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Die neue Welt · 1936-10-16 · Heft 600 (16.10.1936) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 600 (16.10.1936)
Date
1936-10-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 600 vom 16. Oktober (jt<mJto(^ zetUcale am. SckwedenfJUdz MUSIK HAUS Wien I, Franz- Josefs-Kai 15 Adlergasse 7 Telephon R-21-4-46 Ein- und Verkauf, Tausch zu rü n s t i r s t e n Zahlungsbedingungen, •trößtes Spezialhaus von jüdischen und hebräischen Neuaufnahmen. Ue moderneu Schlagerplatten aus Tonfilm, Oper u. Operitte lagernd. Wen g überspielte Platten und Apparate zu kleinen Preisen XCELSIOR Ephraim Kaganowsky, ## die Mefome loääet . 0$ I. Ein Brief aus Bußland ist eingetroffen. Gerade aus Moskau. Morgen nachmittag wird sie aus Moskau anrufen. Sie, die Tochter, hierher nach Warschau, zur Mutter. Man. sei vorbereitet und erwarte den Anruf . . . Der Brief war an die Mutter gerichtet, an die alte ,Mamme", die in der Küche saß. Mit großer Mühe gelang es, der alten Mutter zu erklären, daß. ,£urtsche", oder, wie sie sich jetzt unterschreibt, „Sonja", die Tochter aus Moskau, die verlorene Tochter, über welche die Mutter in all den Jahren so viel Tränen vergossen: morgen mit ihr durch das Telephon sprechen wird ... Immer aufs neue kamen Bekannte, Verwandte und Fremde und versuchten, der alten „Mamme" , begreiflich zu machen, durch das Telephon, durch den einfachen Apparat, der im Nebenzimmer an der Wand hängt, werde sie morgen, so der Ewige will, die Stimme ihrer verlorenen „Surtsche" direkt aus Moskau hören; sie werde mit ihr sprechen, ganz einfach so wie mit jedem andern, der hier in der Stadt wohnt ... . Eine gewöhnliche Sache. II. Die alte ,Mamme" hat in den Jahren vor dem Krieg ihr Heim, ihren Mann, ihre Kinder verloren. Sie ist einsam und verlassen zurückgeblieben. '■■>. einem stillen Winkel bei ihrem jüngsten Schwieger-■ .. Ihrem Gedächtnis sind layige. Zeitabschnitte ihrts Lebens entschwunden, vieles ist verblaßt. Eine angesehene,, bekannte Warschauer ,J3alboste" mit einem schönen großen Heim, mit Söhnen und Töchtern, mit Geschäften, Händel und Wandel: wie lange das h^r.ist! Da, über dieselben Pflastersteine, über dieselbe „yalewke" ist sie jung und stark, mit aufrechtem, festem Schritt gegangen, hat sie jjin großes Haus geführt. Feste, Feiertage; der Mann fuhr zum „heiligen Rebbe^f, verhandelte wegen großer Geschäfte, gab Kredit, Wechsel, Geld — all das ist verblaßt; wie aus einem fernen Traum---- Die einzige, stets frische Wunde in dem alten gebrochenen Herzen ist der Gedanke ob der jüngsten Tochter „Surtsche": „Wer weiß, wo sie irgendwo im weiten Rußland sich herumschlepptf" Viele Jahre sind schon dahin, seit das zarter junge, stets blasse Mädchen verschwunden ist. ,J3urtsche!" Die edle, gute Tochter, die ihr so viel Kummer und Sorgen bereitete, schon damals, als sie sich mit ,J3üchern" und „Zeitungen" befaßte; dann hatte sie noch etwas Verborgenes und Geheimnisvolles ... Aber: wie gut und edel war „Surtsche"! Was mußte sie alles erleiden, weil sie ein gutes Herz für Arme, Hilfsbedürftige hatte ... Arbeiterl Arbeiterl Dieses Wort wird plötzlich lebendig in dem alten, versandeten Gedächtnis der Mutter: „Arbeiter" — das ist jenes Wort, das „Surtsche" so oft erwähnte, bei dem ihre Augen feurig brannten ... Ach, wie hat sich die alte ,Jüamnie" vor diesem Wort gefürchtet ... jetzt erschreckt sie dieses Wort nicht mehr. Zwischen sie und „Surtsche" hat sich der Weltkrieg gelagert, Revolutionen, Mord und Raub, Aufstände, Wirren und Kämpfe waren durchs Land gesogen. Jahre hindurch beweinte sie ihre Tochter und in ihrem Gehirn, in ihren Gedanken verblaßte deren Gestalt wie auf einer alten, abgegriffenen, verblaßten Photographie. III. Die ganze Geschichte mit dem Brief aus Moskau, der das Telephongespräch ankündigte, riß die Alte aus ihren Träumen, zerrte sie hervor aus ihrem stillen Winkel in der Küche. Sie strengte sich an, ihre Augen weit zu öffnen, als ob sie in dem Rummel, den man vor ihr anhub, auch etwas sehen wollte. Sie konnte es nicht fassen, sie verstand es nicht, weshalb ihr Schwiegersohn, der ihre Tochter niemals gesehen hatte, aufgeregt herumlief und ihr von Zeit zu Zeit ins Ohr schrie: „Surtsche wird bald telephonieren..." Man las nochmals den Brief, der russisch geschrieben war, durch, langsam und genau, bis zu jener Stelle, wo es hieß: ,JSs küßt Dich Deine Sonja." Ja, so stand es da, schwarz auf weiß. Sonja... Der Alten schien es, als ob alle Menschen sich da zwischen sie und die Tochter gestellt hätten. Sie begann den geheimnisvollen Telephonapparat anzustarren und es beschlich sie das Gefühl, daß in dem schwarzen Rohr ein Witzbold hocke, der sich über ihren Herzenskummer und ihre Sehnsucht nach der Tochter lustig mache ... Im ersten Augenblick packte sie ein Schrecken: sie glaubte, man verheimliche ihr eine böse Botschaft. Als sie aber merkte, wie sich alle auf dieses Telephongespräch vorbereiteten, raffte sie sich auf, schleppte ihre müden und kranken Beine zur Stelle, wo der Apparat hing, setzte sich nieder und blickte mit Eifersucht auf jeden, der gleichgültig die Muschel in die Hand nahm und Gespräche führte. Sie rief in ihren fast tauben Ohren das Gedächtnis an die Stimme ihrer Tochter wach und das alte Herz begann zu klopfen und zu hämmern, es riß und schmerzte. Es wurde Nachmittag. Da geschah ein Wunder. Die Alte schien jung geworden zu sein. Mit raschen Schritten lief sie hin und hert durchwühlte den Schrank nach einem guterhaltenen Kleid aus früheren, weit zurückliegenden Jahren, kämmte lang ihre Perücke: — es sah aus, als ob sie sich auf eine Hochzeit, auf das Fest der Feste vorbereite,. , In der. Wohnung versammelten sich viele Verwandte, welche aus Neugier hergekommen waren, um zu Mren, wie man mit Moskau reden werde. Die alte Mutter blickte atle mit Mißtrauen und Aerger an: — sie machten es schwül und eng im Zimmer. Bei jedem Läuten des Telephons blickte sie mit bittenden Augen ihren Schwiegersohn an: er möge kein Wort unterschlagen, kein Wort überhören, kein Wort verlieren ... So saß sie etliche Stunden beim Apparat. Eine schreckliche Müdigkeit befiel sie. Sie nickte ein. Wie durch den Schlaf hörte sie: der Apparat läutet, alle springen auf und der Schwiegersohn spricht: — von Wechseln, Geld, Geschäften ... Zeitig wurden Lichter angezündet. Die Alte bat ununterbrochen um mehr und mehr Licht. Ihr schien es, man werde etwas nicht sehen können ... Das geringste Geräusch erregte sie: sie bat, man möge ganz still sein ... Man blieb ruhig; wollte man sich etwas sagen, flüsterte man kaum hörbar. Heute nahm manaHes auf sich, der alten ,Mamme" zulieb&. Plötzlich vernahm man einen schrillen> scharfen, langandauernden Pfiff. Der Schwiegersohn ergriff die Hörmuschel und schrie: ,Jdoskaut" ... Die Alte verspürte, wie ihre Glieder steif, unbeweglich wurden. Sie wollte die Hand ausstrecken. Sie konnte nicht. Sie hörte, wie der Schwiegersohn in den Apparat schrie: „Was hört man?" ... ,JXe ,Mamme'i" ... ,yJa" ... ,J3ald" ... Dann spürte sie, wie man ihr die kalte Muschel ans Ohr legte und sie vom Sessel hob. Krampfhaft ergriff sie das Sprechrohr und ihr fast taubes Ohr vernahm eine ferne, fremde Stimme ... Kaum vernahm sie das Wort: „Mamme" — und wurde von einer kalten, schweren Ohnmacht umfangen. Ihre Kehle wurde trocken, stumm. Sie riß alle Kräfte zusammen und ihrer enggewordenen Kehle entwand sich schmerzhaft ein wilder Schrei: „Tochter! Tochter!..." Und die Musdiel fiel aus ihren Händen... Das Herz versagte ... Sie hatte mit ,J3urtsche" gesprochen ... Das verlorene Kind lebte. ... Genug vom Leben ... (Deutsch von M. S. Brdfmann.) SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUEREI Zentrale: IX.. Berggasse 19. Tel. A-f 7-5-99 u. A-16-9-34 : Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für ■^■Fleisch ^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^m^^^m ■ unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinate der Isr. \ Kultusgemeinde Wien J < Airtozustellung kostenlos < »X. Berggass« 15 ✓ XVIII., Währingerstr. 97 \ IMMMMM.....tMmtMMMMMMMMMMMMHMMMi Unsere Leser werden auf die Buchhandlung Hermann Tuchner (siehe Inserat) besonders aufmerksam gemacht, wo für alle Lehranstalten sämtliche Schulbücher (auch antiquarisch)- zu ermäßigten Preisen erhältlich sind. Leihbibliothek eröffnet. 10 Groschen täglich. Keine Nebengebühren. Für Anfragen ■ Telephon Nr. R-41-4-20. -.■:./■ E Neue Filme Die Schauplätze des neuen Bergner-Films William Shakespeares Welt zeichnet sich durch ihre phantasieerfüllte Buntheit und Vielfalt der Schauplätze aus. Eines der liebenswürdigsten und humorvollsten Werke Shakespeares, das Lustspiel „Wie es e u c h g e f ä 111", das in den Sälen, Gemächern, Parkanlagen, Höfen, Gehöften und Wäldern eines herzoglichen Schlosses spielt, wurde von Paul Cz Inn er, mit Elisabeth Bergner in der Hauptrolle,' zu einem ungemein bildhaften' und schillernd-prunkvollen Leben erweckt. Die kolossalen Prunkbauten und die reiche Ausstattung verschlangen allein den Betrag von fast drei Millionen Schilling. Der Elisabeth-Bergner-Film der 20th Century Fox „Wie es euch gefällt" erscheint ab heute im Burg-, Imperial-, Stafa- und Votivpark-Klno. „Die Wunderbar" Paris im turbulenten Wirbel seiner nächtlichen Vergnügungen spiegelt sich in diesem Film, dessen Handlung nur eine einzige Nacht umfaßt, kaleidoskopisch wider. Ein Starensemble, wie Kay Francis, Dick PoweU, AI Jolson, Dolores del Bio, spielt die Hauptrollen und eine Legion schöner Frauen bringt dieser Warner-Bros.-Fllm überdies, der am 20. d. im Schweden-Kino zur Wiener Uraufführung gelangt. „Wir drei" Merle Oberon und Miriam Hopkins als Lehrerinnen, Joel McCrea als Schularzt eines von den drei selbstgegründcten Mädchenpensloaats in der amerikanischen Provinz. Es ist fast eine Idylle in dem Film „Wir drei", nur leise umschattet von der Ungewißheit, für wen sich der Mann entscheiden wird. Dieser Film gelangt Montag abends im Kotenturm-Kino zur Uraufführung. KINO.PROGRAMME KREUZÄ KEINE GNADE! 1, Wollzeile 17 Telephon R-24-2-16 Vorstellungen: h, M,*, Vst, %10 (We are only woman) PRBSTON POSTER Ein Qangsttrfjim, wie er noch nie da wart SCHAFFER VI, Marlahilferstraße 37 Telephon B-20-203 cJeglnn: 'A4, Vit, WO William Powell, Luise Rainer, Myrna Loy STAFA, VII Mariahilf eritraOe 120 Telephon B-33-0-68 Wochentags: 9, 7, « Uli. Wie is ei jell Elisabeth Bergner VOTIVPARK IX, Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-S6 Beginn; *, %*, V»9, ttl» Wie es ei Elisabeth Bergner Direktor Arnold 70 Jahre alt Direktor Arnold Reich, Leitungsmitglied des Verbandes der Judenstaatszionlsten Oesterreichs und Alter Herr der akademischen Verbindung „Kadimah", feiert in diesen Tagen seinen 70. Geburtstag. An die fünfzig Jahre steht er im öffentlichen jüdischen Leben, seit vier Jahrzehnten ist er ein unentwegter Arbeiter für den Herzl-Zionismus, ein treuer Freund der Gesinnungsgenossen, die ihn mit freudigem Stolz zu den Ihren zählen. Er hat nicht nur in der zionistischen Bewegung, sondern auch im praktischen Leben seinen Mann gestellt. Vor einigen Jahren ist er als Direktor der Witkowitzer Werke in den Ruhestand getreten und hat sich von da ab ehren-; amtlich in öffentlichen Wirtschaftsorganisationen betätigt, j Er ist Vizepräsident der tschechoslowakisch-österreichi- : sehen Handelskammer und für die großen Verdienste, die; er sich um den Handelsverkehr zwischen, beiden Staaten erwarb, mit einer hohen tschechoslowakischen Ordensauszeichnung bedacht worden. Er ist in der Leitung des; Wiener Creditoren-Vereines tätig. Die außerordentliche! geistige und körperliche Frische, in welcher Direktor Reich seinen 70. Geburtstag begeht, gibt seinen vielen Freunden die, Gewähr, daß er noch viele Jahre mit ihnen für die jüdische Sache wirken wird. Jüdisches Huäudkeatet Osip Dymows //Sanger seiner Trauer" Die Aufführungen Osip Dymows Märchenkomödis „Der Sänger seiner Trauer" (}jJoschke Musikant") durch das Jüdische Kulturtheater läßt sich nicht als isoliertes literarisches Unternehmen oder gar Experiment ansehen. Es gibt hier schon etwas wie — Tradition; nicht im geistigen, sondern im theaterhaften Sinn. Man beginnt zu begreifen, wo man hinauswill. Hindernd bleibt vorläufig die eigenartige Situation der Juden in Mitteleuropa, das Fehlen nämlich einer dramatischen Literatur in deutscher Sprache. Die sprachliche und volksmäßige Verwurzelung der Schauspieler, Regisseure^ Dramaturgen und vor allem — geistiger Initiatoren muß durch artistische Kunststücke ersetzt werden. Jedenfalls war bei der Aufführung des „Sängers seiner Trauer" schon so etwas wie Kulturbewußtsein zu verspüren — trotz Ueberbetonung des rein Theater- Rollenmäßigen, trotz der aufdringlichen Librettospracho der Uebersetzung, trotz dem Verharren im Statischen. Da nun aber ein Schauspieler, übrigens ein vortreffm licher, Rudolf Weiß, das Stück einstudierte, sind die erwähnten ,yLaster" selbstverständlich. Der Zauber der Komödie — sie besitzt Zauber — wurde vielfach oft durcheinander gemischt. Nichtsdestoweniger kam, eben durch die Leistungen der Schauspieler und ihres Leiters Weiß, ein Abend zustande, der große Hoffnungen weckt — ob der Liebe zum Stoff, zur Arbeit, zum jüdischen Material. Es ist ein Abend, der unterhält, rührt, packt, zur Linie hinführt, wo Träne und Lachen einander berühren. Wehmut zu fächeln — das ist eine seltene Kunst im Theater. Hier gelang es oft genug; obwohl beispielsweise der den Titel der Komödie rechtfertigende Gassenhauer ,Joschko mit der Fiedel, Berl mit dem Baß..." unter den Regietisch fiel und aus dem Schadehen ein — Hausierer gemacht wurdo. Das Publikum, durch die vorhergegangenen. Leistungen des Kulturtheaters sturmreif gemacht, bereitete der Aufführung einen stürmisch-jubelnden Empfang* Neben Rudolf weiß boten Milo Sperber (Kaminfeger), Fritz Links (Schadehen), Martin Miller (Pikanterie der Frauenrolle „Hühnerfrau"), Alice Koch (Madame Lurie) reife Leistungen. Joachim Latz zeigte einen beseelten Wasserträger, Frau Erika Fisch er-Weith eine robust-gefühlvolle Dienstmagd, Orlan einen überlegenen Bourgeois-Liebhaber, Sylvia Grohs ein Märchen-Haustöchterchen, Wenn ein paar Szenen (Abschied von Joschko im dritten Akt) dramatischen Atem bekommen, kann die Aufführung als die bisher gelungenste des Jüdischen Kulturtheaters gelten. o. r. Schulbücher für Volks-, Haupt- und Mittelschulen, neue und antiquarische, in der Buchhandlung M. Rath- Ii., Taboratraße 20 A.

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