Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 623 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 623 vom 15. Jänner 1937 die neue Welt Seite 3 WodtekSfUefd Eine Warnung Man hat das Gefühl, daß der Gedanke selbst und das Wort auf immer entehrt sind durch einen so elenden Mißbrauch. Hemmungslos schleudert, eins kläglich überreizte Viertelsbildung ihre Pseudoerkenntnisse und bösartigen Theoreme, ihren mystagogischen Gallimatthias und ihre unverschämten Millenniumsentscheidungen hervor, und nur schwach, nur ängstlich wagt eine teils eingeschüchterte, teiis schimpflich sympathisierende Wissenschaft eine leise Gegenerinnerung. Nicht lange mehr, und dieses Denker tum xoird überall die Macht haben, seine „Ideen" zu verwirklichen} sie dreist und gewaltsam in Geschichte umzusetzen. Die Geschichte wird danach sein. Thomas Mann, „Achtung, Europa!" Künstler und Judentum &aß ein Jude das erhabene Kriegsbuch ,Jn Gottes Krieg" gedichtet hat, daß ein Jude den großartigen Bilderzyklus geschaffen hat, daß ein Jude ein gleichzeitig so umfangreiches wie reines Lebenswerk gestaltet hat — das bedeutet für alle Zeiten eine derartige Stärkung der moralischen Stellung der gesamten Judenheitf daß schon einfachste Dankbarkeit alle Juden Uriel Birnbaum gegenüber dauernd verpflichtet. Und die Juden würden nur sich selbst ehren, wenn sie den Dichter, den Künstler, den Denker Uriel Birnbaum fördern und feiern! Dr. A. Graf Polzer-Hoditz, „Uriel Birnbaum". Das entdeckte Land Ich habe Länder für die Musik verloren, idh habe jedoch ein neues Land — Palästina — entdeckt. Arturo Toscanini (Jerusalem, 1937). Die ersehnte Heimat Derselbe Wille, der die kurdischen Juden über die Jahrhunderte hinweg in der wilden alpineyi Landschaft (des kurdischen Berglandes) erhalten hat, treibt heute die kurdischen Juden nach Eres Israel. Ihre Verbundenheit mit Erez Israel ist eine sehr engef und mehr als 500 kurdische Juden haben sich bereits in Palästina niedergelassen. Es sind ganze jüdische Gemeinden um die Hälfte ihrer jüdischen Mitglieder reduziert worden. Ihre Anpruchslosigkeit, ihre körperliche Leistungsfähigkeit und ihre zähe Natur machen diese kurdischen Jtiden zu einem der geeignetsten Elemente des Aufbaues — und alle, die noch dort geblieben sind, warten voller Sehnsucht auf den Augenblick, wo auch sie in ihrer erseJmten Heimat schaffen können, Prof. Walter F i s c ti e 1 (Jerusalem). Prophetische Worte ,J)ie Wohltäter in diesem Lande (England) sollten sich vereinigen und einen Platz ausfindig machen, wo sie die Heimatlosen ansiedeln und aus ihnen Arbeiter statt Bettler machen könnten. Aehnliche AnSiedlungen sind gescheitert, weil für Bewegungen großer Volksmassen Geld allein nicht genügt. Sie müssen ein Ideal haben, sie müssen an ihre Zukunft glauben können, und dann ist man imstande, bei ihnen die Hingebung für die denkbar schwerste Arbeit zu finden. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Argentinien hat einen sehr guten Boden und die Bedingungen für die Landwirtschaft sind dort bedeutend besser als in Palästina. Aber in Palästina arbeiten die Juden mit Enthusiasmus und haben Erfolg, Herzl zu der vom engl. Parlament eingesetzten „Kgl. Kommission zum Studium der Fremdeneinwanderungsfrage", 1902. Was die Araber verlangen Memorandum an die Kgl. Kommission Aus Jerusalem: Nach einer zweitägigen Bauersitzung hat der Oberste Arabische Ausschuß das Material fertiggestellt, das er der Kgl. Kommission vorlegen will. In einem der Kommission übergegebenen Memorandum wird die Forderung nach Abschaffung des Mandats unter Aufhebung der B a 1 f o u r - D e k 1 a r a ti on erhoben. In Palästina solle eine arabische National regierung eingesetzt werden. Der Oberste Arabische Ausschuß erklärt sich bereit, den Abschluß eines Freundschaftsvertrages zwischen einem unabhängigen arabischen Palästina und England nach dem Muster des vor kurzem zwischen Syrien und Frankreich abgeschlossenen Vertrages herbeizuführen. Die Britische Regierung wird aufgefordert, auf die zionistische Politik zu verzichten, da es unmöglich sei, unter der Geltung der gegenwärtigen Mandatsbestimmüngen den arabischen Beschwerden Genüge zu tun. Es verlautet, daß die Mitglieder der Kgl. Kommission, Lord Peel, Prof. Copeland und Sir Horace Rumbold, während ihres sonntägigen Besuches in Amman vom Emir Abdulla zum Frühstück geladen waren, bei welcher Gelegenheit der Emir das palästinensische Problem im arabischen Sinn erörtert hat. Der Emir vertrat die Behauptung, die er auch in seinem Memorandum an die Kommission schriftlich dargelegt hatte, daß die Juden kein historisches Recht auf Palästina haben, daß die Balfour-Deklaration den Arabern Unrecht zufügt und daß nur die Schaffung eines neuen politischen Statuts und die Errichtung einer nationalen Regierung in Jerusalem die Lage grundlegend ändern können. (J. T. A.) Verlängerung des Aufenthaltes der Kgl. Kommission Aus Jerusalem: Im Zusammenhang mit dem Beschluß des Obersten Arabischen Ausschusses, seine Vertreter vor der Kgl. Kommission erscheinen zu lassen, hat die Kommission nunmehr offiziell bekanntgegeben, daß sie ihre für den 12. Jänner in Aussicht genommene Abreise verschiebe, um die arabischen Zeugen vernehmen zu können. Die Vernehmung der arabischen Zeugen begann Dienstag, den 12. Jänner. Arabische Drohungen , Falcor meldet aus Jerusalem: In den in verschiedenen. Moscheen gehaltenen Predigten wird die Bevölkerung aufgefordert, keine Terrorakte mehr zu verüben, sich gleichzeitig aber bereitzuhalten, sie nötigenfalls nach Veröffentlichung des Berichtes der Königlichen Kommission fortzusetzen. Die Aussage des Mufti Aus Jerusalem wird gemeldet: Am Dienstag, den 12. Jänner, begann die britische Kgl. Kommission unter dem Vorsitz von Lord Peel die Vernehmung der arabischen Zeugen, die für drei bis vier Tage anberaumt ist. Als erster Zeuge trat der Mufti von Jerusalem Haj Amin el Husseini auf; seine Aussagen bestätigten, was man schon in den vorangegangenen Tagen erfuhr, daß nämlich im arabischen Lager die Extremisten vollkommen die Oberhand behalten haben. Der Mufti begann seine Bekundungen mit der, wie er sagte, im Namen aller arabischen Führer abzugebenden Erklärung, daß es das Ziel der Araber in Palästina sei, die nationale Unabhängigkeit zu erlangen. Die Forderungen der Araber, erklärte der Mufti vor der Kgl. Kommission, kristallisieren sich in folgendem: 1. Daß von dem Versuche, aus Palästina eine nationale Heimstätte der Juden zu machen, Abstand genommen werde; 2. daß die jüdische Ein- MYRNA LOY ¥ SPENCERTRACY IN PEM. . s PACKENDEN KRIMINALFILM Wanderung und der Bodenverkauf an Juden sofort und vollständig eingestellt werden; und 3. daß daa gegenwärtige Mandat aufgehoben werde, das durch einen Vertrag zwischen Großbritannien und den Arabern zu ersetzen sei. Der Mufti fügte hinzu, er sei der Meinung, daß die Juden beabsichtigen, die berühmte Omar-Moschee niederzureißen und an ihrer Stelle einen jüdischen Tempel zu errichten (!) Auf den Zeugenbänken saßen während der Vernehmung des Mufti mehrere andere Mitglieder dea Obersten Arabischen Auschusses, deren Vernehmung in den nächsten Sitzungen erfolgen wird. Es fiel auf, daß der frühere Bürgermeister von Jerusalem Ragheb Bey; Nashashibi unter diesen Zeugen fehlte. In politischen Kreisen wird diesem Umstand eine große Bedeutung beigemessen; man weiß, daß die Radikalen im Auschuß es durchgesetzt haben, daß Nashashibi nicht vor der Kommission erscheint. Dies ist deshalb geschehen, weil er sich darauf beschränken wollte, rein palästinensischarabische Angelegenheiten zur Sprache zu bringen und Beschwerden und Forderungen der Araber Palästinas der Kommission vorzutragen. Demgegenüber wünschen die Radikalen im Obersten Arabischen Ausschuß, daß die Forderungen der palästinensischen Araber mit den panarabischen Bestrebungen in Zusammenhang gebracht werden. Deswegen wurde auch die Forderung nach Einsetzung einer unabhängigen nationalen arabischen Regierung, die sich mit den übrigen arabischen Staaten verbünden könnte, an die Spitze gestellt. Der internationale Charakter des Mandats Wie die J. T. A. erfährt, war es der Hauptzweck des Besuches der drei Mitglieder der Kgl. Kommission In-u« ausländische Hausbesitzer verwalten ihre I WIENER HÄUSER durch behördlich konz. Realitätenkanzlei 1 Dr. MAIR PAIS H Wien '» Fr«""-Jos«'«1i T«'- R-21-5-30 H Erstklassige Referenzen! mi tülsieUmp de* „Hoiilma" In dem seinerzeit weitverbreiteten Liederbuch für jüdische Vereine, das im Jahre 1894 von Heinrich Loewe herausgegeben wurde, befindet sich die „Hatikwa" noch nicht, scheint also somit noch nicht in den jungzionistischen Kreisen bekannt gewesen zu sein. Dagegen wird sie auf der ersten Palästina-Ausstellung in Berlin bekannt, und zwar durch die sogenannten „Vier syrischen Melodien", von dem verdienstvollen Musiker und Kantor Friedland in Breslau bearbeitet, die Dr. E. F i n k e 1 in 100 Exemplaren nach Berlin gesandt hat. (Vier Lieder mit Benützung syrischer Melodien, von St. Friedland, 1895.) Sowohl in einer Unterredung mit dem bedeutenden Hebraisten und Großsekretär der B'ne-Brith-Logen, Dr. Finkel, wie auch durch Aufzeichnungen seinerseits, ist uns wertvolles Quellenmaterial überwiesen worden, das die Basis für die nachfolgenden Ausführungen bildet. In der jungzionistischen Bewegung wirkte der damalige Hörer am Breslauer jüdisch-theologischen Seminar, Finkel, mit großer Begeisterung. Wir begegnen ihm bereits als Mitarbeiter großer hebräischer Zeitungen. Dadurch trat er sehr bald in Fühlung mit Persönlichkeiten, die aus den jüdischen Zentren in Osteuropa und auch in Palästina nach Breslau kamen. Zu ihnen gehörte David Schub, der damalige Leiter der Kolonie „Mischmar ha-jarden". Finkel erzählt nun mit großer Lebendigkeit, wie Schub zu ihm mit einem Empfehlungsschreiben des „Hamaggid" zu Beginn des Winters 1894 nach Breslau kam, um für das KrankenlUUM Scjoaare gedek Gönner, au %eft&n,. S§]^.3$E* bringt einen Freitagabend im Kreise der jungen Studenten. Hier werden die üblichen Kommerslieder gesungen. Bei dieser Gelegenheit nun trägt Schub auf Veranlassung von Finkel einige Zionslieder vor. Das ist etwas ganz Neues für die jungen begeisterten Theologen. Sie hören das schwermutsvolle „AI tal, weal motor" — „Nudu lamjaleles" und „Schemesch owiw". Finkel hat nun den glücklichen Gedanken, Schub mit dem Kantor Friedland bekanntzumachen, der die Melodien fixierte. Hierbei sei bemerkt, daß Dr. Finkel schon damals ungemein stark für die Verbreitung der hebräischen Sprache auch außerhalb des jüdischen Gottesdienstes bestrebt war. In einer großen musikalischen Breslauer Veranstaltung nun wurden diese Syrischen Melodien (weshalb eigentlich „syrisch", ist nicht ganz ersichtlich, denn nur Mischmar hajarden gehörte geographisch zu Syrien) auf das Programm gesetzt und erzielten einen durchschlagenden Erfolg. Nun ruhte Finkel nicht eher, als bis diese vier Melodien, mit Klavierbegleitung versehen, in Druck erschienen. Dazu aber war es einmal notwendig, den Ursprung des Textes der Lieder genau festzustellen. In dieser Sammlung nun, die längst vergriffen und vielleicht von den Wenigsten noch gekannt ist, finden wir als viertes Lied die Weise der „Hatikwa" unter dem Titel „Sehnsucht". Nachdem der Druck vollendet war, findet Finkel im ersten Jahrgang des Luach von Luncz, Jerusalem, für das Jahr 5656 den Text „Od loowdo" von I m b e r. Er läßt nun diesen Text drucken und fügt ihn als Beilage den Syrischen Melodien an. P4o lAeftssx: finden- & jü^gghen Kreisen die weiteste I Verbreitung, Ihre gefällige, anspruchslose Melodie, der leichte Klaviersatz tragen nicht wenig dazu bei. Aus der Tatsache, daß Luncz in seinem Kalender das Imbersche Gedicht veröffentlichte, ist also zu entnehmen, daß dieses Zionslied im Jahr 1895 noch nicht allgemein bekannt war. Der Text weicht allerdings etwas von dem jetzt üblichen ab. Zu gleicher Zeit hält die zionistische Organisation Ausschau nach einer Volkshymne. Eine diesbezügliche öffentliche Preisausschreibung ist in den jüdischen Zeitungen im Jahre 1895 zu lesen. In der Jüdischen Ausstellung, die ein Jahr später in Breslau stattfand, und bei der Dr. Finkel sich außerordentlich stark betätigte, fanden die Lieder weitere Verbreitung. Die „Hatikwa" wurde aus der Seele des Zionismus zur Volkshymne. Mit aller Evidenz konnte hier wieder einmal festgestellt werden, daß nicht vom grünen Tisch und durch Dekrete ein Volkslied entsteht, sondern aus der Seele des Volkes aufsteigt und zur heiligen Hymne wird. Wir brauchen nicht zu betonen, welch schnelle Verbreitung dann später die „Hatikwa" gefunden hat. Die verschiedenen Versionen, die wir seinerzeit in der Debatte lasen, haben samt und sonders ihre Berechtigung. Die Melodie wurde tatsächlich schon viele Jahre yor Entstehung der „Hatikwa", sowohl am 9. Aw wie auch beim Vortrag des Psalms 126, verschiedentlich gesungen. Sie wanderte hinüber ins Heilige Land; dort wurde sie zur Volksweise. Dann vermählte sie sich mit dem schönen Imberschen Text, um das zu werden, was sie heute ist: zur Jüdischen Volkshymne. Oberkantör Magnus Eavidsohn (Berlin), '\