Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 623 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 20 Groschen Freitag/ den IJ. lännw 19J7 DIE NEUE. Nf ♦ 623 V* b« b* 185 Zeitung vom Verleger versendet »Journal expediö par rediteot" Umversi* « M| HHHj ■f ELT REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.5t, vierteljährig Zloty 4.60; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel« jährig Dinar 40.—; Bumänlen monatlich Lei 60.—, vierteljahrig Lei 150.—j Deutschland monatlich Mark 1.—,. vierteljährig? Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 80.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire IWj Schwel« und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Franca &JBO, „, Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion U.Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8,7el.A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u.Freitag Das Los der Juden in Spanien K'y.'.r. „ORBIS"-Sonderreise »««h POLEN czernowitz ■ WBiklV UND BERLIN Abfahrt: 24. Jänner 1937 Anmeldungen: Poln. Reisebüro „ORBIS« I. Kärntnerfttrane 41, R-iV5-78 Oesterreichisches Verkehrsbüro I. Friedrichstrane 7, B.27-500, i. Graben 20, U-M-o-as Die Moral * derö§ferreidhi§dienPres§e Die Institution der Presse an sich erfreut sich in gewissen intellektuellen und hyperintellektuellen Kreisen einer Unbeliebtheit, die je nach dem Grad des Temperaments bis zur Aversion gedeihen kann. Auch Politiker — hauptsächlich dort, wo eine liberale Weltanschauung dem Presseapparat einen weiten Freiheitsraum beläßt — versuchen oft genug, der Presse eins am Zeug zu flicken, wobei sie, wie beispielsweise Bismarck und Lassalle, in ihrer Kritik gar nicht zurückhaltend sind. Im allgemeinen pflegt man auch hier den banällrt^aedanken zu variieren, daß jedes Land die Presse habe, die es verdiene. Es wäre am bequemsten, wenn man sich in der Mitte hielte zwischen jenen, die der Wohltat der Presse mit Dankbarkeit begegnen und den anderen, die ihr um jeden . Preis gram sind. * In einem Zeitpunkt, da sich das autoritär geführte Oesterreich zu bewähren im Begriffe ist, sprach ein Pressefachmann, der Präsident der neugeschaffenen Pressekammer, Minister Eduard Ludw.ig, in der „Gesellschaft für Außenpolitik" über die Aufgaben der Pressekammer. Seine Ausführungen umspannten ein ebenso reiches wie empfindliches Gebiet. Die markante Feststellung „Wir können in Oesterreich mit Genugtuung feststellen, daß die Moral unser er-Presse eine gute ist..." verdient um so eher ein wenig Verweilen, als der Verdacht entstehen könnte, diese gepriesene Moral sei ein Ersatz für Vernunft, Humanität, Geist, Verantwortungsgefühl. Denn eine. Haltung, die; nur dem Verlangen nach einer guten Leumundsnote dienen wollte, geriete leicht, in die Gefahr, jeder unpassenden Wahrheit ein Schnippchen zu schlagen. Es geht auch nicht an, daß eine nach „Richtlinien" arbeitende Presse mit Pathos ihre Zugehörigkeit zu allem Staatserhaltenden verkündet, weil ihr jeder echte Tonfall abhandengekommen ist. Moral der Presse? Das läßt sich am besten dort konstatieren, wo man der Wahrheit zuliebe den Vorwurf „unpatriotischen Verhaltens", oder, im österreichischen Argot gesprochen, den Vorwurf der Verletzung „deutschchristlicher Belange" auf sich nimmt. Bei der Behandlung jüdischer Dinge hat man Gelegenheit, dergleichen zu bezeugen. Das ist der Punkt, wo auch für unser Blatt das Lob des Präsidenten Ludwig aktuellen Wert bekommt. Die bloße Tatsache, daß einzelne österreichische Zeitungen, und just die größten, seit Beginn der österreichischen Evolution, so etwas wie kulturelle Gesinnung an den Tag legen, ein Stück altösterreichischen Erbguts, kann nicht die andere Tatsache aus der Welt schaffen, daß hierzulande, vqrnehmlich in der Provinz, der österreichische Kleinbürger die Verpflichtung zu vaterländischer Gesinnung mit der Verpflichtung zum rüden, auf tiefster Ebene gelagerten Antisemitismus verknüpft, oft genug in seinem Glauben von jenen Faktoren gelassen, die für eine deutlichere Auffassung des Vaterländische-Front-Gedankens zu sorgen hätten. Nichts wird oberflächlicher genommen als die Wahrheit. Die Verbreitung von Lügen, Verleumdungen, Hetzparolen gehört zu täglicher Uebung. Was der reichsdeutscbe Nationalsozialismus aus seiner bärenhä"terischen — Weltanschauung anrichtet, wird hier in Erinnerung j&n diei politischen Mantschereien. der Wolf^ Schäaererj Seit dem spanischen Bürgerkrieg ist die Lage der Juden in Spanien völlig unsicher geworden. Von Zeit zu Zeit tauschten diesbezügliche Nachrichten in der Weltpresse auf, es war aber nicht möglich, Authentisches über das Schicksal, der spanischen Juden zu erfahren, zumal die meisten Berichte politisch gefärbt waren. Erst durch eine Intervention des Reverend M. L. Perlzweig beim Londoner spanischen Gesandten Senator Pablo Azcarate erfährt man von der tiefen Tragik von lausenden jüdischen Flüchtlingen, die nach Machtantritt des Nationalsozialismus von Deutschland nach Spanien geflohen waren, in der Hoffnung, sich eine neue Existenz aufbauen zu können. Jetzt sind diese Unglücklichen zwischen Hammer und Ambos geraten. Sowohl die spanische Regierung als auch die Franco-Leute gönnen ihnen keine ruhige Stunde. Die J. T. A. berichtet hierüber aus London folgendes: WIEN.V. PJLGRAMGASSE 6. Lueger etc. geübt. Die Moral dieser Presse löst keinerlei Genugtuung aus. „Das Problem der Wahrheit, nämlich" der Wahrheit als absoluter Idee und in üirer Bedingtheit durch das Leben, der Wahrheit in ihrer Ewigkeit und Wandelbarkeit, ist ein Problem von ernstestem moralischen Gewicht." (Thomas Mann.) Es handelt sich hier um eine Presse, die es sich angelegen sein läßt, nicht nur mit den Argumenten, sondern auch mit dem Material der reichsdeutschen Nazipresse zu arbeiten, der sie bereits alle dumm-dreisten und perfiden Praktiken abgeguckt hat. Die österreichische Spezialität allerdings besteht in etwas anderem. Sie bezeugt, daß Moral der Ausfluß der Feigheit und nicht des Charakters ist, und daß das Bedürfnis der Anpassung an die Wünsche des nazistisch infizierten Lesers als Schutz von — Staatsnotwendigkeiten drapiert wird. So werden all die Filmleute, Schriftsteller und Gelehrten jüdischer Abkunft, wenn sie dem österreichischen Namen Ehre bringen, zu Oesterreichern gestempelt, wie beispielsweise Walter Reisch („Maskerade"!), Blumenthal -M üHer Die nationalistische Junta-Regierung in Burgos betrachtet sie als Juden und verfolgt sie unbarmherzig, während die Volksfront-Regierung in Valencia' in ihnen wegen ihrer Staatsangehörigkeit „Deutsche** sieht und sie deswegen als „Geiseln" zurückhält. Während die deutsch-jüdischen Flüchtlinge aus den von den nationalistischen Truppen und ihren Verbündeten besetzten Teüen Spaniens zum größten Teil ge-> flohen sind, weil ihr Leben dort direkt bedroht war; (mehrere büßten auch ihr Leben ein), hielten die Juden in den von der Volksfront-Regierung beherrschten Teilen Spaniens durch, in der Hoffnung^ daß man sie hier als Opfer des deutschen Rassismus schonen würde. Darin sehen sie sich* aber bitter getäuscht, denn die spanische Regierung, die alle deutschen Staatsbürger unter Bewachung stellte und sie, wegen des feindlichen Vorgehens Deutschlands gegen Spanien, als Geiseln betrachtet, wendet die gleiche Prozedur auch gegen; die deutschen Juden an, deren Lage deswegen aber schlimmer ist als die der deutschen Arier, weil die Hitler-Regierung sich ihrer jüdischen Staatsbürgers nicht annimmt. Die Lage der deutschen Juden in Spanien hat in' den jüdischen Kreisen Englands tiefe Beunruhigung hervorgerufen. Rev. Perlzweig, ersuchte namens der. jüdischen Organisationen in England den Gesandten Senator Pablo Azcarate, seiner Regierung die Bitte zu übermitteln, den deutsch-jüdischen Flüchtlingen zu er-f lauben, das Land zu verlassen. Der spanische Gesandte gab zu, daß seine Regierung in ihrer Behandlung der; deutschen Staatsbürger keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden machte und daß bisher auch deutschen Juden eine Ausreiseerlaubnis nicht erteilt worden ist. Er fragte Perlzweig, welche Sicherheit die spanische Regierung haben könne, daß die Menschen, denen sie die Ausreise erlaubt, nicht später gegen Spanien eingesetzt werden würden. Perlzweig schlug vor, einer jüdischen Äuswanderergesellschaft, die in Madrid und üi Barcelona Büros hat, das Recht einzuräumen, Personen, die sich als jüdische Flüchtlinge ausweisen, Ausreisezertifikate zu („Im weißen Rössel"!), Prof. Otto Löwi (Nobelpreis!), während irgendein Schwindler mit „jüdisch klingendem" Vornamen und galizischer Provenienz zu einem „semitischen Schädling, Wucherer, Ausbeuter, Artfremden" degradiert wird. Jeder Tag kennt derlei Fälle. Keine Rubrik ist vor ihnen sicher. (Die „Reichspost" beispielsweise hat sich jetzt, ihren „Moses Rosenberg" zugelegt, gar nicht zu reden von den schlichten, kreuzbraven Blättern „Deutsches Volksblatt" und „Wiener Montagblatt", das Spezialistin in der Leidenschaft ist, die jüdischen Gewerbetreibenden, von denen sie Geld für Inserate nimmt, antisemitisch zu beschimpfen.) Die Moral dieser österreichischen Presse, die draußen in der Welt (wo Vernunft und Gerechtigkeit noch Anwert besitzen) als der Typus der österreichischen Presse angesehen werden könnte, hat gewiß nicht dem Minister Ludwig vorgeschwebt, als er sie „eine gute" bezeichnete; Wozu schüeßlich noch zu bemerken ist, daß oft nicht Mangel an Mut, sondern Mangel an Talent für die Moral der oben erwähnten Presseprodukte verantwortlich ist. o. r. KOHLE K0K$ AHTHRACIT BÄSCH IV« ARGENTINIERSTRASSE 22 - TEL. U-474 Inhaber Dr. Richard Bäsch