Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 675 (27.7.1937)
- Date
- 1937-07-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Mp NECHB WEBT 695 Vom 27. 'Jtfli **38T ] 7mw£/ 7we#/ oder: die Kehrseite der Medaille Wir lesen im Berliner „Isr. Familienblatt": Ein bekannter palästinensischer Schulmann hat dieser Tage in einer Rede scherzhaft geäußert, der Unterschied zwischen einem Ostjuden und einem „Jeken" (deutschen Juden) bestehe darin: der Ostjude lerne nie Hebräisch und könne es immer, der Jeke lerne immer und könne es nie. Man kann dieser bitteren Wahrheit noch eine andere — empirisch belegbare hinzufügen. Der Jeke (soweit er lernt) beginnt jedes Gespräch mit fremden Juden Hebräisch... der Ostjude (und nicht minder der orientalische) antwortet ihm darauf — deutsch, oder mit dem, was er (subjektiv) unter Deutsch versteht. Ein Beispiel: Du betrittst ein Kolonialwarengeschäft. Ueber Heringfässern und Konserven hängt ein stolzes Schild, ausgegeben vom „Waad Halaschon", dem hebräischen Sprachrat (einer Art Akademie). Auf dem Schild steht der nationale Imperativ Palästinas: „Jehudi daber iwrit", (Jude sprich hebräisch!) Du nimmst dir diese berechtigte Aufforderung zu Herzen und stammelst — die Lust und auch den Schmerz zusammennehmend — meist noch an Hand eines sorgfältig vorbereiteten Zettels, die gewünschten Dinge: Maluach — Hering, Naknik Wurst, Gewinna Käse, Bulim Briefmarken, Lachmaniot Brötchen. Der Verkäufer kommt deinen Bedürfnissen nach. Du erhältst, was du verlangst und bist stolz auf die Dfe Nazi-Hetze gegen den „ludenstaat" Der Berliner „Völkische Beobachter" veröffentlicht seit der von Alfred Rosenberg geforderten Einschaltung Deutschlands in das Problem des in Palästina zu schaffenden Judenstaates bereits den dritten großen Artikel zu dieser Frage. Der Verfasser des Artikels, Dr. Heinz Riecke, kommt nach längeren Ausführungen zu dem folgendem Schluß: „Die Reaktion (auf die Schaffung des Juden- Staates) wird nicht ausbleiben. Der Antisemitismus wird eine weitere Steigerung erleben. Das Wort Harela, des Begründers des Zionismus, daß eine Zeit kommen wird, da es nur zweierlei Staaten geben wird, solche, die die Juden aus ihrem Volkskörper abstoßen, und solche, die sie nicht aufnehmen wollen, gilt zwar heute schon in größerem Umfang, wird aber nach der Errichtung des jüdischen Staates erst seine eigentliche Bedeutung erlangen. Ein jüdischer Staat mit einem Galüth-Judentum in allen Ländern der Erde, das die vollen Rechte aller Mitbürger « genießt, die nur einem Staat unterstehen, kann für einige I Staaten, denen das Judentum verpflichtet ist, von großem politischen Nutzen sein, für die Mehrzahl der Völker wird er jedoch eine unerträgliche Belastung innenpolitischer Art mit sich bringen." (J. T.-A.) Hakenkreuz und Sowjetstern am Teetisdi In der Vorwoche gab es in Deutschland eine Pikanterie: manche sagen: Sensation. Hitler empfing den neuen sowjetrussischen Botschafter Jurenjew persönlich, und zwar nicht im Berliner Reichskanzlerpalais, sondern auf seinem Privatwohnsitz. Und Goebbels, der liebe gute Goebbels, der so ausgezeichnete Manieren hat und von allem Sowjetrussischen bekanntlich geradezu begeister ist, arrangierte eine noble Jause für den Vertreter eines Landes, in dem bekanntlich die Diktatur des Proletariats sich etabliert hat. Hitler blickte dem „Bolschewikenhund" wohlwollend, mit treudeutscher Innigkeit, in die Augen, drückte ihm die Hand und versprach .... während Jurenjew, der „Bolschewikenhund", seinerseits auf den Wert der Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland usw. . . . Wir kennen diese Plaudereien. Uns fände dieses Intermezzo zu keiner Betrachtung bereit, würde sich hier nicht etwas Neues ankündigen, etwas, das mit den sogenannten Moskauer Hochverratsprozessen begann: Die Ausschaltung des jüdischen Elements aus der sowjetrussischen Beamten- und Führerschicht. Jurenjews Vorgänger war der Jude S u r i t z, und jetzt soll auch der Posten des russischen Pressechefs in Berlin (bisher war es ein bekannter Sozialist)' umbesetzt werden. Die deutschen Machthaber haben von der Moskauer Sowjetregierung als einer jüdischen Bolschewikenzentrale gesprochen, die die Welt in Brand setzen wolle und gegen die sich die europäischen — Kulturvölker mit dem hitleristischen Deutschland an der Spitze wehren müßten. Es . gab in Deutschland monatelang kein anderes, zum' offenen Fenster gesprochenes Thema als den Kreuz- (Hakenkreuz-) Zug gegen Moskau. Jetzt sind die Herrscher Deutschlands, vornehmlich Hitler, liebenswürdiger geworden. Die Entjudung macht unter Stalins Verfolgungswahn rapide Fortschritte, und es wird nicht lange dauern, bis es im. Kreml keine Judenfrage mehr gibt. Jetzt treten durchwegs waschechte Russen in den Vordergrund, waschechte Russen sitzen auf den Gesandschaftssesseln, Mütterchen Rußland sorgt auschließlich für ihre leiblichen arteigenen Söhne. Unter welcher Maske werden nun die Berliner Diktatoren ihre Phrasen vom jüdischen Bolschewikentum in die Versenkung fallen lassen? M» J U1 ■ - •Am $frt $#»tett tft es, hictttt mt btefei tetfrieUoft »c?f<mf34&!dgtrijF fccrfätttttett* i » fffai *fa &» ^> Damen-Kniestrümpfe, Kunstseide oder Seidenflor, 2. Wahl, Herren-Noppen-Kniestriimpfe, Gummizug, oder Damen-Charmeuse-Netzhöschen . .nur Groschen Hauskleider oder Charmeuse-Hemden oder Weiße Strandhosen.....nur S Ripsleinenblusen, gebl. Kretonne-Blusen, Schaf woll - Damen - Badeanzüge, Ischler Trachtenwesten ......n u r S Gemusterte Kleider, geblümte Dirndl, Herren-Modehemden, 2 separate Kragen nur S Charmeuse-Blusen, Tupf-Schlafröcke nur S Herren-Charmeuse-Hemden m. 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Bemühter, zum Schluß wird dich der Krämer fraget» „Und was wünschen Sie noch freilich besteht auch die Möglichkeit, daß er seine Frage in der ihn* heimatlicheren Formulierung „wos darft ihr noch?* vorbringt... Der nationale Imperativ auf dem- Schilde; des hebräischen Sprachrates gilt eben nur für dich, * l Das gebildete Hebräisch hingegen ist gut, wemt man es mit Menschen zu tun hat, die wirklich in den Sprache denken: mit Lehrern, Journalisten, Schrift^ stellern. Aber gerade bei diesen echten Hebräern habe; ich eine edle Milde feststellen können, die sie wohlt tätig vom Zelotismus der Halb- und Viertelshebräer; unterscheidet. Ein hebräischer Schriftsteller z. B., mit dem ich mich neulich im Sohweiße meines Angesichts über ein literarisches<*Thema hebräisch „unterhielt"* erteilte mir unter Hinweis auf das talmudische Verbot des „zaar baale-chajim" (Tierquälerei) die Erlaubnis, deutsch weiterzufahren. Mit dem Redakteur einer, hebräischen Tageszeitung, der zuweilen meine Arbeiten überträgt, korrespondiere ich noch deutsch. (Nicht ganz zu Unrecht hat er allerdings in seinem Blatte öffentlich bei mir angefragt, ab wann ich gedächte, eine hebräische Feder zu führen. Aber anders verhält es sich mit einem Kollegen, einem deutschsprachigen Schriftsteller in Palästina: Arglos schrieb ich ihm vor einiger Zeit einen Brief über ein deutsches Buch und bekam denselben mit dem Vermerk zurück, daß es der Herr Empfänger ablehnte, deutsche Briefe zu lesen ... diese seine Meinung teilte er mit ... auf deutsch. * Ich berichtete vorhin von einem Redakteur, der manchmal Artikel von mir ins Hebräische übersetzt. Er macht das mit viel Einfühlungsgabe und Gewissenhaftigkeit, aber damit ist er das, was man einen weißen Raben nennt. Es versteht sich ja auch von selbst, daß überall, wo sehr viel übersetzt wird, auch sehr viel schlecht übersetzt wird. Besonders schwierig wird die Situation der Uebersetzer aus dem Deutschen meist dadurch, daß sie zwar gut Hebräisch können, aber — genau genommen — nicht Deutsch, sondern Jiddisch. Und das führt manchmal zu tollen Mißverständnissen. Von einem bekannten Tel-Aviver Autor und Uebersetzer wurde mir folgende kuriose Anekdote berichtet. Er übersetzte für eine Tageszeitung einen Fortsetzungsroman, und da begab sich der — gewiß seltene — Fall, daß in der Uebersetzung eine Person mehr vorkam, als im Original. Dieser neuhinzugekommene Held hieß Leiser Nachhall ... Und das kam so: ein Satz des Romanes lautete: „Leiser Nachhall blieb im Zimmer." Leiser — so argumentierte der Uebersetzer, der nicht weiter las, als es sein täglicher Fortsetzungsabschnitt erforderte — ist ein guter, jedermann bekannter jüdischer Vorname. Und Nachhall? Mein Gott, warum sollte ein Jude nicht Nachhall heißen. Und noch dazu in einem Roman ... Ich weiß nicht, was weiter aus dem Romanhelden Leiser Nach- hall geworden ist, aber so viel weiß ich — und das ist schön zu wissen — daß trotz aller Mängel, die Weltliteratur in hebräischen Uebersetzungen sich ihren Platz in den Herzen der jungen, fast nur hebräisch lesenden Generation erobert hat. Auch dafür noch ein Beispiel. Im Cafe sitze ich einer jungen Dame gegenüber, die in ein großes Romanwerk des Dichters Franz Werfel vertieft ist. Man kommt ins Gespräch, natürlich auch auf das Buch, das mein Gegenüber soeben liest. Die junge Dame ist erstaunt, daß ich das Buch kenne, denn ich kann in der Unterhaltung kaum verbergen, daß es mir noch schwer fällt, hebräische Bücher zu lesen. Ich kläre sie darüber auf, daß ich das Buch deutsch gelesen habe. „So, meint die junge Hebräerin interessiert, „ist das Buch schon übersetzt?" Schalom Ben Chorin (Jerusalem).; Eigentümer, Verleger, Herausgeber: Oberbaurat Robert Stricker. Verantwortlicher Redakteur: Frftz Kolli). Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G. Ignaa Steinmann« allej .Wien, jx„ JJniversitätastraße