Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 608 (13.11.1936)
- Date
- 1936-11-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 20 Groschen freitag* den 11« November 1936 10« Jahrgang Nr« 608 V« b* b* DIE NEUI Ulk HIbIIl 185 Titl. Universitätsbibliothek Zeitung vom Verleger versendet »Journal expetlie par l'editeur44 Li JmI Wien, R E V U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S L40, vierteljährig S 4.-;, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.60. vierteljährig Zloty 4.50t fcschechoslowakel monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Bumätnlen mdhatllch Lei 40.—. vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—{ Italien monatlich Lire 6.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anseigen sind entgeltlieh. Redaktion u, Verwaltung: lXt Universitätsstr. 8t Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Minister Beck in London Er verhandelt Uber Jüdische Auswanderung Der jetzt in London weilende polnische Außenminister Oberst Beck hatte längere Unterredungen mit Premierminister 'BaldWih und Außenminister Eden. Die Agentur Reuter bestätigt die Meldungen, daß einer der Hauptpunkte der Unterredungen Zwischen Minister. Beck und den englischen Staatsmännern das Problem der Schaffung von Möglichkeiten einer breiteren Auswanderung von Juden aus Polen, insbesondere der jüdischen Einwanderung aus Polen n a c h P a 1 a s t i n a, war. Der Korrespondent der New-Yorker-Tageszeitung i,Sun" berichtet, Beck habe den englischen Staatsmännern erklärt, daß die Einschränkung der jüdischen Einwanderung' nach Palästina Polen enttäuscht habe; er, Beck, habe gehofft, die Angelegenheit-bei seinem Eintreffen iu London noch als offenen Verhandlungsgegenstahd vorzufinden, nun sei er aber durch Bekanntgabe der reduzierten Schedule vor eine vollendete Tatsache gestellt worden. Minister Eden soll laut „Sun" auf diese Vorstellungen geantwortet haben, England habe infolge der beschränkten Aufnahn^efähigkeit Palästinas für neue Einwanderer keine andere Wahl gehabt. Aus anderen 'Meldungen geht ^hervor, daß die Frage der jüdischen \ Auswandejrung'aüs; Polen trotzfem*^^ den englischen' llllniptern1 behandelt" wird. "Eiä;; BerTcfit der!,Tinies'' " bekräftigt diese . Meldung.'' M i his t e r B e ck .selbst . erklärte-Pressevertretern, er habe sich mit den englischen Ministern eingehend über das Problem der, jüdischen Auswanderung. unterhalten. / .') .' .; . .. : . %; .... Aus Warschau: „Gazeta Polska", das Organ des- Außenministers B eck, veröffentlicht im Zusammenhang mit dem Eintreffen des Ministers Beck' in5' London " einen ,,'Jüdlsche Emigration"' übersehriebenen Leitartikel, in welchem u. a. ausge-v führt wird:; r '.jDie-'Notwendigkeit einer jüdischen Ein-igra'tiöri ergibt sich zwingend. Die bäuerliche- Jugend drängt in die Stadt und sucht Existenzmöglich-' keiten in dem. von den Juden besetzen Handel/ Dieser Drang der polnischen Jugend ist mit künstlichen Mitteln r nicht auf zuhalten. Mögen auch die. Judenauf ihre Jahrhunderte zurückgehende H a n-, de 1 stradition hinweisen, so könne man doejv keine Privilegien ihnen gewähren. Immer wieder^ werden jüdische Familien zu Hunderten ex ist enz los. Dies hat schon einmal die polnische Delegation beim Völkerbund bewogen, vor das internationale Forum mit der Forderung nach Oef fnung der geschlossenen Einwanderungstore für die' polnischen Bauern und nach Schaffung neuer Kolonisation sgebiete für. di'e jüdische B e v ö 1 k e rungzu treten. Diese Haltung der polnischen Regierungfand nicht allein bei anderen ausländischen Deje-. gatidneh, sondern auch bei der Exekutive des Jüdischen Weltkongresses Anerkennung. Auf der gleichen Linie bewegt sich der vom Präsidenten der Ngu-. Zionistischen Organisation, Wladimir Jabotinsky, aufgestellte Zehnjahrplan, der eine Auswanderung von 700.0.00 Juden aus Polen in den nächsten zehn Jahren vorsieht. Diese Ziffer ist in den realen Verhält?, nissen.jbegründet. .; , , Man hätte erwarten dürfen, daß diese Wahrheit auch vo^ der Mehrheit der jüdischen. Führer in Polen anerkannt werden würde. Allein ein bedeutender Teil der jüdischen Presse erhob einen unberechtigt ten Alarm wegen einer angeblich drohenden Austreibung bei gleichzeitiger Konfiszierung des Vermögens. Diese Haltung kaniThur als Psychose beurteilt werden. Natürlich kann der Staat die Emigration nicht finanzieren und kann auch nicht erlauben, daß die Juden Kapital aus dem Lande bringen. Die internationale jüdische Finanz werde vielmehr die notwendigen Kapitalien zur Verfügung stellen müssen. Bis die Eiiiwahderungsgebiete gefunden werden, werden die jüdischen maßgebenden Faktoren genügend Zeit haben, die Situation zu verstehen und für 80 Prozent der jüdischen Bevölkerung, die lediglich vegetiert, namentlich für die heranwachsende Jugend, einen ORBIS £ POLEN Abfahrt: Jeden zweiten Sonntag Anmeldungen: Poln. Reisebüro „O R BIS" l. Kftrntnerstraae 41, R-ai-s-78 Oesterreichisches Verkehrs-Büro I. Friedrichstrane 7. B.iz-soo,!. Graben 20, IM9.0.35 Ausweg zu finden. Dieser Ausweg liegt nur in der Emigration." Diese Auslassungen des Organs des Außenministers Beck werden dahin gedeutet, daß Oberst Beck während seiner jetzigen Anwesenheit in London das Problem der jüdischen Emigration als dringend zur Sprache bringen wird. Agudah und Zionismus Ein agudistischer Vorschlag: Anschluß Palästinas an einen arabischen Staat. . Unter dem Titel:. „Das pol i t i s c h e Prob 1 e m i m Heilige n L and e" bringt, die Wiener „Jüdische Presse" einen Aufsatz des bekannten Agudah-Führers Dr. Isaak Breuer, in welchem dieser die Situation nach'der arabischen Revolte in . Palästina beleuchtet und,zu.dem Schlüsse kommt; daß .dasrjü<&che^ verzichten kann, eine jüdische Majorität in Palästina , zu; leiden. Die Lösung der. jüdischrarabischen. Frage ist. se^er Arisic.ht nach darin zu finden, daß das. jüdisch' gewordene Palästina an einen der vorhandenen arabis c h e n Staaten angeschlossen wird. Dem Autor schwebt eine, mit einer gewissen Autonomie ausgestattete jüdische Provinz eines arabischen Gesamtstaätes vor. Er schreibt: „Der Streik ist zu Ende. Ruhe und Ordnung scheinen allmählich . wiederzukehren. Wollten, die Araber nicht endgültig darauf verzichten, die M ajorität im Lande zu sein,, mußten sie . die furchtbare Kraftanstrengung machen, die. dieser Streik für sie bedeutete. Es war die höchste Zeit. Nur noch wenige Jahre, und ihre Majorität wäre unwiderbringlich an die Juden übergegangen. Es ist dem jüdischen Volk nicht gelungen, in Palästina 'die Majorität noch ,vor der Selbstbesinnung des arabischen Nationalismus zu erwerben. Dies ist eine Tatsache, mit der das jüdische Volk sich abfinden muß. Ueber die Schuldfrage mögen sich die Gelehrten streiten. Gibt es einen Ausgleich?; Die Geschichte kennt keinen Vorgang, daß ein waches Volk ohne ausrottende Gewalt sich auf seinem eigenen Boden von einem anderen Volk in eine Minorität hätte umwandeln lassen. Der wiederholt geäußerte Gedanke, dem arabischen Volk, in Palästina etwa .durch den Völkerbund garantieren, zu lassend es Werde auch als künftige Minorität niemals von den Juden majorisiert werden, wird dem arabischen Nationalismus schwerlich Genüge tun. Dieses „niemals" ist keine Tatsache, sondern ein — Versprechen. Ein politisches Versprechen. Daß die Araber heute noch in Palästina die Mehrheit bilden, ist eine Tatsache. Diese Tatsache gegen einen politischen Wechsel auf die Ewigkeit einzutauschen, wäre nicht gerade ein Zeichen politischer Reife. Ohne Vorbild in der Geschichte ist aber auch die jüdische Situation. An dem historisch, auch heute . noch', trotz zweitausendjähriger Zerstreuung,. Völlig lebendigen Zusammenhang des jüdi- KOKS ANTHRACIT BÄSCH IV, ARGENTINIERSTRASSE 22 - TEL. 047-5-40 BBMMMMMBHHIMSSSJDBl Inhaber Dr. Richard Bäsch sehen Volkes mit dem.Heiligen Lande kann schlechterdings nicht gezweifelt werden. Die Möglichkeit der Gründung eines umfassenden Volksdaseins ist für das jüdische Volk nur im Heiligen Lande gegeben. Ueberall sonst auf der Welt befindet sich das jüdische Volk nach der von der Geschichte wundersam bestätigten, Weissagung der, Thora stets nur „auf der Durchreise", stets nur im'Leinde seiner Gegner. Stärker älOü irgendeiner' Zeit in .der' Vergangenheit macht sich heute diese Gegnerschaft fühlbar. Auf Alijah und Bodenerwerb kann das jüdische Volk nicht verzichten. Alijah und BÖderierwerb sind nach den Gesetzen der Thora heilige Pf licht. Ein wirkliches Volksdasein ist ohne sie undenkbar. Beide aber führen, wenn urtverkümmert fortgesetzt, zur jüdischen Majorität im Heiligen Land. . Die, Lösbarkeit des Problems liegt im. Ahscji 1 üß 'Pa 1 ästinas an einen der vorh.andenen'arabischen Staaten. Wird dieser Anschluß klar und deutlich als das unverrückbare politische Ziel des Völkerbundes als treuhänderischen Inhabers der palästinensischen Souveränität ausgesprochen, hat also künftighin die Mandatsregierung nicht nur die Errichtung des jüdischen Nätionalheims in Palästina, sondern auch den Anschluß Palästinas an einen der vorhandenen arabischen Staaten vorzubereiten, so bleiben die Juden innerhalb des kommenden Gesamtstaates eine Minorität, ob sie gleich im palästinensischen Teilstück dieses Ge- /samtstaates die M a j o r i t ä t bilden werden. Daß eine durchaus selbstbewußte und stolze Nation auf einem wenig bevölkerten und wenig entwickelten Teilstück seines Gesamtterritoriums Glieder' einer anderen Nation aufnahm und mit weitgehenden Sonderrechten versah, ist in der Geschichte keine Ausnahmeerscheinung. Würden diese Sonderrechte zudem noch die Majorisierung der in Palästina wohnenden Araber, trotz jüdischer Majorität, ausschließen, so würde eine solche, durch Tatsachen gestützte Ordnung auch den letzten Stachel zu entfernen geeignet sein. Das Recht des jüdischen Volkes, innerhalb des arabischen Gesamtstaates sein Nationalheim zu errichten und zu unterhalten, wäre unter die Garantie des Völkerbundes und unter den exekutiven Schutz der Mandatarmacht zu stellen. Garantie und Schutz brauchten nicht stärker und schwächer zu sein, als sie es unter den gegenwärtigen Verhältnisseh sind." . * ' Es ist richtig, daß die Zeit des Ausweichens und Verschweigens in Palästina durch den arabischen Streik beendet wurde und jetzt alles zu klarer Lösung drängt. Die Juden müssen die Frage, was sie wollen und welches Endziel sie in Palästina anstreben, klar beantworten. Da gibt es aber nur eine Antwort: Judenstaat! Alles andere ist gequältes Ausweichen. Auch Dr. Breuer will ausweichen und mit der gekünstelten Konstruktion einer jüdischen Provinz in einem arabischen Staate aus der Verlegenheit, herauskommen* Dasselbe versuchen übrigens auch geachtete