Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 628 (2.2.1937)
- Date
- 1937-02-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2712245-2712253--6284-2720014- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Preis 10 Groschen Dfemtog/ den S. Februar 1917 DIE NEUL II* Jahrgang Nr* 628 V« b« b« Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp6di6 par l'editeux" REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.-, ganzjährig: S 16.-; Polen monatlich Zloty 1.50. v^l^itS^4^i»^^vmM monatlich Kc 6.~, vierteljährig Kc 18.-;; Jog^lawlen monaUich Dinar 14.-, viertel iahrig Dinfr 40.-; BumS monatlich Lei 50—, vierteljährig Lei 150-5 Dentsenland monaUich Mark 1.-. vierteljährig Mark: 3 —• Bnlearien^nonatlich Lewa 30.—. viertel jährig Lewa 80.—J Italien monatlich Lire ß.—, vierteljährig Lire U<—a Schwei und die^übrigen[Lände^onatlicn Schweizer ^Francs 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4.50, Mit Bbezelchnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion a. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8,7el. A-20-2-78 Erscheint Dienstag u, Freitag ZUM FROHEN FESTE wird der PESSACH erst durch die so wunderbaren, delikaten Schmidl-Mazzoth die Marke des Feinschmeckers Verlangen Sie aberall nur „SCHMIDL»-Haiiotn I Der türkische Soldat♦♦♦ Als noch in Palästina der Sultan herrschte, stand alljährlich zu Ostern mitten im Allerheiligsten der Christenheit, in der Grabeskirche zu Jerusalem, ein Posten türkischer Soldaten, Fes auf dem Kopf, Gewehr bei Fuß und Stock in der Hand. Das wurde nicht verfügt, um das Christentum \zu demütigen. Im Gegenteil. Die Maßregel erwiessich' ats -notwendig zur Wahrung der Würde im Heiligtum. Die Christen der verschiedenen Riten, die sich am Grabe ihres Erlösers zusammenfanden, ■ u^;; is,ehie- •'Grablegung' und>.? Auferstehung zu' feiern, pflegten sich nämlich gegenseitig als Ketzer zu schmähen und schließlich übereinander herzufallen und sich Kleider und Fleisch vom Leibe zu reißen. Am Grabe ihres" Erlösers. Dann fuhr der türkische Soldat mit Stock und Bajonett dazwischen und machte Ordnung unter den Christen. — Was er sich dabei gedacht haben mag? Damals wurde in zionistischen Kreisen mit überlegener Heiterkeit von solchen Vorfällen Kenntnis genommen. Was diese Christen in ihrem Heiligen Lande treiben! Laßt uns Juden hur einmal dort sein! Wir werden der Welt' zeigen, wie sich ein altes Kulturvolk in seiher alten, heiligen Heimat benimmt! Zwischen Jud und Jud wird kein fremder Soldat stehen! Schlechte Propheten! ... . ' * . . Aus derjüdischen Stadt .Tel-Aviv wird wieder berichtet, daß es zwischen jüdischen Bauarbeitern wüste Schlägereien gibt, mit Verwundeten und englischrarabischer Polizei, die zwischen, die. ineinander 4 verbissenen- Juden fährt. Warum?.Ein Ritus gegen den anderen .und mitten drin der fremde Büttel, der sie auseinanderpeitscht. Wie in der Grabeskirche anno dazumal. Der jüdisch-sozialistische Ritus will den nichtsozialistischen im Allerheiligsten der Arbeit nicht dulden. Wer nicht den Schwur auf die Klasse und nur den Schwur aufs Volk leisten will, ist ein Ketzer. Der Kampf von Arbeiter gegen Arbeiter geht nun viele Jahre. Viele Jahre frißt diese Schande am jüdischen Palästina. Aber jetzt ist sie ganz unerträglich geworden. Die Araber sind aufgestanden mit Brand und Mord gegen alles, was jüdisch ist. Ihr Ziel ist, die Juden aus dem jüdischen Land zu jagen, und mächtige Hintermänner helfen ihnen bei dem Versuch, das jüdische Werk zu zerschlagen und dem jüdischen Volk den Hals ganz abzuschnüren. In. diesem Kampfe stehen die jüdischen Arbeiter auf dem am härtesten umstrittenen Posten, denn der Hauptangriff richtet sich gegen die jüdische Arbeit im Lande. Wae aber tun jüdische Arbeiter, die „mit der Kelle in der einen Hand und mit dem Schwert in der anderen'* dem Feinde zu trotzen haben? Sie wenden ihr Auge ab vom Feind und richten es gegen Kameraden, sie unterbrechen die Arbeit, werfen die Kelle weg und schlagen mit dem Schwert gegen den jüdischen Bruder los. Der fremde Polizist muß Ordnung schaffen! Der türkische Soldat von ehedem ist wieder da und bringt mit Bajonett und Peitsche das streitende jüdische Pack zur Raison. Bürgermeister Diezengoff,, der geniale Schöpfer der großen Judenstädt Tel-Aviv, ist dahingegangen. Furchtbare Folgen der Nazipropaganda Die antijüdisdien Aktionen in Danzig Aus Warschau meldet die J. T. A.: Seit Beginn des nationalsozialistischen Regimes in Danzig geht ein Prozeß der Entjudung der Danziger Beamtenschaft vor sich, in der auch früher die Juden lange nicht im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung vertreten waren. Die neue Entjudungsaktion steht in vollkommenem Widerspruch zum Völkerbundstatut betreffend Danzig, doch es scheint, daß der Senat und sein Präsident, Greiser, von dieser Seite her keine Beschwerdeaktion beim Völkerbund mehr befürchten. Von den neun jüdischen Beamten, die noch vor kurzem im öffentlichen Dienst des Freistaates verblieben waren, gibt es jetzt nur noch zwei richterliche Beamte, die übrigen sieben, vier Lehrer und drei Verwaltungsbeämte (im Zollamt usw.), wurden kürzlich wegen ihnen angedichteter Ueberschreitung irgendwelcher Amtsvollmachten beseitigt. Bei den beiden Richtern fehlt es an jeder gesetzlichen Handhabe, sie vor Erreichung des Pensionsalters (56 Jahre) zu beseitigen. Der eine von ihnen ist 50, der zweite 36 Jahre alt. Wie die J. T. A. erfährt, wurden vor einigen Tagen die beiden^ jü^sclie^ Richter in-jdien.;; Senat gebeten, wo „fr ei willi g" zurückzutreten, wobei man nicht verhehlte, daß man sie als „Juden" für „untragbar" im Danziger Gerichtswesen hält. Die Richter weigerten sich kategorisch, diesem Ersuchen Folge zu leisten. Der Danziger Senat erhebt zum Besten der Winterhilfe einen Öprozentigen Zuschlag zur Einkommensteuer. Den Zuschlag müssen selbstverständlich auch die J ü d e n leisten, aus der Winterhilfe wird aber kein Groschen für jüdische Notleidende verwendet. Die jüdische Gemeinde Danzig sah sich genötigt, eine eigene Winterhilfsaktion für die verarmten Teüe der jüdischen Bevölkerung durchzuführen, die auch den aus Polen stammenden Juden zugute kommt. Der nationalsozialistisch ©Boykott gegen jüdische Läden und Warenhäuser wird weiter propagiert. Die von dem Boykott betroffenen polnischen Staatsangehörigen führten Beschwerde beim polnischen Generalkommissariat. Horst WessehMelodi'e in Polen Aus Warschau meldet die J. T. A.: Diei Nationaldemokraten proklamierten für Frei- , tag einen „Tag ohne Juden" an allen Warschauer. Hochschulen. Sämtliche Eingänge zur Hauptuniversität und zu den Hochschulen waren blockiert, weder, jüdische Dozenten noch Studenten konnten herein. Eine Gruppe von zehn Juden, denen es gelang, in das Gebäude der Universität hineinzukommen, wurden im Hof umzingelt und. mit Stöcken und anderen Schlägwerkzeugen so lange bearbeitet, bis sie alle blutend auf dem Boden lagen. Keiner der Angreifer wurde verhaftet. Aehnliche Szenen spielten sich am Polytechnikum ab. In Flugzetteln wurde erklärt: „Student, brutal sein gilt nicht mehr als häßlich! Die Worte Fortschritt, Wissenschaft, Demokratie klingen zwar schön, hinter ihnen aber verbirgt sich der elende jüdische Geist. Wo\du einen Juden oder Kommunisten triffst, schlage ihn, schlage ihm mit einem Eisen die Zähne ein! Fürchte dich nicht, hab' keine Beue, höchstens Reue darüber, daß du zu wenig geschlagen hast. Lehre den Juden, nicht nur auf. linken Bänken zu ' sitzen, sondern überhaupt die Universität zu meiden, ja Polen überhaupt den Rücken zu kehren." Die Universitätsbehörden ließen die "Verbreitung dieser Flügzettel zu. Der Rektor des Polytechnikums weigerte sich, eine Abordnung beschwerdeführender jüdischer Studenten zu empfangen. An der Gärtnerei- Fakultät der Landwirtschaftlichen Hochschule wurden jüdische Studentinnen von ihren christlichen Kollegen mit Nadeln gestochen und auch sonst malträtiert; man wollte sie dadurch bewegen, Ghetto-Bänke einzunehmen. Der bekannte' polnische Philosoph Professor Tadeusz Katorbinski veröffentlicht im „Kurjer Poranni" einen scharfen Protest gegen die zunehmende Barbarei an den Hochschulen und fordert die Gesellschaft auf, einen „Selbstschutz" zu organisieren. Der Rektor der Wilnaer Universität, Professor Staniewicz, besuchte den Deputierten Oberrabbiner Rubinstein und bat ihn, die jüdischen Studierenden zu bewegen, Plätze auf der linken Seite (!) einzunehmen, damit weitere Unruhen vermieden werden. Es handelte sich darum, dem großen Mann einen Nachfolger zu geben, einen Bürgermeister zu erwählen. Monatelang tobte nun ein Streit, der skandalös war, da es nicht um große Ideen, sondern um ganz kleine Parteiinteressen ging. Der sozialistische Ritus ging auf den nichtsozialistischen los, ganz wie auf den Bauplätzen in Tel-Aviv. Man konnte kein Stadtoberhaupt wählen. Eine Aufgabe, welche das kleinste arabische Nest in Palästina schlecht oder recht erledigt, erwies sich in der jüdischen Metropole, in. der Stadt, welche das stolze Symbol des in Palästina .wieder aufgerichteten Judentums bildet, als unlösbar. Aus den Fenstern der Ratsstube von Tel-Aviv drang ein greuliches Toben. Draußen krachten die Gewehre und Bomben der arabischen Mordbanden, tönte der Todesschrei jüdischer Opfer. Aber drinnen, im jüdischen Hause, nahm. niemand Notiz davon, und man schimpfte und schlug lustig aufeinander los. Es wollte kein Ende nehmen und wieder tauchte das Gespenst des türkischen Soldaten auf, welcher die Streitenten auseinanderjagen und mit dem Stock entscheiden muß. Da die Juden keinen Würdigen finden konnten, ernannte die Palästina-Regierung den Bürgermeister der „freien, jüdischen" Stadt Tel-Aviv. Ja, der türkische Soldat ist wieder da. Nur daß er jetzt statt des Fes ein englisches Käpi oder die schwarze Mütze des arabischen Polizisten trägt. Wie ist es gekommen, daß das wirtschaftlich und kttltureU so rasch und herrlich gediehene jüdische Palästina in diesen Morast der Parteiwirtschaft geraten ist, in dem Ersticken droht? Weil die Zionistische Organisation auf dem wichtigsten Gebiete, weil sie als moralische Macht im Lande versagt hat, weil also nichts da ist, was stärker ist, als die kleinen Interessen von Parteien und Personen. Weil die Zionistische Organisation von heute nicht Trägerin des jüdischen Staatsgedankens, des jüdischen Patriotismus ist, welcher allein stärker ist, als alle bösen Leidenschaften im jüdischen Menschen. In der von Theodor Herzl geschaffenen Zionistischen Weltorganisation ist jetzt für alles Platz, nur nicht für den Judenstaatszionismus, für den jüdischen Patriotismus. Man hat ihn niedergestimmt, die gewaltige Parteimaschine hat ihn in einen verlorenen Winkel gedrängt. Und deshalb sieht es jetzt in Palästina so aus. Deshalb ist der türkische Soldat wieder da. Robert Stricker. Arbeitskonflikt in Tel*Aviv Aus Tel-Aviv: 300 Streikposten der sozialisti« sehen Histadruth, die vor einem Bau aufgestellt waren, weil dort revisionistische Arbeiter eingestellt wurden, sind von der Polizei mit Stöcken ausein andergetrieben worden. 11 Mitglieder der Histadruth wurden verhaftet, darunter vier, die verletzt waren. 17 revisionistische Arbeiter, deren Forderung auf Anstellung von der Leitung der Tel-Avlver Anlegestelle verweigert worden war, versuchten das zum Haiengelände führende Tor zu stürmen. Sie wurden von der Polizei in Haft genommen»