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Die neue Welt · 1937-12-07 · Heft 707 (7.12.1937) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 707 (7.12.1937)
Date
1937-12-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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187 TItl. Universitätsbibliothek Preis 10 Groschen Dienstag/ den 7« Dezember 1937 II« Jahrgang Nr« 707 V« fa« b* Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par rediteur" R E V U HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.60, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel* Jährig Dinar 40.—; 'Eumänicn monatlich Lei 50.—, vierteljährig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Balgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lira 14.—j Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete.Anzeigen sind entgeltlioh. Redaktion u. Verwaltung: lX,Universiiä*sstr.8,7el.A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. FreitetQ Das Buch des Kanzlers Es ist eines der schwersten Dinge für den Menschen, Rechenschaft abzulegen für. sich, für sein Wirken in der Geschichte. Mißdeutungen aller Art verzerren die besten Absichten, und Mißgunst läßt das Schönste widrig erscheinen. Gerade in einem Zeitpunkt, da der mitteleuropäische Raum ins Blickfeld der „höhen" Politik gerückt ist, erscheint die Verantwortung um das Schicksal Oesterreichs am schwersten, Und wenn ein Mann wie Kurt v.Schusch. n i g g, der österreichische, Bundeskanzler, aufzeigt, wie Oesterreich morphologisch gestaltet ist, und welche Aufgaben diesem Lande im Rahmen des Europäertums zufallen, dann sind damit die Richtlinien gegeben, nach denen: man Oesterreich zu beurteilen hat. „Dreimal Oesterreich" nennt der österreichische Kanzler seine' Schrift. Historisch bedeutet der Titel das Oesterreich der Habsburger, das Oesterreich der sozialistischen Umgestaltung vom Jahre 1918, das Oesterreich des erwachten Traditionsbewußtseins, das vom Kanzler Seipel vorgeahnt, vom Kanzler Döllfuß eingeleitet, vom' Kanzler Schuschnigg geformt' wurde. Psychologisch bedeutet der Titel, den Triumph des österreichischen Gedankens in seinem -ganzen Umfang; propagandistisch —. wenn die Schrift auch s oTc h e m Zweck dienen sollte -— den Willen,' dem äla richtig erkannten*'Weg und Ziel treu zu bleiben, allen Anfeindungen und allen Verleumdungen' der Besserwisser und Maulwurfspolitiker zum/Trotz. ■> In der Schrift des Kanzlers Schuschnigg ist die, Leidensgeschichte Oesterreichs von 1914 bis 1934 ein-, geschlossen. Die Kräfte, die versuchten, die habsburgk sehe Monarchie zu untergraben und einem, wenn auch nicht' für die Ewigkeit bestimmten, so doch in seiner Ausstrahlung ehrwürdigen Gebilde ein Ende zu. machen, erhalten im welthistorischen Aspekt eine schärfere Beurteüung, als ihnen vielleicht seitens gewisser politischer' Gruppen zuteil wurde. Ueberaus sachlich, zurückhaltend, ja oftmit einer geradezu übertriebenen Fairness, geht ' Schuschnigg an das Kapitel der sozialen U m g. 1 i e d e r u n g Oester-, reichs, die bei Kriegsschluß begonnen wurde und im Februar 1934 ihren tragischen. Abschluß fand. Es wird gezeigt, wie das Beginnen, den. altösterreichischen, konservativ-bürgerlichen, christlichen Geist zu ver-, drängen oder gar zu vertreiben, zu den Niederlagen der Sozialdemokratie führte, bis schließlich, die falsche Einschätzung. der Kräfteverhältnisse die Katastrophe brachte, gleichzeitig aber den Weg für die sogenannte vaterländische Bewegung freimachte. Diesem „zweiten." Oesterreich folgte, nach den Richtlinien von S'eipe'l. und.Dollfuß (dessen Märtyrertod zu den erschütterndsten Teilen des Schuschnigg-Buches gehört) das Oesterreich der heimatlichen Besinnung, der Kampf gegen das österreichische Hakenkreuzlertum, das vor keiner Infamie zurückschreckte, und schließlich die. Schaffung der Grundlagen der ständischen ■Verfassung des Bundesstaates Oesterreich, des dritten Oesterreich. Gerade an den historisch.bedeutungsvollsten Abschnitten und Ausblicken distanziert sich der Autor völlig vom Geschehen. Seine Objektivität läßt aktuell gesehene, dem Augenblick dienende Urteile nicht zu. Mit seltener Delikatesse behandelt Kanzler Schuschnigg seine eigene Tätigkeit für den Neuaufbau Oester-, reichs, der. gemäß seiner Schrift viel früher begann, als es dem Außenstehenden merkbar wurde. Schuschniggs Einsicht in die österreichischen Dinge und ihren Zu-, sammenhang mit den politischen Bewegungen der Umwelt/brachte es mit sich, daß gewisse Umformungen und Lösungen ohne größere Erschütterung des Landes durchgeführt wurden und daß das moralische Prestige Oesterreichs in keiner Phase seiner Umgestaltung gelitten hat. ' Neben den phrasenreichen, auftrumpferischen, hochgeschraubten Ausführungen anderer Staatsmänner, die fast nur der Selbstspiegelung wegen ihre Kampfbücher schreiben, erscheint Schuschniggs Bekenntnisbuch „Preimal Oesterreich" als Dokument eines sensiblen,' wahrheitsuchenden, fanatisch kämpferischen Geistes höchster Kultur, N o >b 1 e s s e — das Robert Stricker: Völkerbund-Krise — Palästina-Krise Keine Nachricht war geeignet, die Welt in größeres Erstaunen zu versetzen, als die von der Erklärung der englischen Regierung, daß sie sich außerstande fühle, das ihr vom Völkerbund zuerkannte Mandat über Palästina weiterzuführen. Eine Großmacht — die größte aller Großmächte — bekennt sich als unfähig und zu schwach, die Verwaltung.eines Landes weiter zu besorgen, das an Umfang und Einwohnerzahl kaum zwei Tausendstel des Bereiches ausmacht, in welchem diese Großmacht seit niehr als zweihundert Jahren mit unvergleichlicher Stärke und Gewandtheit regiert. Sie erklärt sich ohnmächtig gegenüber einer Gruppe revoltierender Araber, die an Zahl und Stärke der Bewaffnung nicht an jene aufständischen asiatischen und afrikanischen Berg- und Waldstämme heranreicht, welche sonst ein Distriktskommissär im eigenen Wirkungskreis zu erledigen hat und auch erledigt. Ja, das Erstaunen über das Schwächebekenntnis des starken England*war^so,.groß, daß man darüber vergaß, den Gründen nachzugehen. Während sonst über verhältnismäßig wenig bedeutende Enunziationen wenig bedeutender Mächte die kompliziertesten Betrachtungen angestellt werden, wurde das große „Wunder" der Kapitulation des mächtigen Albion im Winzigen Palästina einfach hingenommen. Es verschlug allen die Rede. *■ Nun aber wird der Hintergrund des „Wunders" deutlich sichtbar. Augenblicklich haben in England sehr einflußreiche Kreise den Glauben an den Bestand des Völkerbundes, zumindest an den Bestand in der heutigen Form, verlor e n. Wenn aber der Völkerbund verschwindet, dann hangt das von ihm an England verliehene Palästina- Mandat in der Luft, wird zu einer herrenlosen Sache. England verliert damit den Rechtstitel für seine Stellung in Palästina und damit auch für seine Stellung im Vorderen Orient. Da muß vorgesorgt werden, rechtzeitig, bevor die Katastrophe über den Völkerbund hereinbricht. Nun ist in den oben erwähnten Kreisen der Plan entstanden, Palästina zu zerteilen, bevor es nominell herrenlos geworden, in kleine Teile, diese Teile ,;selbstähdig" zu machen, und mit diesen Zwergstaaten „Freundschaftsverträge" abzuschließen, die einen Dritten nichts angehen. S e I nständig machen und an die Kette legen! Daß damit das Jüdische Nationalheim preisgegeben wird und man sich damit dem jüdischen Vo 1 k e gegenüber des infamsten Wortbruches schuldig macht, verschlägt . in diesen Kreisen wenig. Sind das doch jene Politiker, die seit jeher gegen die jüdische Orientierung Englands in Palästina und für die arabische eingetreten sind. Es sind jerte Politiker, die jetzt auch eine Verständigung mit Hitler-Deutschland anstreben, eine Verständigung um jedenPreis, um den Preis Frankreichs, Mitteleuropas und selbstverständlich um den Preis der Juden. Es liegt bitterster Hohn darin, daß gerade von dieser Seite her der „Judenstaat" kommt. Um der Sache ein Gesicht zu geben, reißt man einen winzigen Fetzen aus Palästina heraus und gibt den Juden da« Recht, diesen Fetzen „Judenstaat" zu nennen und nach ein paar Jahren aus Palästina zu verschwinden. So ist aus der Völkerbund-Krise die schwere Palästina-Krise entstanden. Die Juden sind vor die Wahl gestellt: Sie können die Dinge als unaufhaltsam gelten und widerstandslos über sich ergehen lassen. Dies ist die Politik der heutigen zionistischen Leitung und der ihr angeschlossenen zionistischen und nichtzionistischen Kreise. Diese Politik ist hoffnungslos. Oder aber man wählt die Politik der Hoffnungsfreudigkeit, des Festhaltens am Mandat und am Versprechen Englands, den Juden ein Nationalheim, einen wirklichen Judenstaat bauen zu helfen. Diese Politik und nur diese Politik ist hoffnungsvoll. Trotz allen Schreiens der bereits zum Verzicht entschlossenen zionistischen Führer, daß die Preisgabe des Palästina-Mandats, die Preisgabe der Balfour-Deklaration und die Teilung Palästinas erledigte Sachen seien- und man einen Bettel nehmen müsse, weil man sonst gar nichts bekommt. Schon regen sich Kräfte in England gegen die Politik der Preisgabe des Völkerbundes und des Palästina-Mandats. Schon erheben sich Stimmen gegen die Preisgabe Palästinas und den Wortbruch gegenüber dem jüdischen Volke, für ein Festhalten an der Balfour-Deklaration: im wohlverstandenen Interesse Englands, das die Juden in Palästina braucht, wie die Juden England brauchen. An diese Kräfte und Stimmen muß die zionistische Politik gebunden werden. Der neue Oberkomiroissar für Palästina Aus London wird gemeldet: Der Gouverneur und Oberkommandierende von Tanganyika, Sir Harold Alfred MacMichael, ist als Nachfolger von Sir Artur Wauchope zum HighCommissioner für Palästina ernannt worden. Sir Harold ist 54 Jahre alt. 1905 trat er in den politischen Dienst im Sudan ein, wurde 1917 Untergouverneur der Provinz Darfur, 1919 stellvertretender Regierungssekretär und 1926 Regierungssekretär für den Sudan. Von 1926 bis 1934 bekleidete er wiederholt die Stelle eines Generalgouverneurs des Sudan. 1934 wurde er zum Gouverneur von Tanganyika ernannt. Er vertrat die britische Regierung bei der Tagung der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes i. J. 1935. Sir Harold gilt als Spezialist für Eingeborenenfragen, insbesondere für das arabische Problem, über das er eine Reihe von SpezialStudien veröffentlicht hat. Wie das Büro Reuter meldet, wird Sir Arthur Wauchope seinen Posten Ende Februar verlassen. Jerusalem wird von einer Dreier-Kommission ver- waltet werden Aus Jerusalem: Wie die J. T. A. erfährt, .beabsichtigt die Palästina-Regierung, die Stadtverwaltung von. Jerusalem auf zulösen. und an. deren Stelle eine Dreier-Kommission mit der Verwaltung der städtischen Angelegenheiten zu betrauen. ist daß'eine Element, Treue das andere Element der bedeutenden Schrift des österreichischen Bundes-, kanzlers. Mit. Genugtuung können die jüdischen Staatsbürger Oesterreichs feststellen, daß in der Schrift „Dreimal Oesterreich" die Kräfte, die den Staat regieren, ausschließlich 'als solche des deutschen, christlichen, spezifisch österreichischen Gedankenguts dargestellt sind. Politisch, kulturell, sozial wird Oesterreich vom traditionell beseelten Oesterreichertum geführt, und auf keinem Gebiet des öffentlichen Lebens gibt es etwas, das als Bedrängung oder Einschnürung der — „Bodenständigkeit" gedeutet werden könnte. In diesem Sinne ist die Schrift Dr. Schuschniggs die eindringlichste und aktuellste Widerlegung der allwöchentlichen Angriffe auf die österreichische Judenheit, von der der österreichische Antisemitismus immer wieder zu erzählen weiß, daß sie Wirtschaft, Kultur, Kunst usw. beherrscht und daß darum die Ausschaltung der Juden auf diesen Gebieten eine gerechte Notwehr sei. Von solch einem Zustand ist im Buche des österreichischen Bundeskanzlers keine Rede, kann keine Rede sein. Denn es beruht auf Tatsachen und nicht auf einem Material, das aus der Küche der Voreingenommenheit, des Uebelwollens und der Hetze stammt. o. r.

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