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Die neue Welt · 1937-04-23 · Heft 650 (23.4.1937) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 650 (23.4.1937)
Date
1937-04-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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185 Preis 20 Groschen Freitag, den 43* Ap*ü 1*37 Titt. UniVi Nr* 650 V.b.b. Zeitung vom Verleger versendet KTournal expödiö par VMiteaf* DIE NEUE WELT REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich 8 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig 3 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50. vierteljährig Zloty 4.60; Tschechoslowakei monatlich Ko 6.—, vierteljährig Ko 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Bam&nien monatlich Lei 60.—, vierteljährig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark 1—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 6.—, . vierteljährig Lira 14.—a Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.60, vierteljährig Schweizer Francs 4.60. Mit B bezeichnet© Anseigen sind entgeltlich. Redaktion u.Verwaltung: lX,Universitä*sstr.8,7 et. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Bnej-Brith-Logen in Deutschland aufgelöst Aus Berlin wird unter dem 21. d. gemeldet: Die Deutsche Geheime Staatspolizei (Gestapo) hat den Unabhängigen Orden Bnej Brith für das gesamte Deutsche Reich verboten. Die Mitteilung hierüber wurde vom Reichspropagandaministerium ausgegeben, was darauf schließen läßt, daß man mit dieser Maßnahme — ebenso wie mit dem kürzlich erlassenen sechzigtägigen Verbot aller jüdischen Versammlungen und Sportveranstaltungen in Deutschland — Wirkungen im Ausland erzielen will. Den ausländischen Journalisten in Berlin gegenüber wurde seitens des Propagandaministeriums das Verbot der Bnej-Brith-Logen damit begründet, daß „ein Logenmitglied kommunistische Propaganda" (!) betrieben habe; damit sei die ganze Organisation in die Angelegenheit verwickelt. Die Journalisten konnten jedoch schon kurz darauf in Erfahrung bringen, daß das betreffende Logenmitglied, ein früherer preußischer Landtagsabgeordneter, zwar wegen angeblicher kommunistischer Propaganda verhaftet, aber schon nach wenigen Stunden wieder freigelassen wurde, was mit Sicherheit darauf schließen läßtj daß-der. „gegen ihn.. entstandene Verdacht sich, als vollkommen grundlos erwies. Die ~ nationalsozialistische Presse läßt denn auch die Version von dem „kommunistischen Logenmitglied" fallen und deutet — offenbar aus Verlegenheit und aus Mangel an einer anderen zureichenden Erklärung— an,, die Auflösung der Logen sei wegen „Devisenvergehen" erfolgt. Bereits im Jahre 19S4 kamen die Bnej-Brith- Logen in eine schwere Bedrängnis, als die Gestapo in einer ostpreußischen Stadt mitteilte, daß im dortigen Lokal der Ortsgruppe der Loge Bnej Brith bei einer Haussuchung kommunistische Literatur gefunden wurde. Es konnte jedoch bald darauf einwandfrei festgestellt werden, daß die Literatur von fremder Hand eingeschmuggelt worden war. Offenbar wurde schon damals ein Handstreich versucht, der zum Verbot der Logen hätte führen sollen. Was damals nicht gelungen war, war jetzt von Erfolg begleitet. Gleichzeitig mit der Auflösung der Logen ist auch das Eigentum der Logen in ganz Deutschland zugunsten des Staates beschlagnahmt worden. Dadurch geht ein beträchtliches Vermögen, darunter zahlreiche, dem öffentlichen Wohl dienende Gebäude und Institutionen, dem deutschen Judentum verloren. Die Bnej-Brith-Logen in Deutschland und ihre Frauenverbände, unterhielten sehr viele öffentliche Wohlfahrtseinrichtungen, wie Greisenasyle, Jugendhorte, Krankenanstalten, Pflegerinnenschulen, Kultureinrichtungen usw. Auch die Kosten des jüdischen Arbeitsnachweises (der übrigens seit längerer Zeit verboten ist), der Berufsumschichtung sowie vieler anderer mit den Logen nicht direkt verbundener Institutionen wurden zu einem großen Teil aus den Mitteln der Logen bestritten. Die Logen leisteten auch eine große, rein philanthropische Arbeit, wie z. B. direkte Unterstützung an Verarmte und Arbeitsunfähige. Durch den Fortfall aller dieser Einrichtungen gelangt das ohnehin schon durch den öffentlich geleiteten Boykott, den Geschäftsverkauf-, bzw. Verschleuderungszwang, durch Ausschaltung der jüdischen Angestellten usw. stark verarmte deutsche Judentum in eine noch weit drückendere Lage aJs bisher. Die Logen bildeten auch das letzte Zentrum gesellschaftlichen Verkehrs unter den Juden; durch ihre Auflösung ist den deutschen Juden, die Theater und Kinos sowie alle nichtjüdischen öffentlichen Veranstaltungen meiden müssen, die letzte Möglichkeit, einen erweiterten gesellschaftlichen Verkehr zu pflegen, genommen worden. Die Geheime Staatspolizei hat neben dem vor kurzem ergangenen Verbot der Tätigkeit jüdischer Sportvereine jetzt auch ein Verbot der Veranstaltung hebräischer Sprachkurse, wie sie die jüdische Gemeinde Berlin und andere Gemeinden und Organisationen veranstalten, erlassen. Ebenso wurde auch der Unterricht in Fremdsprachen an auswanderungslustige Juden verboten. Rabbiner Baedk verhaftet Weiters wird aus Berlin gemeldet: Wie jetzt bekannt wird, wurde im Zusammenhang mit der Auflösung der Bnej-Brith-Logen in Deutschland der Großpräsident der Logen, Rabbiner Dr. Leo Baeck, der gleichzeitig Präsident der Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist, sowie etwa 80 führende Mitglieder des Ordens von der Gestapo verhaftet. Dr. Leo Baeck war bekanntlich am Jörn Kippur des Jahres 1985 wegen seiner Botschaft an die Juden von Gestapo-Agenten verhaftet worden, aber nach eintägiger Haft im Columbia-Haus wieder in Freiheit gesetzt worden, Amerikanische Loge wird intervenieren Aus Cincinnatti wird gemeldet: Der Präsident des interterritorialen Verbandes der Bnej-Brith- Logen, Alfred M. Cohen, "erklärte der Jüdischen Telegraphen-Agentur, er werde alles möglicheunternehmen, um die Reichsregierung zu veranlassen, ihren Beschluß betreffend den Orden Bnej Brith zurückzunehmen. Er betonte, der gesamte Orden Bnej Brith sei eine amerikanische Institution, die ihre philanthropische und sozial-kulturelle Tätigkeit in dreißig Ländern ausübe. Der österreichische Jude im Kreuzfeuer Wien, 22. April 1937. In einer Zeit, da die Spannung zwischen den patriotischen Oesterreichern und den Saboteuren der wirtschaftlich-kulturellen Aufbauarbeit durch eine entschiedene. Steliüngnahi^;äe schien,? kam in Oesterreich ein Begriff auf, der heute schon einen landläufigen Inhalt bekommen hat: Befriedung! Von verschiedenen Punkten strebte man dem Zentralpunkt, der Befriedung, zu. Die Richtlinie war deutlich gegeben. Und so gab es kein Mißverständnis mehr über das, was unter dem „neuen Oesterreich" zu verstehen sei. Der Kurs ließ abwegige Deutungen nicht zu. In zahlreichen Reden wurde das Programm — Richtung und Ziel — deklariert. Man sollte meinen, daß unter solchen Umständen allen Staatsbürgern, die den ausgegebenen Parolen willig folgten, ein ungestörtes Wirken und Schaffen zugesichert sei, also auch den jüdischen. Aber trotz der Erklärungen verantwortlicher Stellen, die doch ein Interesse an der Heranziehung der „p a t r iotischBetonten" haben sollten, umfaßte die angestrebte Befriedung nicht alle Kreise der Bevölkerung. Denn während auf der einen Seite immer nur vom österreichischen Staatsbürger schlechthin die Rede war, gaben andere Faktoren höchst unverblümt zu verstehen, daß sie die Eingliederung der Juden in die gemeinsame Front nicht für ange-, messen halten, und manche Herren in öffentlicher und *! exponierter Stellung schlugen sogar Töne an, die denen der rassischen Verfemung nicht unähnlich sind. Man wiederholte die alte Melodie vom zersetzenden Einfluß, vom zweckgerichteten Sinn des Juden, der nur seinen Vorteil suche, und die nicht minder alten Phrasen vom jüdischen Kulturbolschewismus und Ausbeutertum. Wäre es bei dieser Phraseologie geblieben, die nur ihres ehrwürdigen Alters wegen Beachtung beanspruchen kann, so könnte man sich über diese Versuche der moralischen Diffamierung hinwegsetzen, da nun einmal der Antisemitismus mit Schlagworten arbeiten muß und einer realen, wirklichkeitsnahen Lösung der Judenfrage ausweicht; ihm ist es ausschließlich um Befriedigung pathologischer Gelüste zu tun. Aber die Herren, die über Machtpositionen verfügen, welche man nicht umgehen kann, arbeiten mit Fiktionen, wenn es gilt, das jüdische Element im Staat auszuschalten, und eignen sich Krankenfahrstühle von S70.— aufw.,lttr Zimmer und Straße. Tragsessel und Selbstfahrer, neu und gebraucht, auch Teilzahlung oder LEIHWEISE. Riesenauswahl! Handagen-mTkolasch T,borttr n die Argumente jener an, die sie selbst als Zerstörer der staatlichen Renaissance bezeichnen — die Argumente der unbelehrbaren, unentwegten Feinde eines selbständigen Oesterreich, der Nationalsozialisten hitleristischer Prägung. So entsteht der groteske Zustand, daß man von offizieller Tribüne die österreichfeindlichen Hakenkreuzler verdammt, aber den patriotisch bewährten Juden das Brot vom Munde nimmt, ohne sich über das Unlogische solch einer Handlungsweise Gedanken zu machen. Gleichzeitig bedient sich auch ein großer Teil der österreichischen Presse — gär nicht zu reden von den nach Oesterreich importierten reichsdeutschen Naziblätter — der Argumente des giftigsten Hakenkreuzlertums, spontan einer Gleichschaltung sich unterwerfend, die bezüglich anderer Belange entrüstet abgelehnt wird. Und weder entsteht der absurde Zustand, daß solche Pressetöne gar nicht als im Widerspruch zum deutschchristlichen Charakter Oesterreich stehend empfunden werden, während man Zeitungen, die der Abwehr solcher Angriffe dienen, als „J u d e n b 1 ä 11 e r" diffamieren will. So wird schließlich eine Pressepolemik, deren Ausgangspunkt der Gegensatz zwischen Oesterreichertum und Hakenkreuzlertum war, auf dem Rücken der Juden ausgetragen. Auch im engeren Bereich des vaterländischen Frontgedankens wird der ersehnten Befriedung vermittels lauter, durchs Mikrophon noch verstärkter Schlagworte Gewalt angetan. Man kann in Versamm* lungen aus dem Munde führender Persönlichkeiten Aeußerungen hören, die vom Publikum ohneweiters als Ermunterung' zu einem antijüdischen Feldzug gedeutet werden; manche Redner, gestützt auf ihre bevorzugte Stellung, wagen den guten Willen und die patriotische Haltung der jüdischen Staatsbürger anzuzweifeln und das selbstverständliche Bekunden der österreichischen Gesinnung zu ironisieren. Ob die Judenschaft ihre Neigung zum Legitimismus oder zur gegenwärtigen Staatsform erkennen läßt — auf jeden Fall ist sie unter der Aegide sogar der autoritär gerichteten Männer einer Kritik ausgesetzt, die als Ausdruck des Mißtrauens und der Distanzierung gewertet werden kann. Erst kürzlich glossierten Bezirksführer der Leopoldstadt gelegentlich großer Kundgebungen hämisch den Flaggenschmuckjüdischer Wohnparteien, wobei sie sich nicht scheuten, Wortverbindungen gegen die Juden aus dem Sprachschatz des Radauantisemitismus zu gebrauchen. Natürlich werden die Juden sich in ihrer Gesinnung nicht wankend machen lassen. Aber es könnte die Frage entstehen, ob man sie von allen Aeußerungen der Zugehörigkeit zum neuen Oesterreich zurückhalten will. Man hat in der letzten Zeit seitens populärer Frontführer den Wunsch höreri

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