Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 625 (22.1.1937)
- Date
- 1937-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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PrelS 20 GrOSCheil ffeUäg, den M> Männer »J7 Titt rr ^**625 V«b«B» nmrn vrvnnw . ^m y venetm Htsbibr PM16 par rßffitew* DIE NEUEHtlT Freitag/ den 5MU Jänner WJ7 625 V.b.h. REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig 3 16.- vlerteljährlg Zloty 4.60» Tieheehoriowakel monatlich Ko 6.—, vierteljährig Ko 18.—; Jugoslawien _________ . _______, jährig Dinar 40.—; Bnmänlen monatlich Lei 60.—, vierteljährig Lei 150.—> Deutschiana monatlich Mark 1.—, vierteljährig BuiiB 9 40.—i Polen monatlich Zloty L60«; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertelf Mark"3.—; Balgarien monatlich Lewa 80.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 6.—. vierteljährig Lira "14»—5 Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.60, vierteljährig Schweizer Francs 4.5^ Mit E bezeichnet« Anzeigen sind ontgeltlioh. Redaktion u.Verwaltung: IX,Universitätsstr»8,7el.A-20-2»78 — Erscheint Dienstag u.Freitt £ b«qu.mi „ORBIS"-Sonderreise POLEN CZERNOWITZ ■ Wfcfciw UND BERLIN Abfahrt: 24. Jänner 1937 Anmeldungen: Polffl. Reisebüro „ORBIS" l. Karntnerstraße 41, R-21-5.78 Oesterreichisches Verkehrsbüro t. Frtedrtchstrane 7. B.»y.soe, i. graben 20, »-39.0-35 Jüdi§die Erfahrung Wien, 21. Jänner. Die Nachrichten über verschiedene Österreichische Vereinsgründungen haben, trotzdem deren Tendenz als kulturelle angegeben wird, in weiten Kreisen Beunruhigung hervorgerufen. War doch allenthalben die Meinung vorhanden, daß im Rahmen eines autoritär geführten Staates für die Bildung einzelner — wenn auch kulturell aufgemachter — Gruppen kein Platz sei, zumal ausschließlich die Vaterländische Front richtunggebend sein könne. Wie die österreichische Staatsführung sich zum Wirkungskreis der neugeschaffenen Vereinsgruppen stellen, bzw. wie weit sie ihnen Bewegungsfreiheit einräumen wird, läßt sich'trotz der bereits veröffentlichten Kommuniques nicht sagen. Jedenfalls haben d a s hur die verantwortlichen Faktoren zu bestimmen. Auchrhaben nur sie zu bestimmen, in welcher Weise das „Anfüllen.-Oesterreichs mit deutschyölkischem Geist*' zu erfolgen hat Da aber,bei einem solchen Prozeß", wie die Geschichte (auch Altösterreichs) lehrt, die Be.rührüng des Juden p unkt es unvermeidlich zu sein scheint, obliegt, es uns, diesem Gegenstand die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Um es kurz zu sagen: Unser Mißtrauen gründet sich auf die Tatsache, daß die sogenannten nationalbetonten Zirkel in 'Ermanglung schlagkräftiger legitimer und logisch begründeter Parolen zu judenhetzerischen „Argumenten" greifen und, plötzlich an ihre eigentliche Bestimmung vergessend, den Antisemitismus in den Zenträlpunkt ihrer Bestrebungen stellen werden. Daß das heutige Oesterreich ein deutscher und christlicher, also ein deutschchristlicher Staat ist, braucht von .niemandem mehr gesagt und in die Welt posaunt zu werden. Das ist bereits Dogma. Die Oesterreicher haben es nicht notwendig, aus dem Bildungsvokabular des „nordischen" Menschen-. Begriffe zu beziehen, die keine andere Funktion haben, als Wahrheit und Humbug gleichzuschalten. Da aber nun einmal der Bodensatz der jahrelang bei uns intensiv geführten Hakenkreuzpropaganda,- wenn in, nichts, so im Antisemitismus, zurückgeblieben ist, so kann wohl die berechtigte- Befürchtung bestehen, daß dieser nun berufen sein wird, die dominierende Rolle bei den neugegründeten .Vereinen zu spielen. Die Bedenken, die von einem großen Teil der Wiener Presse gegen diese Vereinstypen vorgebracht wurden, bezogen sich hauptsächlich auf die Gefahr der Unterminierung des. Vaterländischen Front-Gedankens und in weiterer Folge auf eine die Legalität vortäuschende, aber der autoritären Staatsführung zuwiderlaufende Tätigkeit. Hier enthalten wir uns als jüdisches Organ jeder Prognose. Was wir aber, gerade als jüdisches Organ, vernehmlich auszusprechen haben, ist die bereits erwähnte Befürchtung des Mißbrau chs patriotisch-kultureller Schlagwörter im Sinne einer antijüdischen Hetzkampagne. Man muß kein geborener Pessimist sein, um das zu erkennen. Wurde doch, wie das gewiß gut informierte und ebenso gut informierende deutschchristliche Wiener „Neuigkeits-Weltblatt" vom 19. Jänner 1937 mitteilt, von einem aktiven Österreich ißchen Minister „eine betont nationale und antisemitische Heimatschutzgruppe gesammel t", die zweifellos unter ministerieller Führung nicht verabsäumen wird, ihren Antisemitismus betont national'zu drapieren. Der Boden ist bereitet. Eine i antisemitische Lügenpresse schüchtert alle diejenigen ein, die noch so etwas wie Verantwortungsgefühl haben, aber durch moralische Hemmungen gegen den'Nasasmus benach« Frankreich will Juden kolonisieren Aus Paris wird gemeldet: Der französische Minister für die Kolonien, Marius Moutet, empfing Vertreter der Presse, um ihnen eine Erklärung über bestehende Möglichkeiten der Einwanderung und Seßhaftmachung von Juden in französischen Kolonien abzugeben. Minister Moutet begann seine Ansprache mit einem Hinweis auf die grandiosen Leistung en der Juden in Palästina. Er sagte: „Ich weiß, daß die Juden ein sehr seriöses Siedlungselement bilden und für landwirtschaftliche Arbeit, die die Grundlage einer jeden großzügigen Kolonisation ist, sehr befähigt sind. Ein im höchsten Grade bemerkenswertes Beispiel landwirtschaftlicher kolonisatorischer Tüchtigkeit haben die Juden in Palästina gegeben, wo sie in verhältnismäßig kurzer Zeit etwa 4 0 0.000 Menschen seßhaft gemacht haben. Oedländer wurden fruchtbar gemacht, Städte blühten auf. Um das Werk der Juden in Palästina richtig würdigen zu können, muß man sich vergegenwärtigen, daß z. B. Frankreich, welches doch auf kolonisatorischem Gebiet Hervorragendes leistete, vor f ast einem Jahrhundert in A1 g e r i e n ein kolonisatorisches Werk begann und Adaß die .Zahl der l^anzosen aus dem .Mutterland, die sich seither dort niederließen, kaum die Zahl der Juden in Palästina erreicht." Indem ich nun darangehe, fuhr der Minister fort, auf die Möglichkeiten der Ansiedlung von Juden in den französischen Kolonien hinzuweisen, möchte ich vorausschicken, daß man sich, was Massenansiedlungspläne in unseren Uebersee-Territorien betrifft, keinem übertriebenen Illusionen hingeben soll. Zeugt ja auch schon das Palästina-Werk davon, daß für Massenansiedlung beträchtliche finanzielle Mittel erforderlich sind. Andererseits muß man in Betracht ziehen, daß es heute bereits an geeigneten Siedlungsterritorien mit einem dem Europäer zuträglichen Klima mangelt. Eine Massenkolonisation planen, hieße, die Entstehung politischer Schwierigkeiten riskieren; leider bietet auch hierin Palästina ein Beispiel. Unter solchen Vorhalten, fuhr der Minister fort, bin ich des Glaubens, daß eine Anstrengung mit Nutzen versucht werden kann. Die französische Re« gierung ist geneigt, Menschen, die guten Willens sind, zu einer Ansiedlung in ihren Kolonien zu verhelfen; die hohen Kolonialbeamten werden ein begonnenes Werk nach besten Kräften fördern. Ich halte aussichtsvolle Resultate durchaus für möglich. Doch muß man das Territorium mit Bedacht wählen und vor Beginn des Werkes" gründliche Voruntersuchungen anstellen. Ich für mein Teil bin bereit, die Fachleute für solche Untersuchungen zu stellen. Auch die Gouverneure werden mich hierin unterstützen. Uebrigens — ich kann es Ihnen mitteilen — haben Untersuchungen bereits begonnen, mir liegen Berichte der Chefs der Kolonien hierüber vor. Eine Reihe dieser Chefs, z. B. der Gouverneur von Madagaskar, steht dem Projekt durchaus wohlwollend gegenüber, sofern ernstzunehmende Organisationen, die über die nötigen finanziellen Mittel verfügen, hinter dem Werk stehen. Außer den hochgelegenen Gebieten von Madagaskar kämen für eine Ansiedlung von Juden noch Gebiete in Neu-Kaledonien, auf den Neu-Hebriden, ja sogar in Guyana in Betracht, dessen Klima keineswegs so schlecht ist, wie man im allgemeinen glaubt. Ich habe den Leiter des politischen Ressorts beim Ministerium für die Kolonien, Gaston Joseph, sowie ein weiteres .Mitglied meines Ministeriums, Bouteüle, gebeten, die Angelegenheit sehr genau zu verfolgen und die Materialien und Dokumente bereitzustellen, die die Mitglieder der Untersuchungskommission benötigen. Ich persönlich würde sehr glücklich sein, wenn ich einerseits zu diesem Kolonisationswerk Nutzbringendes beitragen und andererseits so vielen Menschen helfen könnte, die in ein unverdientes Elend geraten sind. Meine Sympathie gilt den Opfern politischer oder, religiöser Leidenschaften und der Rassenvorurteile. Auf Befragen der Journalisten erklärte Minister Moutet, die französischen Behörden werden sich auf teiligt, sehr leicht Position für Position aufgeben und ihm schließlich den Platz räumen könnten. Diese Gefahr besteht. Man kann ihr kaum mit der bequemen Ausrede begegnen, daß es allzu verfrüht sei, den Teufel an die Wand zu malen. Die jüdischen Erfahrungen sind eindringlich genug, eindringlich und zu rechtzeitiger Abwehr mahnend. o. r. Wie lange noch? Ein österreichischer „Stürmer" Jede Woche; erscheint in Wien und in der österreichischen Provinz eine Ausgabe der Zeitung „Deutsches Volksblatt", das heißt, jede Woche werden das Judentum im allgemeinen und die jüdischen Staatsbürger Oesterreichs im besonderen in niederträchtiger und ekelerregender Weise beschimpft und zum Gegenstand einer perfiden Hetze gemacht. Als Muster dient den Schreibern und Zeichnern dieses Blattes der „Stürmer" des Julius Streicher. Dieser Umstand ist so offenbar, daß er auch von christlichdeutscher Seite anerkannt wird. Die Zeitschrift „D e r Beamte", Fachorgan der Vaterländischen Front, schreibt innerhalb einer Abhandlung über die Tätigkeit der „Nationalbetonten" in Oesterreich mit Bezug auf das „Deutsche Volksblatt": „Wenn nun ein in öffentlichen Diensten stehender »Brückenbauer* seit zwei Jahren in einer in Wien erscheinenden Wochenschrift ausgesprochene Hitler-Propaganda betreibt, wenn ein© andere sich deutsch nennende Wochenschrift ihren Ehrgeiz in der Nachäffung des selbst in Deutschland berüchtigten iStürmer1 erblickt...'« Die österreichischen Amtsstellen haben die Einfuhr und Verbreitung des reichsdeutschen „Stürmer" verboten. Dafür lassen sie vor ihren Augen den österreichischen „Stürmer" sein trauriges Handwerk betreiben, die österreichischen Juden besudeln und in gefährlicher Weise gegen sie hetzen. Es gibt in Oesterreich eine Verfassung, welche, den jüdischen Staatsbürgern den Schutz ihrer Rechte, ihrer Ehre und ihrer Sicherheit garantiert. Jede Nummer des östereichischen „Stürmer" ist freventliche Verhöhnung der Verfassung und des Strafgesetzes. Wie lange, noch werden die berufenen Faktoren dieses Treiben dulden? KOHLE K0K$ A||THRAC|T BÄSCH IV, ARGENTINIERSTRASSE 22 TEL. U-47-5-40 Inhaber Dr. Richard Bäsch