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Die neue Welt · 1937-03-09 · Heft 638 (9.3.1937) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 638 (9.3.1937)
Date
1937-03-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 10 Groschen Dtawtag, den 9« Mfers W»7 DIE NEUE Ä«***qa!ig VtbsU Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp6d!6 par l'äditear" R E VU E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40» vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty,150. vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—. vierteljährig Kc 18.—; Jngoslawlen monatlich Dinar 14.—, viertel« jährig Dinar 40.—; BnmEnie'n monatlich Lei 50.—, vierteljährig Lei 160.—; Deutschland monatlich Mark L—. vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—s Schwel« und die Uhrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50, Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.Verwaliung: lX,Universitätsstr.8,7el.A-20-2-78 — Erscheint Dienstaga.Freitag ZUM FROHEN FESTE wird der PESSACH erst durch die so wunderbaren« delikaten Schrnidl-Mazzoth die Marke des Feinschmeckers Verlangen Sie überall nur „SCHrtlDL" - Maxieth I Umgang mit Staatsfeinden - Seit dem Wiener Besuch des deutschen Außenministers von Neurath gibt:sich ein Teil der internationalen Presse den ausschweifendsten Phantasien hin. ., Gerüchte werden verzeichnet ..und ausstaffiert, wobei es im wesentlichen darum geht, Oesterreichs. Unabhängigkeit als bedroht, als vom Dritten Reich bedroht hinzustellen. Die Gerüchteverzeichner arbeiten mit Namen, Zahlen und Geographie, um ihre Legenden wirklichkeitsnaher erscheinenzu -kssen* geführt natürlich -von Wühlern und ••'Stöbern)' denen'' fcde^'iettetiaige Puls3chläg' Oesterreichs -' wider -das verbrecherische: Konzept geht; ■ ' : ' ' Daß die illegalen Häkenkreuzter Oesterreichs; »och immer eine Chance für sich sehen, hat verschiedene Ursachen. Vor allem ist ihnen die nazistische Propaganda in den Nachbarländern bekannt und die Toleranz; mit der man die unter- und oberirdische Propaganda, des deutschen_Nationalsozialismus hin— nimmt. Der. Schaden, den ihr'österreichisches Vaterland dabei nimmtgeht ihnen nicht nahe. So wurde kürzlich die Entdeckung gemacht,daß die in Jügps 1 a w'i e n gegründeten ,,Zbor"-Gesellschaften völlig' unter deutschem politischen Einfluß stehen und gleichzeitig (im"Dienst des Dritten. Reiches!) gegen die ö s.t e r r e i c h is c h e In du s t r i e und den ö s t e r-: r e i ch'.iöchen.Hande 1;.hetzen." So wurde ferner• die Tatsache entüüllt, daß die' Ungarische Pfeilkr(e u zl e,rb ew'egung in' deutschem Solde stehe j und einen Umsturz vorbereitet habe, der auch Oester-' reich;. mitreißen,,sollte. . -;; ...; Diese politischen Bewegungen tragen natürlich, da in Hitler-Deutschland beheimatet, . a n t i s e m i t ische;n.'Charakter.; sie; sind c Bausteine im .weltumspannenden Konzept Berlins, « das schon lang vor Etablierung des Naziregimes auf eine „Revolution, in Mätioriälsözialistischem Sinn" - aspirierte. In Oester-, reich wurde die Bewegung sehr müde behandelt. Man wehrte "sich hauptsächlich unter dem Aspekt, der christlichen Weltanschauung und verzieh sehr rasch die -Sünden jener, welche den 25. Juli (Dollfuß-Mord) und dessen Folgen herbeigeführt hatten, zumal sich die nätioriälbetonte Presse des sehr bequemen und gefälligen Mittels der Judenhetze bediente. Die österreichische Kultur bewährte sich - als; toleranter, weitherziger Faktor. So kam es, daß sogar verantwortliche; offizielle, den autoritären Kurs repräsentierende Stellen mit den nazistischen-. Uebertreibungen in der J u d-e-n f r dg e operierten; und'h e ü t e: n o c h, nach bo vielen schweren Mahren , und Tagen, aus dem Münde, „vaterländisch gesinnter" Führer die Phrasen vom jüdischen Bolschewismus in Versammlungssälen zu hören, in Zeitungsspalten zu lesen sind. Erst vor kurzem erzählte ein Führer der Vaterländischen Front, eine geistig bedeutende Persönlichkeit Oesterreichs, in der Provinz, daß von den österreichischen Kommunistenführern 80 Prozent Juden seien. Man kann sehr leiqht solch eine Zahl aussprechen. Sie verpflichtet zu nichts. Sie wird vom ahnungslosen Hörer nicht nachgeprüft, wirkt aber deswegen nicht mjnder glaubhaft. kc; Kiel mehr Befremden weefct die Art, wie hier mit Hakenkreuz-Regime am Pranger Die Weltpresse notiert mit scheinbar großem Interesse alle Phasen eines Konflikts, der zwischen dem Dritten Reich und Washington ausgebrochen ist. Man weiß, daß die heutigen'Machthaber Deutschlands sehr empfindlich sind, bzw. empfindlich tun, wenn sie kritisiert werden, und mit Schaum vor dem Mund Empörung markieren, wenn ihr Ansehen angeblich verletzt wurde. Man weiß aber auch, vornehmlich in den demokratischen Weststaaten, daß Ehre für sie nicht ein Rechtsbegriff der privaten Sphäre, sondern ein Schlagwort für politische Propaganda ist, indem sie vorschützen, die „Ehre, des deutschen Volkes" sei tangiert, wenn man über sie, die Machthaber, die Wahrheit sagt. Die Ehre des deutschen Volkes wird wahrlich nicht in Frage gestellt, wenn man die Verbrechen der einzelnen Führer und Unterführer vor aller Welt enthüllt... Der Anlaß der jüngsten antijüdischen Hetzkampagne ist ein einfacher: Auf einer Tagung der Frauensektion des American Jewish Congress, der Vereinigung des nationalen Judentums Amerikas, hielt der Bürgermeister von New York, LaGuardia, ein waschechter Italiener, im Weltkrieg Kommandant der amerikanischen Luftstreitkräfte, eine Rede gegen den Ras,senf an atismus, der zweifellos eine Weitgefahr bedeutet" "6s wä^güt', sägte! JJa Guardiaj: mit deutlicher Anspielung auf den neudeutschen Arierwahn, wenn man im Rahmen der geplanten New- Yorker Weltanschauung eine Schreckenskammer einrichten . wollte, in der als Höhepunkt die Figur eines „braunbehemdeten Fanatikers" gezeigt wird. ' So ungefähr hat La Guardia gesprochen. Der genaue Text der Rede liegt zwar nicht vor, aber man kennt, die Ansicht der führenden amerikanischen Republikaner über Hitler-Deutschland und kann daher den Inhalt der Ausführungen La Guardias ohne Schwierigkeit ' rekonstruieren. Die nächste Etappe beginnt damit, daß der deutsche Botschafter beim State Departement in Washington Protest gegen die „Deutschland herabsetzenden" Bemerkungen La Guardias einlegte, worauf die amerikanische Regierung sich entschuldigte. Die Entschuldigung war, wie Reuter meldet, in die Form einer mündlichen Erklärung des Abteilungsleiters für westeuropäische Angelegenheiten gekleidet. Dieser erklärte, er mißbillige alles, was die Regierung eines fremden Staates verletzen könne, und daher auch die Worte La Guardias. Aber er betonte weiters,- daß das Recht der freien Meinungsäußerung in den Vereinigten Staaten, das jedem Staatsbürger 'verfassungsmäßig garantiert sei und als ein Teil des amerikanischen Nationalerbes gewertet werde. Die von Goebbels kommandierte deutsche Presse war natürlich mit einer solchen Behandlung des Falles nicht zufrieden. Vor allem war es der Berliner „Angriff", der La Guardia maßlos beschimpfte und ausreichende Genugtuung, Absetzung des Bürgermeisters, verlangte. Das offizielle Deutsche Nachrichten-Büro setzte' mit unerhörten Beschimpfungen La Guardias ein, den sie in obligatem Nazijargon einen-„jüdischen Maulhelden" 'und „schmutzigen Talmudjuden" nannte, obwohl ihm die un- Oer New Yorker Bürgermeister La Guardia verfälscht italienische Herkunft des New-Yorker Bürgermeisters bekannt sein mußte, da dieser sich schon einigemal gegen das Hakenkreuzregime gewandt hatte. Weiters schrieb die deutsch-amerikanische Handelskammer an den Präsidenten ' des amerikanischen Weltausstellungskomitees, es',., seinicht ausgeschlossen, daß Deutschland an der New- Yorker Weltausstellung 1939 nicht teilnehmen werde, Aber auch die öffentliche Meinung Amerikas meldete sich. Der New-Yorker Korrespondent de? Berliner „Nachtausgabe" mußte zugeben, r daß die gesamte New-Yorker Presse hinter . •-. . .La Guardia stehe . ,/, .1..'.' und die schärfsten Angriffe gegen das nationalsozialistische Deutschland richte, wobei das mächtige republikanische Organ „Herald Trib.une" an Gehässigkeit nicht zu überbieten sei. Gleichzeitig mit der Ausnützung des aktuellen Falles ist nach langer Zeit wieder die Stimme des Allgemeinen Antinationalsozialistischen Boykott - jt"u sschusses zu hören. Der Vorsitzende dieser Boykottorganisation erklärt, daß der antideutsche Boykott mit verstärkter Intensität weitergeführt werden müsse. Es muß, führte der Vorsitzende aus, ein Punkt erreicht werden, wo das barbarische Dritte Reich wirtschaftlich eingeschnürt und zur politischen Katastrophe reif gemacht wird. Und schließlich wird noch La Guardias Antwort auf den deutschen Protest mit Genugtuung - veröffentlicht : „Sie sollen nur protestieren! Ich kenne 'keinen Künstler, der die Farbe oder den Meißel besitzt, um etwas zustandezubringen, was die Persönlichkeiten ,der nationalsozialistischen Regierung oder den Typ dieser Regierungsform ausreichend: darstellen könnte." . Was für Kreise diese Affäre ziehen wird, läßt sich heute mit Sicherheit nicht sagen. IedenfaÜs ist nach langer Zeit wieder ein Regime > zur Diskussion gestellt, von dem man angenommen hat, daß es nach vierjährigem Bestand keinen Anlaß mehr zu psychologischer Kritik geben werde. Man hat sich getäuscht. Die Berliner Machthaber sind immer noch empfindlich, im Glauben, daß sie nun endlich als gleichwertige Partner in den politischen Weltgeschäften anerkannt sind. Die Hemmungslosigkeit, mit welcher sie — ungestraft — das jüdische Volk jahrelang schändlich beschimpfen und verfemen konnten, hat sie daran vergessen gemacht, daß auch sie eines Tages den notorischen Staatsfeinden umgegangen wird. Immer noch wird versucht, sie unter irgend einem Gesichtswinkel als loyalitätsfähig anzusehen, ihre Presse kann ungehindert inj. Stil der. reichsdeutschen Parteipresse ihre antijüdisehe Kampagne am helllichten Tag betreiben, ja man läßt sie in d,i e s e m Pünkt sogar mit einer großen Portion Wohlwollen g&? währen,'um auf Kosten dieses; Gefühls in den anderen. Belangen energischer^ sein zu können. Immer noch, finden sich Kreise, die den antisemitischen Kurs der Naftonalbetonten mit anerkennenden Zurufen begleiten, in der Hoffnung, daß ihnen, den Unentwegten, das Austoben auf diesem Gebiet die Mißerfolge auf anderen Gebieten vergessen machen werde./Der Umgang mit dem Staatsfeind hat einen' neuen* Knigge hervorgebracht. Im ganzen und großen handelt es sich um Zuckerbrot ohne Peitsche. Man spricht von Befriedung und denkt dabei an Befriedigung. Im Jude np u n k t braucht man nicht heikel zu sein, Das ist. für die Kreise, denen ein ruhiges, unabhängiges; Oesterreich am Herzen liegt, eine einfache Angelegenheit: Man wirft dem brüllenden Tiger den Juden als .Futter hin ... Eine sehr problematische Behandlung des Staatsfeindes! Denn Hitler-Berlin wird niemals den Versuch aufgeben, Oesterreich zu anästhesieren, um es verschlucken zu können, o. r.

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