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Die neue Welt · 1937-11-30 · Heft 705 (30.11.1937) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 705 (30.11.1937)
Date
1937-11-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 705 vom 30. November 1937 OPTIKER KARL SEIDNER I, FraftS'Josofs-Kal 33 II, Holland straft« 7 Fachmännischer Rat i Reiche Auswahl / Beste Qualität / Preiswert lieber Vizebürgermeister Dr« Kres§e Der Umstand, daß es der Wiener Vizebürgermeister Dr. Kresse alle paar Wochen für notwendig findet, eine aufwühlende antisemitische Rede zu halten, findet im „Neuen Wiener Tagblatt" eine gerechte Würdigung. In vornehmer, aber gründlicher Art stellt das Blatt fest, daß hier eine krasse Verletzung der Amtspflichten eines Vizebürgermeisters vorliegt, ein Verstoß gegen die österreichische Verfassung und eine arge Schädigung des Ansehens Oesterreichs als Kulturstaat. Es schreibt unter dem Titel „Bedenkliche Agitationen" u. a. wie folgt: „Herr Dr. Kresse hält es mit seiner a m tliehen Stellung als Vizebürgermeister der Stadt Wien vereinbar, Agitationen mit seinem Namen zu stützen, die darauf abzielen, die Wiener Bevölkerung in gegensätzliche Heerlager zu spalten. Diesmal ist es eine für den kommenden Dienstag angesagte ,Werbeschau' der Ortsgruppe Aisergrund des Oesterreichischen Gewerbebundes, deren Eröffnung der Herr Vizebürgermeister persönlich vornehmen wird. Die Parole der Werbeschau .Christen, kauft bei Christen', ist selbstverständlich eine Ueberflüssigkeit. Es gibt keinen christlichen Käufer, der einen jüdischen Laden deswegen aufsuchen würde, weil der Geschäftsinhaber ein Jude ist — ein solches Uebermaß an Unvoreingenommenheit muß man selbst der liebenswürdigen Wiener Bevölkerung nicht zumuten. Jene Devise ist offenbar eine Tarnung, sie zielt darauf ab, die Bevölkerung in feindliche Gruppen zu spalten. Es ist zu hoffen, daß die Wiener Judenschaft genug einsichtig sein wird, um nicht etwa mit dem unsinnigen Gegenruf »Juden, kauft nnrbei Juden' zu antworten. Aber die Frage muß gestellt werden, ob es denn Sache eines Hauptes der Wiener Bürgerschaft sein kann, eine Bewegung zu fördern die solchen Zwiespalt in die Bevölkerung trägt, davon abgesehen, daß der jüdische Gewerbetreibende seine Steuerleistungen für Staat und Stadt gleich den andern Bürgern zu erbringen und darum wohl auch den Anspruch hat, nicht von hoher amtlicher Stelle in seiner Erwerbstätigkeit zielbewußt gestört zu werden." Herr Dr. Kre3se möge sich doch gelegentlich die Pflichten des ihm in den Schoß gefallenen hohen Amtes in Erinnerung rufen. Zu diesen Pflichten gehört wohl in erster Linie die Achtung vor der Bundesverfassung, die allen Staatsbürgern die Gleichberechtigung sichert. Eine künstliche Aufspaltung der Bundesbürger in feindliche Heerlager steht aber auch in Widerspruch zu dem Geiste der Verfassung. Gerade jetzt hat im Bundestag Prof. Dr. Adamovich in glänzenden Ausführungen dargetan, wie gefährlich es ist, wenn jede Berufsklasse und jede Volksgruppe die ihr offenstehenden politischen Möglichkeiten nur dazu ausnützen will, die eigenen Interessen durch zielbewußte Schädigung der andern fördern zu wollen; das Ende wäre ein Krieg aller gegen alle. Hiezu gesellt sich noch die Erwägung, daß Agitationen der gekennzeichneten Art geeignet sind, den wertvollen Ruf unseres Landes als einer Stätte der Kultur und des Bürgerfriedens zu beeinträchtigen." Verb« dL ludenftaafszioiusten Oesterreichs Verbandaratssitaung. Mittwoch, den 1. Dezember, halb 9 Uhr abends, im Zentralheim, IL, Praterstraße 30. Wichtige Vcrbandsratssiteung. Erscheinen Pflicht! Sektion XIV/XV, Schanzstraße 32. Mittwoch, den 1. Dezember, halb 9 Uhr abends im Heim Vortrag Kultusvorsteher Ing. Eugen Buchbinder: Der Fall Großmann. Judenstaatsjugend. Dienstag, den 30. November, halb 9 Uhr abends Im Heim, IL, Praterstraße 80, Vortrag Redakteur Egon Schmer zier: England« Mittelmeerpolitik, Makkabäerteiem des Brith Ilakanaim. Sonntag, den 5. Dezember, t Uhr nachmittags im ZentraJheim, IL, Praterstraße 30. Samstag, den 4. Dezember, 4 Uhr nachmittag* im Heim, Sohanwrtraße 32. Aus dem Programm: Lichteranzunden. Festrede. Theaterauftührung »JErez Israel 1937". Sprechchor und Kezitationon. Ablenkungsmanöver Von Dr. Martin Lichtnrr II. Ich habe in meinem vorigen Artikel nachzuweisen versucht, daß die absurde Anklage gegen den Führer der Judenstaatszionisten Mair Gr o ß m a n n vor dem Ehrengericht der Z. O. nur den Versuch eine3 Ablenkungsmanövers darstellt. Ein zweites, weit gefährlicheres Manöver dieser Art. spielt sich seit einigen Wochen in der offiziellen Presse ab. Auch der erbitterste Gegner des Weizmannschen Systems zionistischer Politik, welches, was oft übersehen wird, in der positiven Einstellung zur Teilung Palästinas, ja nur seine logische Spitze erreicht hat, muß und wird zugeben, daß Weizmann selbst zweifellos der Ueberzeugung ist, das möglichst Beste für das jüdische Volk zu wollen. Es wird eine Epoche kommen, da man die Psychologie dieses jüdischen Politikers untersuchen und begründen wird, derzeit hat man dazu weder Ruhe noch Zeit. Wir politischen Zionisten, die wir uns heute unter der Bezeichnung „Neinsager" zusammenfinden, sind der begründeten Ueberzeugung, daß diese Weizmannsche Politik nichts mehr mit Zionismus zu tun hat. Wenn Weizmann selbst in seiner großen Rede am Kongreß erklärte, daß er in der Teilung und ihren Folgen nur einen Beitrag zur Lösung der Judenfrage sieht, so ist klar, daß auch er sich bewußt wurde, daß seine Konzeption eine nichtzionistische geworden ist. Jenseits aller Fragen der momentanen Möglichkeiten des Widerstandes und der schließlichen Durchsetzung unseres Endzieles, muß doch endlich rein ideologisch festgestellt werden, daß Zionismus für uns alle, die Lösung der Judenfrage bedeutete und bedeutet und daß es daher eine Brücke, ein Kompromiß zwischen unserer Auffassung und der Weizmannschen gar nicht geben kann. Ein Beitrag zur Lösung der Judenfrage ist B i r o b i d's c h a n, sind die Versuche des Baron Hirsch in Südamerika, sind alle philanthropischen Maßnahmen zur Berufsumschichtung, Innenkolonisation in der Galuth usw. Wir aber haben uns seit Beginn der zionistischen Bewegung von allen solchen Versuchen energisch distanziert und sie als rein philanthropische gewertet. Ueberlegt man sich diese Diskrepanz einmal bis in ihre letzten Konsequenzen, dann bedarf es doch wohl keiner ausführlichen Begründung, wenn wir leidenschaftlich und mit der ganzen Kraft unserer zionistischen Ueberzeugung den Kampf gegen Weizmann und seine Gefolgschaft führen und führen müssen. Gibt es überhaupt ein Dogma in einer politischen Bewegung, dann ist das unsere doch wohl dieses: Zionismus will die Lösung der Judenfrage, die einzige Lösung der Judenfrage sein. Die Weizmannsche Lösung widerspricht diesem Ziel und diesem Glaubenssatz. Sie hat daher mit Zionismus nichts mehr zu tun. Nun gibt es verschiedene Reaktionen auf die Weizmannsche Kampfansage und innerhalb dieser Reaktion zwei Extreme. Das eine behauptet, ganz im Sinne faschistischer Ideologie, daß es unstatthaft sei, den Führer anzugreifen und zu kritisieren, daß die Disziplin der Organisation zumal in einer Zeit, da sie sich zum Staate entwickeln soll, strikte verlangt, den Führer außerhalb jeder Diskussion zu stellen, und daß wir im Gegenteil uns seiner Führung blindlings zu unterwerfen haben, denn er wisse was er tut und warum er es tut. Dieses Argument wurde ganz ernsthaft z. B. Dr. Margulies entgegengehalten, als er sachlich, klar, logisch und einwandfrei den Standpunkt der Neinsager vertrat. Die Vertreter dieser antidemokratischen, tatsächlich faschistischen Auffassung über Disziplin sind nun nicht etwa Revisionisten, denen man doch gern faschistische Ideologie vorwirft, sondern vornehmlich Allgemeine Zionisten und vereinzelte Linke. Das andere Extrem besteht lediglich in schlechter Auswahl der Kampfparolen, in geschmacklosen Bezeichnungen des Gegners und man kann in dieser Richtung hauptsächlich in der revisionistischen Presse eine Blüteniese finden, wie etwa ,,Staatsfeihd Nr. 1", „Verräter- Präsident" und ähnliches. Es handelt sich dabei um nichts mehr und nichts wehiger als Geschmacksverirrungen, die allerdings geeignet sind, den Kampf, um die großen und entscheidenden Schicksalsfragen des jüdischen Volkes, zu diskreditieren. Dieser Mangel an Geschmack aber wird nun zum Anlaß genommen, um ein Kesseltreiben höchst gefährlicher Art zu veranstalten. Es erscheinen Artikel in der offiziellen Presse, die einzelne Sätze aus solchen revisionistischen Artikeln herausreißen, zitieren und in bestimmter Weise kommentieren, um dann den Eindruck zu erwecken, daß nichts weniger von dieser Seite beabsichtigt wird, als dem politischen Mord, der Feme, an Weizmann und seinen Trabanten, das Wort zu reden. Man gräbt das unseligste Kapitel zionistischer Geschichte aus und versucht neuerdings, die Arlosoroff-Mordaffäre aufs Tapet zu bringen und damit nachzuweisen, daß eine ähnlichen Stimmung wie damals wieder erzeugt werde. Kurzum, man verdächtigt eine ganze Organisation und ihro Presse der M o r d h e t z e und erhebt warnend den. Finger, als ob das grauenhafte Ereignis bereits unmittelbar bevorstünde. Wir erinnern uns noch alle an die Situation vor und am Prager Kongreß 1933 unseligen Angedenkens. Damals erwartete die ganze jüdische und nichtjüdische Welt mit angespanntem Atem das erlösende Wort vom Kongreß, wenn schon nichts anderes, dann wenigstens den Aufschrei, den Aufruf zu Abwehr und Widerstand, die leidenschaftliche Zurückweisung einer Diffamierung und Verfolgung ohne Beispiel, das Einstehen für Ehre und Recht der Nation, nachdem die Ereignisse des Jahres 1933 über uns hereingebrochen waren. Nichts davon geschah. Die Zionistische Organisation hat diesen historischen Augenblick kosmischer Schicksalentscheidungen vorübergehen lassen, mit einer lendenlahmen, schwachen, schwächlichen und feigen Reaktion und während rings um den Kongreß die jüdischen Massen standen, erschüttert, aufgewühlt, kämpf- und opferbereit wie noch nie in der modernen Geschichte des Volkes, raufte man sich am Kongreß selbst um die Präsidentenposten und bezeichnete, bevor noch der Schatten eines Beweises von einem Gerichte erbracht worden war, einen Teil der Delegierten als Mörderbande. Das tragische, bis heute noch ungeklärte Geschehen um Arlosoroff mußte dazu herhalten, abzulenken, zu verstecken, zuzudecken, was an Schande und Feigheit hinter den Kulissen beschlossen ward, und ich sah mit eigenen Augen deutsche Juden tränenüberflossen auf der Galerie des Kongreßsaales sitzen, weil man zu dieser Stunde, da es um Sein oder Nichtsein des ganzen Volkes ging, nichts Besseres zu tun wußte, als Verdächtigungen übelster Art auszusprechen. I, Hoher Markt — LichtenstegNr.4 Die Situation von heute ist erschreckend ähnlich. Wieder stehen wir vor der entscheidenden Schicksalsfrage unserer Zukunft, unserer Existenz, wieder erwarten die Massen des verelendeten, und zermürbten Volkes das erlösende Wort von der Zionistischen Organisation, wieder hoffen sie auf Widerstand, Aufruf, Leidenschaft, Wille und Kampf, wieder sind sie bereit zu opfern, einzustehen, und zu kämpfen. Aber hinter den Kulissen will man das alles nicht, glaubt vielleicht längst nicht mehr an die Lebendigkeit dieses elementaren LebenswÜlens und deshalb braucht man Ablenkung, Manöver, Taktik übler Art. Deshalb schreiben willfährige Zionisten von einer sich aufbäumenden Gefahr, „warnen" sie vor einem möglichen neuen Mord, verdächtigen sie wieder ohne jede Rücksicht auf die Folgen äußerer Art eine ganze Gruppe von Zionisten als Mordbuben und Fememacher. Die zionistische Oeffentlichkedt aber hat ein Recht darauf, daß dieses Spiel enthüllt werde, als das, was es in Wahrheit ist — als Ablenkungsmanöver. Weil sie die Zukunft des jüdischen Volkes vom Leben zum Tode befördern wollen, schreien sie „Mörder unter uns". Weil sie Rechtsbruch begehen, stellen sie den Ankläger unter Anklage. Zwischen der Affäre Großmann und der systematischen Hetze gegen angebliche Mordwi.llige besteht ein klarer Zusammenhang: Die Leidenschaft und der Kampfwille sollen abgebogen werden, abgeschoben auf ein künstlich geschaffenes Nebengeleise, um Platz zu schaffen für jene armselige Parteimaschine, welche unsere Zukunft zerrädert. Gegen Weiimanns Politik Aus Amsterdam: Auf der 28. Jahreskonferenz des holländischen Misrachi in Amsterdam sind mit großer Majorität zwei Resolutionen angenommen worden, in denen gegen eine Teilung Palästinas und gegen die Politik Professor Weizmanns protestiert wird. Zum Präsidenten der neuen Exekutive des holländischen Misrachi-Verbandes wurde Rabbiner S. Ph. de Vries aus Harlem, zum Vorsitzenden wurde J. H. Davids gewählt. Die Handelskammer von Amsterdam hat dem Komitee zur Förderung des holländisch-palästinensischen Handels eine Summe von 1000 hfl. bewilligt. I'rim. Dr. Josef Bierer, verdienter Zionist, A. H. der „Kadlmah", ist Montag, den 29. November, im 67. Lebensjahr im Wiener Rothschildspital verschieden. Das Begräbnis findet, morgen, Mittwoch, den 1. Dezember, statt. Es geht um Ihr kostbarstes Gut, „Ihr« Augen"! Lassen Sie sich fachmännisch unverbindlich beraten von Optiker Karl Seidner. I., Franz-Josefs-Kai 33, und II., Hollandstraße 7. (Siehe Inserat!) VEPBAND l>ER lUDEMSTAATSZIONISTEN ÖSTERREICHS fo(^amte,: Samstag, den 4. Dezember 1037, um halb 9 Uhr abends im Featsaale des Hotel Kontinental, Wien II, jaborstraße 4 feset&sdtaflsß&eHd Madmte mi Imtt Oberkanlör BÖSE* FEUER HILDE DULBTZKABA PAUL O'MONTBS BOBV WEISER Tanzkapelle» /,fuks' watty vexers" Entre 8 1.50 * V o v v o r k u u l' s s t 0 11 c u: J üUischc Kul* turatelle, Wien, 1., Franz Juaefa-Kui 3 — Bücherstube Ruth, IL, Taborstraßc 20u — Redaktion „Neue Welt". IX., Unlversitäts* atraüo 8 — Juwelier J, Hauben, Wien, IL, Taboratralie 30 — J utlonstaatahciui, Wien, Erlai'sticiüc 5.

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