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Die neue Welt · 1937-10-26 · Heft 697 (26.10.1937) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 697 (26.10.1937)
Date
1937-10-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 10 Groschen Dfemfagr den 26* Oktober 1937 11* Jahrgang Nr« 697 V* b« b* Zeitung vom Verleger versendet ..Jonmal emAitfÄ n<.r i'gditeor" REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich 8 1.40. vierteljAM« »*•"=• ff^Ä**J? vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.--. vierteUährif ftKc18.-: 'M^^.X^^Trit i feÄ*M«Sft jährig Dinar 40.—: Bomänien monaüich Lei 50.—. vierteljahrig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark 1.—. vierteljährig MaSS3.-? Bulgari;n monatlich Lewa 30-, vierteljährig Lewa SO-; ÄSÄj^l«*1«^8 Liro l4-J Schwei« und die übrigen Länder monaüich Schweizer Francs 1.60, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.Verwaltung: IX, Universitätsstr.8,7el.A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u.Freita* Zur österreichischen Judenfrage Wien, 25. Oktober. . Von Zeit zu Zeit wird in Oesterreich von autoritativer Seite ein Wort zur Judenfrage gesagt, ein Beweis dafür, daß auch hier das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden administrativ, wenn auch staatsrechtlich, nicht ganz geklärt ist. Der seit jeher bestehende Antisemitismus hat durch die nationalsozialistische Propaganda eine merkliche Verschärfung erfahren und auch dort Raum gewonnen, wo ein aktueller Anlaß nicht vorhanden . war. Und obwohl Oesterreichs Sorgen und Anstrengungen anderswo liegen als im sogenannten „Judenpunkt" oder in der „Bereinigung der Judenfrage", ist durch die Hetze der antisemitischen Presse aller Schattierungen die Illusion entstanden, daß durch. Maßnahmen gegen die Juden die gewiß vorhandenen wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten „s c h 1 a g a r t i g" beseitigt werden könnten. Diese Maßnahmen bedeuten* m der Terminologie der antisemitischen Gruppen:. Ausschaltung der Juden aus dem ökonomischen Bereich mit allen Zeichen d e r D i s k r i m i n i e r u n g. Das Spiel ist weder .neu: noch : originell. Nach vollzogener- Vernichtung der jüdischen Staatsbürger Oesterreichs soll das goldene Zeitalter für die „Bodenständigen"' begmnenV "' .'.'. Um der Forderung den Schein der Legalität zu geben,. werden Statistiken aufgestellt, die die Vorherrschaft der Juden auf allen Betätigungsgebieten: oder — anders gesagt — die Verjudung Oesterreichs, erweisen sollen. Polemisieren kann.'man auf Basis von Tatsachen, nicht rings um eine böse und verleumderische Absicht. Diese Feststellung enthebt uns der Aufgabe, auf der Linie der hiesigen antisemitischen. Blätter und-Zirkel zu debattieren. Anders-liegt die Sache natürlich, wenn der öster-. reichische Bundeskanzler über die Stellung der Juden in Oesterreich eine Erklärung abgibt. Ein Mann . vom. Format Dr.. von Schuschniggs sieht natürlich alle Fragen des sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen. Lebens. im Bereich seines Staates unter einem umfassenderen Blickpunkt als die geschäftseifrigen Verbreiter von Tagesparoleh. Die Spannweite der Be-, gah'ung und Verantwortung schafft sich einen anderen. Maßstäb, als ihn die kritiklosen Nachplapperer eingeschleppter "Phrasen besitzen. In dieser Hinsicht beziehen wir uns aufsein Interview, das der österreichische Kanzler vor einigen Tagen dem Chefredakteur der in Brüssel erscheinenden' ,',I n d e p e h d a n c e Beige" gab. In diesem Interview nämlich erklärte der'Kanzler auf die Frage der Stellung der Juden in Oesterreich, man müsse zwischen den in Oesterreich seit Generationen lebenden Juden unterscheiden, die nur einer anderen Konfession angehören, und den neuzugewanderten Juden, die erst während des Krieges und in den Nachkriegs jähren hauptsächlich aus politischen Gründen eingewandert seien,' Diese-letzteren, sagte der Kanzler, stellen ein Problem der Nationalität, und nicht der Rasse öder der Konfession dar. Eine Diskriminierung der Juden wegen der Rasse oder der Religion werde er niemals zugeben. .. Der Schluß dieser Erklärung ist eindeutig. Er enthebt die jüdischen Staatsbürger Oesterreichs ,um so mehr einer Sorge, als von verschiedenen, auch hochgestellten Faktoren des öffentlichen. Lebens bedrohliche Andeutungen gemacht worden sind. Die Juden in Oesterreich wissen die Erklärungihres Regierungschefs richtig . zu würdigen. Was allerdings die Wendung „e in Problem d er N a t i o n a 1 i t ä t" anlangt, so'hat sie zweifellos zu mißverständlichen Deutungen Anlaß gegeben. Unter ■ Nationalität der zugewanderten, das ist nicht „bodenständigen" Juden kann der/Bundeskanzler wohl nur eine Lebensart geraeint haben, die sich von der mitteleuropäischen merklich unterscheidet, eine Lebensart, die eben nicht wienerisch "ist, aber im Rahmen der alten Monarchie ihren Platz und ihre Tradition und ihre Berechtigung. VERBAND DER J U DEN S TAAT S ZI O N I S TE N &»yeef - /ürfei^togg tw4 rfeafee^te £im(uakm*9s$t*eue fytaße fedettk$em (ik £atd Bdfeüt Samda%, den 30. Ötttotec 193?, utn $.30 Uhu ctteUs im Haid ,/lü^ii*a*M.'' ES SPRECHEN: Dr. J. Z. Kanner, Jehuda Ehrenkranz, Robert Stricker Vor Einschränkung der jüdischen '' Aus Jerusalem, wird uns gemeldet: Das palästinensische Amtsblatt hat am 20. Oktober den Entwurf einer neuen EinwanderungsVerordnung veröffentlicht. Auf Grund des Entwurfes wird der High Co m mi svi oner ermächtigt, die Höchstzahl der in der jeweiligen. Einwanderungsperiode zur Einwanderung zuzulassenden Ausländer (!) festzusetzen. Ferner wird, ihm das Recht erteilt, die Höchstzahl innerhalb der einzelnen Einwanderungskategorien sowie' den .propbrtibiiellen Anteil der jüdi* sehen Einwanderer im allgemeinen und innerhalb jeder Kategorie im besonderen festzusetzen. Der . Leiter de3 Einwanderungsdepartement erhält das Recht, in umstrittenen Fällen zu entscheiden, wer als Jude anzusehen ist. Bekanntlich hat die Kgl. Kommission in ihrem Bericht empfohlen, die jüdische Einwanderung nach Palästina von der wirtschaftlichen Aufnahmsfähigkeit des Landes abhängig zu machen und keinesfalls über, die Ziffer von 12.000 Einwanderern jährlich während der nächsten fünf Jahre hinauszugehen. . , Nun kommt inmitten der neuen arabischen Unruhen die Nachricht von einer bevorstehenden Neuordnung der jüdischen Einwanderung. Diese ist zweifellos imstande, jeden Optimismus in bezug auf den Ernst der Revolte-Unterdrückung seitens der Palästina-Regierung zu erschüttern. Denn auf der einen Seite gegen die arabischen Extremisten mit militärischen Machtmitteln vorgehen und auf der anderen Seite dem arabischen Nationalismus durch Einschränkung der jüdischen Einwanderung schmeiß cheln — das ist eine Politik, die beim .aufbauenden\ Element des Landes, bei den Juden, wenig Verständnis finden wird. Man weiß, daß die bisherigen -arabischen Aufstände, soweit sie den Zionismus betrafen, gegen die jüdische Einwanderung gerichtet waren. Wenn jetzt die . Palästina-Regierung ■ eine Einwänderungsverordnung . herausgibt, die keinen ,-; anderen.. Zweck hat, als die jüdische Einwanderung zu drosseln, so kommt sie damit den Tendenzen derselben :arabischen; Gruppe entgegen, welche die blutige Revolte angeregt, geleitet und finanziert hat. Also; einerseits Kampf gegen den Terror, andererseits Erfüllung des Diktats der Terroristen. Nicht weniger Erstaunen muß die. Bezeichnung, der jüdischen Einwanderer als— „Ausländer" hervorrufen. Bisher haben nicht einmal die schärfsten Gegner des zionistischen Aufbauwerkes in London und in Palästina gewagt, die nach Palästina kommenden Juden als Ausländer zu bezeichnen. Das Prinzip der jüdischen Einwanderung, des jüdischen Repatriierungsprozesses war die Formel „Kraft Rechtens" undsowohl die Balfour-Deklaration als auch das, Mandat wurden als Dokumente betrachtet, die sich nicht auf einzelne „Einwanderungskategorien", sondern' auf das ganze jüdische Volk beziehen. . Die in Vorbereitung befindliche neue Einwanderungsverordnüng wird also ihrem Zweck in keinerlei Weise dienlich sein. Sie wird weder den arabischen Extremismus befriedigen noch den jüdischen Aufbau* willen entmutigen. hatte. Der Begriff „Nationalität" scheint uns als Differenzierung gegenüber Rasse und Religion, in bezug auf das Judentum, ein wenig verwirrend zu sein,' denn vom Standpunkt der Staatsbürger seh a f t — und die allein ist das Kriterium für die Be-' ■Handlung der in Oesterreich lebenden Individuen —- kommt ja der Nationalität keine Bedeutung zu. Nach einem Bissen happig, der ihre — man verzeihe das Wort — Ideologie bestätigen könnte, stürzte sich die „Union österreichischer Juden" in ihrem Organ „Die Wahrheit" auf die Erklärung d<es Bundeskanzlers, die sie zunächst verfärbt, um sie ihrem Zweck dienbar zu machen. (Sie zitiert nämlich' statt „zwischen den seit Generationen in Oesterreich lebenden Juden" — „zwischen den unserem Volk seit Geherationen assimilierten Juden..." Von assimilierten Juden war im Bericht über das Interview Dr. v. Schuschniggs keine Rede.) Wesentlich für die mißverständliche Auffassung der „Wahrheit" ist allerdings die Stelle, die sich auf das „Problem der Nationalität" bezieht. Der Bundeskanzler gab klar zu verstehen, daß es in bezug auf das Judentum ein nationales Problem gibt, er sagte klar: „ein nationales Problem". Die ' „Wahrheit" will natürlich getreu ihrer alten These davon nichts wissen und gibt dem Text des Kanzlers folgende Deutung: „Die Jüdischnationalen mögen daraus lernen, daß die Spitze der österreichischen Regierung keine jüdische Nationalität anerkennt und die österreichischen Juden als gleichberechtigten,Teil.des Österreichischen Volkes; ansieht," Selbstverständlich sagte das der Bundeskanzler nicht. Er sagte, daß es eine Diskriminierung der Juden in Oesterreich weder der Rasse noch der Religion wegen gibt. Mehr nicht. Aber die „Wahrheit" will indirekt damit prahlen, daß es die alteingesessenen Juden sind, denen , man um den Hals fällt, und daß es die neueingewanderten: Juden sind, die man loswerden will und gegen die sich der Antisemitismus richtet. Auch das Organ der Union österreichischer Juden sollte schon wissen, daß es keine Konzession an die Antisemiten bedeutet, .wenn man ihnen die „Zugereisten" zum Fraß hinwirft. Auch die „Wahrheit" sollte schon wissen, daß man gerade dem „bodenständigen" Juden den Boden unter den Füßen wegziehen will. Mit derlei Kapriolen verbessert man nicht das Verhältnis zwischen den Juden und Nichtjuden... Am pikantesten allerdings wirkt der Schluß* passus der „Wahrheit" zum Interview des Rundes-« kanzlers: „Die ,Union österreichischer Juden* betrachtet es als ihre Aufgabe, einen immer größeren Teil der eingewanderten Juden zu .assimilieren'." Daa Wort „assimilieren" setzt sie unter Anführungszeichen. Sie will es damit zu Ehren bringen. Aber ich glaube, daß die eingewanderten Juden, mögen sie aus Ungarn, Polen, Jugoslawien, der Tschechoslowkei oder anderswoher kommen, sich für die Erziehungsarbeit der „Union" bedanken werden. Denn nach der Weltanschauung der österreichischen Assimilanten genügt es nicht, das schöne Lied „Mei Muatterl war a Weaherin'* dialektecht singen zu können; man muß auch nach? weisen, daß es matrikelmäßig stimmt. o»?«

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