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Die neue Welt · 1936-11-03 · Heft 605 (3.11.1936) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 605 (3.11.1936)
Date
1936-11-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 605 vom 8. November 1936 DIE NEÜE WELT Seite S i Kein blondes Verschwörerbürschchen" /# Zum Prozeß Drei politische Morde haben in den letzten Jahren das Gewissen der Kulturwelt alarmiert — durch die Motive der Tat und durch den Charakter der Mörder. Man erinnere sich an: Conrad!, der den BoLschewikenführer Worowski, als er in offizieller Mission bei der Orientkonferenz in Lausanne war, tötete; Teilirlan, den armenischen Studenten, der seine abgeschlachtete Familie an dem früheren türkischen Großvezier Talaat-Pascha am 15. März 1921 in Berlin rächte; Schalom Schwarzbarth, der am 25. Mai 1926 den weißrussischen Pogrom-General Petljura in Paris erschoß. Diese drei politischen Mörder sind in den drei Staaten, wo sie ihre Attentate ausführten, freigesprochen worden, weil die Richter von den edlen Motiven der Handlung überzeugt waren. Wir rufen diese Morde der Oeffentlichkeit ins Gedächtnis; denn in kurzer Zeit wird im Schweizer Kanton Graubünden der Prozeß gegen den jüdischen Studenten David Frankfurter stattfinden, der den schweizerischen Hakenkreuzpropagandisten Güstloff im Februar dieses Jahres in Davos erschoß. Unsere Leser haben bereits erfahren, in welcher Weise im Dritten Reich dieses politische Attentat gegen die Juden ausgenützt wurde. Eine Flut von Hetz- und Schmähschriften ergoß sich über Deutschland und von da fast über ganz Buropa. Sogar eine Liga, welche die Verurteüung Frankfurter« zum Tode fordert, wurde in Deutschland gegründet. Bs gab eine Zeit, wo Deutschland und seine Publizisten anders vom politischen Mord dachten. Die „Frankfurter Zeitung" von einst, nämlich aus dem Jahr 1927 (Nr. 806 vom 26. Oktober 1927) brachte au» der Feder ihres Pariser Korrespondenten Friedrich S i e b u r g einen Bericht über den Schwarzbarth-Prozeß, worin es hieß: „20 Jolirhunderte haben sie auf dem jüdischen Volk herumgetrampelt, 20 Jahrhunderte haben die Herren von Titus bis Torquemada mit dem Absatz ihrer Stiefel nach den gedankenvollen Stirnen dieser Rasse gezielt, — die man dort mir treffen kann, wo sie am Boden liegt. Und siehe, endlich schlägt einer Wider, nachdem 20 Jahrhunderte die Petljuras aller Länder nach innen geschlagen haben! Ein'Jude hat geschossen, die . Welt steht mit offenem Munde da, und wie sie endlich zu Atem kommt, spricht sie ihn frei und ruft: „Es lebe die Republik! ..." Welches Feuer! Welches Verständnis für jüdisches Schicksal! Der Autor fährt fort:' „Schwarzbarth hat den moralischen Mut, den man in der Geschichte der politischen Morde Deutschlands vergeblich suchen wird. Er war ein Jude, ein Retter seines Stammes, kein blondes Ver- Franklurfer schwörerbürschohen, kein Fememörder, der es nicht getan haben will, der auf Befehl eines Unbekannten gehandelt haben will, der sich an nichts mehr erinnern kann, kein feiger Hochverräter, der zufällig am Brandenburger Tor spazieren ging, als die Putschtruppen vorbeikamen. Nein, er sagt: „Ich habe ihn vorsätzlich getötet, und freue mich, daß ich es getan habe." Friedrich Sieburg fällt aber auch ein Werturteil. Er hat kein Mitleid mit dem Getöteten. Er identifiziert sich sozusagen mit dem Juden Schwarzbarth, wenn er feststellt: „Diejenigen, die den Mord nicht verdammen, sagen sich, daß viele Milliarden sinnloser Schüsse gefallen sind (seinerzeit im Weltkrieg), deren Geräusche für einen großen Teil der Menschheit eine liebe Erinnerung sind. Dann Ist eine moralische Entrüstung nicht am Platze, wenn endlich ein Schuß den Richtigen trifft..." Dabei war Petljura bloß ein böser Geselle im Vergleich zu den barbarisch-tierischen Instinkten und Haßtrieben der nationalsozialistischen Machthaber und die Pogrome in der Ukraine eine Episode neben der Tragödie, deren Zeugen wir heute in bezug auf Hitler-Deutschland sind. Herr Sleburg spricht heute nicht mehr von blonden Verschwörerbürschchen, mit denen er die seinerzeitigen hakenkreuzlerischen Fememörder gemeint hat, und auch nicht mehr von der gedankenvollen Stirn der jüdischen Rasse ... Vorbei. Der Prozeß Frankfurter wird In der freien demokratischen Schweiz stattfinden, fern vom Giftnebel des Hakenkreuzes. Und das gibt uns die Hoffnung auf ein gerechtes Urteil. Surdj ein 6d}el&ammertos - MMm imi) ©löd! Sd)on am Stenstag, ben 10. Slouemher fc. f>c* ginnt bie neue Älajjenlotterte. 9V* SRiaümen Shilling lommen innetffali eines irjal&jafjtes 5ur SSerlofung. 2Ber mtfl ba nicfji bafcet fein? 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Das englische -Kabinett vertraue darauf, daß man bei einer Situation angelangt ist, die der Königlichen Kommission freie Bewegung im Lande ermöglicht. Wahrend des größten Teiles ihres Aufenthaltes in Palästina werde die Kommission in Jerusalem tagen, es seien aber auch kurze Besuche in Haifa und anderen Zentren des Landes vorgesehen. „Mornjngpost" verlangt, daß dem Besuch der Kommission in Palästina der Charakter eines bedeutsamen Staatsaktes gegeben werde. Der zeremoniellen Aufmachung solle dabei größtes Augenmerk zugewendet werden. Den Arabern müsse der Bindruck vermittelt werden, daß die Königliche Kommission die größte Bedeutung für die Zukunft Palästinas haben wird. Die Ueberfahrt der Kommission solle von Marseille aus an Bord eines englischen Panzerschiffes erfolgen. Ihre Ankunft in Haifa solle unter besonders feierlichen Zeremonien vor sich gehen. Ebenso solle der Empfang der Kommission in Jerusalem Anlaß zur Entfaltung, von zeremoniellem Pomp bieten. Der antijudi§die Feldzug in Deutschland Ueber die jüngsten Maßnahmen des deutschen Hakenkreuzes gegen die Juden liegen folgende Nachrichten vor: Vevqewahiquq der Kinder Aus Köln: Der „Westdeutsche Beobachter" veröffentlicht die Zuschrift eines Lesers, in der die Zeitung aufgefordert wird, die Erzieher der Kinder darüber aufzuklären, wie sie sich verhalten sollen, wenn Kinder nach dem Besuch der Religionsstunde Fragen stellen, die einen inneren Konflikt infolge des im Religionsunterricht Über Juden gehörten und der von ihren Eltern den Juden gegenüber geforderten Einstellung verraten. Es wid der Fall eines kleinen Mädchen angeführt, das erzählte: „Wenn ich mit Mutti in die Stadt gehe, dann dürfen wir nie bei Juden kaufen. Der Religionslehrer aber hat uns erzählt, daß Gott dem Moses den Auftrag gegeben habe, zehn Gebote für die Menschen zu verkünden. Moses war aber doch ein Jude!" Hiezu bemerkt die Schriftleitung, daß sie zunächst die Zuschriften von Eltern abwarten wolle, deren Kinder von ähnlichem Zwiespalt zu berichten wissen. Sie glaube, daß die Eltern an erster Stelle berufen sind, einzugreifen und auch In religiösen Dingen einen für das Kind kompromißlos geraden Weg aufzuzeigen, wenn sie merken, daß ihr Kind Gefahr läuft, verstandesmäßig und seelisch in Verwirrung zu geraten. „Weniger objektiv" Aus Berlin: Im „Aerzteblatt für Berlin" wird ein Vortrag wiedergegeben, den Prof. Dr. Kurt Klare auf der Tagung der medizinischen Fachpresse in Berlin gehalten hat. Er berichtete über die Ausschaltung der jüdischen Mitarbeiter von der medizinischen Fachpresse. Mit dieser Ausschaltung sei zugleich eine Umstellung der ganzen Richtung vieler medizinischer Zeitschriften verbunden gewesen, die davon überzeugt werden mußten, daß Wissenschaft, und gerade medizinische Wissenschaft, volksverbunden sein, das heißt, daß sie'aus Blut und Boden kommen müsse. Prof. Klare sagte sodann unter anderem: „Bei Besprechung von Büchern jüdischer Autoren, die ja meist über Oesterreich oder die Schweiz hereinkommen, bitte ich, wenigerobjektivzu sein." Gegen die Judenhelie in England Aus London: Der englische Ministerrat bat Beratungen über die durch die provokatorische judenfeindliche Propaganda der Faschisten geschaffene Lage abgehalten. Es ist unbekannt, zu welchen Ergebnissen der Ministerrat gekommen ist. Man erwartet jedoch, daß bestimmte Maßnahmen anläßlich der Eröffnung des Parlaments werden angekündigt werdep, und zwar in der Form eines Gesetzes zur Wahrung der öffentlichen Ordnung. Einige Blätter wissen zu melden, daß die Erlaasung eines Uniform* Verbotes bereits beschlossen wurde. f.RONACHER im völlig n«u«n November - Programm mit: Greta Keller -DU K*""Bd" 3 BONOS % Schallplatte" „Die König« aller Clowns" Beachten Sl« dl« neu h«rabfl«tattt«n VnuMtpt*I«« Kundgebung in Leeds In Leeds fand eine große Kundgebung gegen dl« von Sir Oswald Mos 1 ey betriebene antisemitische Propaganda statt. Der Präsident des Jewish Board of Deputles NeviUe Laski erklärte, Mosley habe die antisemitische Note in seinen Kampf erst hineingetragen, als er sah, daß seine bisherige Propaganda nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat. Grotesk sei auch die Behauptung von einer Bindung der Juden nach zwei Seiten hin. Im Kriege haben Juden für alle Länder, denen sie angehörten, gekämpft. Seitdem die Juden Bürgerrecht« in England erwarben, hätten sie hervorragende Beiträge zu dem geistigen und materiellen Leben des Landes geleistet. Schließlich wies Laski noch auf die hohe Bedeutung eines erstarkten Palästina für das Britische Reich hin. Die Art, wie man in letzter Zeit den Juden gegenüber aultrete, sei den Ueberlieferungen der englischen Nation so sehr entgegengesetzt; daß die Bevölkerung es wohl kaum dulden dürfe, daß diese Propaganda weitergeht. Der Vikar von Lecds, Domherr Elliott, erklärte, daß er mit den von Neville Laski dargelegten Grundsätzen übereinstimme. Richter Stewart betonte, die Juden stünden unter dem Schutz eines bürgerlichen Vertrags, der ihnen gleiche Rechte zusichert. Sie seien ein Teil der Nation, und er glaube, daß die große Mehrheit der Bürger des Reiches gegen jede Verletzung Ihrer Freiheiten sei. In gleichem Sinne äußerte sich Rev. W. L. Schroeder. (J. T. A.) Palästina im Aufbau Aus Jerusalem wird berichtet: Der Abbruch des Araberstreiks hat in Palästina eine Senkung der Lebensmittelpreise gebracht. Die größten Transportschwierigkeiten sind behoben. ' Landwirtschaftliche Erzeugnisse sind von Arabern wieder auf die Märkte gebracht worden. Man erwartet eine Belebung der Baubewegung, namentlich durch Aufträge der öffentlichen Hand, zumal auch die heimischen Baustoffe wegen der besseren Verkehrsverhältniase billiger geworden sind. - Allerdings wird auch in Zukunft das Transportproblem für die palästinensische Wirtschaft eine bedeutende Rolle spielen. Das wird gegenwärtig, bei Beginn der Orangensaison, besonders fühlbar. Ein großer Teil der Orangen wird über Haifa oder Port Said ausgeführt werden müssen. Da die Straße zwischen Tel- Aviv und Haifa bis zum vollen Einsetzen der Ausfuhr noch nicht fertiggestellt sein dürfte, wird der größte Teil der Transporte mit der Eisenbahn erfolgen, die den an sie gestellten Anforderungen sich bisher nicht gewachsen gezeigt hat. Es bestehen in den Kreisen der Orangenexporteure Befürchtungen, daß. eine große Menge der Früchte auf den Stationen verderben wird. Das zukünftige Bauprogramm wird umfangreiche Straßenbauten enthalten; außerdem sollen Gebäude für die Flüchtlinge aus den gemischten Städten, deren Häuser während der Unruhen zerstört wurden, errichtet werden. In der Umgegend der jüdischen Kolonien haben die jüdischen Institutionen bereits die Bauarbeiten aufgenommen. Die führenden Banken haben den - Kaufleuten zugesagt, sie bei' "der Deckung fälliger Wechsel zu unterstützen utj|i in diesem Zusammenhang insbesondere für die Deckung von Wechseln für ausländisch« Firmen zu sorgen, damit der Außenhandel nicht leidet. (J.T.A.). Der Außenhandel Palä§«ina* Wirkung der Streikunruhen Aus Jerusalem: Das Ausmaß, in dem der Außenhandel Palästinas in den letzten Monaten, zurückgegangen ist, zeigt sich in einer Gegenüberstellung der Außenhandelsziffern für die ersten acht Monate des laufenden Jahres mit den Zahlen für die gleiche Zeit des Vorjahres. Die Wareneinfuhr nach Palästina ging danach von 11,6 MUllonen auf 8,6 Millionen Pfund, die Ausfuhr von 3,36 Millionen auf 2,4 Millionen Pfund zurUck. An dem Rückgang der Wareneinfuhr waren insbesondere die Fertigwaren mit einer Senkung von 41,6 Prozent beteiligt. Rohstoffe und Halbfabrikate gingen um 81,5 Prozent, Lebensmittel, Getränke und Tabak um 3,5 Prozent zurück. Der Mehrbedarf, der durch die zur Bekämpfung der Unruhen vorgenommenen militärischen Operationen hervorgerufen worden ist, zeigt sich dagegen in einer Importsteigerung der unklassiftzierten Güter um 31,4 Prozent. Bei der Warenausfuhr verminderte sich vor allem die Zitrusausfuhr im Frühjahr. Der Export von Halbfabrikaten und Fertigwaren hat sich dagegen erhöht. Die Wiederausfuhr stand mit 277.379 Pfund um 61,3 Prozent höher, die Durchfuhr mit 196.482 Pfund um 34,2 Prozent niedriger als in der gleichen Zeit des Vorjahres.. Die Wareneinfuhr aus Deutschland betrug in den ersten acht Moniten 1936 1,31 Millionen Pfund gegenüber 1,44 Millionen^.. Pfund in der gleichen Periode des Vorjahres. Sie ging damit um etwa 8,6 Pro-

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