellt. , Als besonders traurig bezeichnet er das Los der' 3 ü di's c h en J u n g ä r z t e: -'An den Fondsspitälern ist diesen-jüdischen 'Jungärzten längst die Möglichkeit ihrer, fachlichen Ausbildung vollständig genommen. Seit dem Jahre 1934.ist im städtischen Lainzer Spital mit' einer Ausnahme kein einziger jüdischer' Arzt, pilfsarzt' oder Aspirant ernannt worden; die städtischen Anstalten werden künftighin keinen einzigen Ispiranten aufweisen. Das gleiche gilt für die Kinderspitäler. Ich richte an den Herrn- Bürgermeister die Bitte, > wenn er für die Jugend etwas tut, möchte er dafür sorgen, daß auch in'das trostlose Dunkel der jüdischen Jugend, etwas Licht hineinfalle.- Die jüdische Bevölkerung von Wien und' Oesterreich liat sich in loyal er Weise in die neue Ordnung eingegliedert, ohne besondere politische Aspiration,,ohne,'den Wunsch., irgendeine führende Stellung; einnehmen zu wollen. Was wir aber haben müssen, ist etwas. Lebensräum für uns und unsere Kinder, Herr Vize-; i . i . Bürgermeister Dr. Kresse hat eine Agitation - unterder. Devise begonnen: „Christen, kauft bei' Christen!" Ob es nun heißt „Christen, kauft nur. bei¬ Christen", oder ob das. Wörtchen ,',n ur" weggelassen wird,, die jüdischen Gewerbetreibenden erblicken in dieser Parole und in ihrer Auswirkung den Boykott der jüdischen Gewerbetreibenden. 'Dazu kam dann noch eine Ueberschwemmung von ganz Wien mit Streuzetteln. Muß darin nicht der jüdische Gewerbetreibende eine schwere Schädigung seiner Interessen-erblicken?■ Herr Vizebürger-; meister Dr. Kresse hat in der Ausstellung im 9. Bezirk erklärt^ daß die Gewerbetreibenden -— und hier meinte er die, die durch ihn vertreten sind — wissen, was sie dem'Vaterland schuldig sind. Ich bestreite das nicht, aber ich habe den Wunsch, festzustellen, daß a uch die }ü.di.sche.n, Gewerbetreibenden wissen, was sie dem Vaterland schuldig sin d. Der Herr Vizebürgermeister bekämpft unlauteren Wettbewerb und Schmutzkonzurrenz. Nun, wenn jemand unter uns eine TJebeltat begeht, wird sie auf unserem S c h u 1 d k o n to genau registriert; Aber unsere gemeinnützigen Leistungen,, BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatUcü S 1.40, vierteljährig 8 4.—, ganzjährig ö 16.—: Polen monatlich Zloty 1.50. vierteljährig Zloty 4.50: Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Ko 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.-. vierteljährig Dinar 40.—; Bnnilnlen monatlich Lei 60.—, vierteljahrig Lei 150.—: Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—: Bulgarien monatlich Lewa 30.—. vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—3 Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B beaeichnete Anzeigen Bind entgeltlich, Redaktion u.VenbaUuns: IX,Universitätsstr.8,7et. A-20-2-78 - Erscheint Diensta? u. Freitag Die Gefangenen von Akko Wieder einmal wurde Kolonienminister Ormsby-Gore im Unterhaus um Auskünfte über die Lage in Palästina und die aktuellen Geschehnisse bestürmt und wieder einmal vermochte er den kritischen Anfragen nicht standzuhalten. Colonel Wedgwood, der Kenner und Freund des zionistischen Aufbauwerkes, verlangte Auskunft über die zahlleichen Verhaftungen jugendlicher Zionisten, die nach Akko gebracht wurden; andere Abgeordnete wollten wissen, ob die englischen Streitkräfte für die Bekämpfung des Terrors ausreichen, und ließen erkennen, daß sie die Forderungen des Jischuws nach genügendem jüdischem Selbstschutz berechtigt finden. lieber die Sitzung und Debatte in London meldet dieJ.T.A.: Im Unterhaus fragte am 17. Dezember Abg. Colone! Wedgood den Kolonienminister, warum die Revisionisten mehr als andere Juden für schuldig gehalten ' werden, Vergeltungsakte in Palästina zu begehen. .Minister Ormsby-Gore: „Mir ist nicht bekannt, daß eine solche allgemeine Erklärung jemals abgegeben wurde. Meine. Antwort auf die Anfrage am 8.. Dezember bezog sich auf ganz bestimmte einzelne Juden,- von denen einige"Revisionisten'zu sein" schienen; sie bezog sich jedoch nicht auf die Partei als ganze." Wedgwood: „Ist es klar, daß die Inhaftierung dieser Juden, über neunzig an der Zahl, nicht ein Vergeltungsakt dafür ist, daß sie Kritik an der Untätigkeit der Administration haben?" geübt haben?" Ormsby-Gore: „Das ist absolut Idar. Diese Personen sind nicht verurteilt worden. Sie befinden sich in P r ä v e n t i v h a f t, weil die Polizei befürchtet, daß gewisse .'Einzelpersonen den Gedanken von Vergeltungsakten ermutigen." . " Wedgwood: „Dauern diese Ausschreitungen .noch an, obwohl die Leute im Gefängnis sind? Können diese . jetzt nicht .freigelassen, werden?" Ormsby-Gore: „Es, ist absolut wichtig, daß; die " Polizei; .wofern sie Grund hat anzunehmen,. daß die Gefahr von - Gewalttaten oder die Ermutigung zu solchen besteht, befugt sei, angesichts der allgemeinen Lage in Palästina Präventivhaft zu verhängen." - > . Wedgwood fragte den Kolonienminister ferner, ob es in Palästina in der vergangenen Woche zu weiteren Ausschreitungen gekommen sei und ob der Minister hiezu. eine Erklärimg abzugeben habe. 1 Ormsby-Gore: „In der vergangenen Woche haben sich tatsächlich weitere Ausschreitungen ereignet, denen' wieder Menschenleben zum Opfer gefallen sind. Ich: glaube nicht, daß es von Nutzen wäre, wenn ich jetzt eine allgemeine Erklärung abgeben würde." Wedgwood: „13t dem Minister bekannt, daß die Ausschreitungen der vergangenen Woche besonders schwere:waren; ist hiefür das Militär verantwortlich oder der Zivildienst?4' Ormsby-Gore: „Ich glaube nicht, daß es zweckmäßig. wäre, hierin einen Unterschied zwischen den Militär- und den Zivilbehördenzu machen. Ein führender arabischer Notabel in Haifa wurde von arabischen. Extremisten ermordet. Der Terror spielt sich in einem großen Maße zwischen Arabern untereinander ab."■•' Sir Percy Harris: „Ist der Minister überunsere" Leistungen auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Kultur, der Literatur, des Handels, der Industrie und des Gewerbes, die verschwinden auf dem Konto derAIgemeinheit. Deswegen bitte ich Sie, daß Sie von P a u s c h a 1b esc hu Idigungen absehen mögen." Dr. Ehrlich nahm schließlich die Gelegenheit wahr, um auf die schädlichen Auswirkungen der jiidenfeindlichen Propaganda auf den Fremdenverkehr, insbesondere auf dem Gebiete der alpinen Touristiki zu verweisen und warnte vor weiteren Provokationen durch antisemitische Funktionäre der Alpenvereine. zeugt, daß die Polizei stark genug ist, um der Situation Herr zu werden? Erwägt der Minister, falls dies nicht der Fall ist, die Zahl der Polizisten zu vergrößern? Ist die Polizei tatsächlich am meisten befähigt, mit dem Problem der Sicherheit fertigzuwerden?" Ormsby-Gore: „Wir haben die Polizeikräfte ständig vergrößert. In den letzten Monaten wurde eine große Zahl Polizisten nach Palästina entsandt. Sie besitzen selbstverständlich eine gewisse Kenntnis des Landes. Angesichts der großen Ausdehnung der Unruhen im Lande ist ihre Aufgabe natürlich eine sehr schwere." * Die weitere Debatte bezog sich auf die Summe von 60.000 Pf. St., welche die Palästina-Regierung zum Budget der Stadt Tel-Aviv beigetragen habe. Die letzten Ereignisse Neue jüdische Opfer Aus Jerusalem wird gemeldet: In der Nacht zum Dienstag, 14. Dezember, ist der 24jährige jüdische Hilfspolizist Chaim Berger in Tiberias von arabischen Terroristen ermordet worden. Berger befand sich zusammen mit dem jüdischen Hilfspolizisten Rosin auf einem Patrouillengang, als in der Nähe des Hauses des Bürgermeisters von Tiberias der Ueberfall erfolgte. Er wurde von sechs Kugeln getroffen und starb bald nach der Einlieferung ins Krankenhaus. Rosin, der leicht, verwundet wurde, vermochte noch, aus seinem Dienstrevolver zwei Schüsse auf die Attentäter abzugeben. Er entging nur dadurch dem sicheren Tode, daß er sich zu Boden warf und totstellte. Die Araber raubten die Waffen der Hilfspolizisten und verschwanden. Der ermordete Berger war vor drei Jahren illegal aus Ungarn nach Palästina gekommen und hatte erst vor 14 Tagen vom Einwanderungsdepartment die Aufenthaltsbewilligung erhalten. Der 37jährige Eliahu G i 1 a d i, Mitglied der Kwuzah „R a m a t Rachel" bei Jerusalem, wurde , auf dem Wege zur Jerusalemer Vorstadt Arnona von arabischen Terroristen durch Schüsse schwer verletzt. * Die vier lebensgefährlich verletzten Passagiere des Autobusses, auf den zwischen Nazareth und Nahalal von einer Terrorbande ein Feuerüberfall verübt worden war, sind der 29jährige David S c h a p i r 0, der gleichfalls 29jährige Aaron Globerson, der 15jährige Gerschon Landshut und der 16jährige Arje Beer. Boykott gegen HitlervDeutschland Aus New York: Der' „Joint Boycott Council" (die vereinigten Boykott-Komitees des American Jewish Congress und des Jewish Labour Committee) veranstaltete Ende November in den Vereinigten Staaten eine Anti-Nazi-Woche. Diese Anti-Nazi-Woche begann mit einem Appell an die jüdische Jugend Amerikas, ihre Anstrengungen mit denen des Joint Boycott Council zu vereinigen, um in der Durchführung dieses u nblutigen Krieges, den der Boykott Nazi-DeUtsch« lands darstelle, der jüdischen Jugend der anderen Länder ein Beispiel zu geben und so ihren Teil beizutragen zu dem Kampf, der eines Tages auf' die Führerschaft der Jugend angewiesen sein wird. Eine große Jugend-Versammlung fand in der Washington-Irving High School in New York statt. Dr. Josef Tenenbaum, der Vorsitzende des Joint Boycott Council, evklärte in seiner Ansprache, daß diese Anti-Nazi-Woche sowohl eine Antwort auf die Angriffe darstelle, die der letzte Nürnberger Parteitag gegen die Juden und die Arbeiter gerichtet hätte, als auch einen Protest gegen die unamerikanische Tätigkeit der Nazigruppe in Amerika. Die Anti-Nazi-Woche wurde unter dem Schlagwort „für Menschlichkeit, für Weltfrieden — boykottiert Nazi-Deutschland" geführt. Inr.orhalb der Anti-Nazi-Woche fand auch eine Versammlung der Frauensektion unter dem Vorsitz von Mrs. Stephen S. Wise, der Präsidentin der Frauensektion des American Jewish Congress, statt.

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