Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 636 (2.3.1937)
- Date
- 1937-03-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen IHensfag, den SU Mit* 1*37 H* Jahrgang DIE NEUE Nr« 636 V.b.b* jZeitong vom Verleger versendet „Journal exp€dI6 par rddltear" R E VU E HERAUSGEBER; ROBERT STRICKER RF7TTGSBEDINOTJNGBN: Oesterreich monatlich S, 1.40, vierteljährig S14.-, ganzjährig S 16.-; Polen monatlich Zloty 1.60. SgfÄ??^^^ «g*g* »fta^^ SÄ-° BnlSa7ien ™Ä Italien monatlich Lire 6.-. vierteljährig Lire 14.~S Khwel^nd dieTübriSn Länder Monatlich Schweizer Wcs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.Verwaltung: IX, Universitäfsstr.8, Tel. A-20-2-78 - Ersdieint Dienstag u.Freitag ZUM FROHEN FESTE wird der PESSACH erst durch die so wunderbaren, delikaten Schiriidl-Nazzoth die Marke des Feinschmeckers Verlangen Sie aberall nur „SCHHIDL" - Maxzoth I Bons auf Glück •Man kann.nicht sagen, daß das Niveau der wirtschaftlichen Diskussion in der Zeit, wo von autoritärer- Stelle aus das Geschäftsleben reguliert wird, sich irge- :.\vie gehoben hat. im Gegenteil Je größeren Anteil die berufenen Faktoren-an der Gestaltung des österreichischen ökonomischen Verkehrs nehmen, desto schärfer reagiert :eine gewisse Presse, auf alle Erscheinungen dieses Verkehrs, indem , sie versucht, für .die Auswirkungen der Weltkrise in-Oesterreich den Juden verantwortlich, zu machen.-:•.; fG< ,. ■ Diese" Presse ist zum'Teil außerhalb Oesterreichs .beheimatet, und: das ist der; Grund, warum man oft aus ihr-erfahren, kann,. ..wie.es bei. uns, um uns bestellt ist. Görings „Essener Nationälzeitung" beispielsweise weiß Dinge von Oesterreichs Wirtschaftsleben zu erzählen, die in den - heimischen Blättern selbst nicht' zu' finden sind; er verzählt natürlich diese Dinge (nicht für :den Essener Leserkreis, sondern für die Oesterreicher; die wissen-sollen*:;was bei uns los ist. . Wenn r-rrr: sagen wir — .ein Mariahilf er jüdischer Kaufmann eine Ordnungsstrafe erhalten hat, weil sein Gewerbeschein, nicht bis aufs .i-Pünktchen stimmte, so erfährt,' diesen:, .himmelschreienden rFall . der österreichische Leser, gewöhnlich nicht aus/seinem Ö s t e rr e i c,h i;s c h e n Blatt,, sondern aus einem nationalbetonten : ausländischen. Das.. in ..Prag erscheinde sudejitqndeutsche Tagblatt „Die. Zeit" verzeichnet mit unverhohlener Freude und Genugtuung jeden in Oesterreich , vorkommenden antisemitischen Akt. In der., Nummer vom 20. Februar .lesen wir: . „Der* Obmann des niederösterreichischen Gewerbebundes. L erklärte in einer Sitzung des Landesgewerberates, .daß er in. Zukunft, bei Aufnahmen in diese Organisation (deren Mitgliedschaft die Voraussetzung für die Ausübung eines Gewerbe ist) genauest überprüfen wolle, ob die Bewerber Juden s e ien.") Bezeichnend für die Läge ist der Umstand, daß den erwähnte: Obmann eine ähnliche Bemerkung in seinem Referat: über, das;Orgänisationsstätut der Vaterländischen Front für das Gewerbe machte, ein Statut, -dessen antijüdische : Tendenz dem Staatsrat Leopold Kunschak (siehe .'„Arbeiter-Zeitung" vom 20. Februar 1937). sehr zu gefallen scheint. Auch.der „Antisemitenb.und" (Bericht über eine Kundgebung in dpr Granzer „Tagespost" vom 1$. Februar 1937), der sich eine unpolitische und unparteiische Bewegung nennt, erklärt — ,wir kennen diese: Phrase —, daß. er das ganze;wirtschaftliche Terrain „dem bodenständigen deutschen Volke Oesterreichs sichern wolle". Während noch vor kurzer Zeit die Attacke gegen das Judentum schlechthin, gegen die sogenannten destruktiven Elemente im Judentum, geritten wurde, hat jetzt ein Sturmlauf gegen ' die jüdischen Gewerbetreibenden eingesetzt. Man spezialisiert sich. Ein, jeder, jüdische Betätigungskreis kommt dran. Eine gewisse Epoche lang: ging's gegen den jüdischen Akademiker; mit Erfolg. Die nächste Positionsunterminierung: der jüdische Kaufmann, Händler, Gewprbetreibende... . Die Manipulation zeichnet sich zwar nicht durqh besondere Originalität aus, aber sie ist danach angetan, beim naiven „bodenständigen" und antijüdischen Leser die angestrebte Wirkung *u erzielen* Pie öater* Eine Schändlichkeit sondergleichen Seit der Verbreitung der „Protokolle der Weisen von Zion" durch die reichsdeutsche Antisemitenzentrale, einer Schrift, die im Berner Prozeß als dreiste Fälschung und Schundliteratur entlarvt und bezeichnet wurde, haben die Führer der Judenhetze in Deutschland keine Gelegenheit verabsäumt, ihren barbarischen Trieben zu frönen. An erster Stelle standen und stehen Julius Streicher und sein „Stürmer", dessen Ritualmordnummer so kraß war, daß sie fürs Ausland gesperrt wurde. In Deutschland selbst ist nicht mehr, viel zu verderben. Da aber die antijüdische Verleumdung nun in größtem Ausmaß von den deutschen Nationalsozialisten in fast allen Staaten der Welt praktiziert wird, muß leider dem Treiben des Julius Streicher und seiner Gesellen Beachtung geschenkt werden. Vor kurzem hat Julius Streicher sich selbst übertroffen. In der Februar-Nummer seiner Zeitschrift „Der Stürmer" veröffentlicht er Bilder aus Spanien, daunter mit der Ueberschrift „Mordgier des Talmudjuden" das Biid einer Kirchentür,, an der mumienähnliche Leichen in . Särgen lehnen, dazu den Text:. .. . . „In Barcelona rissen die von Juden aufgehetzten Roten als Heilige verehrte Nonnen aus ihren Gräbern und gaben sie vor der Kirchentür dem Gespött preis 1" Darauf folgen angebiie^e Zitate; aus dem Talmud mit Bildern, und zwar Bildern-toter-kleiner Kinder, und " der, Unterschrift:; „Auch Kinder nationalgesinnter Familien werden von den Boten ermordet." Als Quellenangabe steht unter diesen grauenvollen Bildern: „Stürmer-Archiv". Dem oberflächlichen, bzw. nichtinformierten Leser und Beschauer soll suggeriert werden, daß die „von den Juden aufgehetzten Roten" absichtlich Kinder morden. In Wirklichkeit handelt es sich bei den drei töten Kindern um die Opfer eines Bombenangriffs deutscher Flieger auf Madrid, um die blutigen und verstümmelten Opfer deutscher Fliegerbomben. Wie der „Neue Vorwärts" (Prag) mitteilt, ist-bei einem Luftangriff vom 6. und 7. November 1939 eine nichtexplodierte Fliegerbombe gefunden worden, die in deutscher Sprache das Herstellungsdatüm „Juli 1936", ferner die Vermerke „Füllkörper für S" und „Zusätzkörper. Reinsdorf, 3. Lief. 1936" trug. Damals veröffentlichte das Prager Blatt Bilder einer deutschen. Fliegerbombe und Bilder getöteter Kinder. Im Dezember 1936 versendete die spanische Regierung 13 Bilder dieser Kinderleichen im Urdruck. Daraus veröffenfc licht der „Stürmer" die gleichen Bilder der getöteten Kinder und behauptet, diese seien von den „Talmudjaden" ermordet worden! Der Beweis für die Bildfälschung deä „Stürmer'* ist restlos erbracht. Aus den Opfern des deutschen Kindermordes in Madrid werden „von den Roten unter jüdischer Aufhetzung gemordete Kinder" gemacht. Unter der schamlosen Fälschung des „Stürmer" stehen die Worte: „Der Jude siegt mit der Lüge und stirbt mit der Wahrheit." Schändlicher ist noch nie gefälscht, unverschämter noch nie die Wahrheit vergewaltigt worden. Die moralische Verrottung des braunen Systems zeigt sich hier in vollem Licht, und der Jude, der Jude in aller Welt, soll herhalten. Durch derlei Fälschungen, die / nicht überall und allsogleich als solche erkannt wer- \ den, wird die Judenhetze forciert, siehe Polen, .Rumänien, Ungarn.., Beschämende Barbarei Aus London: In einer Ansprache im Con* servatiye Cancassing Corps. (Konservativer; Wahl-; ausschuß)' - erklärte das Mitglied des Unterhauses John Sandeman Allen, daß-schon allein die Art, wie Deutschland*"seine Jud.en ■ behandelt, eine Warnung davor sein sollte, diesem Lande Kolonien an» zuvertrauen. Gesetzt den Fall, es würde sich darum handeln, das Mandat über Palästina Deutschland anzuvertrauen; wäre das nicht beschämend und empörend? Die deutschen Rassengesetze sind zudem nicht allein gegen die Juden gerichtet, sondern eben gegen alle Nichtarier, wie etwa gegen Eingeborene Afrikas. Ich erkläre, daß angesichts der beschämenden Barbarei, mit der Deutschland die Juden behandelt, diesem Lande eine eingeborene Bevölkerung nicht anvertraut werden dürfe. Keine PuBÜnfeiern in Tel-Aviv Aus Tel-Aviv: Die traditionelle Purimfeier in Tel-Aviv, die bereits Weltruf erlangt hat, ist in diesem Jahre mit Rücksicht auf die Lage nicht begangen worden* Es fanden lediglich Purimf eiern für Kinder statt, die mit einem großen Maskenzug durch die Straßen zum Hafen von Tel-Aviv verbunden waren. Meist waren die Kinder als Matrosen und Hafenarbeiter verkleidet. Zehntausende Menschen umsäumten die Straßen und ak« klamierten den Kindern. (J. T. A.) reichische Hetzpresse mit dem „Wiener Montagblatt" an der- Spitze veröffentlicht eine Liste von Juden, die irgend ein Gewerbe anmelden, bzw. sich um einen Gewerbeschein bewerben. Ob dem Ansuchen Gehör geschenkt wird, ist eine andere Sache. Ob die jüdischen Bewerber in den Besitz des Gewerbescheines gelangen, wird bei dem genannten Manöver nicht ersichtlich gemacht. Es zeugt gewiß nicht von Uebermut, von destruktivem Geist, von Spekulationsgier, wenn jemand unter den gegenwärtigen Verhältnissen ein Gewerbe anmelden 'will. Die Zeiten sind nicht gerade rosig, die Chancen für einen neuen Betrieb nicht gerade verlockend. Wenn daher ein österreichischer Staatsbürger, und gar noch ein jüdischer, diesen Schritt unternimmt, so geschieht das unter höchstem Risiko und geringstem Erfolgskoeffizienten. Der. .biederste Menschenverstand sagt sich, daß Heroismus dazu gehört, bei den herrschenden Erschwerungen Kapital, Energie, Glauben in . ein neues Geschäftsunternehmen zu investieren. Allen Schwierigkeiten zum Trotz geschieht es. Aus Zwang, aus harter Notwendigkeit, als letzter Ausweg, nachdem die Aussicht, -bei öffentlichen Stellen unterzukommen, auf den Nullpunkt gesunken ist. Es ist also schäbige Gefctatygfceit und Böswilligkeit um jeden Preis, wenn dem „bodenständigen" Bürger Oesterreichs die Lüge aufgetischt wird, daß er von einer jüdischen gewerb* liehen Hochflut bedroht sei. Dem Gewerbe geht es schlecht. Am schlechtesten dem jüdischen — insbesondere seitdem mit dem „arischen Geschäfts weiser" Unfug ge* trieben wird. Im jüdischen Viertel Wiens, in . der Leopoldstadt, sterben jüdische Firmen, die, auf solider Basis geführt, jahrzehntelang zu den führenden in ihrem Zweig gezählt hatten, reihenweise ab ~ als Opfer der Wirtschaftsnot und gewerblicher Schikanen. Gashahn und Revolver kürzen den Lebenskampf ab. Die Selbstmordstatistik der Wiener Judengemeinde zeigt eine aufsteigende Linie. Im Jahre 1936 hat sich die Zahl der Selbstmorde gegenüber dem Jahre 1935 mehr als. Verdoppelt. Gegen die Tragik dieser Ziffer kommt kein Täuschungsmanöver auf. Die Liste der jüdischen Gewerbe-Gesuchsteller kann die Liste der jüdischen Gewerbe-Selbstmörder nicht in den Schatten stellen, Der Kampf, den der jüdische Kaufmann um seine Existenz führt, verdient Anerkennung und nicht Verdächtigung. Ein Gewerbeschein, mühevoll errungen, ' ist noch lange kein Bon auf Glück. Mit ihm in der Hand, tritt der jüdische Unternehmer seinen Leidens« weg an»