Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 616 (15.12.1936)
- Date
- 1936-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bienmq, den IS« Dexcmtof If 36 tf#« Ithtgang Nf*6W V*l»«-fc»' DIE NEUE 185 Titl. Universitätsbibliothek ■ Wie«» I. 1 kl REVUE HERAUSGEBER: ROÖERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16*—; Polen monatlich Zloty 1.9 . vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc G.—, vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Bumänien monatlich Lei 50.—, vierteljährig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schwele und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.60, vierteljährig Schweizer Franca 4.60. Mit 1 bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u, Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Jet. A-20-2*78 - Erscheint Dienstag u, Freitast Eine harte Strafe: 18 Jahre! ig&r. „QRBIS"-Fahrt p.rr.JWrvi"- P0LENCZERN0WITZ ■ WHIBbIv UND BERLIN Abfahrt: 22. Dezember 1936 Anmeldungen: Polll. Reisebüro „ORBIS" I. Klrntnarstran« 41, R-sm-78 Oesterreichisches Verkehrsbttro l. Friedrichstran« 7, B.27.500, 1. Orabon ao, U.m.o-35 Der Sieg des Zionismus — sicher Sagt Lord Cecil Anläßlich der Einweihung des neuen Heimes des Anglo-Falestinian Club in London hielt Viscount Cecil of Cfielwood eine Ansprache. Am Ende des Weltkrieges, erklärte Lord Cecil, seien zwei konstruktive Ergebnisse in Erscheinung getreten, mit denen Lord Balfour eng verknüpft wa*: der Völkerbund und der Zionismus. Ich stimme den Prophezeiungen zu, nach denen der Weltfrieden mit der Wiedererstehung hebräischen Lebens verknüpft sein soll. Ea gibt Leute, die über den Völkerbund lachen und erklären, er sei tot. Niemand aber hat die Kühnheit, zu behaupten, der Zionismus sei tot. Sein Enderfolg ist sicherer als jemals; „Gegner mögen eure Arbeit behindern. Sie werden aber-ihr Ziel nicht erreichen können, wenn ihr: e u r e n Idealen und e 11 r.eh nationa le n Aspiraiion'eh treu bleibt." Die arabische Einwanderung . ' •: Aus Jerusalem: In der am 8. Dezember abgehaltenen Sitzung der Königlichen Kommission wurde der Beamte der Zionistischen Exekutive Elijahu Epstein über die illegale Einwanderung von Arab e r h befragt. Diese Einwanderung, erklärte der Zeuge, sei eine ständige Quelle von Strümungen für Palästina. Lord Peel stellte die Frage, ob die Jewish Agency eine Einstellung oder Einschränkung der arabischen Einwanderung wünsche. r Der Leiter des .politischen . Departements der Jewish Agency, Mosche Shertok, erwiderte, die Regierung möge- Maßnahmen zur. Einstellung der illegalen Einwanderung von Arabern treffen. Solange für die Regelung der jüdischen Einwanderung der Grundsatz der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes maßgebend sei, sojle es jüdischen Einwanderern an Stelle dieser illegalen arabischen Einwanderer ermöglicht werden, von der Wirtschaft des Landes absorbiert zu werden. r Lord PeeJ: Erheben Sie. die Beschwerde gegen die Regierung, daß sie illegale Einwanderung aus arabischen Ländern zuläßt? Shertok: Was die allgemeine Versorgung mit Arbeitskräften betrifft, so ist der Palästina-Regierung die Verpflichtung auferlegt, die jüdische Einwanderung zu ermutigen, um die Errichtung eines jüdischen Nationalheimes zu erleichtern. •Lord Peel: Bedeutet „erleichtern" jüdische Einwanderung? Shertok: Jawohl. Lord Peel: Meinen Sie, daß die Einwanderung ein Monopol der Juden sein und es den Arabern nicht erlaubt werden soll, in das Land zu kommen? Shertok: Nur die jüdische Einwanderung trägt zur Erschließung des Landes bei und schafft Raum für neue Menschen. Sir Laurie Hammond; Sie erklären, daß-illegale Einwanderung das Jüdische Nationalheim gefährdet. Schließen Sie hiebet auch jüdische illegale Einwanderung ein? Shertok; Juden verdrängen Juden nicht, sondern schaffen 'im Gegenteil P1 atz für andere Juden. Gegen die jüdische illegale Einwanderung sind wir nur darum, weil sie illegal ist. , Sir Laurie Hammond: Ich höre, daß ein Teil der Juden TeKAvivs von der jüdischen Einwanderung lebt jand daß die Einstellung der jüdischen Einwanderung zu einer Krise führen würde. Shertok: Sie würde 'bestimmt eine Krise verursachen, denn die gesamte jüdische Wirtschaft ist auf die ^nwanderung aufg0ba.uk Diese führt zur Erweiterung, Msch^ JnflU^e UM ^U^tJgke^ * Aus Chur wird uns u. d. 14. Dezember gemeldet: Gemäß dem Antrag des Staatsanwalts wurde David Frankfurter „wegen Mordes an Wilhelm Gustloff zu 18 Jahren Zuchthaus abzüglich acht Monaten verbüßter Untersuchungshaft, zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte während der Dauer dieser Strafe und zu lebenslänglicher Landesverweisung verurteilt. Der Verurteilte wird grundsätzlich zum Ersatz des gesamten, durch obgenanntes Verbrechen verursachten Schadens verpflichtet und hat die sämtlichen weiteren Untersuchung»-, Gerichts- und Strafvollzugskosten zu tragen". Das Gericht hat keine Milde walten lassen. Da nun einmal der Fall aus der politischen Sphäre hinausgehoben worden war, hielt sich der Gerichtshof an das formale Recht und mußte daher Frankfurter als „Mörder" verurteilen. Damit ist natürlich nicht ge- Aus Chur wird gemeldet: Mittwoch, den 9.« Dezember, begann, wie bereits berichtet, in Chur vor dem Kantonalgericht der Prozeß gegen den 25jährigen Studenten der Medizin „David Frankfurter, der im Februar 1936 den Leiter der nationalsozialistischen Landesstelle für die Schweiz, Wilhelm Gustloff, erschossen hat. Der Gerichtssenat besteht aus vier Laienrichtern und dem Präsidenten des Kantonalgerichtes ,G a n z o n i. Die Verteidigung Frankfurters führt der 72jährige hervorragende Züricher Rechtsanwalt Dr. Eugen Curti. Die Witwe Gustloffs ist als Nebenklägerin zugelassen. Ihr zur Seite stehen Dr. Ursprung, Dr. Padrutt und der Essener, als Verteidiger in Fememordprozessen bekanntgewordene, Rechtsanwalt Dr. Grimm. ■ Francopote.^ Polen ■■■■iPPPBHi und Rumänien ■UHMMnpi Nächste Abfahrt: 22. Dez. 1936 u. 5. Jänner 1937 / Rückfahrt; 7. Jänner 1937 Anmeldungen; , Pol». Verkehrsbüro „Francopol", III, Schwarzenbergplat* 7, Tel. U-lö-4-90, „Cedok", 1, Kärntnerstraße 32, Tel. R-23-4-88. Gerngroß, VII, MariahilferstralSe 42, Tel. B-38-2-6S ' Der Angeklagte David Frankfurter ist der Sohn eines Rabbiners in Jugoslawien. Wegen einer schweren Knochenkrankheit, an der er leidet, hat er sich bisher fünf Operationen unterziehen müssen. Am Kopf, hinter dem Ohr, behielt er davon eine handtellergroße Lücke. Er hat in Deutschland, spater in der Schweiz, Medizin studiert, sich aber auch viel mit theologischen und philosophischen Fragen befaßt. Die soziale und die geistige Not des Judentums hat ihn von Kindesbeinen an bedrückt; durch die grausamen Judenverfolgungen in Deutschland, die der Nationalsozialismus und seine Führer ausgelöst haben, ist Frankfurter aufs tiefste erschüttert worden. In einem Briefe an einen Amsterdamer Bekannten schrieb er: „Man wird als Judo heute aus dem äußeren Chaos in ein inneres Chaos geßtoßen, aus welchem man schließlich keinen Ausweg findet." Der ermordete Wilhelm Gustloff kam wahrend des Krieges in die Schweiz, wurde Beamter des Meteorologischen Instituts üt Davos und ließ sich als Mitglied -der NftttomOsoaiaufltifichen Partei einschreiben. Nach dem sagt, daß die Weltmeinung sich mit der Ansicht des Graubündener Kantonsgerichts identifiziert. Der Prozeß Frankfurter—Gustloff ist vorüber, nicht aber die Spannung, die zwischen dem Judentum und dem reichsdeutschen Nationalsozialismus besteht. Dieser wird sich seiner ganzen Gefühlslage nach nicht mit der Sühne begnügen, die dem Attentäter Frankfurter von einem untadeligen Gericht auferlegt wurde, sondern nach wie vor — wie aus Aeußerungen deutscher Pressevertreter hervorgeht — mit der These einer „großangelegten Verschwörung gegen das Dritte Reich" seine unheilvolle Propaganda fortsetzen. Noch ist die Begründung des Urteils nicht erfolgt. Wir können jedoch aus dem Gang der Verhandlung schließen, daß Frankfurter nicht als gemeiner Meuchelmörder den Gerichtssaal verlassen hat. Wir fassen seine Strafe als symbolischen Akt auf, da der schwerkranke Student nach dem Gutachten der medizinischen Sachverständigen nicht strafhaftfähig ist. Machtantritt Hitlers, entwickelte sich Gustloff. zu einer Art Statthalter des Nationalsozialismus. In Davos trat er so stark hervor, daß eine Störung des Kurbetriebes spürbar wurde. Er ließ die deutschen. Kurgäste a u sspionieren und einige von ihnen, die ihm „verdächtig" vorkamen, über die Grenze nach Deutschland führen. Durch diese Tätigkeit erwarb er sich den. Titel „Habicht von Davos". Diese Tätigkeit Gustloffs wurde auch im Schweizerischen Bundesrat behandelt, wo insbesondere auf die Bemühungen Gustloffs, alle Bieütschen in der Schweiz auf den „Führer" zu vereidigen, hingewiesen wurde. Der Zusammenschluß der schweizerischen „Frontisten" zu.' einer ' „Kampfgenossenschaft gegen Demokratie, Marxismus und Verjudurig" war Gustloffs Idee und Werk. Er sorgte auch für die finanzielle Basis der antisemitischen und antidemokratischen Tätigkeit der Frontisten. Der Straf anfrag Die Verhandlung begann mit der Verlesung der vom Staatsanwalt Dr. Friedrich Brügger verfaßten Anklageakte, die ein 24seitiges Manuskript füllen. Der Anklagevertreter '• beantragt darin die Anwendung der §§ 87, 88, 46 und 50 Str.-Ges. und §§ 58 und 59 Str.-Verf. Der Strafantrag lautet: - 1. David Frankfurter sei des Mordes; begangen an Wilhelm Gustloff, schuldig zu erklären. 2. Er sei dafür zu bestrafen mit 18 Jahren Zuchthaus, Einstellung in den bürgerlichen Ehren und "Rechten und lebenslängliche Landesverweisung. 3. David Frankfurter sei grundsätzlich pflichtig zu erklären, den durch den begangenen Mord entstandenen Schaden zu ersetzen. 4. Die bei der Tat verwendete Waffe sei zu: konfiszieren. 5. David Frankfurter habe sämtliche Untersuchungs-, Gerichts- und Strafvollzugskosten zu tragen. Die Motive der Tat Die Anklageschrift beschäftigt sich zuerst mit der Tat und gibt dann die erste Aussage Frankfurters bei der Polizei wieder. Frankfurter erklärte, sich seiner Tat, die er auf keinen Fall bereue, vollkommen bewüßt zu sein. Er sei n i 0 h t po 1 i t i s c h o r g a n i s i e r t, aber er sei ein Hasser des deutschen Systems, Das Kretsamt Davos veraniaßte unverzüglich eine" Kor4nM*t*tton Ueberraschender Abschluß des Prozesses Frankfurter Aus Chur (Graubunden) wird u. d. 12: Dezember gemeldet: Unmittelbar na^chde^ Schlußwort^des Verteidigers Dr. C u r t i verlas derPräsidentdes Gerichts die Mitteilung, daß das Urteil im Attentatsprozeß. David Frankfurter nicht öffentlich^im Gettchfesaiür^n^emt den Prozeßparteien und der Presse schriftlich bekanntgegeben wird. Dieser plötzliche Abbruch rief, allgemeine Ueberraschüng hervor. Kenner der Schweizer Verhältnisse deuten den Entschluß des Gerichts als Maßnahme zur Verhütung von Demonstrationen im Gerichtssaal. Im nachstehenden veröffentlichen wir den Prozeßverlauf bis zur UrteUsbekanntmachurig.