Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 709 (14.12.1937)
- Date
- 1937-12-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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PfCtiS 10 GfOSCh611 Dienstag/ den 14« Dezember 1937 11« Jahrgang Nr» 709 V« b« fe* Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par rediteur" RE^-m _ _ - BEZUGSBEDINGUNGEN 1 Oesterreich monatlich S 1.40. vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50. AM Hfl vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel« flfl Hfl jährig Dinar 40.—; Bnmänien monatlich Lei 60.—, vierteljährig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark L—, vierteljährig ■I fl fl Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Wm W^^p Ha Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50» vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mlt B beaeicjjnet^ ^nzeigen B i n d entgeltlich. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion it. Verwaltung: IX, Universitäfsstr. 8, lel. A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u. Freita* Stürmische Palästina-Debatte im Unterhaus In einer zum Teil sehr stürmischen Parlamentsdebatte hatte sich der englische Kolonienminister Ormsby- Gore gegen Angriffe auf seine Palästina-Politik zur Wehr zu setzen. Die Debatte gibt Gelegenheit zu folgenden wichtigen Feststellungen: 1. Die von selten der Zionistischen Exekutive verbreitete Anschauung, daß die Teilung Palästinas unvermeidlich sei, und die mit der Prüfung der Teilung betraute Kommission demnächst ihre Arbeit beginnen werde, erweist sich als unrichtig. Weder die Zeit der Abreise der Kommission noch ihre Zusammensetzung sind auch nur annähernd bestimmt. 2. Alle Parteien des Parlaments sind gegen die Palästina-Politik Ormsby-Gores. Nicht ein einziger Abgeordneter hat für ihn das Wort ergriffen. 3. Ormsby-Gore ist nicht gewillt, die Beamtenschaft der Palästina-Regierung von illoyalen Elementen zu säubern. Er hält zu den arabischen und gewissen englischen Richtern und Verwaltungsbeamten, welche offene Gegner des jüdischen Aufbauwerkes und der Balfour-Deklaration sind und zumindest moralisch mit den Terroristen kooperieren. Es ist daher leider damit zu rechnen, daß der Wiederherstellung friedlicher Zustände im Lande noch große Hindernisse im Wege stehen. 4. Erfreulich ist, daß sowohl Konservative als auch Arbeiterparteiler und Liberale in der Verurteilung dieses Zustandes einig sind. Note, die verpflichten Es ist klar, daß die mit ihren täglichen Sorgen beschäftigten Menschen nicht den Hang verspüren, Untersuchungen über den Ablauf des jüdischen Lebens anzustellen. Sie fühlen sich verwirrt, stehen den sie bedrohenden Gefahren ohne Mittel der Gegenwehr gegenüber, und plötzlich erkennen sie, daß sie einsam sind, und verlangen nach Rat und Hilfe. Sie. halten Ausschau. Sie klammern sich an ein Wort, das ihnen entweder Trost oder Angst einflößt. Sie fragen: Was soll dieses Ereignis für mich bedeuten? Sie stellen Vergleiche mit dem Schicksal der Juden anderer Länder an. Aber immer wünschen sie praktische Winke, keine Philosophie. Wer sich ein wenig bei uns in Oesterreich umsieht, dem wird diese Besorgnis berechtigt erscheinen. Die offene und unterirdische Propaganda antijüdischen Charakters wird jedem fühlbar, mag er auch noch nicht an der Wurzel seiner Existenz getroffen sein, und daß von Personen, die verantwortliche Stellen bekleiden, diese Haltung wenn schon nicht gebilligt, so doch geduldet wird, macht die Sache nur schwieriger. Die jüdische Nervosität kann man nicht mit dem Hinweis beseitigen,; daß ja . an der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung nieht gerüttelt sei, wenn einzelne Personen und Gruppen das jüdische Element aus dem ganzen Bereich des wirtschaftlichen und sozialen Lebens eliminieren wollen. Morgens, mittags und abends stürzen sich die Juden auf die Presse, um aus ihr zu erfahren, was Neues gegen sie geplant oder bereits im Gang ist, wer schon wieder eine neue Untugend an ihnen entdeckt hat und sie mit drastischen Maßnahmen beseitigen will. Die Folge solcher Stimmung? Eine innere Verbitterung, die desto größer wird, je geringer die Möglichkeit ist, sich mit den Mitteln der Wahrheit zur Wehr, zu setzen. Und man fühlt sich auoh dort „rein , jüdisch" getroffen, wo a 11 e Staatsbürger Oesterreichs in gleicher Weise gemeint sind. In ihren Nöten vergessen viele Juden, daß Oesterreich sich in einem Umformungsprozeß befindet, der noch nicht abgeschlossen ist und den man mit Ruhe, und Geduld ablaufen lassen muß. Das ewige Zurückgedrängtwerden bringt es mit sich, daß man jede sich aus dem Fluß der Dinge ergebende Störung als Attacke gegen sich allein. betrachtet. Die Empfindung: „Ich bin es, den man schädigen wül", ist ein natürlicher Reflex der Erlebnisse im Verlauf der jüdischen Geschichte. Der jüdische Staatsbürger Oesterreichs wird mit der Zähigkeit, die man am Juden — meistens in übelwollendem Ton — rühmt, die ihm zustehenden Rechte 5!U.wahren, die ihm auferlegten Pflichten zu üben wissen. Aber er wird im wohlverstandenen Interesse der Gesamtheit einer gesunden Entwicklung entgegenkommen, auch wenn hiebei jüdischerseits Opfer gebracht werden müssen. Die Verpflichtung für das Ganze lehrt ihn, seine spezifischen Nöte nicht zu ungunstiger Zeit in den Vordergrund zu rücken, sondern 2fU warten, bis die Umstände es erlauben. Gerade dieses Verhalten ist ein Zeichen dafür, daß er an den'guten Willen der Staatsführung glauben und die gegenwärtigen Angriffe nur als. betrübende Begleiterscheinung eines noch nicht abgeschlossenen Prozesses ansehen will. Oesterreich wandelt sich. Die Umbildung der Verfassung ist im Werden, bringt Veränderungen in der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Struktur mit sich. Dem . muß Rechnung getragen werden. Wir wollen hoffen, daß durch diese notwendigen Veränderungen der jüdische Daseinsbereich nicht verengt, unsere Ehre und Würde nicht bedroht wird. o. r. Verband der JudenstaatiztonUten Oesterreich! M Mittwoch, den 15. Dezember lp37, halb 9 Uhr abends, Wm im Verbandsheim, IT, Praterstraße 30 ■ VORTRAG I HCJ?6l*6Qt« Oberbaurat Robert STRICKER H Vizepräsident der Israel. Kultusgemeinde H Thema: Arbeit und Verhältnisse in der H Wiener Judengemeindo Gäsie w.illkommetil ■ Aus London: In der Unterhausdebatte am 8. Dezember fragte der Abgeordnete der Labour Party David Adams den Kolonienminister, ob er in der Lage sei, eine ins einzelne gehende Erklärung über die Lage in Palästina abzugeben und ob die Terrorakte jetzt wirksam bekämpft werden. Mmister Ormsby-Gore erwiderte: Seit meiner letzten Erklärung am 24. November haben sich weitere Ausschreitungen ereignet, die, ebenso wie die früheren, Menschenopfer gefordert haben. Mehrere Fälle wurden bereits vor dem M einem dieser Fälle wurde Todesstrafe verhängt und vollzogen. Ich bin .Uberzeugt, daß alle nötigen Schritte unternommen werden, um den Terror in Palästina wirksam zu bekämpfen. Auf die Frage des Kommunisten Gallacher, ob die Unruhen in Palästina nicht auf das Versagen der englischen Regierung in der Ausübung des Mandats zurückzuführen seien, wurde keine Antwort erteilt. Auf eine Frage des Abg. Geoffrey Mander, mit welchen Staaten man hinsichtlich der Zukunft Palästinas Beratungen abzuhalten gedenke, verwies Außenminister Eden auf die von ihm am 29. November gemachte Erklärung. (Anm. der Red.: Die von uns bereits gebrachte Erklärung besagte, daß England ausschließlich dem Völkerbund für Palästina verantwortlich sei und keiner fremden Macht.) Auf die Frage des Abg. Mander an den Kolonienminister, ob die Einsetzung eines aus Mitgledern beider Häuser zusammengesetzten Komitees geplant sei, das sich mit Plänen betreffend die Zukunft Palästinas zu befassen hätte, erwiderte Ormsby- Gore, er habe der von ihm am 21. Oktober hierzu abgegebenen Erklärung nichts hinzuzufügen. Abg. Mander: Ist es möglich, daß schon in naher Zukunft eine Verfügung hierüber getroffen werden wird? Ormsby-Gore: Die Angelegenheit wird erst in einem viel späteren Stadium geprüft werden. Abg. Tom Williams: Kann der Minister sagen, für wann die Entsendung der neuen Unter-, suchungskommission nach Palästina geplant ist? Ormsby-Gore: Jetzt nicht! Abg. Wedgwood: Ist der Minister nicht der in dem Bericht der Kgl. Kommission ausgesprochenen Ansicht, daß, je größer! die Einwanderung in ein Land ist, desto größer die Prosperity in diesem Lande? Ormsby-Gore: Ich bin nicht dieser Ansicht. Abg. Wedgwood fragte den Kolonienminister, ob er die Namen und die Aemter jener 137 Beamten desJustizdeparteraents und anderer Abteilungen der Palästina-Regierung angeben wolle, die am 80. Juni 1936 ein Memorandum an die Palästina-Regierung sandten, in welchem sie deren Politik verurteilen, und ob er — in Anbetracht der vom Vorsitzenden der Mandatskommission des Völkerbundes hierüber zum Ausdruck gebrachten Ansicht — mitteilen wolle, was er in bezug auf die betreffenden Beamten zu unternahmen gedenke. IHHHBBHnnnaKManii Ormsby-Gore: Ich sehe keinen Nutzen darin, im Sinne des von dem Interpellanten gemachten Vorschlages Schritte zu unternehmen, und bin auch nicht bereit, es zu tun. Abg. Wedgwood: Heißt das, daß im Zusammenhang mit der illoyalen Handlung der erwähnten Beamten des Zivildienstes nichts unternommen wird, bzw. werden wird? Ist der neue High Commissioner angewiesen worden, illoyale Elemente aus dem Zivildienst auszuschalten? Ormsby-Gore: Es ziemt sich nicht für mich, auf eine in so unpassender Form gestellteFrage zu erwidern. Bei diesen Worten des Kolonienministers erhebt sich in den Bänken der Opposition ein Protest« stürm. Die weiteren Worte des Ministers, der u. a. ausruft: „Ich . protestiere...", gehen in dem Tumult, der immer von neuem in den Bänken der Opposition ausbricht, unter. Abg. Wedgwood wendet sich nun an den Speaker: Ich möchte wissen, ob es sich für einen Minister ziemt, ein Mitglied des Hauses, das an ihn eine Frage stellt, zu beleidigen. Speaker: Ich glaube, unrichtig gehandelt zu haben, indem ich die Zusatzfrage des Abgeordneten Wedgwood zugelassen haben. Abg. Tora Williams: Hat der Minister Kenntnis von irgend welchen illoyalen Handlungen seitens der Beamten des Zivildienstes? Ormsby-Gore: Nein. Ich persönlich bin völlig überzeugt, daß der unter äußerst schwierigen Bedingungen arbeitende Zivildienst in Palästina die Politik der Regierung höchst loyal ausführt. Abg. Tom Williams: Hat der Kolonienminister Kenntnis davon, daß die Stadtverwaltung von Tel-Aviv zur Deckung der Kosten des Erziehungs¬ und Gesundheitswesens für die Einwohner des jüdischen Viertels von Jaffa 15.000 Pfund ausgegeben hat — diese Einwohner führen ihre Steuern nicht an die Tel-Aviver Stadtverwaltung ab — und wird bei der nächstmöglichen Gelegenheit eine Untersuchung hierüber durchgeführt werden, um das Unrecht gutzumachen, das darin besteht, daß die öffentlichen Lasten für diese Stadtviertel der Stadtverwaltung von Tel-Aviv aufgebürdet werden, während das Viertel der Jurisdiktion der Stadtverwaltung von Jaffa untersteht? Ormsby-Gore: Ich habe keine Information über diese Angelegenheit, werde diese jedoch einholen. Sir Walter Smilos (konservativ) fragte den Kolonienminister, was für eine Pension f,ür die Witwe und die Kinder des ermordeten Distriktskommissars Andrews ausgesetzt wurde. In einer schriftlichen Erwiderung teilte Ormsby-Gore mit: Der Witwe von Andrews wurde eine Sonderpensiou von 3S0 Pfund jährlich und jedem seiner Kinder bis zum erreichten 18. Lebensjahr eine Pension von 60 Pfund jährlich zuerkannt. Außerdem erhält die Witwe eine einmalige Summe von 1400 Pfund; die Kinder erhalten kleiner* Beträge.