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Die neue Welt · 1937-08-31 · Heft 685 (31.8.1937) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 685 (31.8.1937)
Date
1937-08-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 10 Groschen Dienstag/ den tt* Augnü f#)7 WU Jahrgang Nr. 685 DIE NEUE 186 Titl. Universitätsbibliothek Wien, V. bb. rsendel sditeur« P REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty LH vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Ko 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel* jährig Dinar 40.—Rumänien monatlich Lei 60.—, vierteljährig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14,—j Schweis und die Übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.Verwältüng: IX, Vniversitäfsstr.8, lel.A-20*2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Causa Kaiser Wiederum gibt ein reichsdeutsch-österreichi- Sches sportliches Zusammentreffen Anlaß zu einer Betrachtung, zu einer solchen allerdings, die mit den an den obigen Lustspieltitel verknüpften Erinnerungen nichts gemein hat. Unsere Causa Kaiser gehört nämlich mehr zur Sorte der Tragikomödien, da hier sogar die heiteren Momente einen düsteren Charakter haben... Herr Kaiser, von dem die Rede ist, gehört zu c-en leichtathletischen Sportlern, die vom Sportwart der österreichischen Leichtathleten, Dr. Pistor, für die Teilnahme an dem Treffen in Deutschland ausgewählt wurden. Herr Kaiser wurde auf Grund seiner Leistungen für fähig erklärt, (nebst anderen) Oesterreich in Deutschland sportlich zu vertreten. Herr Kaiser besitzt aber noch eine Eigenschaft: Er ist Jude, Mitglied der jüdischen Sportvereinigung Hakoah. Das wußte Herr Doktor Pistor und dieses Wissen veranlaßte ihn nicht, Herrn Kaiser von vornherein, von der Reise nach Deutschland auszuschließen, von der Reise nach — Nürnberg, wo das Treffen stattfand., Das ist komisch, gewiß: Ein Jude nach Nürnberg! Herr Kaiser fand scheinbar nichts daran. 'Er fuhr, nach Nürnberg. Er war im Begriffe, in Nürnberg anzutreten, obwohl vor ihm drei Jüdische Schwimmerinnen sich 1936 geweigert'hatten, bei der Berliner Olympiade mitzuwirken und von :der österreichischen Sportbehörde d i s q u a1 if'i ziert wurden, eine Affäre, bei. welcher die disqualifizierten jüdischen Mädchen bekanntlich besser abschnitten als ihre Sport-Vorgesetzten. Herr Kaiser fuhr also nach Nürnberg. Komisch. Aber im Nu zeigte sich die tragische Seite seines Tuns. Er durfte nicht , antreten. Seine Sportkollegen hatten nämlich die Ehre, von Ju 1 i us Streicher empfangen und mit einer Rede beglückt zu werden, die sich in nichts von den Reden unterschied, welche der Gauleiter von Franken bei ähnlichen Anlässen gehalten hat. Während Herr Kaiser, der von Dr. Pistor nach Nürnberg kommandierte Leichtathlet, sich irgendwo in einem Winkel der schönen fränkischen Stadt verkriechen mußte, hörten seine sportlichen Mitkämpfer schöne Dinge aus dem Munde Streichers, sie schmunzelten wahrscheinlich, leckten sich die Finger und dachten gar nicht daran, der sportlichen und kameradschaftlichen Ehre Genüge zu tun, d. h., sich um ihren österreichischen Kollegen zu kümmern. Armer Kaiser! Er war nicht ehrenhaft genug, die Ehre des sportlichen Auftretens in. Deutschland zurückzuweisen, und saß jetzt in der Patsohe! Und das Schönste, der Höhepunkt der Tragikomik, das Moment, das die Angelegenheit Kaiser zur Causa Kaiser macht: Seiner Sportbehörde, bezw.' Herrn' Dr. Pistor fiel1 es nicht ein, Satisfaktion für den — österreichischen Sportler zu verlangen. Oesterreichs Sportehre wurde von Julius Streicher besüdelt, aber Oesterreich vermochte nur den Hieb einzustecken und zu schweigen. Herr Kaiser hat in Nürnberg den verdienten, Fußtritt , erhalten. Wenn ein jüdischer Sportler sein Volk' dermaßen beleidigt, daß er'gegen seinen — kom-. mkndierten — Start in Deutschland nicht protestiert,, sondern antritt, dann ist keine Schande groß genug, die ihn treffen kann. Wenn er dafür von seiner Sportbehörde disqualifiziert wird, kann er diesen Makel stolz tragen. Es wird notwendig sein, daß die jüdischen. Sfcortverbände Oesterreichs einen diesbezüglichen' Beschluß fassen. Aber den für den Sport verantwortlichen Faktqren in Oesterreich muß endlich gesagt werden, daß Schluß gemacht werde mit dem Unfug, jüdische Sportler für Nazideutschland zu nominieren. Es muß ihnen gesagt werden, daß wir solche Nominierungen als Provokation empfinden, als Herausforderung der jüdischen Würde und Ehre, und daß wir sie mit der entsprechenden Weigerung quittieren werden. Aus der Causa Kaiser jnuß eine Causa Judaica werden. o, r» Symbol! De* Empfänger der BalfoiirfDeklarafpon gestorben Aus London wird berichtet: Lord Lionel Walter Rothschild ist am Freitag, den 27. August, auf seinem Landsitz in Tringpark, Hertfordshire nach langer Krankheit im Alter von 69 Jahren gestorben. Lord Lionel Walter Rothschild, der „zweite Lord Rothschild", wurde im Jahre 1868 als Sohn von Nathaniel Mazer de Rothschild, dem „ersten Lord Rothschild", dem intimen Freund des Königs Eduard VII. und Gouverneur der Bank von England, welchem als erstem Judendie englische Peers-Würde verliehen wurde, geboren. Der Großvater des jetzt verstorbenen Lord Rothschild war Lionel Nathan Baron de Rothschild, Vorkämpfer der Emanzipationder J u d e n i n E n g 1 a n d, der als erster Jude Mitglied des1 englischen Unterhauses wurde. Die Mutter des verstorbeenen, . Emma Luise, geborene von Rothschild, stammte aus der Neapeler Linie des Hauses. Lord Lionel Walter .Rothschild studierte in Cambridge und Bonn und promovierte zum Dr. phil. Er war eine Autorität auf dem Gebiete der zoologischen Wissenschaf t Von 1899.bis 1910 war er liberales: Mitglied'.des Unterhauses, 1916.folgte er seinem verstorbenen Vater als Mitglied des House. of Lords. Er. war Mitglied der Royal Society, die seit 1660 besteht und der alle englischen Prinzen, Staatsmänner und Gelehrte von Ruf angehören. 1932 überließ er seine berühmte Vogelsammlung von . zirka 500.000 Exemplaren dem Naturhistorischen Museum in. New York, Er war Mitglied des Kuratoriums des British Museum. Seinen Titel als Dr. h. c. der Universität Gießen legte er 1933 nach dem Machtantritt Hitlers zurück. Wie sein Vater und Großvater, setzte sich Lord Lionel Walter Roihschild für verfolgte Juden überall in der Welt ein und spielte auch im innerjüdischen Leben Englands eine hervorragende Rolle. Er war Vizepräsident des Jewish, Board of Deputies und der Anglo-Jewish Association und Präsident des Maccabaean Club. In die Geschichte des jüdischen Volt kes wird Lord Lionel Walter Rothschild eingehen, als der Empfänger der Balfour-Deklarat i o n, vom 2. November 1917, in welcher die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina verkündet wurde. 1920 präsidierte Lord Rothschild der zionistischen Konferenz in London, der ersten großen Zionistentagung nach dem Kriege. Vor zwanzig Jahren, im Jahre 1917, hat eine englische Regierung dem jüdischen Volke Palästina als Judenstaat feierlich versprochen.. Jetzt, im Jahre 1937, Hat eine englische Regierung erklärt, Palästina , teilen, d. h,. das gegebene Versprechen nicht erfüllen zu wollen. Wenige Tage...nach dem Bruch der Balfpur- Deklaration ist der Treuhänder, welchem sie übergeben wurde, der erste Zeuge für die Balfour-Deklaration, gestorben. Die Araber gegen die Teilung Palästinas Von den zionistischen Anhängern des Teilungsplane's wird behauptet, daß die Teilung dem arabisch-jüdischen Frieden dient. Aber aus allen bisher vorliegenden Meldungen ist zu ersehen, daß die Araber die Teilungals Kriegserklärung betrachten. * ' Aus Jerusalem: Die arabische Tageszeitung „F e 1 e s t i n" wirft die Frage auf, in welchem Maße die Kraft der arabischen und mohammedanischen Welt bei der Regelung des P alastinapro blems ins Gewicht falle. Man dürfe, schreibt das Blatt, die Stärke der Juden und ihren Einfluß auf die britische Regierung nichtunter schätzen. Diese habe in letzter Zeit zu glauben begonnen, daß sie auf eine Unterstützung durch die arabische Welt nicht hoffen könne; darum suche sie sich auf die Judenheit zu stützen, auch auf die Gefahr hin, die Freundschaft der Araber zu verlieren. Trotzdem müsse man feststellen, daß weder in London noch in Genf bereits endgültige Beschlüsse gefaßt worden sind. Man wisse dort sehr gut, daß die Bestätigung des T e i 1 u n g s p 1 an e s bedeuten würde, daß man sich offenzuFeindenderAraber erklärt. „Feiestin" setzt sich für eine Aenderung der politischen Methoden auf arabischer Seite ein. Losungen wie „Palästina ist unser Land! Wir fordern volle Selbständigkeit oder den Tod!" seien für Straßenkundgebungen geeignet, hätten aber in der Politik keinen Sinn mehr. Die Araber müßten mit einem klaren Vorschlag zur Lösung des Problems auftreten, damit England den »'.Teilungsplan aufgebe. HJaben die palästinensischen Araber nicht selbst den Mut, dies zu tun, dann müsse diese Arbeit von einem allgemeinen arabischen Kongreß geleistet und ein Plan ausgearbeitet werden, auf den England eingehen könnte. Die Zeitung „A Difaa" schreibt, schon die bloße Vorstellung, daß der Teilungsplan verwirklicht werden könnte, sei ein U n g 1 ü c k. Niemand könne seine Zustimmung dazu geben, daß ihm ein T e i 1 d e r Heimat genommen wird, schon gar nicht, wenn es aich um den besten und w:ertvolisten i Teil des Vaterlandes handelt. Das Blatt wendet sich insbesondere gegen die Einschließung von Haifa und A k k o in den Judenstaat. })FeIestin" begrüßt es, daß bei der geplanten Umgestaltung des britischen Kabinetts der Kolonienminister Ormby-Gore möglicherweise durch den jetzigen Außenminister Eden ersetzt werden wird. Dieser habe zwar in der allgemeinen europäischen Po« litik versagt, aber bei der Lösung der ägyptischen Frage eine wichtige Rolle gespielt. Aus Jerusalem: Der Oberste Arabische Auaschuß hat von High Commissioner zwei Schreiben erhalten, in denen er zu den arabischen Protest« aktionen Stellung nimmt. Im ersten Schreiben bestätigt der High Commissioner, daß er den Protest ■ des Arabischen Ausschusses gegen die vo r 1 ä u f i g e n Verhandlungen, die Dr. Weizmann in der Teilungsfrage geführt hat, erhalten habe. Eine Kopie dieses Protestes sei dem Völkerbund übersandt worden. In dem zweiten Brief stellt der High Commissioner fest, daß die Verhaftungen, die im Kreise der Mitglieder des Obersten Arabischen Ausschusses durchgeführt wurden, mit den gesetzlichen Betimmungen im Einklang stehen. Fau» Kaukadyi freigelassen Aus Jerusalem, 27. August. (J. T. A.) Der arabische Gewährsmann des „Dawar" teilt mit, der Oberste Arabische Ausschuß habe aus Bagdad die Verständigung erhalten, daß die neue Irak-Regierung dem Rebellenführer Fauzi el Kaukadyi, der den bewaffneten Aufstand in Palästina geleitet hat, gestattet habe, seinen Verbannungsort Kirkuk zu verlassen* (Die Palästina-Regiernug hat bekanntlich diesen Führer der Raub- und Mordbanden aus Palästina nach dem Irak entfliehen lassen. Die Redaktion.) * Die Polizei hat in der Gegend Nablus-Jenin einen mehrere hundert Meter langen unterirdischen Tunnel entdeckt. Der Tunnel hat scheinbar in der Zeit der .Unruhen den bewaffneten Banden als Zufluchtsort ge-i

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