Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 697 (26.10.1937)
- Date
- 1937-10-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 DIB NEUE WELT Nr. 697 vom 26. Oksafcer 1937 Die Juden in Brasilien Spezialbericht aus Rio de Janeiro •Vor 1933 gab es in Brasilien keinen Antisemitismus. Die geringe Zahl der Juden im Vergleich zur Gesamtbevölkerung — zirka 50.000 auf 31 Millionen- — erklärt, daß .die Juden weiten Kreisen der Bevölkerung ganz unbekannt waren. Eine Aenderung ist erst seit der brasilianischen Revolution von 1930 erkennbar. Durch diese Revolution wurde eine Parteien- und Personengruppe gestürzt, die unter der Führung der Republikanischen Partei Sao Paulo (P. R. P.) jahrzehntelang Brasilien beherrscht hatte. Die P. R. P. war eine Partei von konservativ-autokratischer Grundhaltung. Von den Siegern der Revolution blieb nur ein Teil in den nachfolgenden Jahren an der Macht: Gruppen, die im großen und ganzen innenpolitisch eine liberaldemokratische Linie verfolgten und die sehr freiheitliche Verfassung von 1934 schufen. Außenpolitisch jedoch ist eine Stärkung des nationalistischen Gedankens unverkennbar. Andere Gruppen, die zunächst an der Revolution teilgenommen hatten, splitterten sich in der Folgezeit aus persönlicher Verärgerung oder aus Enttäuschung Über den weiteren Verlauf der Dinge von der Mehrheit ab. Zu diesen, die sich abkehrten, gehörte ein erheblicher Teil der heutigen Führer der In t e.g r a 1 i s t isehen Partei. Diese Partei, die etwa 1933 zum erstenmal in die Erscheinung trat, wendet sich vor allem gegen das Parteiwesen, gegen den Klassenkampf, gegen jedes Ausländertum. Sie erstrebt programmatisch eine ständische Vertretung mit einer Einheitspartei, eine starke, autoritäre Bundesregierung, starken Schutz der Familie und der Arbeiter. In ihren programmatischen Erklärungen fehlt noch heute jede Bezugnahme auf das Judentum, sei es als Religion, sei es als Rasse oder Volk. Das Programm deckt sich sonst in seiner politischen Grundhaltung und in seinen wirtschaftlichen und sozialen Zielen weitgehend mit dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus. Obwohl die Integralistische Partei dem Programm nach nicht antisemitisch ist,, hat' sie dennoch in der Praxis den Antisemitismus in Brasilien eingeführt und in , wenigen Jahren gefährlich gefördert. Den Anstoß hierzu dürfte die Tatsache gegeben haben, daß der Antisemitismus des deutschen Nationalsozialismus sich als ausgezeichnetes Propagandamittel für den Aufstieg der Partei erwiesen hatte. Es lag für eine Partei, die sich in ihren Zielen der deutschen Partei verwandt fühlte, nahe, das Fiopagandamittel des Antisemitismus ebenfalls zu probieren. Dies mußte um so zweckmäßiger erscheinen, als man im Kampfe gegen das ausländische Kapital die Namen Rothschild. Lazard, Erlanger usw. als Objekt der Bekämpfung hinstellen und die jüdischen' Kommunistenführer im Kampfe gegen den Kommunismus als die Erzfeinde brandmarken konnte. Dies alles hätte indessen die antisemitische Volkspropaganda vielleicht nicht so erfolgreich werden lassen können, wenn nicht noch andere Kräfte am Werk gewesen wären. Bereits im Juni 1933 wurde in Rio de Janeiro die ,.Ag encia Bransileira" (A. B.) gegründet, eine Telegraphenagentur, die, im Gegensatz zu den sonstigen Agenturen, ihre Nachrichtender Presse kosten- 1 os- .oder für ganz geringes Geld zur Verfügung stellte. Trotz des nationalen Namens sind die Gründer dieser Agentur im deutschen Propagandaministerium in Berlin zu suchen. Der Zweck dieser Gründung wär, Propaganda für das neue Deutschland zu' treiben, eine Propaganda, die selbstverständlich sehr stark mit den' antisemitischen Waffen der heutigen deutschen Propaganda kämpft. Nicht nur die vielen deutschsprachigen Zeitungen Brasiliens werden von dieser Agentur versorgt, sondern auch viele brasilianische Blätter stützen. sich gern auf diese billige Bezugsquelle. So wird die größte heutige Oppositionszeitung in Sao Paulo,1 der „Correio Paulistano", von dieser Agentur beliefert. Auf diese Weise kommt es, daß seit einigen Jahren eine Fülle von antisemitischen Notizen in der brasilianischen Presse erscheint. Gleichzeitig wurden Bücher, wie die „Protokolle der We isen von Zio n", und andere antisemitische Literatur ins Land gebracht und verbreitet. So wurde das Volk auf die Juden aufmerksam gemacht. Während der Wirtschaftskrise machten sich natürlich die Schulden bei den Abzahlungsgeschäften drückender bemerkbar, und diese Geschäfte lagen zum großen Teil in jüdischen Händen. Vor allem aber wurde dem Volke die Gleichsetzung von Juden und Kommunisten infiltriert. Dies wirkte sich besonders verhängnisvoll aus, als ein mißglückter Aufstandsversuch im November 1935 von der Regierung als „kommunistisch" erklärt und von Polizei, Parlament und Presse ein scharfer Kampf gegen den Kommunismus begonnen wurde. Obwohl Juden an diesem Aufstandsversuch nicht beteiligt waren, wurde die Gleichsetzung „Jude und Kommunist" immer mehr verallgemeinert. Diese dauernde Erwähnung von Juden hatte um so größere Wirkung, als gleichzeitig die Einwanderung von Juden aus Deutschland sich verstärkte, und damit die Juden im Straßenbild der größeren Städte merkbarer in Erscheinung traten. Die deutsche und ein Teil der anderen Presse ließen es sich nicht nehmen, die jüdische Einwanderung maßlos zu Ubertreiben und auf angeblich mit ihr verbundene kommunistische Gefahren und wirtschaftliche Störunge!, hinzuweisen. Dabei wird mit der unwahren Behauptung operiert, ein Jude brauche Deutschland nicht zu verlassen, solange er sich nicht gegen die Gesetze vergehe, und weiter — ebenso unwahr — behauptet, nur diejenigen Juden s c i e n' a u sg e b ü r g e r t v-; f\\0 £.;Cn kommunistisch betätigt hätten. In einer Versammlung der Polizeichefs sämtlicher brasilianischer Staaten unter Leitung des Fclizcichefs von Rio, FeHnto Müller, im November 19G6 wurden gemeinsame Richtlinien für die Einwanderung aufgestellt. In diesem offiziellen Schriftstück wurden zum erstenmal Juden ausdrücklich erwähnt, indem gesagt wurde, daß „Juden und andere Leute, die Abzahlungsgeschäfte eröffnen wollen, keine Chamaden (Rufkarten für nahe Verwandte zur Einwanderung) erhalten dürfen". Die Integralistische Partei hat zwar den Antisemitismus bisher noch nicht in ihr Programm aufgenommen. Ihr Führer Plinio Saigado hat sich bisher noch nicht antisemitisch festgelegt und ebenso sind die Führer in Sao Paulo nicht antisemitisch, einige sind jüdischer Abstammung. Aber ein starker Flügel der 'Partei unter Führung des sehr angesehenen Schriftstellers Gustavo Barroso, früheren Präsidenten der Akadeimie. treibt eine intensive antisemitische Propaganda und fordert die Aufnahme des schärfsten Antisemitismus, etwa nach deutschem Muster, wenn auch nicht in Form der Rassengesetzgebung, in das Programm der Partei. Die Presse der Partei ist durchwegs antisemitisch. Auch ihre in Sao Paulo erscheinende Zeitung „Accao" bringt mit Vorliebe antisemitische Ueberschriften. Die anderen Parteien tragen zwar den Antisemitismus nicht offen zur Schau, aber auch sie würzen den politischen Kampf gern mit antisemitischen Sätzen. So wird der demokratische Präsidentschaftskandidat von den Gegnern •als „ J u d e" und „K o m m ü h J s bezeichnet, so wird der, Kampf gegen das ausländische kapital als ein Streit gegen die „jüdische Fina^nzherrSchaft" aufgezogen, und selbst große wissenschaftliche Leistungen der Juden als Zeichen der erstrebten "jü d i s c he n Weltherrschaft angesehen. Die, Integralistenpartei bietet dem jungen Brasilianer das Bild.' einer weltanschaulich orientierten, idealistischen Bewegung, und übt auf einen wertvollen Teil der brasilianischen Jugend eine große Anziehungskraft aus. Außerdem findet sie ihre Anhänger in viellcn Kreisen des Kleinbürgertums, dec kleinen . Beamtenschaft und auch mancher Arbeiter. Zu der Anfang 1 938 stattfindenden Präsidentenwahl sind bisher drei Kandidaten aufgestellt: Jos6 Amcrico, von den heutigen Mehrhoitspaitcicr. zu denen seit kurzer Zeit wieder die alte P. R. P. gehört. Der zweite, Dr. Armando de Salles O 1 i v e i r a. wird als demokratischer Kandidat bezeichnet und hat die Unterstützung der heutigen Oppositionsparteien. Der dritte ict der Integralistcnführer Plinio S a 1 g a d o, der diesmal wohl noch keine erhebliche Stimmenzahl aufbringen dürfte. Die Aussichten für die. Lage der Juden sind ungünstig. Sollte Jos6 Americo siegen, so ist, wenn nicht mit antisemitisch gefärbten Gesetzen, so doch sicher mit. einer antisemitisch eingestellten Verwaltungsarbeit zu rechnen. Falls aber Armando de Salles Oliveira zum Präsidenten gewählt wird, dessen Frau aus einer Marannenf a m i 1 i e stammt, so würde zwar die offizielle Haltung der Regierung neutral sein, aber aus Furcht vor der Opposition würde sie ängstlich jeden Anschein einer guten Behandlung der Juden vermeiden. So bietet Brasilien heute das Bild eines wachsenden Antisemitismus, der sich naturgemäß in erster Linie gegen diejenigen Juden richtet, die in den letzten Jahren neu eingewandert sind und die größtenteils deutscher Staatsangehörigkeit, zum Teil auch Staaten- . los sind. Wie gefährlich eine solche Wendung der Dinge in Brasilien wäre, geht daraus hervor, daß gerade Brasilien eines der wenigen Länder ist, das nach seiner wirtschaftlichen Lage und Bevölkerungsdichte imstande wäre, noch eine erhebliche Zahl Juden aufzunehmen. Die Bekämpfung des Antisemitismus in Brasilien erfordert stärkste Aufmerksamkeit und Einsetzung aller finanziellen und moralischen Kräfte. Es ist unbedingt notwendig, den Kampf so schnell wie möglich aufzunehmen; denn die politischen Leidenschaften werden in dem Wahlkampf, der eben begonnen hat, aufgepeitscht, und es besteht die Gefahr, daß sich der Antisemitismus in den breiten Massen festnistet, wenn keinerlei Gegen-* Wirkung vorhanden ist, ■Eigentümer, .Verleger, Herausgeber: Oberbaurat Robert . Stricker. Verantwortlicher Redakteur: Fritz Kolb. — Druck: Druckerei- und-Verlags-A.-G. Ignaz Steinmarm, alle Wien, IX., Universitätsstraße 6-8. \W u IlftUVl BEI DlE$^ ^.^lEi«nik/«iifer* Ii Jn mi I Winterkleider // y DHDiM-siipper io^lt.t^t?' dunkelblau oder grau S i 3 | QßJI, SCnlfllFuCKß tiflntel u. Slipper scheSefiüISla Seide, Stoffe: Streifflanelle für Pyamas und Dressinga, p. M......S Winterdirndlstoff A Diagonalmuster, in 1 großer Auswahl . . , S X Boucle-Schotten i für Kleid oder Bluse S i Crepe-Monool (K.-Selde), schöne Klei- 7 derware, SO cm .... S It Mode-Kleiderstoff . Nopp*.....S 3.50, 7 WoIUTweed ..... 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