Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 693 (12.10.1937)
- Date
- 1937-10-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. m WM tt. ÖKttffcef 1Ö$7 Dlß tffttJft: VmX Seit« S Wer bezahlt die AntisemiteiuPropaganda? Mdiietivmaititnfnitg mit Musik — Juden faafeif jfn Nazifilmen Von Zeit zu Zeit kann ein aufmerksamer Beobachter des österreichischen Antisemitismus nieht nur in der „bodenständigen" Presse, Sonderlf auch in anderen Bereichen antisemitisches Propägftnäämateriaf finden. Der österreichischen Presse hat sich nun auch die bei uns zugelassene nationalsozialistische Essener „Nationalzeitung" zugesellt, die sowohl in ihren Berichten wie Inseraten der antijüdischen Bewegung dient und gar in einem Umfang, den der an bescheidenes Maß gewöhnte Oesterreicher gar nicht erträumt hat. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß die Essener „Nationalaeitung" zur journalistischen Lehrmeisterin für eine große Anzahl österreichischer Pressettrodukte geworden ist. Durch Insertion m diesem reiehsdetttScften Hakenkreuzorgan deklarieren sich die österreichischen Firmen, werfen sich das Stichwort zu, geben ein Zeichen ihrer politischen und moralischen Zugehörigkeit. Die mehr allgemein gehaltene Signalisierung wird durch eine Aktion ergänzt, welche der „Deutschöster reichliche Schutzverein Antisemiten Bund" in letzter Zeit mit großem Nachdruck betreibt. Dieser Schutzverein veranstaltet nämlich Versammlungen, in welchen unter dem Schein sachlicher Vorträge eine unerhörte antijüdische Hetze betrieben und zum Boykott gegen die jüdischen Staatsbürger aufgerufen wird. Vor uns liegt eine Einladung des genannten Antisemitenbundes zu einer „Massenversammlung mit Musik", mit Musik wahrscheinlich deshalb, um die Besucher, statt mit Tatsachen, mit Trompetenstößen aufzuwühlen. CafeAkketU<4 I, Hoher Markt- LichtertstegNr.4 Der Flugzettel, der zu der Massenversammlung einlädt, wäre nicht weiter beachtenswert, hätte er nicht auf der Rückseite nebst drei anderen „arischen" Firmen ein Inserat des^ Ufa-Tonkinosin der Taborstraße, des in reichsdeutschem Besitz befindlichen Kino», das, nach den Filmen und Wochenschauen zu schließen, nicht allein der Unterhaltung, sondern auch der Verbreitung des „Kulturgutes" des Dritten Reiches, dient. Gewiß hat die Leitung dieses just in der Leoooldst.ftdt beheimateten Kinos das Recht, sich nach Belieben ihr Programm zu wählen, die Wahl nach den ihr vorgeschriebenen Gesichtspunkten vorzunehmen. ftfftubte» Ahstidtcn Kein einsichtiger Mensch wird vom Ufa-Tonkino verlangen^ daß es andere als der Berliner Reichsfilmprüfsteile genehme Filme bringt. Aber ml* tiefer moralischer Besorgnis müssen wir feststellen, daß es Imme? noch Juden gibt, die ihr© schwer erworbenen Schillinge In ein Kino trage«, da« sieh auf einem Flugzettel des deutschösterreiehisehen Antisemltenbundes ankündigt; daß es Juden gibt, die ganz unbedenklich die Würde und Ähre ihrer Gemeinschaft Uber Bord werfen, indem sie Solche Filmtheater besuchen, nur um Wlre „Bühnenlieblinge" auf der Fllmleimvand zu sehen. Haben wir darum den Schwindel mit den sogenannten „österreichischen Filmen" in einer Serie von Aufsätzen aufgedeckt, haben wir darum unseren Feldzug gegen den judenreinen Film geführt, auf daß immer noch Juden diesem arischen, judenreinen, vom hakenkreuzlerischen Regime kommandierten Film auf die Beine helfen? Der Antisemitenbund propagiert auf seinen Flugzetteln das Ufa- Tonkino, das Ufa-Tonkino bezahlt Inserate des Ufa- Tonkinos auf dem antisemitischen Flugzettel — verstehen unsere jüdischen Mitbürger noch immer nicht, wer die Aktionen der österreichischen Antisemiten subventioniert? Der Antisemitenbund begnügt sich nicht mit Hetzschriften und Hetzversammlungen. Er will von nun an seine Legitimation offen tragen, denn er hat soeben die folgende offizielle Mitteilung veröffentlicht: „Wir geben hiermit bekannt, daß das öffentliche Tragen des Abzeichens des Antisemitenbundes mit Bescheid des Herrn Sicherheitsdirektors vom 16. September 1937, Zahl 6711/37, im ganzen Bundesgebiet bewilligt wurde/4 Durch diesen Bescheid wird all denen, welche;gegen einen Teil der österreichischen Staatsbürger hetzen, ihn beschimpfen und verleumden, das Recht zuteil, ihr Hetzsymbol öffentlich zu tragen. Diese Hetzer sind damit geradezu autorisiert, ihr übles Handwerk zu üben. Das von der Behörde bewilligte öffentliche Tragen des antisemitischen Abzeichens gibt ihnen die Legitimation für ihr Treiben.. Wir wundern uns über diese Erlaubnis um so mehr/ als sonst das Zürschautragen aller Abzeichen verboten ist, welche als Symbole einer gegen die Ruhe und öffentliche Ordnung gerichteten Gesinnung gelten können. Wendepunkt oder Schreckschuß? Von unserem Palästina-Redakteur Dr, H. Bosenblum (Tel -Aviv) Eben ist aus Jerusalem die etwas überraschende Nachricht eingetroffen, die Regierung habe sich entschlossen, den Mufti Haj Amin AI Husseini seines Amtes als Haupt des Obersten Moslemischen Rates zu entheben, das Höchste Arabische Komitee als illegal zu erklären, und seine Mitglieder des Landes zu verweisen. Außerdem wurden auf Befehl der Regierung die lokalen arabischen Boykottkomitees, die aljerorts existieren und den Stützpunkt für die Tätigkeit des Höchsten Arabischen Komitees bildeten, aufgelöst und auseinandergejagt. Vier prpminente Mitglieder des Höchsten Arabischen Komitees, darunter der Bürgermeister von Jerusalem, Judenstaatsjugend Dienstag, den 12. Oktober, halb 9 Uhr abends» im Heim Wien II, Praterstraße 30, spricht M o s c h e Brafmann Über: Rechtsauffassung im alten Judenstaat G äste w iiikommen! dieser orientalische Politiker m}t dem Januskopf, sind bereits, in Haft genommen worden und dürften demnächst des Landes verwiesen werden. Die anderen Komiteemitglieder, und zwar der bekannte Jamal Husseini, der seinerzeit eine giftige antizionistische Propaganda in London geleitet hat, und Achmed Hilmi Pascha, der Leiter der Arabischen Bank, sind geflohen. Im offiziellen Kommunique" erklärt die Regierung, daß sie zu diesem Schritt durch den wachsenden Terror, dessen letztes Opfer der hervorragende Regierungsbeamte Mr. L. I, Andrews war, gezwungen worden sei. Diese Maßnahmen übten im allgemeinen einen ausgezeichneten Eindruck auf die öffent»- liehe Meinung des Landes aus, und zwar nicht nur auf den jüdische», sondern a,uch a,uf den arabischen?C o i 1. Es ist das erste Mal seit 1933, daß die arabische öffentliche Meinung das Vorhandensein einer Regierungshand verspürt. Noch gestern und vorgestern hat niemand hierzulande an die Möglichkeit solcher Regierungsmaßnahmen geglaubt. Man war sich darüber im klaren, daß der Mord an Andrews eine schwere Untergrabung der Autorität der Regierungsgewalt bedeute, gegen die jede auf ihre Existenz bedachte zivilisierte Macht strenge Gegenmaßnahmen ergreifen müßte.. Die Regierung Palästinas hatte sich aber im Laufe der letzten drei Jahre so viel gefallen lassen, daß sehr viele Bewohner dieses Landes an ihrer Aktionsfähigkeit zu zweifeln begannen. Man glaubte nicht, daß eine Macht, die sich anderthalb Jahre hindurch von einigen Dörfern ruhig terrosisieren läßt, sich eines schönen Tages anders besinnen könnte, Man schätzte infolgedessen den vorgestrigen Artikel der „Times" der die Regierrung zu gößerer Aktivität aufrief, als bloßes Produkt literarischen Denkens ein, für das unsere Beamten und Verwalter große Fähigkeiten bekunden. Nun stellte es sich aber heraus, daß sogar die „zoologisohe" Geduld Al'bions ihre Grenzen hat. Es gibt eine Anzahl von Leuten, die im Raucsh der ersten Ueberrasohung Fragen zu stellen beginnen. Sie fragen, ob die heutige Regierungsmaßnahme einen Wendepunkt in der Politik der Regierung bedeute, oder ob sie nichts als ein neuerlicher Schreckschuß sei, nach dem sich wiederum alte Schwäche und Untätigkeit einstellen werden! Warum mußte die Regierung anderhalb Jahre warten und Hunderte jüdischer und arabischer Opfer verbluten lassen, ehe sie den entscheidenden Schritt tat? Ist denn das Blut von hunderten Juden weniger wertvoll als das Blut eines einzigen britischen Beamten? Und falls das Höchste Arabische Komitee und seine lokalen Boykottkoraitees tatsächlich „illegale Institutionen'1 darstellen, warum hat man mit der Auflösung derselben anderthalb Jahre warten und dem Führer dieser „illegalen Institutionen", dem Großmufti Haj Amin AI Husseini, ein Gehalt in der tmSMtöücUc leimten, Mittaft«nul«n itt BiÄ ftöBtigen Auflägen, auch I SU *tt«rtttedriatt«n Pf»l»«m liefert ^ujUAcial II, Eck« Taborttrafl« 32 / Telephon R-41-4-20 Ankauf, TailSCh zu günstigen Bedingungen Höhe von 50 Pfund monatlich aus der Regierungskasse bis zum heutigen Tage zahlen müssen? Hat man den Bürgermeister Dr. Chaldi in der Jerusalemer Munizipalität jahrelang gegen die friedliche jüdische Majorität der Hauptstadt hartnäckig stützen müssen? Warum hat man die Warnungen des Jischuw ebenso hartnäckig zurückgewiesen? Bedeutet die gegenwärtige Regierungsmaßnahme das Bekenntnis der Behörden, daß ihre bisherige Politik Schiffbruch erlitten hat? Wenn man nur wüßte, ob es sich diesmal wirklich um eine kardinale, wenn auch verspätete Aenderung der Regierungspolitik handle. Leider sind nicht alle davon überzeugt. Es gibt Skeptiker, die glauben, daß nach kurzer Zeit eine neue Wendung eintreten wird und wir wiederum Gelegenheit haben werden, die alten, wohlbekannten „Friedenstöne" der Jerusalemer Regierung zu vernehmen ... * Die Zeitung „Davar" bringt jetzt interessante Aufschlüsse über die Persönlichkeit des neuen „G eneralissimus" der arabischen Terrorbanden. Der Mann nennt sich mit dem etwas dichterischen Namen „Captain Hage". Unter den Arabern ist er als „W o 1 f" bekannt, wobei er selbst diesen Namen als den heroischeren bevorzugt. Der Mann ist in Syrien geboren und beteiligte sich seinerzeit aktiv an dem Drusenauf st and. Nach dem Zusammenbruch desselben floh der „Wolf" nach Amerika, wo es ihm gelang, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erwerben und Lehrer an einer amerikanischen Militärakademie zu werden. Seine Lehrerkarriere dauerte aber nicht sehr lange, denn inzwischen brachen die Unruhen in Palästina von 1936 aus, und „Captain Hage", der gerne die Rolle des arabischen Lawrence spielen möchte, schiffte sich nacht Palästina ein. Er kam zum Schluß der Unruhen und machte die letzten paar Wochen der „Kriegsopera* tionen" unter der Leitung des damaligen „Generalissimus" FauziKaukaji mit. Das letzte halbe Jahr war er mit der Vorbereitung der gegenwärtigen Terrorwelle beschäftigt. Während seiner Anwesenheit in Jerusalem pflegte er im fashionablen King David Hotel abzusteigen. Jedesmal, wenn die Polizei auf seine Spur gelangte, verschwand er nach Syrien, um nach einigen Wochen wiederum aufzutauchen. Ob die Regierung auch ihm einen triumphalen Rückzug sichern wird, wie seinem Vorgänger, „Generalissimus" Fauzi Kaukaji.. . * Die Stellung der Vertreter Aegyptens und des Irak im Völkerbund gab zu verschiedenen Kommentaren Anlaß. Die arabische Presse meint, daß diese Reden den Beginn einer neuen Aera in der Palästina-Politik bedeuten, die mit den TeÜungspläuen herzlich wenig zu tun hat. Diese Ansicht scheint von den maßgebenden politischen Kreisen in Genf inoffiziell geteilt zu werden. Wie die hiesige Presse berichtet, glaubt man in den Kreisen des Völkerbundes, daß nach der zutage getretenen Opposition Aegyptens, des Iraks, Persiens und Irlands sowie der Teilopposition Frankreichs die Aussichten für die Teilung Palästinas bis auf ein Minimum gesunken seien, und gut eingeführt, in Arbeitarbazirk, ißt sofort zu verkaufen, Zuschriften unter „Spottbillig" an die Administration dieses Blattes # daß die maßgebenden Regierungen mit der Ausfindig« machung anderer Lösungen sich, werden be* schäftigen mttssen. Es 'ist bezeichnend, daß die offiziellen zionistischen Kreise die einzigen sind, die an die Teilung Palästinas weiterglauben wollen, Herr Ben Gurion, der angeblich Amerika einen Besuch abgestattet hat (um B r a n d e i s zum Teilungsgedanken »u bekehren), gab vor Vertretern der dortigen jüdischen Presse Erklärungen ab, die als „Stimmungsmacherei" bezeichnet werden müssen. Er sagte, daß der Judenstaat demnächst das Licht derWelterblickenwerde, und daß es ebenso klar sei, daß der neuzugründende Araberstaat nach einiger Zeit den Wunsch äußern werde, an den Judenstaat angesQfclossen zu werden««,Sft