Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 601 (20.10.1936)
- Date
- 1936-10-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2712150-2712226--6094-2719799- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 ME NEUE WELT Nr. 601 vom 20. Oktober 1936 Die Bernes Scholem Alejchem nacherzählt von Leo Hirsch Einmal, so erzählt Scholem Alejchem, war ich auf SonvnerfHsclie am Schwarzen Meer, und zu Besuch kam der Seide Mendele mit seinem Flügeladjutanten Rawnitzki. Auch Perez hatte einen solchen FWigeladjutanten, Jakob Dinesohn. Perez war groß, Dinesohn klein, Perez. war in allen geschäftlichen Dingen wie ein Kind, Dinesohn besorgt wie eine Mutter und betriebsam wie ein Manager und dabei ergeben begeistert wie der jüngste Verehrer Mendele, Rawnitzki und ich, erzählte Scholem Alejchem, wir badeten im Meer, der greise Mendele zeigte um, was Schwimmen heißt, auch wenn man längst über sechzig ist, und was Kunststücke im Wasser sind. Und dann nahmen wir die Füße in die Hände und machten einen Spaziergang und gingen und plötzlich bleibt der Seide Mendele stehen und sagt: „Was sagt ihr über diesen Baum!" Wir heben die Augen auf und: — ein Baum, aber was für ein Baum! Das heißt: nicht so sehr der Baum wie die Birnen daran! Ach, Birnen! Bergamotten! Runde, gelbe, fette, süße, glatte, weiche Birnen hingen da herunter, die Zweige gestützt auf dicke Stangen, und von ihnen geht ein Duften aus, sie blicken uns so freundlich an, sie winken uns, sie bitten geradezu: Verdient euch eine gute Tat, jüdische Kinder, sprecht den Segen über uns.' Und hinter dem Baum — noch ein Baum und noch ein Baum und alle voller Birnen! Ein Meer von Birnen! Ohne ein Wort richtet der Seide seine scharfen, klugen Augen auf uns, mit einem spöttischen Lächeln um die besilberten Lipen sieht er uns durch und durch, als wollte er sagen: Kinder, ich sehe, ihr habt Appetit? Und als wenn wir uns verabredet hätten, war es sofort eine abgemachte Sache für uns, in den Garten nach den Birnen zu gehen. Juden liegt es doch nicht, lange zu überlegen: Was Birnen? Wer Birnen? Wessen Birnen? Daran dachten wir gar nicht. Es würde sich schon herausstellen. Die Hauptsache ist: ein Tor in den Garten, einen Eingang zu finden, da würde sich schon ein Hausherr finden, ein Inhaber, Verwalter oder Gärtner, und für Geld wird es schon Birnen geben. Und so war es. Wir fanden ein Tor. Daran war ein Schild. Auf dem Schild stand in goldenen Buchstaben: Antara. Also wußten wir, Antara, das ist der Besitzer des Gartens. Wir hatten gehört, daß Antara ein Grieche ist, vielfacher Millionär und ein unnahbarer Bösewicht. Aber ob er Birnen verkauft, das zu wissen, war niemand verpflichtet. Mag sein ja, mag sein nein. Er mag ein vielfacher Millionär sein und doch Birnen verkaufen, gerade. Es muß einem doch der gesunde Menschenverstand sagen: Wozu braucht ein Mensch so viele Birnen? In solchen Gedanken gehen wir in den Garten, spazieren zwischen schönen S/eeten, auf weißsandigen, gepflegten Wegen, zu beiden Seiten gestützte Bäumchen, zwischen denen wohlriechende Blumen hervorsehen und uns zulächeln: willkommen, willkommen! Und wir gehen weiter und weiter und plötzlich mit einer Wucht und mit gewaltigen Sprüngen stürzt sich geradewegs auf uns zu ein Hund! Aber ein Hund! Kein Hund, ein Kalb, ein Löwe, ein Leopard! Ein gelbes, glänzendes Fell. Weiche, runde Tatzen wie bei einem Tiger. Ein schwarzes Maul, feucht, weiße, scharfe Zähne. Rote Augen, Feueraugen, wie von einem Räuber! Ein Kerl von einem Hund! Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich — ich gestehe, was hob ich mich da zu schämen — ich hab Angst vor Hunden. Das heißt, das Wort Angst ist noch zu schwach für mein Gefühl. Alle Tiere auf der Welt, alle ohne Ausnahme habe ich gern. Hunde hasse ich auch nicht. Aber was denn? Ich bin nicht sicher mit Hunden. Komme ich in ein Haus und sehe einen Hund — bei Nichtjuden, versteht sich, denn ein Jude hat keinen Hund und wenn er einen hat, so ist das kein Hund! — so höre ich schon nicht mehr, was man zu mir spricht. Meine Gedanken sind immer um den Hund. Wenn er mir nahekommt und mich beschnuppert und beriecht und mit dem Schwanz wedelt, so ist das natürlich sehr fern, wir sind wie verschwägert — bloß — tu mir nichts. Leg nur nicht deine kalten Tatzen auf mich und geh mir nicht mit der nassen Schnauze ins Gesicht. Ich hab dich lieb, verstehst du, aber von weitem. Ueber meinen Kollegen Rawnitzki will ich nichts sagen. Vielleicht hat er noch mehr Angst vor Hunden als ich? Er will mir sogar zureden, daß er keine Angst hat. Was heißt denn Angst? Hat er denn nicht einen Schirm? Noch eine Sorte Schirm! Ich habe nämlich vergessen zu sagen, daß mein Freund Rawnitzki nicht einen Schritt aus dem Hause tut ohne Schirm, ob es Sommer oder Winter ist. Wenn ihr in Odessa seid und auf der Straße einem Juden mit rötlich scheinendem Gesicht, mit guten, bißchen versorgten Augen, mit versonnener, weißer Stirn und einem Schirm unter dem Arm begegnet, obwohl es Winter ist und der Frost brennt, dann müßt ihr wissen, das ist *r, der heißt Rawnitzki. Ich kenne das Geheimnis t iines Schirms: er ist für einen Hund! Ei, werdet ihr 1 >ch fragen: für einen Hund ist doch ein Stock gut? Fragt bloß keine Fragen. Kurzum als wir beide, Rawnitzki und ich, das Geschöpf mit dem offenen Rachen auf uns zukommen sahen, haben unsere Seelen unsere Leiber verlassen. Unser erster Gedanke war: Laufen! Es ist aber ganz gut zu laufen, xcenn man Beine hat. Was aber werdet ihr tun, wenn man euch die Füße unter den Knöcheln abgehackt hat? Und icenn das Herz euch an einem Faden hängt? Und die Haare Berge stehen und die Augen — schon, schon treten sie euch aus dem Kopf heraus? Lieber Freund, du brauchst uns nicht zu beneiden. Wenn wir irgendwo einen Freund haben, wir wünschen ihm nicht sich so f ühlen und in der Lage zu sein, wie wir beide in dieser Minute waren. Und der Seide? Diesen Augenblick werde ich niemals vergessen. Kaum daß der Hund den Rachen aufriß und einen Sprung machte, um sich-' auf die ungebetenen Gäste zu werfen, legte der Seide Mendele die Hand aufs Herz, ein Lächeln kam auf seine Lippen, er sah dem Hund eine Weile in die Augen und dann fing er laut an zu lachen. Ich möchte schwören, der Hund verstand das Gelächter. Er verstand das Lachen nicht nur, er war davon beleidigt. Eine halbe Minute standen sie so einander gegenüber und sahen einander in die Augen. Und vielleicht war es keine halbe Minute — für mich war es eine Ewigkeit. Es war ein schwerer, ein kritischer Augenblick. Ein Mensch und ein Tier standen gegeneinander und maßen einander mit den Augen, wer stärker ist. Dann wurde es dem Hund offenbar zuviel, er ließ die feurigen Räuberaugen sinken, er gähnte mit seinem ganzen riesigen Maul, beleckte sich, reckte und spannte das gelbe, glänzende Fell, klemmte den Schwanz ein, drehte uns ohne einen Funken von Anstand seine Hinterseite zu und ging mit der Nase seine eigenen Spuren suchend seiner Wege, An diesem Tage aßen wir Birnen. Keine schlechten Birnen. Allerdings waren es Birnen, die meine Frau in der Stadt gekauft hatte. Tweed-Flanell-Kleider od. geblümte Flanell-Schlafröcke S Wollstoff-Kleider neue Fasson, in Modefarben S Aparte Kasak-Kleider aus Modewollstoffen mit Samt- OJ< aufputz...........S Äfft Für das Kind: Kinder-Mäntel, für Mädchen oder Knaben, ganz gefüttert, Größe 65 S Samtlmprimö-Kleid mit K.-Seiden-Garnitur, Größe 60 S Schulstiefel. Größe 31-33 S9.90, w, 23-30 S 8 SO. 26-27 . . . S I Wasch* und Wollstoffe: Mode-Schotten-Noppe" für Kleider und Blusen . Winterdirndl-Stoffe die neuesten Imprimes . . . S CrSpe Travers. reine Wolle, mod. Kleidergewebe, 130 cm, S Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. £&>, Uolversltätsstraße v— 8. Druck: DruQkerei- und Verlags-A.-G, Ignaz Steinmann, beide Wlra,