Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 674 (23.7.1937)
- Date
- 1937-07-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2712245-2712299--6618-2720394- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
REVU HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierten jährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 50.—, vierteljährig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, Vierteljahr« Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—3 Schweiz und die Übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.Verwaltung: lX,Universitätsstr.8f7el.A-20-2-78 - Erscheint Dienstatf u.Freitag Ferienreisen nach Polen »Billig / bequem / D-Zug / Platzkarten / Abrciian feden Sonntag Leitung: Dr. TOCKER Auskünfte' und Anmeldungen: „IN DIE WEIT", W. M. RENNER, Wien IX. Liechtenstelnstr. 2, Tel. A-14-5Q4. (Nächst Schottenrl " 1 (ER, I Ing) B Ein Wiener Prozeß Der Prozeß gegen den Wiener Financier Siegmund Bösel ist —wir sagen es der Wahrheit zu Ehren — niemandem zu Nutz ausgegangen. Weder hatten jene eine Freude, denen es ein Herzensbedürfnis ist, der Obrigkeit ein Schnippchen ' zu schlagen; noch kamen die anderen auf ihre Rechnung, die mit dem allerdings abgebrauchten Brustton der Ueberzeugung für jede Schuld die adäquate Buße verlangen. Es.war ein müder, lustloser Prozeß, bei dem nicht einmal das Vergnügen,, an einer artistisch reizvollen Prozedur teil-, zunehmen, vorhanden war. Viele, die selbst das Leben eines Faiseurs hinter sich hatten, fragten sich, was denn bei solch einem Verfahren herauskommen könne, und ganz im Hintergrund,, beim trauten Schein der Dämmerung, wurde da und dort, zeitweilig, die Vermutung wach, daß nach einer längeren Pause v/ieder einmal „die jüdische Verderb'theit" Iris Licht einer unduldsamen Oeffe'h'tlichkeii gerückt werden solle. Wir begeben uns nicht auf diese Ebene. Wir sind, weder Richter rno'ch Kiebitze des Rechtes. Der kriminelle Tatbestand vermag den Sinn unserer Betrachtung nicht zu verbiegen. Man muß gestehen, daß die Wiener Presse den Fall Bösel mit' einer anmutigen Noblesse behandelte und ihn mehr der Balzacschen Romantik als der „Chronique scandaleuse" näherte. Ob das aus Dankbarkeit geschah für das Verständnis, das der Bankier Siegmund Bösel seinerzeit der Presse .entgegenbrachte, öder in der Absicht, sich von der Rachgier des bodenständigen Kleinbürgers zu distanzieren, der, in Bösel unbedingt das Symbol des raffenden Kapitals, des Antichrist", des — Autobesitzers sehen wollte, läßt sich nicht entscheiden. Jedenfalls war für Siegmund Bösel, der auch im Gerichtssaal unter der schweren Anklage sympathisch gewirkt haben soll, mehr Wohlwollen vorhanden, als in solchen Fällen usuell ist. Bis auf eine gewisse Presse, die aus dem Prozeß unbedingt eine Judensache machen wollte ... Die „Wiener Neuesten Nachrichten" beispielsweise nannten, von großdeutschem' Esprit berauscht, den Angeklagten ständig S i g i Bösel, im Glauben, ihn mit dieser Abbreviatur getrost dem Henker oder der öffentlichen Mißgunst anvertrauen zu können. Die antisemitische' Provinzpresse war glücklich, nach so v}el „arischen" Skandalen (Defraudationen „arischer" Rechtsanwälte, Kreditbetrügereien „arischer" Geldgeber usw.) nun wieder einmal einen jüdischen Fisch gefangen zu haben, mit dem man den judenfresserischen Appetit längere Zeit befriedigen kann. Uns tangiert der Fall Bösel nicht; weder der 55U Reichtum und Macht aufgestiegene, noch der in den Gerichtssaal zitierte und zu 18 Monaten verurteilte Jude Siegmünd Bösel. Unter dem in aller Welt zerstreuten jüdischen Volk gibt es Gerechte und Schuldige, Gute und Böse, und wir können nicht für jeden einstehen, mag er Schönes oder Häßliches schaffen. Bösel selbst, als er stark und mächtig war, hatte für die Nöte der Juden, für die Linderung der Judennot nicht viel übrig. Politische und literarische Schmarotzer verrammelten ihm den Weg, den er hätte gehen können, den Weg zur jüdischen Schicksalsgemein- Schaft. Wir reklamierten ihn nicht als den Unsrigen damals als man ihm nachlief und huldigte und sich in seinem Glanz baden wollte. Wir stoßen ihn heute nicht von uns, da er ins Unglück geraten ist. Wir empfinden höchstens Mitleid mit einer Menschenseele, die ihr Leben lang nicht wußte, wo sie rechtens beheimatet ist, und haben nur den einen Wunsch, der vielgenannte Jude möge uns keine Gelegenheit mehr zu einer Betrachtung geben. Versunken und vergessen , . . Nicht mehr als fünf Minuten Zwanzig Jahre nach der Balfour-Deklaration und fünfzehn Jahre seit Beginn des Palästina-Mandats erklärt die englische Regierung, daß die ihr vom Völkerbund übergebene Aufgabe undurchführbar sei und daß sie darum in der Teilung Palästinas einen Ausweg gefunden habe. Durch dieses Projekt ist selbstverständlich die bisherige Rechtsgrundlage des jüdischen Palästina-Aufbaues preisgegeben. Denn das, was die Juden in den Nachkriegsjahren und vornehmlich in den letzten fünfzehn Jahren in Palästina schafften, alle ihre Leistungen und Vorbereitungen, die Herein- % bringung von Menschen, Kapital und Energie, der große Organisationsapparat und die nationalen Fonds — all das-geschah, unter dem . Aspekt, daß der Lohn dieser Arbeit ein unabhängiges, jüdisches Gemeinwesen auf dem Territorium Palästina sein werde, kurzum: ein Judenstaat. Hoffnung und Traum, Sehnsucht und Verlangen ruhten auf der Realität: Judenstaat mittels des Mandats. Hätte es bei den Juden der Welt, hätte es bei;'den hunderttausenden, ^— organisierten oder nichtorganisierten — Zionisten hierin einen Zweifel gegeben, so wäre das jüdische Volk mit seinen zumeist qpfervoll zusammengerafften Kräften. sparsamer und wahrscheinlich auch vorsichtiger umgegangen. Es gab Stunden, wo von zionistischen Gegnern eine S#hmäTerun£ des Mandatssihnes versucht 'würde, ins-' ILFEJ%fc jeden Bart 'A bezwingen! besondere jeweils nach den arabischen Revolten. Aber die Verwalter des Mandats haben nicht einmal in kritischen Stunden gewagt, zu bestreiten, daß beabsichtigt war, die Juden in Palästina zum S^aatsvqlk zu machen, sie zur Mehrheit der Bevölkerung anwachsen zu lassen. Eher noch gab es in brithschalomitisohen und weizmannistischen Zirkeln Schmälerer des Begriffs „Jüdisches Nationalheim" und feige Interpreten eines Textes, von dem Lloyd George vor der Kgl. Kommission im Frühjahr 1937 sagte, daß den Juden staatliche Selbständigkeit auf Basis der allmählich zur Majorität anwachsenden jüdischen Gemeinschaft zugedacht war. Diese Tatsache galt unter allen vernünftigen Menschen, unter allen ehrlichen und ehrenhaften Engländern als Axiom — bis zum 7. Juli 1937, wo die englische Regierung den Juden, den Arabern und den Völkerbund!- Staaten verkündete, daß „den Bestrebungen unter den Bedingungen des gegenwärtigen Mandats nicht Genüge getan werden kann und . daß ein Auf teilungsverfahren auf der allgemeinen Linie, die von der Kgl. Kommission empfohlen wird, der beste und hoffnungsvollste Ausweg ist". Die englische Regierung erklärt also, daß sie die beiden Nationalitäten treimen will, um dem „nicht zu überbrückenden Konflikt" ein Ende zu machen. * Eine Pariser Zeitschrift, klarblickend in dieser Sache, meint, die von England vorgeschlagene Teilung (wobei 600.000 Araber an Trahsjordanien übergehen, 300.000 Araber im jüdischen Teil verbleiben) sei nicht imstande, die Unzufriedenheit abzubauen. „Werden die 300.000 Araber", schreibt die Zeitschrift, „zufriedener mit ihrer vollendeten Minorisierung seinals die 900.000 mit der drohenden? Sicher nicht . . . 900.000 oder 300.000 widerstrebende Araber: das ist der ganze Unterschied. Um es mit 600.000 Arabern weniger zu tun zu haben, ist die Weltmacht Großbritannien bereit, die feierliche Verpflichtung von 1917 und den Weltauftrag von 1922 mindestens zu denaturieren. Einen arabischen Splitter von 900.000. Seelen in einem geregelt-zivilisierten Minderheitsstatus zu halten: dazu erklärt das Weltreich sich außerstande, das über ein Drittel der Erde gebietet. Imstande erklärt es sich zu der Aufgabe nur, wenn der Splitter auf 800.000 Seelen reduziert wird. Das ist, von allem Beiwerk entkleidet, der Sinn der zweiten Teilung Palästinas." Richtig gesehen und doch nicht ganz richtig... * Als wir Palästina zu kolonisieren begannen, war es uns klar, daß wir auf Araber stoßen werden, auf ein zartes, arabisches Volkstum. Es gab eine Gruppe unter uns, die hoffte, daß die Besserung der wirtschaftlichen Lage auch der Araber deren nationalistische Instinkte niederhalten werde, daß wir in der Lage sein werden, die arabischen Massen glücklich zu machen. Es war eine verflucht böse marxistische Ideologie, die sich nicht entblödete, die arabischen Proletarier zu organisieren, unter dem Titel proletarischer Solidarität und unter Berufung auf die Chance, die Araber durch brüderliches Schulter-an-Schulter-Stehen für unsere Wünsche willfähriger zu machen. Aber was auch immer geschah — der Mandatar war beauftragt, uns kraft Rechtens ins Land, in unser Land zu lassen, uns bei unserer Repatriierung zu unterstützeiij im Bedarfsfall gegen die nationalen Bestrebungen der kleinen Araberschar in Palästina die nationalen Aspirationen des jüdischen Volkes durchzusetzen. Denn Palästina und das jüdische Volk waren ein S o n d e r f a 11 in der Weltgeschichte und das britische Weltreich war mit der ehrenhaften Aufgabe betraut worden, diesem Sonderfall seine Kräfte zu leihen — einem ehrenhaften Sonderfall, da ja dasselbe britische Weltreich den Nationalismus der arabischen-Völker befriedigt hatte, siehe Irak, Saudi-Arabia, Transjordanien, Jeinen und schließlich auch Syrien,; Libanon, Aegypten ... Unzählige Millionen Mohammedaner in Indien vermochte der britische Löwe im Zaum zu halten, 600.000, bzw. 900.000 Araber einer wohlwollenden friedensbereiten, demokratischen jüdischen Majorität anzuvertrauen, erklärte er sich am 7. Juli 1937 außerstande. Das Mandat, sagt er, könne er nicht erfüllen. Aber er legt es nicht zurück, sondern will# teilen, zerschneiden. Und auch das will der britische Lowe nicht. Noch einige Augenblicke Geduld —! Es hat keinen Sinn, sich auf den unglücklichen Zufall zu berufen, daß England leider in einer schwachen Periode seiner imperialen Geschichte die Verwaltung Palästinas und damit das Schicksal des jüdischen Nationalheims anvertraut bekommen hat. Wir müssen den Dingen in die Augen schauen. Auch politisch mindergeschulte Hirne vermögen eine tragische Parallelität zwischen der englischen Politik in Palästina und in den anderen Teilen der Welt zu erkennen. England hatte eine große Verantwortung auf sich. Kleine und schwache Staaten vertrauten auf Englands Loyalität und auf die sittlichen Prinzipien, denen es, gestützt auf seine demokratische Verfassung, huldigte. Aber gerade im Augenblick, wo England sich den brutalen Erscheinungen des Völkerlebens entgegenstellen sollte, flüchtete es aus seiner ehrenwerten Tradition, ließ Völker in Katastrophen hineinschlittern, setzte der Gier diktatorischer Gewalten nichts als seine Schlamprigkeit entgegen. Vor seinen Augen wurde Abessinien erobert, die reichsdeutsche Köpenikiade installiert, der spanische Bürgerkrieg in Szene gesetzt. Niemand kann von uns verlangen, daß wir unter den schwachen Nerven Englands gerade in der Periode, wo es das Mandat verwaltet, noch weiter dulden und seine Lässigkeit mit der Teilung Palästinas bezahlen sollen. * Teilung? Keine Spur. Die Verhältnisse im Vorderen Orient haben sich derart entwickelt, daß England der arabischen Herrscher nicht mehr sicher ist. Es sucht einen neuen Vasallen. Es hat ihn schon. Der neue Vasali heißt Emir Abdullah. England teilt Palästina nicht. England schenkt Palästina seinem neuen Vasallen Emir Abdullah von Transjordanien. England verschenkt unser Palästina und gibt uns als Trinkgeld für geleistete Dienste ein paar tausend Quadratkilometer. Das ist die Lage, das ist der Tatbestand. Der jüdische Staat und der arabische Staat? Leeres Geflunker. Wenn England jetzt die Balfour- Deklaration verleugnet, das Mandat verletzt, sein Wort bricht — wer bürgt uns dafür (ich sage dast denen, die mit der Idee vom Zwergstaat kokettieren), daß England diesen Zwergstaat respektiert? Wer bürgt uns dafür, daß es nicht eines Tages uuserea