Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1936-11-17 · Heft 609 (17.11.1936) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 609 (17.11.1936)
Date
1936-11-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2711613-2712150-2712234--6150-2719863
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 DIE NEUE WELT 609 vom 17. November 193« Vom großen Raubzug Von Professor J. Lestschinsky (Genf) II. „Liquidation" In einer Reihe von Abhandlungen hat der bekannte jüdische Nationalökonom die Vernichtung der jüdischen Wirtschaft durch den Nationalsozialismus geschildert. In unserer Nummer 592 brachten wir den Abschnitt „Industrie". Die Liquidation der jüdischen Geschäfte in Deutschland. Wie traurig und peinlich auch die Zuweisung von Ghettoplätzen für die jüdischen Markthändler oder die Aufstellung von SA.-Wachen vor den jüdischen Geschäften gewesen sein mag, die Parteispionage hinter jedem ..irischen" Kunden, der einten jüdischen Laden betrat, die Einkerkerung von Juden,' die sich des Einkaufes eines SA.-Manuets in ihrem Geschäft gerühmt hatten — so hatte man doch gehofft, daß dieser Fieberanfall schließlich vorübergehen, daß der fieberhafte Haß sich mit der Zeit legen und daß die physische und materielle Existenz des Restes der deutschen Juden mehr oder weniger gesichert werden könnte. Anders steht es bei den Liquidationen. Ist der Inhaber des liquidierenden Betriebes ein Millionär und hat er einen beträchtlichen Prozentsatz vom wirklichen Werte seines Unternehmens als Abfindung erhalten, so ist er persönlich versorgt. Aber wieviele Millionäre gibt es? Hunderte und Tausende von kleinen und mittleren Betriebsinhabern erhalten bei ihrer Liquidation Beträge, die außerordentlich gering sind, zumal im Hinblick auf die ihnen bevorstehenden Aufgaben: Von ihrer geringen Barschaft, ihr und ihrer Familien Leben zu fristen, bis der Todesengel sich ihrer erbarmt und sie von der Strafe, in der deutschen Hölle den Kopf noch auf den Schultern trägen zn müssen, befreit. Oder sie stehen vor der Aufgabe, eine Auswanderung in ein völlig fremdes Land vornehmen zu müssen, als ältere Menschen anzufangen und einen Neuaufbau ihres Lebens zu versuchen. In einem fremden Lande kann man nur allzu leicht wirtschaftlich scheitern. - Aber was bedeutet überhaupt: Liquidation? Es muß klargestellt werden: Nicht die jüdischen Geschäfte werden, liquidiert, sondern die Juden, die jüdischen Geschäftsinhaber. Dies geschieht auf zweierlei Weise: Man liquidiert den Inhaber, indem man gegen ihn einen Prozeß, eine Denunziation oder dergleichen anzettelt. Oder aber man'schafft eine derartige Panik, daß Juden sich s e l b s t „liquidieren". Eine derartige Panik brach einige Monate vor dem Erlaß der „Nürnberger Gesetze" aus und sie dauert bis heute. Juden beeilen sich, ihre Geschäfte zu verkaufen, aus Angst, daß. man sie ihnen einfach wegnimmt. Es handelt. sjch hiebe! um die Erzeugung einer k o 11 e ktiv e nJPanik, die sich gegen die jüdische Gesamtheit als solche richtet. Es besteht aber auch das System der i ndivid.ue.llen Panikerzeugung. Man faßt irgend ein bestimmtes gutgehendes jüdisches Geschäft ins Auge und will es übernehmen: ein Nachbar, ein P. G., eine Gruppe von P. G.'s, Angestellte, die irgend eine Beziehung zur Partei haben. Man beginnt dem Juden klarzumachen, daß es für Ihn besser wäre, wenn er sich selbst liquidierte. Versteht :er nicht oder will er nicht verstehen, setzt es ein' pa^r Haussuchungen, Polizeivorladungen, Anschuldigungen,'.-Denunziationen. Auf diese Weise versteht er recht' -bald, „was gespielt wird" und was man von ihm will, und er sucht und findet auch bald den „Käufer". Es "ist wohl' klar, daß es der Käufer ist, der unter solchen Umständen den Preis bestimmt, und nicht der Verkäufer. Ein glänzendes Beispiel dafür, wie der Hitler-Staat einen großen Fabrikbetrieb expropriiert hat, ist der Fall der S.im.sonachen Waffenfabriken in Suhl, Thüringen. Diese Fabrik, .die bis 1933 ein deutsches- Monopol auf die Herstellung von Handfeuerwaffen hatte, wurde beschuldigt, „sich auf Kosten des Staates unerhört bereichert zu haben, wie dies nur in der November republik möglich'war". Der Inhaber ist begreiflicerweise geflohen, hat sich-jedenfalls zur „Prozeß"-Verhandlung nicht eingefunden.'-Schon 1933 hatte man einen Nazikommissar in Suhl eingesetzt, „um den nichtarischen Einfluß zu schwächen". Den Prozeß erhob man erst 1935! Die Fabrik hat man inzwischen in die Tasche gesteckt. Die Gewehr- /abrik Suhl war ein gewaltiges Unternehmen, das allein 1000 Ingenieure,in seinen Ateliers beschäftigte. Es ist weder meine Aufgabe noch meine Absicht, jüdische Monopolfabrikanten zu verteidigen. Aber wenn die Regierung eines großen Staates die Beschuldigung „ungerechtfertigter Bereicherung" formuliert, während die „arischen" Waffenfabrikanten dank den Bestellungen derselben Regierung in derselben Zeit ihre Dividenden verdoppeln und verdreifachen, muß man offen sagen, daß sich eine größere Niederträchtigkeit und Unverschämtheit nur schwer vorstellen läßt. Nicht weniger unverschämt wurde z. B. auch die Uebernahme des großen Futter-Engrosgeachäftes von Weinberg in Berlin gemanaget. Man beschuldigte den Inhaber, die jüdischen Detail-Futterhändler zu privllegieren, obwohl es allgemein bekannt ist, daß man alle Einzelhändler der Fouragebranche in Berlin an den Fingern einer Hand abzählen kann. In ähnlicher Welse wurden auch alle jüdischen Eler-Engroshandlungen liquidiert, eine Branche, die jahrzehntelang fast ganz in jüdischen Händen gelegen war. Erst'^^z kürzlich wurde gemeldet, daß endlich das ganze Warenhausunternchmen Barasch in Magdeburg in „arische" Hände übergegangen sei. Der Kampf hatte dort länger als ein Jahr gedauert und war begleitet gewesen von Verhaftungen, „R a s s e n s c h a n d e" - B eschuldigungen, einem Prozeß, in dem die Schuldlosigkeit der Geschäftsinhaber nachgewiesen werden konnte — und schließlich mußten sie sich doch unterwerfen. Von dem Umfang der Liquidation jüdischer Geschäfte im letzten Jahre — von Juli 1935 bis Juli 1936 — kann man eine Vorstellung gewinnen, wenn man die Annoncen in den Sonntagsnummern der „Frankfurter Zeitung" verfolgt. Eine volle Seite enthält an jedem Sonntag nichts als Anzeigen der Bereitschaft, gutgehende, seit 5 0, 60 oder 70 Jahren bestehende Geschäfte billig zu verkaufen. Andere wollen derartige Unternehmungen gegen Häuser oder gegen Geschäfte in Amerika, Brasilien oder Argentinien eintauschen. Diese Annocen sind der traurige Spiegel des jüdischen Zusammenbruches in Deutschland. Ist es nicht tief symptomatisch, daß die Zeitung, die in ihrer Aufstiegsperiode zugleich ein Symbol des sozialen AufstiegesderjüdischenBourgeoisiein Deutschland war, zur besten und aktivsten Maklerin bei der Liquidation derselben Bourgeoisie geworden ist? In der Zeitung wird nur der Uebergang der großen Geschäfte in „arische" Hände registriert, und auch das nur in den größeren Orten. Die Hunderte oder sicherlich Tausende von mittleren und kleinen jüdischen Unternehmungen in den Provinzstädten und -Städtchen, die einfach preisgegeben worden sind, weil man glücklich war, das nackte Leben zu retten, oder die in aller Eile abgestoßen wurden, meist für ein Spottgeld, um nur schneller fort zu können — all diese verlorenen jüdischen Positionen bleiben unbekannt. Vielleicht wird man später einmal in Archiven Spuren dieses organisierten Pogromraubes, dieser Pogromexpropriationen auffinden. Hunderte können sich irren, Hunderttausende aber nicht. Das ist die Erklärung dafür, daß heute Hunderttausende täglich Chlorodont-Zahnpaste benützen und schöne weiße Zähne haben.. Wählen Sie Chlorodont; schäumend oder nichtschäumend, nach Ihrem persönlichen <3?schmacl). .• . KREUZ-KINO 1, Wollzeire 17 Telephon K-24-2lö Vorsiellungen: JA6, V«8, V«10 mit Chesler Morris STAFA, Mari ahilf erstraße 120 Telephon B-S3-0-G3 ... ,„ ü" ,7 Wochentags: s, 7, v uin William Powell, Carola Lombard IX, Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-K6 r!e«tntl: 'i, %6, V«8, «A10 William Powell, Carola Lombard Kommerzialrat Albers ausgezeichnet. Wie wir erfahren, hat der Bundespräsident Herrn Komrn.-R. Arthur Albers das Ritterkreuz des österreichischen Verdienstordens verliehen. Das zionistische Wien gratuliert herzlichst seinem verdienten Mitglied, das seit 1928 dem Kultus vorstand angehört und sich wegen seines vornehmen Charakters und sozialen Wirkens allgemeiner Hochschätzung erfreut. Jüdische Bühne,, II., Fraterstraße 60. Die erfolgreiche lustige Komödie „Moderne Chassenes" bleibt bis Donnerstag, den 19. ds., auf dem Spielplan. Ausgezeichnete Leistungen bieten Nadia K a r e n i n, Frau Weintraub-Graf, Baclavska, der Komiker Fischer, Oppenheim, Kaswiner und Leopold Jungwirth. Das Konzert Hilde Ruth Sotner mit den Wiener Symphonikern findet am 18. November im Großen Musikvereinssaal statt. _■ Jehuda Ehren kränz liest am 24. November im Mittleren Konzerthaussaal deutsche Dichtungen. Einziger Abend. Karten bei Lanyi, der Jüdischen Kulturstelle, und Gronuer. ^_ Verlustanzeige. Herrn Dr. O. Blumenfeld, Rechtsanwalt, Wien, I., Gonzagagasse 16, Tel. U-29.004, ist am 12. November 1936 um yxll Uhr abends bei der Garderobe im Porrhaus eine Brieftasche aus Krokodilleder samt S 700.— Inhalt und Personaldokumenten, wie Anwältslegitimation, Mitgliedskarten usw., abhanden gekommen. Der Verlust trifft den Anwalt sehr empfindlich. Der Finder wird gebeten, die Brieftasche samt Inhalt gegen Bezahlung des Finderlohnes, oder zumindest die Brieftasche samt Dokumenten dem Anwalte zurückzustellen. Es wird an das Gewissen des Finders appelliert. Cape-artige Manie aus gutem Boucl6, mit breiter Edellammverbrämung,ganzK.-S.- Mongot gefüttert.......S Aparter Cape-Mantel m.2fach. Silberfuchslamm-Verbr. u, ausueai b.Kopf,ganz Moni». gef.S MongoMmprime-Kasak zu jeder Schoß passend .... K.-S.-Marocain-Kleid mit Kragen und westenartigem | fl' Einsatz aus Crepe-Satin......SM.U Elegantes Kosak-Kleid* guten Mode-Wollstoffen. mltft« "" *4 apart. Sam taut putz;r. allen Mode-s larben. .;........ Schott. Mode-Flanelle licht- und waschecht, p. M. . . . Kleider-Schnürlsamte in a|len Modefarben.......S K.-S.-Crepe-Flamisol für das.elegante Tanzkleid . . , Kleider-Samte florfest, alle Modefarb., 10 cm . . 98 2 2 4 Damen - Gummi - SrJtneeidiuae 7 schwarz, warm gefüttert, alleOrößenS Gummi-Ueberstiefel für Knaben und Mädchen, schwarz m < oder braun, mit Reißverschluß, un- J|' kurant, Größe 25 - 33 .......S W Sfimisch-Damenschuhe . ., Bindepumps, mit Pest-oder 1 n" Komtesse-Absatz.........S «Sf K.-S.-Crepe-Cloque' Q Kleiderware, 90 cm........S O Reinwoll-Mantel-Boucle* in Modegruu, 140 cm ......S Crepe Travers 4" das moderne Kleidergewebe, reine 4 Wolle, 130cm . ....... . .S K.-S.-Breitschwonz- R- Imitation, 110 cm........S tl ~? tÄS£fE1?4g Boucle- Mantel mit aparter Hl Perslaner- Verbrämung, ganz Mongol gefüttert W*«ntümer, 2£©deg«t He&ipgete? Jipd seSKtsrotUcbtt JteteWeun Objerbaurat; Robert Stricker. — Druck; PlUfikOEgK lind XerJaga.ArGi JgQäS Steiüm&au, beids Sößfl, X&, ItolvereltÄtafltraÄo ft—•«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.