Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 613 (1.12.1936)
- Date
- 1936-12-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2712150-2712238--6175-2719892- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Preis 10 Groschen Dienstag/ den 1« Dezember 1936 10« Jahrgang Nr« 613 V«b* DIE NEUE Ifang vom Verleger versendet 'aaraal expedie par Vmt&ut* REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oestorreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50. vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 50.—, vierteljahrig Lei 160.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig: Mark 3.-—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schwele und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8,7et, A-20-2'78 — Erscheint Dienstag u, Freitag Weizmann vor der Kgl. Kommission Der erste jüdische Zeuge Auf der zweiten öffentlichen Sitzung der Kgl. Kommission wurden Fragen der Bodenpolitik behandelt und vor allem Mr. Benett, der Vizedirektor des Landdepartements, und D. Andrews, der Leiter des Bewässerungsdepartements, einvernommen. Die Fragen des Lord Peel betrafen den Begriff „nicht bearbeiteter Boden" und die Forschungen nach Wasser. Bezüglich der „enteigneten Araber" wurde festgestellt, daß von diesen 664 Araber wieder angesiedelt worden seien, so daß nur mehr ein kleiner Best zur Behandlung verbleibe. Am Mittwoch, dem 25. November, ersclüen Präsident Dr. Weizmann vor der Kommission« um seine Aussagen in öffentlicher Sitzung zu machen. In seiner Begleitung befanden sich das Exekutivmitglied Mosche Shertok und der Rechtsberater der Jewish Agency Leonard Stein. Doktor Weizmann ist der erste jüdische Zeuge vor der Kommission, weitere jüdische Zeugen, deren Liste noch nicht fertiggestellt ist, werden folgen, Vor dichtbesetztem Saal gab Dr. Weizmann zunächst Aufklärungen über die Konstitution der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, hierauf legte er seinen Standpunkt dar. Billige und A D R I C". Bahrt zu dsn W «i h n a e h 11> b«qu«me mUKDIJ "rallll («iertagan nach POLEN^BERUN Abfahrt: 22. Dezember 1936 Anmeldungen: Poln. ReiSebUrO „ORBIS" l. K&rntnerstraQe 41, R-si-5-78 Oesterreichisches Verkehrsbiiro I. Friedrichstrane 7. B.«7-500, t. Graben 80. U-*9.Q'3S Gegen den jüdtfehegt Sdiaufpieler Die antijüdische Hetze in Oesterreich hat eine Intensität angenommen, die weit über das Maß dessen hinausgeht, was selbst von den Pessimisten in bezug auf die Behandlung des Judenproblems erwartet werden konnte. Wessen wir uns seitens des hitlerischen Nationalsozialismus zu vergewissern haben, bedarf keiner Ausführung. Es will uns vernichten und macht unter dem Zeichen des Hakenkreuzes kein Hehl daraus. Wir müssen aber feststellen, daß dia Haßwelle gegen das Judentum hier , in letzter Zeit unter dem Zeichen des Kreuzes losgelassen wird; daß nämlich unter dem Deckmantel des Christentums, des — sagen wir — betonten Christentums, eine Hetze gegen die Juden inszeniert wird, der kein Mittel der Tatsachenverfälschung schlecht genug ist. Es gilt vor allem, d i es-zu,;-fixieren, auf daß nicht die Meinung entstehe, daß vielleicht die Regisseure^der antisemitischen Hetze bei der Sorge um den Schutz der „,;heimi-f sehen" Interessen nur etwas übers Ziel schießen. Auf der Suche nach Material, das gegen das Judentum verwendet werden könnte, verfällt das Blatt, das sich sehr gerne „das einzig christliche Montagsblatt Wiens" nennen läßt, das „Wiener Montagblatt", auf die absurdesten Dinge. In der Nummer vom 30. November beschäftigt sich das Blatt in einem Aufsatz, der dem „Schutz der heimischen Künstlerschaft" gewidmet sein soll, mit den in Wien bestehenden jüdischen Theatern, also jenen Theatern, in denen für jüdisches Publikum jüdische Stücke von jüdischen Schauspielern gespielt werden. Diese in der Fraterstraße beheimateten Theater blicken auf eine jahrelange Tradition zurück. Man spielt dort jiddisch, die Sprache der jüdischen Volksmassen des Ostens; man spielt dort die Werke der jiddischen Dramatiker; und die meisten Schauspieler werden seit eh und je aus dem Osten geholt, da begreiflicherweise Wien, abwohl es ein paar tausend jiddisch Sprechende beherbergt, nicht der Nährboden für einen jiddischen Schauspielernachwüchs sein kann. Diese Theater leben und arbeiten außerhalb des normalen, d. h. deutschwienerischen Schauspielerbetriebs. Sie stehen' außerhalb des österreichischen Kulturbezirks. Es ist hier die kulturelle — auch sprachlich-kulturelle — Scheidung vollzogen, die heute in Oesterreich bekanntlich auch von gewissen katholisch betonten Kreisen befürwortet wird. Alljährlich müssen bei Beginn der Spielzeit jüdische Schauspielerkräfte aus dem Ausland bezogen werden, was durch den „Jüdischen Schauspielerverein" (die legitime jüdische Berufsorganisation) geschieht, der für die Arbeitsbewilüguhg dieser NichtÖsterreicher auf dem einzig gängbaren Weg sorgt: durch die Befürwortung des Ringes der österreichischen Bühnenkünstler. Gewöhnlich geschieht das so, daß die Leiter der Wiener jüdischen Bühnen ebenso viele ausländische Schauspieler< bewilligt, erhalten, wie sie inländische, d. h. in Oesterreich zuständige, beschäftigen. Das Inlandsarbeiterschutzgesetz wird durchaus nicht verletzt oder umgangen, wenn man ein paar jüdische Schauspieler des Auslands hereinläßt, um die zwei jüdischen (jiddischen) Theater spielfähig zu machen. Durch das Engagement der jüdischen, aus dem Ausland bezogenen Schauspieler werden keinerlei österreichische Interessen in Mitleidenschaft gezogen. Im Gegenteil. Die österreichischen jüdischen Schauspieler bekommen dadurch erst die Möglichkeit zu spielen, zu verdienen, zu existieren. Und je mehr jüdische Schauspieler österreichischer Staatsbürgerschaft die j iddisp he n Theater gebunden werden, desto In den Galuftlidändern Dr. Weizmann begann mit der Darlegung der Ursachen, die die zionistische Bewegung entstehen ließen, sowie der Ziele, denen sie zustrebe. Er schilderte die Lage der Juden in Mittel- und Osteuropa — die Lage von 6 Millionen Menschen, die sich in einem Zustand befinden, welcher weder als Leben noch als Sterben bezeichnet werden könne. Er erwähnte die Pläne des polnischen Ministers des Auswärtigen, der erklärt haben soll, daß eine Million Juden zu viel für Polen seien. Es ist schwer zU verstehen, sägte Dr. Weizmann, weshalb die Juden, die seit tauffend""Jah?e1i?ln^Pbtefi^-ansässig sind, die sein Leid geteilt und zu seiner Prosperität - beigetragen haben, plötzlich als lästig empfunden werden sollten. In den anderen Ländern Osteuropas ist die Lage der Juden nicht besser. Vor dem Kriege bestand die Möglichkeit der Auswanderung nach den überseeischen Ländern, von der Juden in ihren Maßen Gebrauch gemacht haben; jetzt aber sind die Tore der ehemaligen Einwanderungsländer gesperrt. In Beantwortung einer Frage von Lord Peel gab' Dr. Weizmann eine kurze Uebersicht der jetzigen Lage der Juden in Rußland und erklärte, daß der Zionismus in Rußland verboten ist, da er von der russischen Regierung als Instrument des britischen Imperialismus angesehen wird. Dr. Weizmann sprach ausführlich über den Antisemitismus, dessen Grenze einst die Weichsel bildete, während er jetzt bereits den Rhein überschritten hat und die westeuropäischen Länder bedroht. Er gab eine Uebersicht der wirtschaftlichen und politischen Bedingungen, die die moralische Auflösung, und den physischen Verfall der Juden in den Nachfolgestaaten des ehemaligen russischen Reichs herbeigeführt hatten, und erklärte, daß der weitverbreitete Judenhaß und das Problem heimatloser jüdischer Massen den Zionismus ins Leben gerufen haben. Dr. Weizmann schilderte ferner den Untergang der deutschen Judenheit, die die gesamte mehr Entlastung findet der allgemeine Schauspielermarkt und desto weniger Gelegenheit wird dem jüdischen Schauspieler gegeben, sich im österreichischdeutsch,christlichen Kulturbereich zu bewegen. Eine Presse, die angeblich den „Schutz der h e i m ischenKünstlerschaff'als patriotische Pflicht betrachtet, müßte glücklich darüber sein, daß man jüdischerseits Etablissements schafft, wo jüdische Schauspieler, die sonst den österreichisch-deutschchristlichen Markt belasten würden, aufgesaugt werden können. Solch eine Presse müßte die Erteilung von Arbeitsbewilligungen befürworten, die ermöglichen, daß dem von ihr beschützten Bereich ferne Bühnen entstehen. „Schutz der heimischen Künstlerschaft" betitelt das „Wiener Montagblatt" seine Ausführungen, welche die Angelegenheiten der jiddischen Schauspieler betreffen. Es bleibt jedem einsichtigen Menschen unerfindlich, auf welche Weise dieser Schutz geleistet wird, wenn man jiddischen Schauspielern, auch nichtösterreichischen, das Auftreten an den zwei jüdischen Theatern Wiens durch' Verweigern der Arbeitsbewilligung verwehren wollte. Das „Wiener Montagblatt" spiegelt eine „Empö-; jüdische Welt in Sorge versetzt hat. Als Leon Blum Ministerpräsident von Frankreich wurde, hallte Paris von den Rufen „Tod den Juden" wider. Als ein Attentat auf den König von England verübt wurde, war der erste Gedanke jedes einzelnen Juden: „Wenn der Attentäter nur kein Jude ist!" Diese Beispiele genügen, um die prekäre Lage der Juden in der ganzen Welt zu beleuchten; deshalb' besteht die dringende Notwendigkeit, sie zu normalisieren. Jüdisches Volk und Palästina Die grundlegende Ursache des Nichtaufgehens des jüdischen Volkes-~ in ihre Umgebung war ihre tausendjahrealte Verbundenheit mit Palästina. Dr;*- Weizmann erwähnte die Versuche der Rückkehr nach Palästina im Laufe der' Jahrhunderte und erinnerte an das Angebot von Uganda, das 1904 vom Zionistenkongreß zurückgewiesen wurde. Das Interesse des englischen Volkes für Palästina geht 300 Jahre vor dem Zeitpunkt der Balfour-Deklaration, und zwar auf Cromwell, zurück. Nachdem Dr. Weizmann etwas mehr als eine Stunde gesprochen hatte, wurde die Sitzung für fünf Minuten unterbrochen. Während der Pause sagte ihm Lord Peel, daß er Mitglied des Kabinetts war, welches den Juden Uganda angeboten hatte. BalfoursDekiaratBon Jüdasdaer Staat Nach Wiederaufnahme der Sitzung setzte Doktor Weizmann die Gründe auseinander, die die britische Regierung bewogen hatten, die Balfour-Deklaration herauszugeben. Es handelte sich hierbei um die Erkenntnis der jüdischen Heimatlosigkeit und jüdischer Verbundenheit mit Palästina, und nicht um ein Propagandamanöver, mit dem man etwa gehofft hätte, die reichen Juden zu gewinnen. Die reichen Juden in der ganzen Welt waren damals Gegner des Zionismus. Die Deklaration wurde nicht leichtsinnig, sondern erst nach reiflicher Ueberlegung innerhalb des britischen Kabinetts gegeben, und zwar weil das britirung" über „diese tief beschämenden Tatsachen" vor und fordert, „daß hier rasch und mit energischer Hand zu dem Rechten gesehen wird . . ." Es will den Anschein erwecken, daß hier von jüdischer Seite österreichische Interessen gefährdet, deutschchristliche Künstler ums Brot gebracht werden. Leere Schaumschlägerei, bewußte Verfärbung von Tatsachen, antijüdische Hetze, Sturmlauf gegen schwache, jüdische Schauspielerexistenzen. Das „Wiener Montagblatt" glaubt sich seine Attacken erlauben zu dürfen, wenn es sie in einem christlich-betonten Gewand vornimmt — in der Hoffnung vielleicht, daß nach der Niederlage der Gerechtigkeit bei gehörigem Trommelwirbel auch die Vernunft kapitulieren wird. o. r. 1 KAFFEE PA LAIE VI, Mariahilferstr. 99 Tel. A-37-5-58, A-37 5 31 Empfiehlt seine eleganten großen Räumlichkeiten für Hochzeiten, Bar-Mizwotn, Bankette usw. zu mäßigen Preisen. Neue Leitung: J. LUSTBADER, Besitzer des Kaffee Westbahnhof.