Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 603 (27.10.1936)
- Date
- 1936-10-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen Dienstag/ den 27« Oktober 1936 Ue 603 DIE NEUE v* bb> Erleger versendet "editeur" REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN:' Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig 8 16.—} Polen monatlich Zloty 1.60. vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—. vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vieK«IjUbrlg Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bnlgarlen monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—t Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4,50, Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion ^Verwaltung: IX, Universitäfsstr.8,7eLA-20-2-78 — Erscheint Dienstag u» Freitati Krieg gegen Kinder Wir schimpfen nicht Wir lugen nickt Wir verleumden nicht Wir denunzieren nicht Wir arbeiten für das Wohl unserer Gemeinde Wählet „ZARISTISCHE LISTE" Wo und wie haben Sie zu wählen? 1. Sie haben ausschließlich die „Z i o n i s t i s c h e L' is t e",: Listenführer Dr. Desider Friedmann, zu /Wählen und zu achten, daß Sie den richtigen Stimmzettel ins Kuvert legen. ' 2. Der Wahltag ist Sonntag, der 8. November; Wablzeit von 8 Uhr früh bis 5 Uhr nachmittags ohne Unterbrechung. 3. Sic nehmen zur Wahl die Ihnen von der Kultus« gemeindezugeschickte Wahllegitimation mit, außerdem haben SJe aber auch ein I d e n t i t ä t s p a p i e r, Womöglich, mit Lichtbild, mitzubringen. (Reisepaß, Siraßenbahnzcitkarte, Heimatschein, Gewerbeschein, Erkehnüngskarte.) r 4. Sie legen in das Wahlkuvert % Stimmzettel: einen mit der Liste der Mitglieder des Kultusvor« s t an d e s und einen mit der Liste der Mitglieder der B e z i r k 8 k o in m i s s i o n des Bezirkes, in dem Sie wohnen. Achten Sic genau besonders auf den Stimmzettel für die ^Bezirkskommission, kontrollieren Sie, ob es die Liste Ihres Bezirkes ist! Auf der Liste eines anderen Bezirkes ginge Ihre Stimme verloren. Für die Wahl des Kultusvorstandes ist der Stimmzettel für alle Bezirke einheitlich.; 5. W'äWen.Sie so früh wie möglich! Damit ersparen Sie der Wahlorganisätion der Zionistischen Liste viel Arbeit und Mühe. .6. Lassen Sie sich nicht beeinflussen, es gibt nur eine offizielle Zionistische Liste. Ihr Listenftihrer ist Staatsrat Dr. Desider Fried mann, Präsident der Kultusgemeinde* Der Londoner Finanzmann Sir Norman Angell richtete an den Herausgeber der „Times" einen Brief, in welchem er das ,unsä gliche. Martyrium der jüdischen Kinder in Deutschland erwähnt. Er schreibt: „Während des Krieges war unsere englische Presse voll von Greuelmärchen, welche den Deutschen Grausamkeiten andichteten. Damals gab es Männer unter uns (ich gehörte zu ihnen), die gegen diese Greuelmärchen protestierten. Was uns heute aber die Zeitungsberichte über Deutschland erzählen, das sind keine E r f i n d u ngenderFeindeDeutschlands, das sind Vorgänge, zu denen sich die Führer des neuen Deutschland selbst bekennen. Ein Augenzeuge hat erzählt, wie jüdische Kinder, die von der Lebensmittel- und Milchverteilung in den Schulen ausgeschlossen sind, nichtsdestoweniger gezwungen werden, auf das Katheder zu gehen und den Lehrer um Nahrungsmittel und Milch zu ersuchen, damit ihre öffentliche Abweisung vor der versammelten Schulklasse für die Schüler eine Lektion darstelle, wie Juden zu behandeln ^eien. Monat um Monat, Jahr um Jahr wird dieser Kampf gegen eine wehrlos e Minderheit geführt. Es handelt sich hierbei nicht Um ,innere deutsche Angelegenheiten*. Das Christentum hat, wenn auch nicht eine kollektive Verantwortung für den Juden, so doch eine kollektive Schuld an das Judentum. Können wir vergessen, daß die religiöse Literatur, in die wir uns tiefer als in jedes andere Geistesprodukt versenkt haben, eine jüdische Literatur war? Heutzutage besteht die Gefahr nicht darin, daß wir vielleicht die deutschen Vorgänge übertreiben, sondern vielmehr darin, daß wir durch ihre Verschleierung und Bagatellisierung den Unterschied Stürmische Kämpfe um die Führung der. jüdischen Gemeinde hat es immer gegeben, besonders in Vyien, der Stadt Theodor Herzls, von wo ja die Auseinandersetzung zwischen Assimilation und Zionismus ihren Ausgang genommen hat. Hat diese Auseinandersetzung einerseits den Kampf verstärkt, so hat sie ihn andererseits auf ein höheres Niveau gebracht. Vordem ging es bei solchen Wahlen umPersone n, um persönlichen Ehrgeiz und persönliche Machtgelüste. Vom Zeitpunkte, da der Zionismus in die Erscheinung trat, ging es um Ideen und Programme, das Persönliche trat zurück. Dieser Kampf ist naturgemäß ein reinlicherer. Man kann auch behaupten, daß bei den Wahlkämpfen in der Vergangenheit die Parteien im heftigsten Streite bemüht waren, das Ansehen, des Judentums nach außen und seine Ehre und seine Sicherheit zu respektieren. Man warf sich gegenseitig die Verfolgung falscher Ideen und Untauglichkeit zur Führung der Gemeinde vor. Aber man unterließ alles, was die Ehre des einzelnen und vor allem die Ehre der jüdischen Gesamtheit hätte beeinträchtigen können. So hielten es auch die früheren Führer der „Union", ein Dr. Alfred Stern, ein Professor Pick und ihre Freunde. Man ging sich mitunter unsanft an, aber die Hände blieben sauber. Diesmal ist es ganz anders gekommen. An die Stelle eines Dr. Stern und eines Prof. Pick sind Männer getreten, für welche es keine Hemmungen nach unten gibt. Da ist vorerst der jetzige Präsident und Listenführer der „Union", Dr. Hermann Oppen« heim. Seitdem er die Führung übernommen hat, ereignen sich Verstöße gegen die jüdische Ehre und den jüdischen Anstand, die, früher unmöglich waren,. zwischen Gut und Böse verwischen und so dazu bei« tragen können, einer solchen Politik Eingang in unser Land zu verschaffen.";•»: In der gleichen Nummer der „Times" veröffentlicht das aus Christen und Juden bestehende „Komitee für Kinderhilfe" einen Aufruf zur Rettung der seelisch und physisch leidenden jüdischen Kinder in Deutschland, in welchem es heißt: „Es ist unmöglich, allen nichtarischen Kindern zu helfe«, aber das Komitee will wenigstens jenen, die es am schwersten haben, dazu verhelfen, in englischen Schulen und Familien unterzukommen, wo sie in Frieden und in Kameradschaft mit anderen Kindern leben können, wie es das primitive Recht eines j e d e n K i n d e s i s t. Was ein Leben unter normalen Bedingungen gerade für ein Kind, bedeutet, zeigt sich am deutlichsten bei den Kindern, die, wenn auch nur für ein paar Feiertage, aus Deutschland zu uns herüberkommen. In der kurzen Zeit geht in ihnen eine tiefe Aenderung vor. So sind wir, Juden und Christen, zusammengetreten, um in gemeinsamer Anstrengung zu versuchen, von so vielen unschuldigen Kindern in Deutschland die Last der Furcht und der Hoffnungslosigkeit zu nehmen." ♦ ♦ ♦ und gegen Oresse und Kranke Aus Berlin: Der Berliner Polizeipräsident Graf Helldorf hat die Schließung der größten und ältesten jüdischen Fleischhandlungen Berlins angeordnet. Diese Fleischhandlungen lieferten aus dem Ausland importiertes Koscherfleisch — in Deutschland besteht ein generelles Schächtverbot — an jüdische Krankenhäuser und Altersheime. Die deutschen Behörden wollen durch Unterbindung des Koscheifleischimports für jüdische Kranke und Greise der Parole „Antisemitismus1 auf allen Fronten" entsprechen» I Man hat begreifliche Scheu davor, die angesichts der I Handlungsweise dieses Herrn einzig richtigen Worte zu gebrauchen. Es ist am treffendsten, ihn und seine engeren Mitarbeiter mit Leuten zu vergleichen, die in einen Sumpf und ins Sinken geraten sind und nun wie besessen um sich schlagen und alles mit üblem Schlamm bespritzen. Da kann man nicht folgen. Man kann nicht sagen, was sie sind. Man kann nur -sagen, was sie tun, # In einem der letzten Aufrufe der „Union", welcher bei Sabbateingang vor den 1 Wiener Bethäusern verteilt wurde, heißt es zum Schlüsse: „Auf jiiationalbetonter' Ebene befinden sich: Robert Stricker — Julius Streicher, Dr. Desider Friedmann — Dr. Walter Riehl, Dr. Oskar Grünbaum — Karl Kunschak, Dr. Jakob Ehrlich — Franz Schattenfroh, > Die »Stimme1 — Der »Völkische Beobachter', Die ,Neue Welt' — Der .Angriff, Der »Jüdische Weg« — Das »Deutsche Volksblatt', Darum: Wählet die Liste der ,Union österreichischer Juden*. Listenführer Regierungsrat Dr. Oppenheim." Und das wurde den Betern am Sabbat in die Hand gedrückt! Was soll man tun? Mit Worten ist da nicht auszukommen. Womit müßte man die Feder vertauschen, um die gebührende Antwort zu erteilen?. * Der Kampf um die Wiener Judengemeinde war immer ein© innere Jüdische Angelegenheit. Di« Schützet jüdische Ehre und Sicherheit! Zu den Wiener Kultuswahlen