Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 696 (22.10.1937)
- Date
- 1937-10-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Titl. Universitätsbibliothek Wien, I. Preis 20 Groschen Frthag, den 22* Oktober 1937 M« Jahrgang Nr« 696 V« b. b» Zeltung vom Verleger versendet »Journal expedi6 par l'ßditeur" E V U HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, teljährig a 4.—, ganzjährig ö 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6. , vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Bumanlen monatlich Lei 50.—, vierteljahrig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark 1.-, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—; Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.60, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.Verwaltung: lXtUniversitätsstr*8t7eLA-20-2-78 - Erscheint Dienstag «. Freitag Skandal auf Hakenkreuz-Verbrechen in Spanisch-Marokko Aus Tanger wird uns gemeldet: Ein Sonderberichterstatter der Jüdischen Telegraphen-Agentur hat Spanisch-Marokko besucht; seine Eindrücke faßt er in folgender Schilderung zusammen: Die über 13,000 Seelen zählende jüdische Gemeinschaft von Spanisch-Marokko lebt in einer Atmosphäre furchtbarsten Terrors. Sie ist das ständige Objekt einer erbarmungslosen Hetzpropaganda und fortwährenden physischen Angriffen, plötzlichen Einkerkerungen und unmotivierten Vermögenskonfiskationen durch die von General F r a n c o eingesetzten Behörden sowie durch das von den Deutschen beeinflußte Militär ausgesetzt. Dabei ist den Juden jede Möglichkeit einer Appellation gegen solches Vorgehen der Rebellenbehörden oder gegen Uebergriffe von Einzelpersonen verschlossen. Vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges in Spanien und vor der Errichtung des nationalistischen Regims in Spanisch-Marokko war von einem Antisemitismus hier kaum etwas zu spüren. Allmählich aber hat sich der Einfluß der vom Dritten Reich hieher beorderten Herren geltend gemacht, eine gewaltantisemitische Bewegung wurde inauguriert, deren Zentrale das Hauptquartier der „Falänga Espaniola" ist. Nazistische Propaganda in: spanischer und arabischer Sprache In großen Mengen wird aus Deutschland Propagandamaterial eingeführt. Die antisemitischen Hetzreden Hitlers, Goebbels', Streichers und Görings wurden in die spanische Sprache übertragen und überfluten in der Form von Flugschriften das Land. Flugblätter in arabischer Sprache, die zu Gewalttaten gegen Juden aufhetzen, werden besonders unter den Mauren verteüt. Sogar die in der internationalen Zone lebenden 7000 Juden beginnen die Folgen dieser Propaganda empfindlich zu spüren. Am 17. April wurde das Gebäude der jüdischen; Gemeinde in Tetuan, der „Circulor Israelita", von Carlisten demoliert. Dem hervorragenden Mitglied der Gemeinde, Moses Wahon, wurde ohne jede Begründung eine hohe Geldstrafe auferlegt, die ihn wirtschaftlich zugrunde richtete. In der ersten Maiwoche kündigten die faschistischen Behörden in Tetuan eine „Hilfskampagne für konstruktive Zwecke" an. Die jüdische Gemeinde wurde gezwungen, 60.000 Pesetas für diesen Zweck zu geben. Die jüdische Frau Esther Serruyla wurde in Tetuan ganz plötzlich ohne Angabe von Gründen verhaftet. Ihr Verbleib konnte nicht ausgeforscht werden. Am 23. Mai wurde dem französischen Staatangehörigen jüdischen Glaubens Abraham S e r f a t y eine Geldstrafe von 60.000 Pesetas auferlegt; sein Schuhladen wurde konfisziert. Da Serfaty nicht in der Lage war, die Strafsumme zu entrichten, wurde er kurzerhand ohne Prozeß hingerichtet. Synagoge in Tetuan geschändet Am 19. Juli unternahm eine Gruppe von Mauren, geführt von Faschisten, einen Angriff auf die Synagoge in Tetuan. Die Huligans schändeten die Synagoge und hängten an den Wänden Teile von geschlachteten Schweinen auf. Nach dem Fall von Bilbao wurden in Tetuan zahlreiche frankreich- und englandfeindliche sowie antisemitische Plakate an den Häusermauern angeschlagen. Ende Juni wurden zahlreiche jüdische Geschäftsläden in Tetuan von uniformierten Falangisten aufgesucht; die von den jüdischen Geschäftsinhabern Spenden für eine Sammlung „zugunsten der Witwen und Waisen im Bürgerkrieg umgekommener Nationalisten" verlangten. Die Juden entrichteten die Spenden in der von ihnen verlangten Höhe, um keinen Repressalien ausgesetzt zu sein. Unmittelbar nach der Durchführung der Sammlung wurden alle jüdischen Spender wegen ,;H il f e i e i s t u n g für die Roten" mit Geldstrafen belegt. Das berühmte Judenviertel von Tetuan, „Juderia", ist Schauplatz unaufhörlicher Gewalttaten gegen die Juden. Faschisten und reguläre Soldaten zwingen die Juden zu nicht wiederzugebenden entehrenden Handlungen. Insbesondere die jüdischen Mädchen sind brutalen Angriffen seitens der Soldaten ausgesetzt. Ende Juli 1936 wurde die Jüdische Gemeinde in Tetuan aufgefordert, 900.000 französische Francs zu entrichten. Da das Leben vieler hervorragender Mitglieder der Gemeinde gefährdet gewesen wäre, wäre das Geld nicht entrichtet worden, wurde die für die arme Gemeinde ungeheuerliche Summe mit großen Opfern von den wenigen noch halbwegs begüterten Mitgliedern der Gemeinde bezahlt. Weder Flucht noch Auswanderung Den Juden in Spanisch-Marokko wird es mit Hüfe eines außerordentlichen Ueberwachungsdienstes vollkommen unmöglich gemacht, nach der Internationalen Zone oder nach Französisch-Marokko auszuwandern oder sonstwie das Land zu verlassen. Die faschistischen Behörden haben der jüdischen Ge- VERBAND DER JUD EN STAATSZI O NISTEN tytcfo Qedikkfeiet fik £ad Samttap, den 30. öldotee 1937, u*n &.30 Uhc aUhds Un Uoid „C&tUHtHtal" ES SPRECHEN: Dr. J. Z. Kanner, Jehlida Ehrenkranz, Robert Stricker dem §tfephan§platz Der Anwalt des Inhabers des Cafe de l'Europe, Herr Carl Riedl, übermittelt uns unter Berufung auf den § 23 des Preßgesetzes folgende Berichtigung: Sie berichteten über einen „Skandal auf dem Stephansplatz". Dieser Bericht ist unrichtig, denn es hat in Wahrheit keinen Skandal auf dem Stephansplatz gegeben. Es handelte sich bloß um eine unbedeutende Auseinandersetzung zwischen einigen wenigen Gästen des Cafe de l'Europe, wie sich solche Auseinandersetzungen in später Nachtstunde nicht selten ereignen, ohne daß man von einem Skandal sprechen könnte. Sie schreiben weiters: „Eine Wiener Tageszeitung brachte die Nachricht über einen skandalösen Vorfäll, der sich im weltbekannten Cafe de l'Europe auf dem Wiener Stephansplatz abgespielt hat." Wie schon erwähnt, hat es sich um einen unbedeutenden Vorfall gehandelt und hat auch die erwähnte Tageszeitung nicht von einem skandalösen Vorfall berichtet. Ihre weitere Darstellung: „Eine Gesellschaft von Herren und Damen, unter ihnen der namhafte Schauspieler Anton E d t h o f e r, wurde ' von .Stammgästen' überfallen", ist gleichfalls unrichtig. Richtig ist vielmehr, daß keine Gesellschaft, von Damen und Herren -unddaher auch' nicht der namhafte Schauspieler Anton Edthofer von „Stammgästen" überfallen wurde. Sie schreiben weiters: Edthofer, dessen Herkunft durchaus den nationalsozialistischen Abstammungsvorschriften entspricht, und seine Gesellschaft wurden mit: „Juden hinaus!" attackiert, und schließlich wurde die Parole durch das Lokal gebrüllt: „Das ist ein deutsches Kaffeehaus, hier haben Juden nichts zu suchen!" Diese Ihre Schilderung ist unrichtig; richtig ist vielmehr, daß weder Edthofer noch dessen Gesellschaft mit „Juden hinaus!" attackiert wurde und unrichtig ist auch, daß durch das Lokal die von Ihnen erwähnte Parole gebrüllt oder gerufen wurde. Ebenso ist unrichtig Ihre Behauptung, daß die Gesellschaft angesichts der Tatsache, daß Damen in den Streit einbezogen waren, es vorzog, das Lokal zu verlassen; richtig ist vielmehr, daß die Gesellschaft des Herrn Anton Edthofer bereits das Lokal verlassen hatte, als es zur erwähnten Auseinandersetzung kam. Weiters ist auch unrichtig Ihre Behauptung, daß eine Beamtin der Direktion des Theaters in der Josefstadt sich mit der Feststellung: „Da das Nazitum hier nichts zu reden hat, lasse ich mir auch nichts gefallen" gegen die Rüpeleien zur Wehr setzte; richtig ist vielmehr, daß keine Dame sich gegen Rüpeleien zur Wehr setzen mußte, noch dazu mit Ausdrücken der von Ihnen behaupteten Art, und sich auch nicht zur Wehr gesetzt hat, Ebenso unrichtig ist auch Ihre Behauptung, daß die Nazigesellschaft Miene machte, sich auf die Beamtin zu stürzen, und dieselbe von einigen Kaffeehausgästen verteidigt wurde. Richtig ist vielmehr, daß niemand Miene machte, sich auf irgend jemanden zu stürzen und daher auch niemand, also auch nicht yon Kaffeehausgästen, verteidigt werden mußte, Unrichtig ist aber auch die „besonders beachtenswerte Mitteilung", daß zufällig anwesende Gäste sich bemühen mußten, eine Frau vor rohen Insulten zu schützen. Richtig ist vielmehr, daß für den Besitzer und sein Personal kein Anlaß zu irgend welchen Schutz¬ oder Verteidigungsmaßnahmen für die anwesenden Gäste vorgelegen ist, da niemand angegriffen wurde. Im übrigen haben aber der Besitzer und sein Personal alles getan, um die belanglosen Auseinandersetzungen zwischen zwei Gästegruppen zu schlichten, was auch leicht gelungen ist. Sie schreiben weiters, daß sich am Stephansplatz ^er Terror unter dem Hakenkreuz breitmacht, und fügen hinzu, daß vom Stephansplatz und in dem am Stephansplatz gelegenen Etablissement der Ruf Wiena und Oestereeichs, ianx griindjichstea ruiniert werden kann. Wie aber aus vorstehenden Entgegnungen klar hervorgeht, ist es imrichtig, daß sich in diesem am Stephansplatz gelegenen Etablissement der Terror unter dem Hakenkreuz breitmacht und daß vom Cafe de l'Europe aus der Ruf Wiens und Oesterreichs als Land des Fremdenverkehrs irgendwie diskreditiert, geschweige denn ruiniert wird, Ihre Behauptung, daß es kein Zufall sei, daß gerade das Cafe de l'Europe auf dem Stephansplatz zum Schauplatz wüster Pöbeleien gemacht wird, und daß drastisch demonstriert werden soll, was Gäste, die nicht „national" geeicht sind, dort zu erwarten haben, ist also durchaus unrichtig. Im Cafe de l'Europe bat es. noch niemals irgend welche politische Auseinandersetzungen gegeben und hat in diesem Kaffeehaus kein Gast, welcher Konfession, Nationalität oder Rasse er auch angehören mag, irgend welche Unannehmlichkeiten zu erwarten. Es ist im Cafe de l'Europe jedermann als Gast gerne gesehen. * Bemerkung der Red. Das vom Herrn Rechtsvertreter angerufene Preßgesetz verpflichtet uns, diese Richtigstellung ohne Rücksicht auf das Meritorische in der vorliegenden Form zu bringen. Wir müssen es dem Leser überlassen, diese Berichtigung mit der Meldung in unserem Blatte zu gleichen und daraus seine Schlüsse zu ziehen.