Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1936-11-20 · Heft 610 (20.11.1936) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 610 (20.11.1936)
Date
1936-11-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2712150-2712235--6152-2719866
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

m Preis 20 Groschen Freitag/ den 20» November W36 Ü,,/Vers;tätsb. Nr» 610 V» b« b* Zeitung vom Verleget versendet „Journal expedie par rediteur" REVU E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterretcb monatlich S 1.40, vierteljahrig 8 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.60, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc «.—, vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Bnmänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 6.—. vierteljährig Lire 1*W; Schwei« und die übrigen Länder monatlich Schweizer, Franca 160, vierteljährig Schweizer Francs 4.60. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitatsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag ü ORBIS S POLEN Abfahrt: Jeden zweiten Sonntag Anmeldungen: Poln. Reisebüro „ORBIS . I. Kärntnerstraße 41, R-sm-78 Oesterreichisches Verkehrs-Büro I. Frledrlchstraße 7. B-27-soo, l. Graben 20, u-io-oos Der judenreine Film in Oesterreich Der Katastrophe entgegen Unter dem Titel „Krise des österreichischen Films" berichtet die österreichische christlich-deutsche Wochenschrift „Sturm über Oesterreich" über die Schwierigkeiten, in die die österreichische Filmindustrie geraten ist, eine Tatsache, die der Referent für Filmfragen im österreichischen Handelsministerium, Dr. Lanske, öffentlich zugegeben hat. „Wenn fcief", schreibt das Blatt, „auf die Schwierigkeiten durch 'den österreichisch-deutschen Transfer- und Zahlungsverkehr und deren Auswirkungen auf die österreichische Filmproduktion, die .sehr stark auf den •Absatz ihrer Füme in Deutschland angewiesen ist, •das Augenmerk gelenkt wurde, so hat die letzt e •Affäre. Ursach'en aufgedeckt^ die auf einem ganz; anderen-GebieOi^ gehören die zwei österreichischen Filmateliers am Rosenhügel und in Sievering ■ der Tob i s-'S a s c h a, die damit eine Monopolstellung für die österreichische Fümproduktion besitzt. Während in den letzten Jahren nahezu an jedem Tage in , den beiden Ateliers gedreht wurde, ist jetzt ein zeitweiser Stülstand festzustellen. Ein Teil der Filmproduzenten, die bisher in Wien gearbeitet hatten, sind nach Prag und Budapest übersiedelt und man behauptet,, daß die dortigen Ateliers für die gleiche Leistung wesentlich geringere finanzielle Forderungen stellen..." Zusammenfassend läßt sich also sagen: Durch die in Deutschland eingefrorenen Gelder, infolge der hohen Mieten bei der Tobis-Sascha, die sich in reichsdeutschen Händen befindet, und wegen des Qualitätsmangels der letzten Filme, welche hundertprozentig dem Arierparagraphen dienen, ist der österreichische Film in eine Krise geraten. Noch kürzer gesagt: die Unterwerfung unter das reichsdeutsche Diktat hat die österreichische Filmindustrie in eine Sackgasse geführt. Die letzten Jahre hindurch hat man den österreichischen FÜmproduzenten eingeredet, daß sie nur unter deutschem Kommando leben können, und. jetzt hat sich erwiesen, daß der österreichische Fümproduzent durch sein Beugen unter das deutsche Joch sein Todesurteil gesprochen hat. Es könnte,den Anschein haben, daß hier eine unglückselige Konstellation die katastrophale Lage des / österreichischen Films herbeigeführt hat, also nicht bewußter Wüle, sondern eine Art Zufall. Diese Deutung wird durch einen in einer Pariser Zeitung .veröffentlichten Wiener Brief widerlegt, Dort heißt es: „Unter dem Titel .Sorge um den österreichi- : sehen Film' schreibt Ministerialrat Dr. Lanske: ,Pie österreichische Filmindustrie ist mit einer überfallsartigen Wendung in eine schwere wirtschaftliche Krise geraten.' ■:, Er setzt auseinander, daß man in-Wien bisher damit rechnen konnte, zwanzig GroßfÜme im Jahre zu drehen, die 1600 Arbeitern dauernde Beschäftigung gewährten, und einen zusätzlichen Export von rund 18 Millionen Schilling zu erzielen. Da der Absatz in Oesterreich nur 15 Prozent der Gestehungskosten einbrächte, wäre man auf Deutschland angewiesen, das sich nunmehr weigere, den Transfer zu bewerkstelligen — alles Dinge, die man längst weiß und kennt, die aber bisher von so berufener, einflußreicher und maßgebender Stelle niemals ausgesprochen' wurden. Dr. Lanske kommt zu dem Er? gebnis, daß die Wiener* Produktion erledigt wäre, wenn hier nicht eine Kursänderung erfolge." Die Attacken gegen den österreichischen Film werden auf anderen Fronten fortgesetzt. Reichsdeutscher Einfluß versucht; den ajneri^anisc^ Fjinj Der Marsch der Befreiung Ein Akt der jüdischen Not Tausend Menschten ziehen aus Warschau in die Welt. Nicht mit Bündeln beladen, wie nach einem Pogrom, nicht in wirrem Durcheinander, wie: auf der. Flucht. Und es sind auch nicht Greise und Frauen und Kinder, die irgendwohin wollen^ Nein. Tausend junge Juden marschieren in geschlossenem Zug aus Warschau. Sie sind einheitlich, uniform •gekleidet, von einer Radfahrerkompagnie geführt. Sie besitzen eine Feldküche und eine Sanitätsabteilung. Es ist ein disziplinierter Marsch jüdischer Jünglinge, die über Rumänien und Griechenland nach Palästina wollen. Ein Warschauer Rechtsanwalt führt sie. Sie marschieren bis zum Dorf Tyry hinter Warschau. Ohne Geld, ohne Pässe. Aber mit ungeheurem Mut, mit unaussprechlichem Enthusiasmus — mit der blauweißen Fahne. Sie marschieren, bis die polnische Polizei sie aufhält. Lebenswille und Schaffenslust sind starke Triebkräfte. Aber im Bereich menschlichstaatlicher Ordnung sind Polizisten stärker. Zurück! Zurück^!vDie jungen Phantasten kamen also nicht weit. Der historische Marsch der Tausend, der als „Marsch der Befreiung" deklariert war, endete am 16. November, am gleichen Tag, an welchem er begonnen hatte. Die jüdischen Organisationen und Zeitungen warnten vor dem abenteuerlichen Projekt, dessen Ausführung der junge Rechtsanwalt Wilhelm R i p p eT übernommen hätte; auch die Revisionisten rückten öffentlich von dem ihnen nahestehenden Dr. Rippel ab. Was nützte der Schwur aller Beteiligten, unbeschadet aller Hindernisse ihrem Ziel Palästina zuzustreben! Was nützte die Hoffnung, von den unterwegs berührten Gemeinden die erforderliche Geldunterstützung zu erhalten! Der „Marsch der Befreiung" endete für die Tausend mit der Rückkehr nach Warschau, für den Anführer Rippel mit Arrest. Zweifellos wird der Marsch von der breiten Oeffentlichkeit als Protest gegen die Drosselung der jüdischen Einwanderung in das Land Israel angesehen werden. Aber selbst Akte der Verzweiflung und laut hörbare Proteste pflegen vom Wirrwarr des Tages und vom Chaos der weife« politischen Interessen verschlungen zu werden. Diepolitische Arbeit , wird weitergehen, wenn der „Marsch der Befreiung" zu einer — wenn auch erhabenen ■<--» Legende geworden ist. o. rv mam ¥or Von Dr. Martin Lichtner (Leitmeritz) In wenigen Tagen werden die offiziellen Sprecher .des jüdischen Volkes vor der „Königlichen Kommission" in Jerusalem erscheinen. Sie werden dort eine ungeheuer verantwortungsvolle Aufgabe zu erfüllen haben. Der König von England hat selbst in seiner Thronrede erklärt, daß diese, „Königliche Kommission" endgültig zu beschließen haben werde, was in Erez Israel in Zukunft zu geschehen habe. Alle die vielen Fragen, die dort gestellt werden, aber werden vor der einen Grundfrage zurückstehen: „Was willst du, jüdisches Volk, in Palästina und welches ist dein Ziel?" Die einst so leidenschaftlich umkämpfte Endzieldebatte, deren Beantwortung immer wieder von der zionistischen Kongreßmehrheit als unnütz, schädlich, als „Proklamationszionismus" abgelehnt wurde, und über die man schließlich zur Tagesordnung übergegangen war, steht heute zwangs 1 ä u f i g wieder bevor, und die Frage nach, unserem Endziel erheischt eine völlig eindeutige Beantwortung. Innerhalb der zionistischen Parteien und Rich> tungen herrscht derzeit keine Meinungsverschiedenheit mehr. Auch Präsident Weitzmann, der noch vor kurzer Zeit darüber stürzte, weil er selbst die Erreichung einer jüdischen Mehrheit in Erez Israel für nicht erstrebenswert erklärte und weil. er den Judenstaat als „nebulose Vorstellung der Nachkriegszeit" bezeichnete, beeilte sich, in seiner sehr bemerkenswerten Rede in Amsterdam kürzlich, diese seine früheren Erklärungen vollkommen zu revidieren, zugunsten eines Programms und einer Zielsetzung, die ehemals nur von der Opposition in dieser Klarheit verfochten wurden.. Dieser grundsätzliche Gesinnungswechsel in den. Reihen der Kongreßmehrheit wurde von der Gevom Wiener Markte zu vertreiben, indem er höhere Einfuhrzölle für die amerikanischen Filme verlangt; es soll nur mehr der deutsche, wül sagen, nazistische Füm in Oesterreich dominieren. Die Schlachtest noch nicht entschieden. Es wird an allen Fronten gekämpft. Aber die Parole lautet überall: Judenrein! Auch in der Tschechoslowakei versucht Berlin seine Aspirationen durchzusetzen. Aus Prag meldet die J. T. A.: -a i „Die Verhandlungen zwischen dem tschechoslowakischen Handelsministerium und der deutschen Reichsfümkammer über die Einfuhr von jährlich mindestens 80 reichsdeutschen Fümen in die Tschechoslowakei und die Ausfuhr von mindestens 20 tschechischen Fümen nach Deutschland sind gescheitert. Einer der Hauptgründe für das Scheitern war die Forderung der' Reichsfümkammer, daß die Filme deutscher Version auch in der Tschechoslowakei nur mit ihren eigenen Leuten besetzt und die dazu nötigen tschechoslowakischen Arbeiter bebenfalls von ihr bestimmt werden sollten. Dadurch . sollte jede Mitwirkung von Nichtariern ausgeschaltet werden. Bei der Beuirteüung dieses Vertrages zogen die tschechoslowakischen Aemter auch in Betracht, daß der amerikanische Film auf dem tschechoslowakischen Markte den deutschen Film im Pubiikumsgesqhmack: ohnehin fast verdrängt hat und beinahe die Hälfte des Gesamtkonsums aller Premieren bestreitet." Die tschechoslowakische Fümindustrie, bzw. amtliche Stelle hat dem Drängen der Goebelsschen Reichsfümkammer nicht nachgegeben. Sie wehrt sich und — wie man sieht — erfolgreich. Wien hat seinen guten Ruf als Filmproduktionsstätte verloren, muß auf sein Geld warten und fühlt sich gezwungen, außerhalb des gewohnten Gebietes zu reproduzieren. Das ist das Resultat des Nachgebens gegenüber der reichsdeutschen Faust. Die Krise des österreichischen Films hat sich zur Katastrophe verdichtet. KOHLE KOKS ANTHRACIT BÄSCH IV, ARGENTINIERSTRASSE 22 - TEL. U-47-5-40 Inhaber Dr. Richard Bäsch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.