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Die neue Welt · 1936-10-16 · Heft 600 (16.10.1936) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 600 (16.10.1936)
Date
1936-10-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Das Budget der Wiener Kulfusgemeuide * Wir bringen hier einen Auszug aus der letzten Sudgetrede des Präsidenten der Kultusgemelnäe, Staatsrat Dr. Friedmann. Die von ihm in seiner bekannt sachlichen und vornehmen Art vorgebrachten Ziffern und Tatsachen sind die beste Antwort auf die Schimpforgien der „Union". Meine sehr geehrten Herren! Wir führen heuer diese Finanzdebatte in engerem Kreise ab als im vergangenen Jahr, nachdem am 4. d. M. elf Mitglieder des Kultusvorstandes, die der Union österreichischer Juden angehört haben, ihre Mandate niedergelegt haben. Ich möchte vor allem feststellen, daß der Kultusvorstand in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung dazu berufen und verpflichtet ist, dieses Budget zu erstellen und für den Haushalt der Gemeinde für das Jahr 1986 Vorsorge zu treffen. Die Abwesenheit der Herren, die ihre Mandate niedergelegt haben, ändert nicht im geringsten Irgend etwas an dieser Debatte und an der Beratung de« Budget«. Es ist unser Stolz, daß wir die Finanzwirtschaft unserer Gemeinde so führen, daß sie als beispielgebend bezeichnet werden kann. Es gibt wenig Körperschaften öffentlicher Art und wenig Körperschaften privater Art, die darauf hinweisen können, daß ungeachtet der Stürme im Wirtschaftsleben ihre finanzielle Grundlage vollkommen tunerschü 11 e rt geblieben ist. Ich habe nicht die Absicht, von diesem Platze aus mit jenen Herren, die aus dem Xultusvorstand ausgeschieden sind, einen Streit zu führen. Ich will die Vorlage sachlich begründen. Trotzdem sehe ich mich gezwungen, auf einen journalistischen Angriff der letzten Zeit zurückzukommen. In einem Blatte lese ich: Die maßgebenden staatlichen Stellen kümmerten sich bisher nie um das Budget der Kultusgemeinde und machten nicht einmal von ihrem Aufsicht«- und Konsrollrecht Gebrauch. Wenn aber eine derartige Wirtschaft einreißt und zugleich in den jüdisch-nationalen Parteiorganen darüber Klage geführt wird, daß im staatlichen Voranschlag für die jüdischen KuItusänK«legenheiten nichts vorgesehen ist — droht da. nicht die Gefahr, daß sich die staatliche FinanzVerwaltung eines schönen Tages dazu entschließen kön.*ite; sich das Budget der Ku 1 tu sg em ein d e etwas näher anzusehen und dreinreden zu wollen...? Heißt das nicht, die Autonomie der Kultusgemeinde in Gefahr bringen?" Wir haben Kontrolle nicht zu scheuen. Unser Budget und unser Rechnungsabschluß stehen 1 jedem Gemeindemitglied zur Einsicht offen. An diesem Budget, das ich heute vertrete, haben die Herren von der Union mitgewirkt. Denn zur Zeit, als sie dem Kultusvorstand angehörten, haben sie in allen Kommissionen bei der Beratung der betreffenden Kapitel mitgewirkt, und die Herren haben sich mit den Vorschlägen, die vom Finanzreferenten gemacht wurden, einverstanden erklärt. Ich will nicht zu lange bei dieser Attacke verweilen. Sie wäre nur mit einem Wort, mit dem Worte des Preußenkönigs zu beantworten: „Niedriger hängen!" Ich möchte nur eines abschließend dazu sagen: Eine so ehrliche, anständige, korrekte Finanzwirtschaft, wie wir sie hier führen, kann von jedermann kontrolliert werden. Jedes Gemeindemitglled kann Einsicht nehmen und Erinnerungen vorbringen, und glauben Sie mir, meine sehr geehrten Herren, dort, wo eine so ehrliche, anständige Finanzwirtschaft geführt wird, braucht man keinen Regiemngskommissür, und dort, wo sie anders geführt wird als bei uns, hat es sich erwiesen, daß der Iieglerungskommissär nichts genützt hat. Keine Defizit wirf schaff Der Redner wendete sich sodann den einzelnen Posten des Budgets zu, wobei er zunächst auf die Lasten hnwies, die die heutige Gemeindeverwaltung seinerzeit von ihrer unionistischen Vorgängerin übernommen hat. Er sagte: Als die frühere Majorität uns die Gemeinde Ubergab, fanden wir pro 1931 ein Defizit von 280.675 Schilling, für das Jahr 1932 ein solches von 41.480.49 Schilling vor, daher aus den Zeiten der früheren Majorität einen tatsächlichen Abgang von 322.156.39 Schilling, welchen wir bis Ende des Jahres 1935 auf 84.000 Schilling abgebaut haben. Die Vorjahrsdefizite, die noch bei Ende des letzten Verwaltungsjahres 181.762 Schilling betragen haben, wurden aus den Eingängen des Jahres 1935 um den Betrag von 47.762 Schilling herabgemindert. Wir sind überzeugt, daß wir bei der ruhigen Art, in der wir die Geschäfte der Gemeinde führen, bei der sachlichen Ueberlegung, die auch bei der kleinsten Ausgabe angestellt wird, das Jahr 1936 ohne Defizit abschließen werden. Der Stolz der Gemeindet die Schulen Ich komme zu der Darstellung eines Budgetkapitels, auf welches wir wirklich stolz sein können, nämlich zur Besprechung des Kapitels „Schul- und Untwrrichtswesen". Im Jahre 1932/33, es war das Jahr, in welchem wir die Majorität erlangten, gab ea 21 Geanelndebibelschulen, heute haben wir 34. Damais unterrichteten 25 Lehrer, heute beschäftigen wir 57 Lehrkräfte. Die Zahl der Wochenstunden betrug damals 148, sie hat sich unter unserem Regime verdoppelt und beträgt 282. In den Gemeindebibelschulen nahmen am Unterricht damals 1880, heute 2735 Schüler und Schülerinnen teil. Neben diesen von der Kultusgemeinde erhaltenen Schulen gibt es noch eine Reihe von Vereinsbibelsohulen, die zum weitaus größten Teil den Betrieb durch die Subventionierung der Kultusgemeinde aufrechterhalten können. Die Anzahl dieser Schulen beträgt 25. Es wirken an ihnen 48 Lehrkräfte. Es werden derzeit an unseren Gemeindeschulen und an den von uns subventionierten Vereinsschulen wöchentlich 900 Stunden Unterricht erteilt. Die Zahl der Schüler und Schülerinnen an den Gemeindebibelschulen ist von 1744 auf 1856 gestiegen. Im Jahre 1932/33 haben 3132 Schüler einen Ergflazungounterricht genossen; diese Zahl hat sich in den Jahren, seitdem wir die Majorität haben, auf 4591 gesteigert. Um annähernd begreiflich mi machen, was diese Zahl bedeutet, will ich auf folgendes verweisen: Die Zahl der jüdischen Schulkinder im Alter von 6 bis 14 Jahren, welche im laufenden Schuljahre die Wiener Schule besuchen, beträgt 14.717. Hievon stehen 4591 in unserem Ergänzungsunterricht, d. s. 31,2 Prozent der in Betracht kommenden jüdischen Schüler in Wien. Als ,wir die Majorität erlangten, hat die Frequenzziffer der Jugendgottesdienste 88.690 betragen. Im letzten Schuljahr 1934/35 betrug die Frequenzziffer 137.286, das heißt, in den drei Jahren, seitdem die Zionisten die Majorität haben, hat sich die Frequenzziffer von 88.698 um 48.588, das ist um 50 Prozent, erhöht. Die Fursorgefäfigkeif Beim Kapitel „Fürsorge" erweist »ich für das laufende Budgetjahr ein Zuschuß von 1,157.000 Schilling als notwendig. Ich muß auch hier auf gewisse Presse-Angriffe zurückkommen. In einer Aussendung der „Union" lese ich folgendes: ,Es ist eine bekannte und auch von den jüdischnationalen Mitgliedern des Kultusvorstandes zugegebene Tatsache, daß die nach Wien zuständigen Juden, für die dach das Altersheim (Verqorgungshaus) von seinen unloolßtiflchen Gründern in erster l^laie geschaffen wurde, wenn sie um Aufnahme in'»das1 Altersheini'der Kultusgemeinde ansuchen, sich gegenüber den in Wien nicht heimatberechtigten in wesentlichem Nachteil befinden." So traurig es ist, eine Debatte über derartige Angriffe abführen zu müssen, so beschämend derartige Erörterungen sind; so ist es doch notwendig, darauf einzugehen. Denn in der von mir verlesenen Aussendung werden weder Ziffern noch konkrete Tatsachen erwähnt. Der Stand der Insassen in unserem Altersheim beträgt nach der im Vorjahre vorgenommenen Erweiterung 447. Von diesen sind 101 in Wien, 97 in Polen und 249 in anderen Ländern geboren. Nach ihrer Heimatsberechtigung sind von den 447 Heiminsassen 257 nach itokisteh! IVec&ä mt fH<utk au fküHH Mt die WrWWlF ^W*U imüstiscke JÜste! Wien, 68 nach Polen, 98 nach anderen Ländern zuständig, 24 sind staatenlos. Diese Ziffern sprechen gegen alle Vorwürfe, die unberechtigt und bedenkenlos gegen unsere Verwaltung erhoben werden. Um in das Altersheim aufgenommen zu werden, muß man 65 Jahre alt sein, das heißt also, daß jetzt diejenigen Gemeindemltglleder ein Anrecht auf Aufnahme haben, die im Jahre 1870 geboren sind. In diesem Jahre haben auf dem Gebiete des heutigen Bundesstaates Oesterreich 40.230 Juden gelebt; jetzt wohnen in Wien 170.000 Juden. Die höchste Einwohnerziffer, die wir bei der vorletzten Volkszählung erreichten, betrug 201.500. Wenn man nur die Juden, die in Wien geboren sind, in das Altersheim aufnehmen wollte, so müßte man fUnf Sechstel der gegenwärtig lebenden Wiener Juden ausschließen. Sie sehen au» dieser Statistik, daß die Wiener Juden nicht nur nicht benachteiligt sind, sondern in einem viel höheren Prozentsatz in das Heim aufgenommen wurden, als ihrem Anteil an der Wiener jüdischen Bevölkerung entspricht. Die Winterhilfsaktion der Kultusgemeindo umfaßt: . Ausspeisungen In den Bezirken H (inkl. Prater): 4 Ausspeisungsstellen, IX 2 Ausspelsüngsstellen und X, XÖ/XV, XVI/XVII und XX je eine AusspeI»ung«steUe, zusammen 10 Ausspeisungsstellen, fu * welchen täglich insgesamt zirka 1600 Personen unentgeltlich ausgespeist werden. Ferner werden über 2000 Lebensmittelpakete und 231.000 Kilogramm Kohle an 4576 Partelen zur Verteilung gebracht. Der Voranschlag für die Jugendfürsorge sieht S 157.000 vor. In Fürsorge stehen 5070 Knaben und Mädchen. Von den Befürsorgten sind 3898 Kinder in Wien geboren, 99 in Oesterreich, 453 im Ausland; in 620 Fällt u konnten der Abteilung für Jugendfürsorge keine Dokumente vorgelegt werden. Im steten Anwachsen ist besonders die Zahl der Befürsorgten aus intellektuellen Berufsständen begriffen. An Verpflegskosten für die in Heimen ständig untergebrachten Kinder sind im Voranschlag S 75.000 vorgesehen. Eine besondere Ausdehnung erfuhr die Sommeraktion, die sich im Jahre 1935 auf 3295 Kinder und Jugendliche erstreckte. Für die Erwerbung eines eigenen KinderheimesinPayerbach-Kübzu Lasten der Eduard- und-Rosa-Gottlieb-Stiftung streckte die Kultusgemeinde aus eigenen Mitteln bisher S 100.178.19 vor, weil der für die Erwerbung dieses Hauses bestimmte Fonds aus der Gottlieb-Stiftung noch nicht realisiert wurde. Ueberaus zweckmäßig war die Errichtung einer Tagesheimstätte für erholungsbedürftige Kinder im ehemaligen Waisenhaus, XTK., Ruthgasse, in welcher 500 Kinder auf Kosten der Kultusgemeinde Erholung landen. Für das Sonnentagesheim in der Rausc&tr» etraße, in welchem im vergangenen Jahr 332 tuberiuiWlS verdächtige Kinder tagsüber Unterkunft und Verpflegung fanden, ist ein entsprechender Betrag im Budget pro 1936 vorgesehen. Für die Aktion „Kinder aufs Land" sind im Budget 1936 S 93.000 präliminiert, in welchem Betrag die voraussichtliche Unterstützung seitens" der Vaterländischen Front nicht enthalten ist. Der Beitrag des Kinderferienwerkes der Vaterländischen Front im Jahre 1935 betrug für diese Aktion rund S 18.000. Für das Jahr 1936 ist auch eine ausgedehnte B ekleidungsaktion für Kinder und Erwachsene vorgesehen. Für Subventionen auf dem Kapitel „Für- ) sorge" sind pro 1936 S 75.400 präliminiert. Für „Wanderfürsorge" sieht der Voranschlag 1986 S 35.000 vor. Die im Jahre 1934 begründete Gemiluth- Chesed-Kasse entwickelt sich sehr gut und könnte an 847 Darlehenswerber insgesamt S 140.843.10 unverzinsliche Darlehen zur Auszählung bringen. Der Voranschlag pro 1936 sieht eine Dotierung der Gemiluth-Chesed-Kasse aus den Mitteln der -"Xöltusgemeinde mit weiteren S 10.000 vor. Redner kam dann auf die Tätigkeit dea Vereins für unentgeltlichen Ar beitsnacAweis zu sprechen, der unter dem Protektorat der Gemeinde steht. Er führte aus: „Diese Arbeitsnachweisstelle ist die einzige gut und richtig funktionierende jüdische Arbeitsnachweisstelle und Vermittlung in Wien. Die Zahl der Arbeitsuchenden ist nach dem Bericht des Vereins im Jahre 1935 sehr stark angeschwollen. Es haben sich 4116 Personen um Arbeit gemeldet. Der Arbeitsnachweis ist nicht nur mit der Vermittlung von Arbeitsplätzen, sondern auch mit der Berufsberatung für Jugendliche im Alter von 14 bis 16'Jahren befaßt, hält Spreohstunden getrennt für mäniilioho und weibliche Jugendliche, und es werden bei diesen Stunden die Berufsberatungen durch geschulte Beraterinnen durchgeführt. Der Arbeitsnachweis dient auch der Umschichtung Jugendlicher. Die Gemeinde* das Zentrum jüdischen Lebens Ich habe Ihnen nach Möglichkeit ein übersichtliches Bild über die Gebarung und die Finanzen der Gemeinde gegeben und den Weg aufgezeigt, den wir im Jahre 1936 gehen wollen. Er ist die gerade Fortsetzung des Weges, den wir bisher gegangen sind. Wir werden die Gemeinde führen nach den Prinzipien der Gerechtigkeit, unterschiedsloser Gerechtigkeit gegenüber jedem Mitglied dieser Gemeinde. In dieser traurigen Zeit der Diskriminierung eines Teiles von Juden durch andere erklären wir: Für uns hat es nie Unterschiede gegeben, denn wir haben uns in dieser, Gemeinde immer nur als Sachwalter aller Gemeinde-i angehörigen und des: gesamten Wiener Judentums gefühlt, als ein Teil des großen Judentums, zu dem von hier aus die Brücken der Verständigung und vielfache religiöse, geistige und volksmäßige Zusammenhänge führen. Das ist der Weg, den wir gehen wollen im Jahre 1936. Und ich weiß, daß Sie, meine Herren, diesen Weg unentwegt und unerschrocken mit uns gehen werden. Ich appelliere aber auch an die jüdische ©Öffentlichkeit, die man versucht hat« irrezuführen. Lassen Sie sich nicht irret führen, gehen auch Sie diesen Weg mit une, der unser Volk, der unsere Gft,iBft}ndQ auf« wärtsführt. ■■ ^v1« .. ^Ä'*^^^«:

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