Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 644 (1.4.1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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E V U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—. ganzjährig S IG.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 1*.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 60.—, vierteljährig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, yierteljährlf Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig? Lire 14.—: Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltliöh. Redaktion U.Verwaltung: IXtUniversitä<sstr.8Jet.A-20-2'78 - Erscheint Dienstag u.Freitag N/f^W Mi!N^^^<SI::lN HARd'Y /; aa ü ..■GABi#;# \HOKLÄY:<? ^%^'> mm&mmmi:: BURG-KINO, I t INPERIAL-KIN0, I Zionislen auf Irrwegen Zwischen Valencia und Burgos Die Periode vom Abschluß der bürgerlichen Emanzipation der Juden in Europa bis zum Einsetzen des Herzischen Zionismus ist durch die Versuche gekennzeichnet, welche Juden und jüdische Gruppen unternommen haben, um Anschluß an die kulturellen und politischen Bewegungen der. Umwelt zu gewinnen. Dieser Prozeß vollzog sich nicht immer und überall harmonisch. Es war vielfach kein Hineinwachsen, sondern ein Hineindrängen. Es handelte sich eben in der Mehrzahl nicht um Freigewordene; * welche sehenden Auges in eine bisher fremde Umgebung traten, sondern um Freigelassene, welche blind in' sie hineinstürmten. Anders ist es wohl nicht zu erklären, daß die Juden damals deutscher taten als die Deutschen, polnischer als die Polen, französischer als die Franzosen, sozialistischer als die Sozialisten, moderner als die Modernen, revolutionärer als die Revolutionäre. Die Reaktion der Umwelt setzte bald ein. Die Klagen, welche da und dort gegen die Vordringlichkeit der Juden erhoben wurden, verdichteten sich zur Lehre von dem zersetzenden Einfluß des jüdischen Elements und der Notwendigkeit, die den Juden gegebene Gleichberechtigung zu begrenzen oder ganz aufzuheben, Die Reaktion nach innen war noch verderblicher. Die Flucht aus dem Ghetto artete in Flucht aus der jüdischen Gemeinschaft aus, auf ' welcher man alle jüdischen Werte wegwarf, Stück um Stück, als Ballast, der beim . Laufen hindert. Das Trachten nach Anpassung gedieh zur' blinden Anbetung fremder Ideen, zur Selbstverleugnung, zur -Charakterlosigkeit, zum Selbsthaß. Es ist die Großtat Theodor Herzls, den nach außen- und innenhin so gefährlichen Zustand seelischer Verkommenheit, in welchen das Judentum seiner Zeit' geraten war, enthüllt zu haben. Der Schöpfer der Idee vom Judenstaate war auch' der Rufer zur jüdischnationalen Selbstbesinnung.. Er lehrte seine Anhänger Achtung vor dem jüdischen Ich und ruhiges Betrachten fremder Werte. Er lehrte sie, festen Schrittes den eigenen jüdischen Weg zu gehen, statt den anderen auf ihren Wegen nach- und vorauszulaufen. , So wurde es auch zu Zeiten Herzls und in den Jahren, die seinem Heimgange unmittelbar folgten, gehalten. Der Zionist aus der Herzl-Schule war kein kultureller und politischer Schmarotzer und Tellerlecker an fremden Tischen, Und im Geschrei des Tages war seine Stimme nicht zu hören. Distanz halten — stolz ohne Arroganz — war ein Hauptstück zionistischer 'Substanz. In den Jahren nach dem Weltkriege hat sich in großen Teilen der Zionistischen Organisation eine Wandlung vollzogen, die im wesentlichen ein Abrücken von Theodor Herzl bedeutet. Es wurde nicht nur seine Idee vom Judenstaate preisgegeben, sondern auch sein Gebot von der nationalen Selbstbesinnung und der kulturellen und politischen Selbstbeschränkung. Der Eintritt der Zionisten-Sozialisten in die Internationale, die Einbeziehung reicher Assimilationsjuden in die Leitung der zionistischen Bewegung und die gedankliche Anpassung der Zionisten-Revisionisten an heute in Mode gekommene diktatorische und totalitäre Methoden in der Politik und Organisation sind in die Augen springende Anzeichen des Rückfalles in die Geistesverfassung der. durch den Herzl-Zionismus In Erwartung der Gerechtigkeit.. Aus einer Unterhausdebatte erfährt man, daß der Oberste Arabische Ausschuß einen Aufruf an die arabische Nation erlassen habe, worin diese aufgefordert wird, Ruhe zu bewahren, „nachdem von den arabischen Königen und Fürsten ein hoher Befehl eingetroffen war, in welchem vollste Unterstützung zum Schutz der arabischen Rechte und zur Erfüllung der nationalen Forderungen zugesagt wurde". Weiters heißt es im arabischen Aufruf: „Der Oberste Arabische Ausschuß erkennt, daß es im nationalen Interesse notwendig ist, den Rat Ihrer Majestäten und Hoheiten auch weiterhin zu befolgen und vollständige Ruhe zu bewahren; der Ausschuß fordert die ehrenwerte Nation auf, Erregung und Gewalttaten zu vermeiden und vollständig ruhig zu bleiben in Erwartung der ihnen verheißenen Gerechtigkeit, die Herzen voll Hoffnung und die Seele erfüllt von dem Bewußtsein der Gerechtigkeit der arabischen Sache." Wenn man die Mentalität der arabischen Führer kennt und weiß, mit welcher Geschicklichkeit sie seit jeher zweideutige Erklärungen abgegeben haben; wird man zur Erkenntnis kommen, daß diese matte Mahnung zur Ruhe eine zeitliche Einschränk u n g,. nämlich bis zum .Begeht der.Kgl. Kommission, in sich birgt. Diese Mahnung ist also nicht ernst zu In jüngster Zeit hat sich ein Fall ereignet, der beweist, daß große Teile der Zionistischen Organisation das Gefühl für zionistisches Distanzhalten zu den Vorgängen in der Umwelt verloren haben und wieder der assimilatorischen Untugend des Sichaufdrängens und Sicheinmischens verfallen sind. Der Fall Spanien. In Spanien tobt ein entsetzlicher Bürgerkrieg. Ein Teil der Nation will den anderen vernichten. Kein Anlaß für Zionisten, sich einzumischen, die einen zu segnen und die anderen zu verfluchen. Zionisten können und dürfen nur wünschen, daß in Spanien Frieden einziehe. Hinter der Regierung von Burgos steht Hitler, die braune Schreckensherrschaft, die unbarmherzigste Judenhetze. Hinter der Regierung in Valencia steht Stalin, die rote Schreckensherrschaft, welche in Rußland alles jüdische Leben erstickt hat und deren Agenten in Palästina die Araber zu blutiger Ausrottung der Juden und Zerschlagung des Zionismus aufstacheln. Wirklich kein Anlaß für Zionisten, Partei zu ergreifen. Zionisten können nur wünschen, daß es den zivilisierten Mächten gelingen möge, der Herrschaft Berlins und Moskaus über Spanien ein Ende zu bereiten, damit nicht von dorther die Welt in Brand gesteckt und in Barbarei geworfen werde, nehmen; sie dient nur als Alibi gegenüber der Palästina-Regierung und der englischen öffentlichen Meinung. Inzwischen besucht der Oberkommissär jüdische Kolonien und Städte, hauptsächlich im Gallil. Wie Palcor meldet, hielt er sich u. a. in Saf ed auf, wo er eine jüdische Abordnung empfing, die ihn darauf aufmerksam machte, daß die Stadt von arabischen Banditen beherrscht werde und daß viele jüdische Geschäftsinhaber infolge des Terrors und antijüdischen Boykotts ihre Läden geschlossen halten. Auch den Emek streifte Sir Artur Wauchope. Hier und dort besprach er mit den jüdischen Vertretern die Fragen der Sicherheit und der HUfspolizei und erklärte, daß er für die Wiederherstellung geordneter Zustände Sorge tragen werde. Man müßte den Oberkommissär beim Wort nehmen und ihn fragen, weshalb noch immer nichts Entscheidendes gegen die Terroristen, Brandleger, Bombenwerfer und Agitatoren unternommen worden sei und warum man nichts von einer Bestrafung der arabischen Banditen höre. Auch der jüdische Jischuw und die ganze jüdische Welt stehen in Erwartung der Gerechtigkeit, aber sie füllen die Zwischenzeit nicht mit blutigen Attentaten, sondern mit friedlicher Arbeit aus. Wenn der Oberkommissär erweiterte Vollmachten zur Unterdrückung des arabischen Terrors erhalten hat, dann müssen diese praktisch wirksam gemacht werden. Mit dem bloßen, schon seit Jahren wiederholten Versprechen, die Ruhe wiederherzustellen, ist dem arbeitenden jüdischen Jischuw in Palästina nicht gedient. Im nachstehenden veröffentlichen wir die letzten Meldungen aus Palästina: Aus Jerusalem: Während der Pessachtage haben etwa 10.000 Juden die Klagemauer besucht. Es kam zu keinem Zwischenfall. Am zweiten Pessachtag wurde die Kolonie S e dj e r a in Galiläa von Arabern umzingelt und eine halbe Stunde lang scharf beschossen. Polizei trieb die Angreifer zurück. Tote sind nicht zu verzeichnen. Auf der nach Tel-Aviv führenden Straße wurde ein reicher Araber durch Schüsse verwundet. Er erklärte, von Arabern angegriffen worden zu sein. Die arabische Presse versucht, Juden als Täter zu verdächtigen. Acht Araber, die beschuldigt sind, in der vergangenen Woche auf jüdische Arbeiter in den Feldern von Kfar Tabor geschossen zu haben, wurden zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Die Siedler von Kfar Tabor ersuchten die Behörden und den Waad Leumi um Schutz, da die Spannung in der Gegend infolge des Todes des Arabers sich verschärft habe. überwundenen Assimilation. Daß diese Assimilation sich jetzt zionistisch nennt, in Palästina arbeitet und Hebräisch spricht, ändert nichts an ihrem Wesen, macht sie nur gefährlicher. Aber es hat sich ein Tagesgeschrei erhoben, für und wider Burgos, für und wider Valencia. Da glauben gewisse zionistische Gruppen, mitentscheiden zu müssen. Niemand hat sie gerufen, aber sie sind mit dabei, ganz nach alter assimilatorischer Art. Die „Histadruth-owdim", die Gewerkschaft der Zionisten-Sozialisten, hat von Palästina Geld und heiße Segenswünsche nach Valencia geschickt. Sie hat anscheinend keine größere Sorge als die um Valencia. Dafür fleht das palästinensische Blatt der Zionisten- Revisionisten „H a j a r d e n" um Sieg für Franco. Die Zionisten-Revisionisten nennen die Zionisten- Sozialisten Verräter am Zionismus, weil sie für das moskowitische Valencia sind. Die Zionisten-Sozialisten nennen die Zionisten-Revisionisten Verräter am jüdischen Volke, weil sie mit dem hitleristischen Burgos sympathisieren. Beide haben recht. Beide schaden dem jüdischen Volke und beide sündigen wider den zionistischen Geist. An dem Tun beider ist zu erkennen, wie viel von der politischen Erziehungsarbeit Theodor Herzls verlorengegangen ist. Die Erkenntnis ist um so bedrückender, als gerade diese beiden zionistischen Parteien die Verantwortung für ihnen zugehörige große Jugendgruppen zu tragen haben. Robert Stricker. Richtige SenBcffugSeimSagen FACMMRMA *J 1 AUOKSTR. 22 Tel. R-42-5-30