Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 612 (27.11.1936)
- Date
- 1936-11-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. Ö12 vöm 2t. Newemfeer 1936 Dfiß.tfEÜE WELT SeitftT B. Kowner (New iTörk) Hasüofe Einem Jeschlwe-Booher nacherzählt Es ist gar nicht so einfach, wie ihr sagt Im Gegenteil. Die Tage gehen dahin, zerrinnen einem zwischen den Fingern. Als ich — nicht jetzt sei's gedacht — noch ein Jeschiwe-Bocher war und Kosttage gegessen habe, fehlte mir einmal ein Montag... Es fehlten mir auch ein Hemd für Schabbes und .auch, ein Nachtlager, aber daran lag mir nicht allzuviel. Man kann fünf Wochen in einem Hemd herumgehen; man kann einmal in der Klaus auf einer harten Bank schlafen, aber essen — essen muß man. Und da fehlt mir ein Montag. Vielleicht in eine andere Stadt fahren und dort einen Montag einstecken! Sollte es mir gelingen, wird die Stadt eben ohne Montag bleiben. Da hat nun der Maschgiach, der Koscheraufseher, ein Mensch aus Haut und Knochen, mit einem auffallend großen Adamsapfel, mit frommen Tränen ein Gewein erhoben: „Wo soll ich für dich einen Montag hernehmen? Im ganzen gibt es pro Woche einen einzigen Montag und den haben bereits andere Jeschiwe-Bocherim an sich gerissen! Hab' ich vielleicht einen Montag, den ich dir nicht geben will? Wenn er nicht da ist, kann man nichts machen. Man muß sich eben ohne Montag begehen. Es gibt hier einen gewissen Scheiele, der besser lernt als du, und dem fehlt außer einem Dienstag auch noch ein Sonntag. Trotzdem macht er kein Geschrei. Läßt die zwei Tage gehen und basta! Während du, weil dir das bißchen Montag fehlt, schon Zeter und Mordio schreist. Pfui, nicht schön von dir! Ehr Mensch darf, kein Vieh sein und immer nur das Fressen im Ko'pTnaben. DeFMensch' steht' über dem Vieh. Der Mensch ist geschaffen worden nach dem Ebenbild Gottes!" - - „Ich würde mir nichts drausmachen", sagte ich, „weinr mit* £in •Donnerstag fehlte. Aber ein "Montag'? Dasirritiert miöh. Montag möchte ich mehr essen als Donnerstag... Das heißt: auch Donnerstag möchte ich essen, aber nicht soviel wie' Montag..." Worauf mir der Maschgiach einen guten Rat gab: Würde ich im Städtel den Montag gegen einen Donnerstag austauschen, könnte ich fasten. Alle frommen Juden fasten Montag und Donnerstag. Da stellt sich heraus, daß das- Städtel keinen Donnerstag mehr freihat Alle Donnerstage sind von anderen Jeschiwe-Bocherim mit Beschlag belegt und nicht loszukriegen. Sie fasten jeden Donnerstag, der ihnen in den Schoß fällt... Und mich den gleichen Donnerstag' fasten lassen, dazu hat das Städtel das Herz nicht... Der Schluß war, daß ich Montag fasten mußte. Eine Woche später lernte ich einige Jeschiwe- Bocherim kennen. Einem fehlte der Schabbes, einem zweiten ein Mittwoch, einem dritten ein Sonntag usw. Und einem fehlte, so wie mir, eine ganze Woche. Da kamen wir überein, bei einem Juden des Städteis zu fordern, was uns zukommt: die Woche. Sollten wir die Woche bekommen, werden wir sie unter uns aufteilen. Jeder wird sich den Tag herausnehmen, der ihm fehlt Ich werde mir selbstverständlich den Montag herausfischen. Und wir setzten alle mit einem Streik ein und hatten Erfolg: Ich bekam sogleich meinen Montag und war stolz auf meinen Sieg. Aber, wem Leid beschert ist, dem kommt es ungebeten ins Haus: Bald nach dem Streik kam ich um einen Freitag und um einen Sonntag — zwei wertvolle Tage! In dieser schlimmen Lage unternahm ich allein einen Streik im Städtel: ich gab das Lernen, das Beten, sogar das Waschen auf. Das waren meine stärksten Waffen im Streik, und das Städtel begann mit mir zu unterhandeln. Nach kurzer Zeit bekam ich meinen Freitag und meinen Sonntag und hatte bereits, Gottseidank, eine Woche beisammen. Jetzt hört weiter: Dort, wo ich Freitag gegessen bab', war eine sehr schöne Tochter, ein entzückendes Mädel; blond, mit himmelblauen Augen; , jung, sechzehn Jahre alt, nicht mehr. Eine echte jüdische Tochter mit viel Reiz und Anmut.,. Ihr Lächeln war ein Zauber. Sie steht mir jetzt noch vor Augen. Rebekka hat sie geheißen. Ihr Vater war Schochet, geheißen hat er Aba Noach. Darum hat man seine Tochter Aba Noach dem Schächters Rebekka gerufen" ■ Und sie hat mit ihren zwei jüdisohen Augen s.tändig auf mich gebUQkt, mit den blauen.Augen wie •mit zwei blauen Seen, wenn die Sonne sich darein spiegelt... . * Als die; Mutter bemerkt, daß ihre Rebekka auf mich bückt und ich auf Rebekka, hat sie aufgehört« mir yu SCHIFFMANN (fyjiUm, P!£#r' ' Waschsfoffe, Samte: Sport-Flanelle, stropazfähig, per m.....S —.59 Kretonne, Blaudrucke, Wäsche-Flanelle uni . . S —.79 Schottenu. Streif-Flanelle f. Blusen u. Pyjamas S —.98 Trachten-Dirndl-Kretonne. Markenware, p. m . . S —.98 Veloursttanelle, zarte Blumenmuster f. Kleider S 1.18 Winterdirndl-Stoffe, lebhafte, gewebte Schotten S 1.50 Schwerer Noppen-Tweed, f. Kleider, Markenware S 1.50 Boucle-Flanelle, Blumendessins, 80 breit . . . S 1.7S Mode-Diagonal, zarte Dessins, kleine Fehler . .. 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Und wenn ich dasaß und Rebekka, mit den Augen verzehrte, war ihre Mutter zufrieden. Sie dachte siebt Solche Sachen kann man gesunderheit essen, es kostet nichts... Jeden Freitag saß ich so in des Schochets Haus, Und ich schwöre, daß ich mit dem Freitag zufriedener war als mit allen anderen Tagen der Woche. Als ich aber zuviel Appetit auf Rebekka bekam, warf mich ihr Vater aus dem Haus, und ich blieb wieder ohne Freitag. So gingen die Tage, als ich noch Jeschiwe-Bocher in der alten Heimat war. Aber das Ende war'gut. Ich kam nach Amerika und begegnete R$;bekka und wir aßen uns auch da mit den Augen, bis wir schließlich heirateten und drei schöne Kinder hatten, und die Kinder haben inzwischen wieder Kinder bekommen. Wir, ich und Rebekka, haben uns heute noch genau so gern wie damals, vor vierzig Jahren, drüben, jenseits des Meeres. Wir beide haben silbergraue Köpfe, aber unser Herz ist immer noch jung... Unser ältester Sohn, der nach meinem Schwiegervater Aba Noach dem Schächter heißt, ist ein Meisterboxer. Allerdings heißt er nicht Noach, sondern „Mac". Mac, der Meisterboxer... (Aus dem Jiddischen von o. r.) Die Zukunft der Wiener jüdisdien A|r2tfes<haft Im großen Saal der Bäckergenossenschaft hielt gestern abend die Vereinigung der jüdischen Aerztc in Anwesenheit von mehreren 100 Mitgliedern ihre Jahresversammlung ab. Sie wurde durch die Neuwahl des Präsidenten an Stelle des verstorbenen Universitätsprofessors Dr. Ludwig Braun eingeleitet. Die Wahl fiel einstimmig auf Universitätsprofessor Dr. Herbert Elias, der, stürmisch begrüßt, in einer programmatischen Antrittsrede nach einno woxnicn Nachruf auf seinen Vorgänger im Präsidiuni über Gegenwart und Zukunft üor jüdischen Aerztc in Wien sprach. Den Wiener jüdischen Acrztcn gehe es nicht gut, die Zukunft zeige trübe. Aussichten. Besonders traurig scheine uns die Lage des ärztlichen Nachwuchses. Um so wichtiger sei unter solchen Umstanden die Erweiterung des Rothschild-Spitals. Große Bewegung weckte in der Versammlung die vom Vizepräsidenten Dr. G. Je II In ek in seinem Jahresbericht gemachte Mitteilung, daß die—wiederholt gemachte-Zusage, einen Vertreter der Vereinigung in den Vorstand der Wirtschaftsorganisation der Aerzte Wiens zu wählen, nicht eingehalten wurde. „Wir haben aber ein Hecht", erklärte Dr. Jelllnek, „unsere Dienste im Bahmen der Wirtschaftsorganisation dem Staate zu widmen und an der Gestaltung der. ärztlichen. Standesangelegenheiten mitzuwirken', so wie es uns die Vertreter der Vaterlän-; diwehen; Front zugesagt haben und wie es auch den Grundsätzen der" Staatsführung entspricht." Es wurde beschlossen, neuerlich in einem Memorandum die Forderungen zu wiederholen. Unter dem Titel „Hodegetik des jüdischen -Arztes" gab sodannin . einem Festvortrag Vizepräsident. Dr.> Siegfried - P4,a s c h k e s eine eingehende. Erörterung über „die P f 11 c hten des jüdischen Arztes.in dieser Ze i t", insbesondere hinsichtlich einer möglichst guten Ausbildung, peinlicher Beobachtung" der ärztllch'e'ü'' Ethik im Interesse der Gesamtheit, größtem Entgegenkommen gegenüber den Patienten« sozialem Pflichtgefühl, Wohlwollen gegenüber der Kollegenschaft* Zurückhaltung in politischer Beziehung und Teilnahme an den. Fragen der ' Volksgesundhcit und der notwendigen sozialen Umschichtung innerhalb der jüdischen Jugend. Er betonte schließlich die ungeheure Bedeutung der Sorge für den ärztlichen N a c h w u <5 h s. Alle Jüdischen Aerzte müssen gemeinsam das Rothschild-Spital zu einer Stätte höchster ärztlicher Kultur machen. Dio Versammlung beschloß dann den korporativen Beitritt zu dem W e 11 v e r.b a n d jüdischer Aerzte. Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) Oesterreich: Fräulein Lilli — Silhouetten. England: Wie es'\;uch gefällt. — Reinbrandt. ' Amerika: Der Kiwiig der Frauen — Der kleine Rebell — Der letzte Gangster — Die Matrosen kommen! — Die Wunderbar — Wir drei — Dein Leben gehört mir — Meuterei auf der Bounty — Erbfeind der Menschheit — Die Wüstenleglon — Show Boat — Eifersucht —' Der letzte Mohikaner — Karriere — Hasard — Revolver oder Roulette. ■ Filme unter Arierparagraph Schlußakkord — Schatten der Vergangenheit — Seine Tochter ist der Peter — IManja Walewska — Seine offizielle Frau ivrädchen in Weiß — Standschutze Bruggler — Schloß in Flandern — Servus Wien — Glückskinder (Ufa) — Fahr'u ma, Euer Gnaden —Das Mädchen Ireue — Frauenparadies — Die Stunde der Versuchung — Blumen aus Nizza —- Kontoschuwka — Annemarie. Heute: „Karriere." Heute erscheint im Elite- und Opern-Kino der neue Großfilm der Metro-Goldwynr Mayer-Gala-Saison „Karriere", in welchem Joan Crawf ord nach längerer Pause zum ersten Male wieder ein© ernste Rolle spielt.. Grace Moore singt Im Nachtlokal. Auch, die schönste Gesangsstimme vermag es nicht, einen ganzen Film zu tragen. Das haben die Amerikaner richtig er-, kannt und deshalb ihren größten Gesangsstar, die herzaubernde Grace Moore, diesmal in einem Film herausgebracht, bei dem' das Handlungsmäßige im Vordergrund steht. „Hasard"-Premiere 28. November Schweden-Kino. Oharies Laughtou als „Rembrandt". In den Be. sprechungen des Korda-Zuckmayer-Öroßflims' „Rembrandt" werden immer wieder fünf Szenen ' hervorgehoben: .als Rembrandt aufgefordert wird, die „Nachtwache" zu malen; als er im dunklen Atelier nach dem Tode Saskias sie ' aus dem Gedächtnis malt; die Szene mit einem Bettler, dem er die Geschichte von Saul und David erzählt;' die Psalmen Vorlesung in der Mühle seines Vaters ,und das Bild, in dem Rembrandt und Hendrickje Stoffels jene Szene wiederholen, inder sie sich kennengelernt haben. „R embrandt" gelangt bereits in wenigen Tagen anschließend, an die Lond'drier Welturaufführung in Wien zur Vx* aufführung.