Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 626 (26.1.1937)
- Date
- 1937-01-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2712245-2712251--6270-2719998- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Preis 10 Groschen Dienstag, den 26» Jänner 1937 II« Jahrgang Hu 626 V* b* »4 Zeitung warn Verleger versende! »Journal expedte par l'6dltenr" DIE NEUE WELT R EVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, viertel jährte Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 18.—; Jngoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel* jährig Dinar 40.—; Bmn&nien monatlich Lei 50.—, vierteljährig Lei 150.—j Deutschland monatlich Mark L—, vierteljährig Marie0».—: Bohrarien monatlich Lewa 30.—. vierteljährig I^wä^ 5.—, vierteljährig Lire 14.—j Schwel* und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.VerwaUuns: lX,Universitä*sstr.8,7el.A~20-2-78 - Erscheint Dienstastu* Freitag Franco revanchiert sich ZUM FROHEN FESTE wird der PESSACH erst durch die so wunderbaren, delikaten Schmidl-Mazzoth die Marke des Feinschmeckers Verlangen Sie überall nur „SCHMIDL"-Ma»Oth! Nfldit länger schweigen '. In der: katholischen'Wiener Tageszeitung „Neuigkeits*Welt-Blatt", welche in bester Beziehung zur österreichischen * Regierung 1 steht, wird ' gegen den Unfug Stellung genommen, jeder im öffentlichen Leben auftauchenden'Frage mit der1 Antwort „Der Jüd' ist achüld".. zu begegnend Einleitend' bemerkt das Blatt, daß. man ihm ) gewiß nicht den' Vorwurf der Judehfreundlichkeit,. des oPhilösenütismus'S machen" körine und . : geht' dann'- dazu über,' die1 •Demagogie''■ge-'' wisser „berufsstähdiScher",' deutsch-christlicher" Organe zu brandmarken, * welche die ' Wirtschaftspolitik ausschließlich vom' Rässenstandpunkt aus; betreiben und sich überdies zu diesem Zwecke, falsoher Ziffern : bedienen. Um diese? Methode zu kennzeichnen, weist das . Blatt : auf das Organ der 1 katholischen Bauern hin, weiches die Juden für den; hohen Zuokerpreis verantwortlich macht. ■ Das - „Neuigkeits-Welt-Blatt*'. ist wirklich kein judenfreundliches Organ, und wenn es sich gedrängt -, fühlt, gegen das Uebergreifen antisemitischer Demagogie auf <3as Wirtschaftsleben Stellung zu nehmen, so beweist:das nur,, wie weit die Dinge gediehen sind. Ja, das Bedrohen und Verleumden jüdischer Staatsbürger ist .zur :Tagesmode geworden auf allen Gebieten .des öffentlichen Lebens.-. Ueber die „nationalbetonten'' Organe, : die ihre. Weisungenvon Hitler-: Deutschland erhalten, ist . in diesem Zusammenhangwohir nichts zu sagen. Nur. über. die „gut-österreichi-: sehen", und vpr allem „katholischen" Zeitungen. soll; gesprochen werden, die sich heute einer Methode gefährlicher antisemitischer Verhetzung, befleißigen. Sie schrecken .vor\ keiner Lüge zurück, und wenn es gilt,: die Bevölkerung dumm und. dadurch für Rassenhaß: empfänglich zu machen, bedienen sie sich bedenkenlos der ärgsten nationalsqzialistischen Rezepte. , '.. E(in Beispiel: Unter dem Titel „F u r c h t b a r e Zahljen", schreibt das „Pf arr-Bl att' des achten Wiener Gemeindebezirkes: „Iii den^ Schulen der Pfarre Neulerchenfeld sind - heuer nur mehr 1768. katholische Kinder. In diesen Schulen sind , außerdem 64 Altkatholiken, 112 Protestanten,, 7 3 (!) Jude n k i n.d e r, 40 Konfessionslose, Erschr eckend. groß wird die Zahl der J u d e n k i n d ,e r. In einer Mädchenschule sind es bereits .6,5 Prozent aller Kinder. Das sind die Zahlen in einer Wiener Pfarre. Dürfen wir hoffen, daß es in anderen viel besser aussieht?" -Hiezu ist zu bemerken, daß es in Wien rund 10 Prozent Juden gibt. Da die Juden ihre Kinder in-die- Schule, sehicken wollen und müssen, ist es mehr als begreiflich, daß man in einer Wiener Schule 6,5 Prozent jüdische Kinder findet. Aber der geistliche Redak-. teur des „Pfar'r-Blattes" findet das ,.e r s c h r e kk e n d" und spricht von „furchtbaren Zahlen". Das muß anders werden! Wie soll man es machen? Um den Wünschen des katholischen Blattes gerecht zu werden, gibt es nur zwei Mittel: Den Judenkindern den Besuch der Schulen verbieten oder sie ausrotten. So ist die geistige Nahrung beschaffen, welche das fromme Blatt seinen frommen Lesern verabreicht. In diese Richtung leitet es die Gedankengänge seiner tlfrfAW. M iM^itewftt' In gewissen Kreisen gewisser Länder wurde wie auf Kommando die Entdeckung gemacht, daß am spanischen Bürgerkrieg „der Jud" schuld sei. Die Legende von der Schuld „de3 Juden" an allem, was gerade im, Augenblick unangenehm wirkt, ist alt genug, um überlebt, zu sein, aber da man scheinbar im Bereich der antisemitischen Giftküche mit ihr noch immer gut auskommt, verwendet man sie weiter: sie ist bequem, verpflichtet nicht zum Denken und macht sich, wie die Erfahrung lehrt, gut bezahlt. Auch bei uns in Oesterreich wurde es Mode, für den Leiter des spanischen Militäraufstandes, General Franco, zu schwärmen; Mode allerdings mehr auf Grund einer ausgegebenen Parole, auf Grund einer Art Richtlinie, und wer nicht laut und vernehmlich seine Sympathie für die spanischen Nationalisten ■ .erkennen ließ, wurde der Sympathie mit,dem Bolschewismus verdächtigt. Und wieder waren es die Juden, die man im Zuge einer Pauschalverdächtigurig auch für die blutigen. Exzesse des spanischen Bürgerkrieges ver-' antwortlich machte.... Die. t^ jüdischen Verdächtigung ignorierten be'wiäßt die Tatsache, daß das Judentum mit dem Spanischen Bürgerkrieg* nicht das geringste zu tun habe, höchstens als leidtragendes Element, und solidarisierten sich mit jenen Mächten,< welche unter dem Vorwaiid ideologischer Ziele und kultureller Verantwortung ihrenpolitischen Interessen Boden auf spanischem Boden gewinnen wollten. Insbesondere das nationalsozialistische Deutschland war es, das seine marokkanischen Aspirationen üV den' Mantel des Kampfes gegen „Weltjuda" .und „Weltbolschewismus" kleidete. Herr Franco und die anderen Generäle des Aufstandes griffen die deutschen Methoden auf, und da bekanntlich im Dritten Reich alles — sogar die Atomlehre — eine jüdische Seite hat, wurde die „Judenfrage" auch im. Reich der spanischen Aufständischen aktuell gemacht. General Franco genießt deutsche Hilfe, dafür plappert er jetzt gehorsam die Phrasen des Propagandaministers Dr. Goebbels nach, ohne zu merken, wie lächerlich er sich als Verteidiger europäischer Kultur durch Zuhilfenahme, der '. schwarzen Marokkaner Das in Wien erscheinende Blatt „Katholisches Leben" schreibt:* ,,Ist es übertrieben, wenn wir behaupten, daß das Judentum in Oesterreich in erschreckender Weise noch immer die wichtigsten Positionen innehat? So hat vor kurzem ein Abgeordneter im Bundestag auf die Ueberfremduhg (was beinahe gleichbedeutend ist mit ,Verjudung') des österreichischen Kunstlebens hingewiesen und diese äußerst bedauerliche Tatsache mit sprechenden Beweisen belegt... Um unseren Standpunkt zu präzisieren: als das wichtigste an dem Inbegriff von 'Fragen, die sich daraus ergeben, daß fünf Prozent der Bevölkerung unseres Landes sich so betragen, als wären sie 50 Prozent, will uns eine großangelegte Selbsterziehung des christlichen Volkes erscheinen, an der mitzuwirken in erster Linie die nicht jüdische Presse berufen ist." .Richtig ist, daß ein Abgeordneter im Bundestag ,: in aufreizender Weise von der „Verjudung" des österreichischen Kunstlebens gesprochen hat, Richtig ist aber auch, daß er nicht eine einzige Ziffer angeführt und nicht den geringsten Beweis für seine Behauptungen erbracht hat. Woher hätte er ihn auch nehmen sollen? Die Juden sind bereits aus dem österreichischen Kunstleben fast y ö 11 i g verdrängt. Die Juden in den Bundestheatern kann man an den Fingern einer Hand abzählen. Die Privattheater I nehmen keine judischen Künstler auf. Aus Furcht vor ' macht. Aber argent oblige. Bei der Eröffnung des Senders „Radio. Nacional" hielt Franco eine Funkansprache, die ebensogut von einem der deutschen Hakenkreuzpropagandisten hätte stammen können.; Der General sagte nämlich unter anderem! „Das neue Spanien wird bald frei sein von jeglichen Besten jüdischer Tyrannei, eine Nation ohne marxistische Zersetzung, ein Staat fürs Volk.« Man beachte die Phraseologie „Das n e u e Spanien" (Das neue Deutschland!) und die Gleichsetzung von Staat und Volk! Die Früchte der Naziprbpaganda sind zum Greifen. Selbstverständlich haben die reichsdeutschen Zeitungen und das Prager Blatt der nationalsozialistischen Henlein-Partei „Die Zeit" die Verleumdungen General Francos in größter Aufmachung wiedergegeben. Franco besitzt Ehrgefühl genug, sich bei seinen nazistischen Geld- und Munitions- und Schlagwortlieferänten zu revanchieren. Der1 Welt soll weisgemacht werden, daß m. Spanien nur . Rühe werden7 kann, wenn es von der — „j ü d i s c h e n T y rann e i" befreit wird; Auch bei uns "in Oesterreich wird dieses Manöver seitens gewisserautoritärer Kreise geübt und propagiert. In einer Darstellung der „roten" Regierung sieht die Sache allerdings anders aus. Der Londoner „Daily Herald" veröffentlicht ein Interview mit dem spanischen Außenminister Alvarez del Vayoj, worin es u. a. heißt: „Die sogenannte „bolschewistische Gefahr" in Spanien besteht nur in der Einbildung, jener, die diese Legende für ihre imperialistische Propaganda notwendig haben. . . . Die überwältigende Mehrheit des spanischen Volkes .hat bei den allgemeinen Wahlen gezeigt, daß sie lediglich unter demokratischem Regime zu leben wünscht. ..." Bezüglich der Stellung zur katholischen Kirche sagte de Vayo: „Wenn die Entwicklung der letzten sechs Monate eine Unzufriedenheit mit der katholischen Kirche gezeigt hat, so ist dies ausschließlich der Fehler jener, die versuchten, ihre weltlichen wirtschaftlichen und sozialen Vorrechte mit Hilfe arabischer Söldner sowie den Treibereien der oben gekennzeichneten „katholischen" Blätter und Organisationen weisen die Direktoren, auch wenn sie jüdischer Abstammung sind, jüdische Bewerber . ab. Die Wiener Filmproduktion steht unter reichsdeutschem Diktat, ist daher judenrein. Aber die Herrschaften, die sich katholisch nennen, machen mit antisemitischen Lügen das Volk dumm. / Wozu sollen diese Feststellungen dienen? Es ist notwendig, die hohen verantwortlichen katholischen Stellen auf den bösartigen Unfug aufmerksam zu machen, der sich in katholischen Organen breit macht. Ob in dieser Beziehung eine günstige Wirkung .eintreten wird, ist abzuwarten. Unbedingt notwendig aber ist, die österreichische Judenschaft selbst über den Ernst der Lage und die Unerläßlichkeit einer offen geführten Abwehr der täglich und stündlich gegen ihre Existenz geführten Streiche aufzuklären. Es nützt nichts, wenn man den Antisemitismus in Oesterreich.als eine nazistische Angelegenheit hinnimmt und Auge und Ohr und Mund vor dem Antisemitismus verschließt, der nicht nazistisch ist, sondern „gut-österreichisch", deutschrchristlich und katholisch tut, der vielleicht nicht so kräftig schimpft, wie die Hakenkreuzler, aber ebenso kräftig bemüht ist, den Juden das Leben unmöglich zu machen. Der Umstand, daß ein katholisches Blatt selbst auf die gefährliche Demagogie „berufsständischer" und „gut- I österreichischer" Organe hinweisen muß, ist ein Be- 1 weis dafür, daß es nicht angeht, länger zu schweigen«