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Die neue Welt · 1936-10-27 · Heft 603 (27.10.1936) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 603 (27.10.1936)
Date
1936-10-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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•fefte 2 DIE NEUE WELT Nr. 603 vom 27. Oktober 1036 Führer der „Union" haben mit dieser alten Tradition, an welcher im Interesse der Ehre und Sicherheit der Judenschaft immer festgehalten wurde, gebrochen und bemühen sich, nichtjüdische Faktoren und Vor allem die staatlichen und kommunalen Behörden zu einem Eingreifen ins jüdische Gemeindeleben zu veranlassen. Sie schrecken hiebei vor gefährlicher, verleumderischer Denunziation nicht zurück. Sie schrecken nicht davor zurück, ihre jüdischen Gegner des Mangels an Staatstreue, an staatsbürgerlicher Zuverlässigkeit zu bezichtigen. In ihrer Eingabe an die Behörden erklärten sie, daß die Majorität des Gemeindevorstandes nur durch (wörtlich): „Zurückdrängung des Einflusses des in Oesterreich beheimateten positivreligiösen und vaterländisch fühlenden Teiles der Angehörigen der Wiener Kultusgemeinde" entstanden sei, und rufen zur Verfolgung aller nicht hinter der „Union" stehenden Wiener Juden als nicht patriotisch auf, denn, so schreiben sie in ihrer Beschwerde: ,,... die .Union' ist die Organisation aller jener Juden^die auf dem positiv religiösen, vaterländisch-österreichischen Boden stehen." Einen praktischen Erfolg haben die Unionisten mit dieser Angeberei bis jetzt nicht erzielt. Denn ihre Beschwerde wurde als völlig unbegründet abgewiesen. Aber einen „moralischen" Erfolg haben sie zu verzeichnen. Alle Elemente, welche die Juden der bürgerlichen Rechte für unwürdig erklären wollen, verfolgen mit freudig.er Spannung das Treiben der „Union" und ihres Präsidenten und jubeln darüber, daß jetzt auch von jüdischer Seite bestätigt wird, daß v die Mehrheit der Wiener Juden staatsbürgerlich, unzuverlässig ist. So schreiben die antisemitischen „W i e n e r Neuesten Nachrichten": „Am 8. November d. J. findet die Wahl des Vorstandes der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde statt Man kann, wenn man die Ausführungen in der jüdischen Presse verfolgt, ganz interessante Blicke,hinter die jüdischen Kulissen tun. So erfährt man, daß nichtzionistische Gruppen den zionistischen Parteien ' vorwerfen, sie hätten vat'erl andsl.ose, fremde, unp.atrioti sehe Mitglieder in ihren. Reihen." Der Nachrichtendienst der „Christlichen Pressezentrale" bringt folgende Feststellung: „Dem zionistischen Einheitsblock dürfte die Mehrheit' der 36 zu vergebenden Mandate in der Kultusgemeinde zufallen. Gegen ihn richten sich die ■unerhört scharfen Angriffe der .Union', die mit dem Schlagwort der .Bodenständigkeif und .Staatstreue' arbeitet. In der end losen Reihe der beleidigenden und verletzenden Angriffe auf die Zionisten ist eine Aeußerung besonders interessant, die besagt, daß der Führer der Judenstaatspartei, Stricker, ein Atheist sei..." . . So wird die Denunziation der „Union" auf nicht jüdischer Seite höhergehängt. In normalen Zeiten wäre das für das Judentum tief beleidigend. In der heutigen Zeit',' da ein Antisemitismus .von bisher un bekannter Bösartigkeit sprungbereit dasteht, bedeutet es auch eine schwere Bedrohung der jüdischen Sicherheit. * i Die Führer der „Union" schrecken, wie gezeigt, nicht davor zurück, die Männer des Präsidiums der Wiener Judengemeinde auf eine. Stufe mit Julius Streicher und seinen ärgsten Gesellen zu stellen und die zionistische Presse mit Ritualmordblättern. Kaum anders als dieses Heldenstück sind aber die Ausfälle zu werten, welche sich Dr. Oppenheim gegen jüdische Würdenträger leistet. So gegen den Staatsrat Dr.- Fr iedinann und den Rat der Stadt Wien Dr. Ehrlich. Beide, wurden als einzige Vertreter der österreichischen Judenschaft in die höchsten öffentlichen Körperschaften berufen, weil sie die Majorität der österreichischen Judenschaft vertreten und musterhafte Oester reich er sind. Da sie aber auch Zionisten sind, läßt Dr. Oppenheim diese Motive nicht gelten. Er behauptet, daß Präsident Dr. Friedmann zum Staatsrat und Vizepräsident Dr. Ehrlich zum Rat der Stadt Wien nur deshalb berufen wurden, weil sie zufolge ihrer politischen Einstellung Gnade.vor den AugenderAntisemitengefundenha^ben. Ihre Berufung wird alse eine Konzessionanden Antisemitismus qualifiziert.. Mit Bezug auf Dr. Friedmann schreibt Doktor Oppenheim in seiner „Wahrheit" überdies: „Gegenwärtiger Präsident der Israelitischen Wiener Kultusgemeinde, dank der Stimmen der nichtösterreiebischen Juden, auch Staatsrat von Oesterreich." Also: nicht nur antisemitischer, sondern auch nichtösterreichischer Einfluß hätten bei dieser Ernennung mitgewirkt. Da findet sich alles beisammen: Alle nichtunionistischen Juden und die Zionisten sind Vaterlandslös, nicht bodenständig/ nicht patriotisch und jüdißchei nichtö'sterv.ei<?hische I Einflüsse dringen in den österreichischen Staat ein... Antisemitisches Herz! Was begehrst du noch mehr? W Wie dieser Dr. Oppenheim und seine Helfer dem Antisemitismus in die Hände arbeiten, beweist die heutige Ausgabe des „Wiener Montagblatte s". Woche um Woche erscheinen in dieser Zeitung Artikel, in welchen Entrechtung und Boykott derJuden gefordert werden, sehr, sehr giftige Artikel. In der letzten Nummer fehlen sie. Dafür schreibt das Blatt: „Am 8. November d. J. finden die Wahlen in den Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde statt. Die Jüdischnationalon beherrschen gegenwärtig den Vorstand der Kultusgemeinde, die ,UnIonisten' möchten slo darin gern ablösen. Und nun höre man, was die Wochenschrift der Unionisten, ,DIe Wahrheit', — und diemußdoch wissen, was wahr istl — über ihre jüdischnationalen Kassegenossen zu sagen hat: »Bereicherung der jüdischnationalen Mitglieder des Kultusvorstandes aus öffentlichen Mitteln ... schamlose Verkündigung des Grundsatzes »Bereichert euch!',., schmachvoller Handel mit Ehrenämtern... schäbiger Wucher mit Würden ... Korruption ... rücksichtslose Profitgier und Geschäftemachern... die Jüdischnationalen sind mit 500.000 Schilling an erster Stelle auf der Bestechungsliste der »Phönix' gestanden...' Juden über Juden! Putzig und lehrreich zugleich. Aber — solche Charakterisierung aus authentischester und sachkundigster Quelle muß wohl sein, denn da kann wirklich niemand behaupten, so schreiben nur die bösen Antisemiten...!" * Das ist das Resultat der politischen Wirksamkeit eines Dr. Oppenheim, sonst nichts. Ein Besessener, der im Sumpfe steht und verzweifelt um sich schlägt und alles mit üblem Schlamm bespritzt. Dieser Mann wagt es, Männer selbstlosen Wirkens in der Oeffentlichkeit und tadellosen bürgerlichen Wandels zu besudeln. Welche Vergangenheit hat e r, Dr. Oppenheim, der Vergangenheit dieser Männer entgegenzusetzen? Der : Umstand, daß Menschen von. dieser Mentalität die Führung der Judengemeinde anstreben und dabei noCb.Helfer finden, stellt eine Bedrohung der jüdischen Ehre und Sicherheit dar. Sie muß am 8. November für immer beseitigt werden! Leider nidhf ernstzunefimen Die reichsdeutschen Buchhändler haben an sämtliche Buchhändlerorganisationen des Auslandes eine Resolution gerichtet,. die an die großen Tage des deutschen Buchhandels erinnert; an die Zeit, wo das deutsche Buch seinen Siegeszug gefeiert hat — überall, wo Verständnis für Kultur und Wahrheit vorhanden war. Ja, das war damals, das war einst. In der Resolution der Buchhändler heißt es u. a.: ',»Die in der Goethe-Stadt Weimar zusammen- ' getretenen Vertreter aller deutschen Verleger und Buchhändler gedenken der großen Verantwortung, die sie als Mittler unvergänglichen Geistesgutes tragen. Sie verpflichten sich, keine Bücher zu verlegen und zu verbreiten, die unter böswilligev Verzerrung der historischen Wahrheit das Staatsoberhaupt eines Landes oder ein Volk beleidigen oder die Einrichtungen und Ueberlieferungen, die einem Volke heilig sind, verächtlich machen." .....So begrüßenswert, dieser Beschluß auch. ist,, hat er wenig Aussicht auf Verwirklichung — auf Verwirklichung gerade in jenem Lande, von dem die Friedensparole jetzt ausgeht, nämlich in Deutschland. Der deutsche Buch-' handel, das deutsche Buch, der deutsche Schriftsteller sind .Sklaven des Herrn Goebbels; es liegt an ihnen, wenn man heute in der Welt die schlechteste Meinung vom deutschen Schrifttum hat. Alles, was denkt und, schreibt, ist gleichgeschaltet. Und nur daa kann in Hilter-Deutschland erscheinen, was „dem Volke", das heißt, den der- Unser unvergeßlicher Gatte, Vater und Großvater *n nWn nühw 'i . Salomen Duklen.A. ist nach langem, schwerem Leiden am 22. Oktober 1936, nachmittags, vom Allmächtigen in eine bessere Welt abberufen worden. Wer ihn gekannt hat, wird unseren Schmerz Uber seinen Heimgang ermessen können. Der Stolz unserer Familie ist uns entrissen worden. Familien Dukler-Schwarz (T3Ü3D , zeitigen Machthabern nützt. Dir, Welt hat zu hitlerdeutschen Versprochungen kein Vertrauen. Zuviel Lüge, zuviel Verleumdung, zuviel Haß wurden von Berlin in alle vier Winde verspritzt. Wenn die deutschen Buchhändler nichts mehr ver« legen wollen, was der historischen Wahrheit widerspricht, dann müssen sie zunächst eben das bereits Verlegt« vertügen: die Standardwerke des reichsdeutschen Nationalsozialismus, die Buch gewordenen Verleumdungen und Fälschungen von „Mein Kampf", „Protokolle der Welsen von Zion", „Mythos de9 20. Jahrhunderts", Bücher, die; nach Erlaß des deutschen Kultusministeriums als „Schul- und Jugendliteratur" zu verwenden sind. Auf den Scheiterhaufen mit dem pathologischem Geschreibsel des Julius Streicher! Auf den Scheiterhaufen mit den hunderttausenden Lügenschriften der Erfurter Antisemitenzentrale des deutschen Offiziers Ulrich Fleischhauer! Der Aufruf der deutschen Buchhändler Ist nicht ernstzunehmen. Wer sich der Diktatur der Meisterlügner Goebbels, Streicher, Rosenberg, FIcischhauei? beugt, hat das Anrecht darauf eingebüßt, sich zum Wortführer ethischer Forderungen zu machen. Antijudi'sche Unwersitäfsexzesse Wie auf ein Signal sind an mehreren europäischen) Universitäten Exzesse ausgebrochen, die sich gegen die jüdischen Hochschüler richteten. Wie seinerzeit an der Wiener Universität, haben die Gesinnungsgenossen der Wiener antisemitischen Studentenschaft die jüdischen und „jüdisch aussehenden" Studenten angegriffen und zum Verlassen des Universitätsgebäudes zu zwingen versucht* Auch in Prag, wo heute eine kleine deutsche Minorität lebt, ist es zu schimpflichen Skandalszenen gekommen« Das reichsdeutsche Beispiel, die hakenkreuzlerische Propaganda sind unverkennbar. Folgende Berichte liegen vors Aus Prag, 22. Oktober: Die durch die antisemitischen Studentenkrawalle verhinderte Antrittsvorlesung von Prof. Hans Kelsen sollte heute um 11 Uhr vormittags stattfinden. Die völkische Hörerschaft blockierte — unbeschadet ihres vorher, gegebenen Versprechens, Ruhe zu bewahren — den Hör-< saal, wo Kelsen lesen sollte, und verhinderte die inskribierten Kelsen-Hörer am Betreten des Saales. Dabei wurden diese als „jüdische Schweine", „Plattfüßige Parasiten", „Moskau-Jünger" tituliert; den größten Beifall unter den Völkischen fand ein Ruf: „Denen müßte man die deutsche Sprache verbieten!" Einige jüdische und, demokratische Studenten wurden auch tätlich mißhandelt, Dean Präsidenten des Senats der Tschechoslowakischen Republik, Dr. Soukup, wurde seitens des Dekans Prof. Foltin das Betreten des Hörsaals nicht erlaubt, obwohl Präsident Soukup Doktor dieser Universität ist. Kelsen las vor ganz wenigen Hörern, währendesseni die Völkischen pfiffen und schrien. Daraufhin erklärte Dekan Foltin den Vorlesungsbetrieb an der Fakultät bis auf weiteres für gesperrt. Beim Verlassen des Hauses wurden wiederum jüdische und demokratische Hörer voq den Völkischen angegriffen und die Treppen hmuriter« gestoßen. Das Schulministerium richtete an den Rektör deü Universität und an die Dekane aller Fakultäten sowie an die gesamte Hörerschaft' der Deutschen Universität die) „letzte Warnung": Falls sich die Unruhen wiederholen, wird der Unterric&tsminister die juridische Fakultät sofort schließen; gleichzeitig behält sich das Schul« ministerium neue legislative Eingriffe vor, welche diesen- Unruhen steuern würden. Man steht vor der Sperre der juridischen Fakultät Der Abgeordnete der Jüdischen Partei, Dr. Angeld Goldstein, hat sich sofort nach Beginn der antijüdischen Ausschreitungen in das Polizeipräsidium begeben und Beschwerde dagegen erhoben, daß jüdische Studie« rende von deutschvölkischen beleidigt und tätlich insultiert wurden. Abg. Dr. Goldstein begab sich auch in das; Unterrichtsministerium und brachte dort die gleiche Ben schwerde vor. Von beiden Stellen wurde ihm die Versicherung gegeben, daß umfassende Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden würden, damit eine Wieder« holung der antijüdischen Ausschreitungen der Völkischen) vermieden wird. Die Exzesse in Polen Aus Warschau: Im Zusammenhang mit den) letzten antisemitischen Exzessen an den WarsChaueri Hochschulen ersuchte der Präsident des Jüdischen Parlamentsklubs, Dr. Sommerstein, den Vizekultusmlnlstei! Prof. Aujejski, die Rechte und,die Sicherheit des Lebens der jüdischen Studenten zu scSützen, Das gleiche Em suchen stellte Dr. Sommerstein an den Warschauer Re« gierungskommissär. An der medizinischen Fakultät der Wilnaer Unlver« sität ordnete Prof. Maszynski an, daß die fünf jüdischen! Studenten in seinem Hörsaal eine „Ghetto-Bank" einnehmen. Aus Lemberg; An der Lemberger Universitäff und an der Polytechnischen Hochschule kam es am Freitag und Samstag zu antisemitischen Demonstrationen! seitens der nationalistischen Hochschüler. Die Äntijüdi« sehen Exzesse nahmen besonders an der Lemberger! Universität einen größeren Umfang an. Mehrere jüdische Hochschüler wurden in blutiger Weise mißhandelt und einer derselben sogar ernstlich verletzt. Auch an der Polytechnischen Hochschule wurden jüdische Studenten von: nationalistischen Hochschülern mißhandelt. Infolge diese» Ereignisse wurden an diesen beiden Hochschulen auf un* bestimmte Zeit die Vorlesungen eingestellt. (J. T. A.)j Rabbiner loadiini Prinz Aus Berlin: (J.T.A.) Die Korrespondenz Uniteä Press verbreitete im Ausland die Meldung, daß der be« kannte Berliner Rabbiner und zionistische Führer Joachim Prinz mit Familie aus Deutschland vor Verfolgungen durch die Gestapo geflüchtet ist. Die: Meldung hat sich als grundlos herausgestellt. Rabblne« Prinz weilt mit Familie in Berlin. * Hiezu melden tschechische Zeitungen, daß Rabbineu Prinz nach Prag geflüchtet war und auf die Zusicherung, daß gegen ihn kein Verfahren eingeleitet sei, nach Berlü* zurückgekehrt ist,

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