Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 632 (16.2.1937)
- Date
- 1937-02-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 10 Groschen Dfeiiitegs den 16* febriler 1937 Ii« Jahrgang Nn 632 V. b* bc Zeitung vom Verleger versendet v*««**! <vm&nA imi> l'ßditeur" DIE NEUE Titl. Universitätsbibliothek REVU HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Schwel« und die übrigen Länder monatlich Schweizer ] Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8,1et. A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u.Freita* ZUM FROHEN FESTE wird der PESSACH erst durch die so wunderbaren, delikaten Schmidl-Nazzoth die Marke des Feinschmeckers Verlangen Sie überall nur „SCHMIDL" MaziOth! Zionfef enkongreß 1937 Aus Jerusalem meldet J. T. A.: Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren/ wird der nächste Z i onistenkongreß am £4. August d. J. in Zürich stattfinden. Ein Appell Wien, den 15. Februar. Im Dritten Bundesappell am Sonntag, den 14. Jänner, gab die österreiphi^che .^täatsführan^ als Repräsentantin der yaterlänäkchen'.fent*rclne; Ueber-7 sieht über die Lage: über die Leistungen, welche zur Verbesserung der wirtschaftspolitischen' Lage führten, und über die weiteren Pläne der Regierung zur Konsolidierung des Landes nach innen und außen. Staatssekretär Guido Zernätto sagte in einer kurzgefaßten Einleitung, daß der Versuch, außerhalb der Vaterländischen Front Politik zu machen, unermüdlich bekämpft werde. Bundeskanzler Doktor Schuschnigg führte in einer größangelegten, zum Teil ans Ausland gerichteten Rede aus, daß die Frage der Lebensfähigkeit und Lebenstüchtigkeit Oesterreichs heute nicht mehr zur Diskussion stehe, vielmehr ein Fortschreiten der Konsolidierung zu verzeichnen sei. Oesterreichs Weg ist, im Sirine der Vaterländischen Front, der Weg des Friedens und Fortschritts. Oesterreichs Staatsführung gestattet keinen Klassenkampf und keinen Kulturkampf, für die Beziehung der Menschen untereinander ist das christliche Sittengesetz ausschlaggebend. 1 Versteht man die /Worte des Bundeskanzlers Dr. Schuschnigg so, wie sie gesprochen wurden, nämlich als das politische und ethische Bekenntnis eines großen und vornehmen Staatsmannes, dann hat man auch' das Recht, die Dinge beim rechten Namen zu nennen, die diesem Bekenntnis in der Wirklichkeit widersprechen. Es sind die Dinge rings um den Juden punkt. Wenn wir diese Dinge in ihrer Nacktheit aufzeigen, so handelt es sich nicht darum, daß wir etwa Klagelieder anstimmen und. nach einer mechanischen Abhilfe schreien. Es geht vielmehr darum, zu zeigen, daß durch gewisse Erscheinungen weder dem Frieden, noch dem Fortschritt, also keinem der vaterländischen Postulate, gedient wird. Das Vertrauen zur Staatsführung, das für die Wirtschaft so w?*htig ist, kann leicht Schaden leiden, wenn sogar von Kreisen, welche diese Staatsführung, hundertprozentig bejahen, in Sachen der österreichischen Juden Schaft einem Kurs gefrönt wird, der sich vom nazistischen Kurs nur durch die Taktik und das Tempo unterscheidet. . Die antijüdische Kampagne hat es in Oesterreich bereits mit sich gebracht, daß sogar schon in der privaten Sphäre, in der Privatwirtschaft, der jüdische Bewerber um die - primitivsten Rechte gebracht erscheint.;, daß der Jude als Arbeitnehmer wie als Produzent, das heißt, Unternehmer, sich vor eine Mauer' von Hindernissen gestellt sieht. Daß die jüdische Jugend keine Möglichkeit eines Unterkommens für sich erblickt und daß der jüdische Unternehmer, durch tagtägliche antisemitische Parolen eingeschüchtert, den Radius seiner. Betätigung lieber, selbst ein- Jabotinsky vor der Kgl. Kommission Aus London meldet die J. T. A.: Der Präsident der Neu-Zionistischen Organisation, Wladimir Jabotinsky, leitete seine Darlegungen vor der Kgl. Kommission in der Sitzung vom 11. Februar mit einer Definition der Begriffe „Judenstaat" und „Palästina" in dem Sinne, wie er sie bei seinen Ausführungen zu benützen gedachte, ein. Auf eine Frage des Vorsitzenden der Kömmission, Lord Peel, erklärte Jabotinsky zunächst, daß seine Organisation sich in gewissen wesentlichen Punkten von der allgemeinen Zionistischen Organisation unterscheide. Deshalb sei es nötig, die Bedeutung gewisser Ausdrücke, die er in seinen Darlegungen gebrauchen werde, genau zu umreißen. Nicht alle diese Bezeichnungen, fuhr Jabotinsky fort, würden immer in der gleichen Weise verstanden. So stehe leider die Bedeutung des Ausdruckes „Judenstaat" nicht eindeutig fest, außer in dem Öinne, daß die Bezeichnung^taat" etwa auf Frankreich oder auf Kentucky oder Neusüdwales angewandt werden könne. Wenn er von Staat spreche, so habe, er dabei nicht ein bestimmtes Ausmaß oder einen bestimmten Grad von Unabhängigkeit im Auge, aber es müsse dabei ein wesentliches Minimum von Staatlichkeit geben. Er glaube nichts daß für die VerjVf^s-snmg^e^ " zur Wahrung des nationalen Charakters wünschenswert seien. Das beste Mittel, den nationalen Charakter eines Staates zu wahren, sei das Vorhandensein einer bestimmten Bevölkerungsmehrheit. Was nun den Begriff „Palästina" betreffe, so werde er von ihm in dem Sinne gebraucht werden, daß er sich auf das Gebiet zu beiden Seiten des Jordan bezieht: das in dem ursprünglichen Palästina-Mandat genannte Gebiet. Dieses Gebiet sei etwa dreimal so groß wie Belgien. Die Aufnahmefähigkeit jedes Landes hänge weitgehend von dem Menschenmaterial sowie von dem politischen Regime ab. Jabotinsky wies darauf hin, daß Palästina an dem Kreuzüngspunkt zweier Hauptverkehrsadern dieser Hälfte der Erdkugel liegt. Em Land in solcher geographischer Lage sei vorausbestimmt, eine außergewöhnlich hohe Bevölkerung s d i cht e zu erlangen. Es besteht nicht der geringste Zweifel darüber, daß dieser Erdenwinkel angesichts der fortschreitenden Entwicklung Asiens und .Afrikas in der nächsten Generation sehr dicht bevölkert sein wird. Bei einer Bevölkerungsdichte wie in S-i z i 1 i e n könnten dort 12 Millionen, bei einer solchen wie in Belgien 18 Millionen leben. Wie groß die Bevölkerungszahl sein werde, könne er nicht genau sagen; aber er glaube, daß diese Anschauung von der Fassungskraft des Landes endgültig mit der Vorstellung aufräume, daß jemand an Verdrängung; der gegenwärtigen nichtjüdischen Bevölkerung denke. Staat für die Juden — Pflicht Die Kgl. Kommission, fuhr Jabotinsky fort, habe bereits eine Schilderung der Lage der Juden in der Welt gehört. Er wolle hierzu keine Einzelheiten wiederholen, aber darauf hinweisen, daß von einem Sonderberichterstatter der „New York Times" die Lage der Juden, insbesondere in Osteuropa, als eine Katastrophe von historischem Ausmaß bezeichnet worden ist. „Jüdisches Nationalheim'* Es gehe darum, führte der Zeuge weiter aus, Millionen Menschen zu retten. Er wolle ein schreckliches Geständnis machen: was hier gefordert werde, sei kein Maximum für einen Anfang; es sei ein unvermeidliches Minimum. Zum Beweis für seine Behauptung, daß die britische Regierung vollkommen verstanden habe, was die jüdischen zionistischen Aspirationen in Palästina bedeuten, zitierte Jabotinsky Stellen aus Veröffentlichungen des Foreign Office aus dem Jahre 1917, Er erinnerte daran, daß in der an Lord Rothschild gerichteten Erklärung Lord Bai f o u r s die Zustimmung des britischen Kabinetts zu den zionistischen Bestrebungen und die Sympathie mit Umen^um-Ausdruck gebracht worden sind und er behauptete weiter, daß der Sinn des Ausdrucks „Nationalheim für die Juden" durchaus klar war. Das Mandat, selbst habe in seiner Präambel festgestellt, daß die alliierten Mächte die Gründe für; die Wiederherstellung eines Jüdischen. Nationalheims in Palästina : anerkennen. Churchill, Ramsay Macdonald, Lord Cecil und General Smuts hätten alle dieselbe Auffassung über den Ausdruck „Jüdisches Nationalhe im" gehabt. Chuchül habe in seinem 1922, veröffentlichten Weißbuch keinen Satz und kein Wort geschrieben, durch das die Umwandlung Palästinas in ein Land mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit präjudiziert werden könnte. Auch das Mandat für Transjordanien enthalte nichts, was jüdische Kolonisation ausschließt. Es wäre zu erwarten gewesen, sagte Jabotinsky, daß eine zivilisierte Regierung, wenn sie dem jüdischen Volk diese Zusagen gemacht hat, sich hinsetzen und einen Plan ausarbeiten würde. Die judenfeindliche Palästina-Verwaltung Man hätte von der Regierung erwarten können, erklärte Jabotinsky weiter, daß sie Pläne ausarbeiten würde für die Entwicklung einer Industrie, die eüier Einwanderung großen Stils den Boden bereiten und den Eingewanderten Existenzmöglichkeiten bieten könnte; und es hätte erwartet werden sollen, daß solche Beamte ausgewählt werden würden, die dem Plan der Errichtung eines schränkt, als sich von gewissen verantwortlichen Zunftfaktoren anrempeln zu lassen, das ist heute bereits eine deutlich erkennbare Tatsache. Sie kann nicht durch den Umstand verdunkelt werden, daß die ahtijüdische Hetzpresse — zu der sich jetzt auch die ans dem Dritten Reich hereingekommene gesellt hat — Zeter und Mordio schreit über die angebliche „Verjüdung" Oesterreichs auf dem Gebiet des Handels, der Industrie, des öffentlichen und kulturellen Lebens. Würde man von dieser zynisch-frechen, verlogenen und schamlosen Hetzpresse Beweise für ihre Behauptungen verlangen, so würde man sie zweifellos in Verlegenheit bringen. Da es aber bei uns kein gesetzliches Mittel zum Schutz der Ehre und Würde einer Gruppe von Staatsbürgern gibt und da Berichtigungen in der charakterisierten Presse nicht einmal platonischen Wert haben, bleibt nur das Vertrauen in die StaatsfUhrung, daß sie die von ihr verkündeten Richtlinien auch auf die jüdischen Staatsbürger angewendet wissen, will. Zur fortschreitenden Konsolidierung gehört eben auch die Eindämmung künstlich gezüchteter. .Gegensätze und Spannungen und zunächst die Ueberzeugung, daß in einem christlich-deutschen Staat die physische, moralische und wirtschaftliche Existenz auch der 200.000 jüdischen Staatsbürger nicht leiden muß. Die Notwendigkeit einer friedlichen Zusammenarbeit im mitteleuropäischen Raum, wie sie kürzlich in einer Berliner Rede betont wurde, müßte auch dazu verpflichten, daß von keiner Seite eine Gruppe von Staatsbürgern — diesmal die jüdische — zum Sündenbock ausgesucht und für,Dinge verantwortlich gemacht werde, die eine Folge der allgemeinen Verhältnisse sind. Die Vaterländische Front als alleinige Trägerin und Vollstreckerin des politischen Willens Oesterreichs darf nicht den Eindruck erwecken, daß sie einer starren Dogmatik huldigt und für die legitimen Bedürfnisse eines Bevölkerungsteiles kein Verständnis hat. Sie darf auch nicht durch eine passive Haltung bei gewissen Unruhestiftern die Hoffnung wachrufen, daß man den jüdischen Staatsbürgern gegenüber die Grundsätze außeracht lassen kann, auf denen der österreichische Bundesstaat beruht. - e r.