Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1936-11-03 · Heft 605 (3.11.1936) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 605 (3.11.1936)
Date
1936-11-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2712150-2712230--6120-2719829
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

10 entity mentions

Sette 3 ^Ä^t^» Jttto^i^L ME JtEüß WELT Kr. $68 vom 1 November 1936 n Afiir Swoboda m »AUTOMAT" oefen, Kamine sind dl« » « t Mi XVHI, Jörgeratraße 10 (Eekt Thereiling.) •^1 Ofwiieliwemmt) IV, Utfcri*|«Mtraa* I (IM 1 ScIlWirMflbergflats). z2g3&L V«rkt«fitt«{ «i: XXI, MnMMtrtB« Nr. 41, tnd ^553 IV, Qr.fl« Mugtm I Gegen KantfortHierung Palästinas Auf der in London abgehaltenen Jahreskonferenz des Keren Kajemeth hielt der Leitet des; politischen Departements der Zionistischen Exkutive In London, Professor Brodetsky, eine Rede. Wir können uns kein Jüdisches Nationalheim verstellen, sagte er, ohne, eine durch keinerlei künstliche Hindernisse gedrosselte Einwanderung, ohnejttdische Anstellung auf dem Boden und ohne daß die Stellung des jüdischen Volkes in seinem Verhältnis zu Palästina den im Mandat verankerten Rechten gemäß sorgfältig gewahrt werde. Während in der Vergangenheit die genannten drei Probleme einzeln Gegenstand der Auseinandersetzung bildeten, . sind jetzt alle drei zusammen, von den arabischen Führern und denjenigen, die sich für sie einsetzen, zur Diskussion gestellt worden. Prof. Brodetsky wies darauf hin, daß die jüdische Bevölkerung in Palästina jetzt über 400.000 Seelen stark ist und das ins Land gebrachte jüdische Kapital 70 bis 90 Millionen Pfund beträgt. Es sei jedoch ein unbefriedigender Zustand, daß der landwirtschaftliche Sektor des Nationalheims nur 15 Prozent der jüdischen Bevölkerung umfaßt. Zu der Frage jüdischer und arabischer Arbeit in Palästina übergehend, betonte Prof. Brodetsky, daß die Juden es ablehnen, Ausbeuter arabischer Arbeit zu sein. Aber den anderen erscheint, was immer wir anstellen, schlecht. Verwenden wir arabische Arbeitskräfte, dann werden wir als Ausbeuter gebrandmarkt; tun wir es nicht, dann legt man es uns als Selbstsucht aus. Unter Ablehnung eines exklusiven Nationalismus bezeichnete Prof. Brodetsky es als eine elementare Forderung der Gerechtigkeit, daß Arbeitsgelegenheiten, die durch J*nden unter ungeheuren Opfern geschaffen wurden, auch Juden zugänglich gemacht werden. In einer Welt, in der die Juden von der Arbeit auf dem Boden mit brutaler Absicht ferngehalten werden, sei es kein Verbrechen,, zu verlangen, daß die Juden, die ihre Pfennige für den Erwerb und die Erlösung des Bodens hingegeben haben, auch das Recht besitzen sollen, allein diesen-Boden zu bearbeiten. Die Regierung, sagte Prof. Brodetsky, sollte ihre Politik der Behinderung des jüdischen Aufbauwerkes aufgeben und positive Maßnahmen zur Durchführung des Mandats treffen. Prof. Brodetsky wandte sich gegen die aufgetauchten Pläne einer territorialen Absonderung von Juden und Arabern. Diese Pläne seien undurchführbar, aber selbst wenn sie durchführbar wären, würden sie vom jüdischen Standpunkt unannehmbar sein. Eine Kantonisierung würde'nicht nur die Aufteilung des Landes in arabische und in jüdische Gebiete, sondern gleichzeitig auch die Beschränkung der jüdischen Arbeit auf die jüdischen Gebiete bedeuten. Die Erfahrung habe gezeigt, daß Juden und Araber, wenn nicht künstlich zwischen ihnen Zwietracht gesät wird, friedlich nebeneinander leben können. Der Redner schloß mit der Forde* rung, daß ein Land nicht zerschnitten und aufgeteilt werden dürfe, das nicht einigen Politikern gehöre, sondern der großen jüdischen Kation, Die Exzesse in Warschau Aua Warschau wird gemeldet: An der Warschauer Hochschule für Welthandel erneuerten sich am Dienstag, den 27. Oktober, die antijüdischen Unruhen und erreichten einen dort noch nie dagewesenen Grad. Als die Hochschule, die wegen antisemitischer Unruhen eine Woche lang geschloasen gewesen war, wieder geöffnet wurde, drangen die Nationalisten mit großem Tumult In das Gebäude ein und gingen mit Messern und Knüppeln gegen die Juden vor. Ein jüdischer Student wurde so schwer verletzt, daß er bewußtlos ins Krankenhaus transportiert v/erden mußte. Auch sozialistische und demokratische Studenten wurden mißhandelt. Die Nationalisten warfen Stink- und Tränengasboraben und öffneten die Wasserhydranten, so daß mehrere Hörsäle unter Wasser gesetzt wurden. Als Polizei herankam, verbarrikadierten sich die Nationalisten in den Hörsälen. Die Polizei drang in das Hochschulgebäude mit Stahlhelmen und Gasmasken ausgerüstet ein und verwendete gegen die Ruhestörer ebenfalls Tränengas. Erst gegen Abend konnte der Widerstand der Demonstranten gebrochen werden. Am Mittwoch, den 28. Oktober, war die Warschauer Hauptuniversität an der Reihe. Die nationalistischen Studenten blockierten das Universitätsgebäude, sperrten alle Ausgänge ab und hinderten die darin weilenden Studenten da»*an. die Universität nach Beendigung der Vorlesungen zu verlassen. Der Rektor erschien an einem Fenster und drohte den Demonstranten mit der Einstellung der Vorlesungen, falls sie das Gebäude nicht freigeben sollten. Inzwischen war die Polizei erschienen, vor der die Demonstranten die Flucht ergriffen. Einige konnten verhaftet werden. Etwa 100 nationalistische Hörer der Handelshochschule wurden verhaftet und sollen wegen Demolierung der Einrichtungen der Hörsäle vor Gericht gestellt werden. RUNDSCHAU iin Untermensch als Nobelpreisträger Als vor 3 Jähren def 100. Geburtstag Alfred Nobels, des NObelprels-StifterS, feierlich begangen Wurde, brächte die Weltpresse eine Zusammenstellung der Namen derjenigen» welche seit der Preisgründung, das Ist seit 1901, den Nobelpreis erhalten haben. Die Statistik ist nicht uninteressant. Sie aelgt heute unter 180 Preisträgern 16 Juden und 4 Halbjuden aus Mischehen. Die Leistungen der Juden betreffen alle Gebiete des Geistes, insbesondere aber Medizin und Physik. In einer Zeit, da der hakenkreuzlerische Nationalsozialismus alle Juden zu „Untermenschen" gestempelt hat, der deutsche Mensch gewarnt wird, zu jüdischen Medizinern zu gehen, deutsche Gelehrte von Ruf an einer „deutschen", d. h. nationalsozialistischen Physik arbeiten, ist die untenstehende Aufzählung besonders lehrreich. Sie nennt folgende jüdische Preisträger: Tobias Asser, geb. 1838 in Amsterdam, gest. 1913 im Haag, Friedenspreis 1911. Robert Barany, geb. 1876 in Wien, Nobelpreis für Medizin 1914. Henri Bergson, geb. 1859 in Paris, Nobelpreis der Literatur 1927 für seine philosophischen Werke. Paul Ehrlich, geb. 1854 in Strehlen (Schlesien), gest. 1925, Nobelpreis für Medizin 1908. Albert Einstein, geb. 1879 in Ulm, Nobelpreis für Physik 1921. James Franck, geb. 1882 in Hamburg, Nobelpreis für Physik 1925 für seine Atomlehre. Alfred H. Fried, geb. 1864 in Wien, gest. 1921, Nobelpreis für den Frieden 1911. (n"ÖBEl"lü,NTER für Gelegenheitskäufe Wien VIII, Stadtbahnviadukt 23 bei Lerchenfelderstraße Telephon: A-21-5-31 Gustav Hertz, geb. 1887 in Hamburg, Nobelpreis für Physik 1925 für seine Elektronentheorie. Karl Landsteiner, geb. 1868 in Wien, Nobelpreis für Medizin 1930 für seine Blutkörpercheritheorie. Gabriel Lipp mann, geb. 1845 in Hallerich (Luxemburg), gest. 1921, Nobelpreis für Physik 1908 für seine Untersuchungen auf dem Gebiete der Farbenphotographie. Otto Meyerhoff, geb. 1884 in Hannover, Nobelpreis für Medizin 1922. Albert Abraham Michelson, geb. 1852 in Strelno (Preußen), gest. 1931 in Pasadena, Nobelpreis für Physik 1907 für seine Untersuchungen auf dem ^Gebiete der Spektroskopie. Otto Wallach, geb. 1847 in Königsberg, gest. 1920, Nobelpreis für Chemie 1910. Richard Willstätter, geb. 1872 in Karlsruhe, Nobelpreis für Chemie. Tritz Haber (getauft), Chemiepreis 1918. Adolf von Baeyer (Mutter Jüdin), 1835 bis 1917, Chemiepreis 1905. Niels Bohr (Mutter Jüdin), geb. 1858, Physikpreis 1922. Elias Metschnikoff (Mutter Jüdin), 1841 bis 1916, Medizinpreis 1908. Paul Heyse (Mutter Jüdin), 1830 bis 1914, Lite, raturpreis 1910. Richard Will stätter, Fritz Haber, Albert Einstein haben "Deutschland bei Beginn des Hakenkreuzregimes verlassen. Für diese Männer war unter Julius Streicher und Genossen kein Platz mehr. Nun wurde wieder ein „Untermensch" vom Nobelpreiskomitee in Stockholm der höchsten Auszeichnung, welche die Wissenschaft zu vergeben hat, für würdig befunden: Professor Otto Löwi, Professor an der Grazer Klinik. Der ausgezeichnete Gelehrte entstammt einer angesehenen jüdischen Familie aus Frankfurt, ist Mitglied der Grazer israelitischen Kultusgemeinde, seine Kinder genießen jüdische Erziehung. Wir freuen uns über diese Auszeichnung, die den Juden ehrt. Aber wir wissen, daß nach wie vor sogar die größten jüdischen Leistungen für die Menschheit den antijüdischen Feldzug, der heute unter der Führung des Hitlerismus steht, nicht zum Einstellen bringen können. Die Assimilanten sollen sich nicht einbilden, daß durch die Auszeichnung eines Juden alles Uebel wieder gutgemacht sei und ein« Aera gegenseitiger Achtung und Abbaues des Hasses beginne. * Die „Reichspost" veröffentlicht im Zusammenhang mit der Auszeichnung des Prof. Löwi eine Glosse, die folgendermaßen aussieht: „Das Wichtigste. Was Ist das Allerwlchtlgste an der Zuerkennung des Nobelpreises an den Grazer Pharmakologen Hof rat Dr. Otto LÖwl? Man bekommt eine dunkle Ahnung, wenn die Würdigung, die dem Ereignisse die „Stunde" widmet, gleich mit der Feststellung beginnt: „Professor Hofrat Dr. Otto Löwi wurde... in Frankfurt als Sohn jüdischer Eltern geboren." Die Ahnung, die dieser erste Satz weckt, wird zur Gewißheit, wenn die letzten Sätze lauten: ' „Oesterreich zählt jetzt sieben Nobelpreisträger, und zwar: Dr. Baranyi, Dr. Pregel, Dr. Fried, Professor Wagner-Jauregg, Professor Schrödinger, Professor Langsteiner und Professor LöWi. ViefdÄVOtt sind Juden. Es ist interessant, daß jetzt an der Grazer Universität zwei Nobelpreisträger wirken, nämlich Professor Schrödinger und Professor Löwi." Wenn es sich um andere, minder erfreuliche Vorkommnisse handelt, als es NöbelpreisVerteUüngen Sind, um Dinge, an denen die Juden gleichfall« mit auffallend hohen Prozentsätzen beteiligt sind, legen dl« Blätter von der Artung der „Stunde" nicht nur kein Gewicht auf die Hervorhebung der Abstammung, sondern sie beklagen solche Indiskretionen sogar als grau« same, zu Verallgemeinerungen verleitende Ungerechtigkeit." Durch diese Darstellung wird der „Reichspost" und der ihr gleichgeschalteten Presse ein Alibi nicht gelingen. Würde etwa ein Defraudäht oder sonstiger Betrüger mit dem Namen Löwi verknüpft gewesen sein, hätte es das Blatt bestimmt nicht unterlassen, den Namen mit dem ihm reichlich zur Verfügung stehenden Signalement, dem Ausrüiungazeichen Innerhalb einer Klammer (!), zu versehen. Das alte Lied: Ist's ein Schwindler, dann heißt er „Jude". Ist's ein Ausgezeichneter, dann heißt er „Oesterreicher". Was zu beweisen eben gelungen ist..« Der jüdische Nobelpreisträger Aus Graz wird gemeldet: Hof rat Professor Dr. Otto L o e w i in Graz, der den Nobelpreis für Physiologie und Medizin für das Jahr 1936 erhalten hat, ist der einzige jüdische Ordinarius an der Grazer Universität. Sein Vater war Kaufmann in Frankfurt am Main und ein prominenter jüdischer Orthodoxer. Prof. Loewi ist Mitglied der Jüdischen Kultusgemeinde in Graz und nimmt auch regen Anteil an der Arbeit der B'ne Brith-Loge in Graz, deren Mitglied er ist. Er besucht sehr häufig jüdische Veranstaltungen und Vorträge. Seine Gattin ist eine Tochter des verstorbenen Ordinarius der Chemie an der Wiener Universität Prof. Goldschmidt, der alle seine Kinder im jüdischen Geiste erzogen hat. Prof. Loewi ist ein Beschützer und Förderer der jüdischen Studentenschaft in Graz, aber auch unter der hichtjüdiachen Studentenschaft erfreut er sich größten Ansehens. Der Vorstand der jüdischen Hochschülerschaft Oesterreichs hat an Prof. Loewi ein Glückwunschtelegramm gesandt. (J. T. A.) Unnütze Opfer♦♦♦ In Oesterreich wurde die These popiüär gemacht, daß die deutschsprachige Filmproduktion ohne den reichsdeutschen Markt nicht leben könne und man darum jede Bedingung bezüglich-der Besetzung .und des-Stoffes seitens des Dritten Reiches hinnehmen müsse. Das deutsche Reichspropaganda-Ministerium usurpierte sich eine Art Vormundschaft über die österreichische Filmindustrie; es versuchte, diese Macht auch über Budapest und Prag zu gewinnen, wo aber ein — wenn auch nur leichter -—' Gegendruck in die Erscheinung trat. In der Vergewaltigung Wiens gab es keine Pause, kernen Pardon. Versuche, den Arierparagraph gemildert zu bekommen, scheiterten an der Hartnäckigkeit der Berliner Reichsfilmprüfstelle, bzw. an der Schwäche der österreichischen Filmproduzenten, auch der „nichts arischen". Aber das Geschäft versagte. Entweder hatten die. in Wien gedrehten judenreinen Filme in Deutschland keinen Erfolg, wurden im kulturellen Ausland abgelehnt oder die Gelder blieben in Deutschland stecken. Vor längerer Zeit legte der Wiener jüdische Filmverleiher Götz Hofbauer Hand an sich. Er arbeitete mit dem Dritten Reich und ging daran zugrunde. In dieser Woche folgte dem unglücklichen Selbstmörder der/ jüdische Filmproduzent Dr. Eduard Kraus, der die „Horns"- und die „Panta"-Film Ges. m. b. H. gegründet und u. a. die judenreinen Filme „Die weiße Frau des Maharadscha" und „Nur ein Komödiant" herausgebracht hatte. Der hier hundertprozentig angewendete Arierparagraph machte sich nicht bezahlt. Dr. Kraus erlitt Verlust um Verlust, brach zusammen... Er griff zum Gift und — um sicher zu gehen — auch zum Gashahn. Bin traurige» Ende. Das zweit« jüdische Opfer des judenreinen Filmgeschäfts. Beide Opfer unnütz, vergebens. „Wer sich dem Hakenkreuz nähert, verfängt sich darin", schrieben wir kürzlich. Der Selbstmord des Dr. Kraus bestätigt die Richtigkeit unserer These. ' Aber auch die paar Juden, die bisher in der österreichischen Filmbranche eine Rolle spielten und den Vorzug hatten, an den jeweiligen Verhandlungen mit dem Goebbels-Ministerium teilnehmen zu dürfen, werden bald beiseitegeschoben werden. Judenreine Filme, an deren Herstellung Juden betiligt sind, das geht, Wotan sei Dank, nicht... Hafenarbeiter aus Saloniki für TeUAvIv Aus Saloniki: Die Zionistische Exekutive In Jerusalem hat dem Palästina-Amt in Saloniki telegraphisch mitgeteilt, daß Sonderzertifikate für Hafenarbeiter, die in Tel-Aviv dringend benötigt werden,) eiligst nach Saloniki übersandt wurden. Die Mitteilung wurde In den Kreisen der Salonikier jüdischen Schiffer und! Hafenarbeiter mit Begeisterung aufgenommen. Die in Betracht kommenden. Familien beschleunigen Ihre Beisevorbereitungon. (J. T. A.) Die englische Garnison Aus Jerusalem: Die englische Garnison in Palästina setzt sich jetzt aus 22 Bataillonen sowie einer Reihe Flug- und anderen Einheiten zusammen und zählt 25.000 Köpfe. Es, verlautet, daß die gesamte jetzige Besatzung in Palästina bleiben werde, bis die Königliche Kommission ihre Arbelten beendet haben wird. (J, T. A4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.