Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1936-09-22 · Heft 595 (22.9.1936) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 595 (22.9.1936)
Date
1936-09-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2712150-2712220--6037-2719736
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Preis 10 Groschen Dienttaq, den M* §cpl€ibcff t§36 ff« Jahrgang Nr« 5*5 V«b» Ii« Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par l'6dlteur" REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig ö 4.—. ganzjährig 8 16.—; Polen monatlich Zloty 1.80, vierteljährig Zloty 4.50: Tschechoslowakei monatlich Ko 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 1*;^ Herteljährig Dinar 40.—? Bnmänlen monatlich Lei 40.—. vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark S.—: Balgarien monatlich Lewa SO.—, vierteljährig Lewa 8a—: Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—: Sehwels und Sue übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.60, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion U.Verwaltung: IX,Universitätsstr.8,IeLA-20-2-78 - Erscheint Dienstag u.Freitag Gegen Luge und Drohung Das Zentralbüro des Jüdischen Weltkongresses «enget nachstehende Resolutipn aus: Das Exekutivkomitee des Jüdischen Weltkongresses erhebt feierlichen Protest gegen die methodisch organisierte Bedrohung»- und Verleumdungskampagne, die auf dem Nürnberger Parteitag von höchsten Würdenträgern der deutschen Regierung und der nationalsozialistischen Partei gegen das gesamte Judentum entfesselt worden ist. Das Exekutivkomitee protestiert u. a. gegen den Versuch, den polltischen Kampf der deutschen Regierung gegen einen anderen europäischen Staat mit der widersinnigen Behauptung zu verquicken, daß Judentum lind Bolschewismus identisch seien. Es genügt, an die geschichtliche Tatsache zu erinnern v daß es nicht das „WeltJudentum", sondern der deutsche Militarismus war, der während des Weltkrieges der bolschewistischen Bewegung zur Macht verhalf '' - , , Das Exekutivkomitee lenkt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Leiden und Gefahren, die für Hunderttausende unschhuldiger jüdischer' Männer, Frauen und Kinder in Deutschland aus der . erneuten zügellosen Entfesselung der antisemitischen Leidenschaften erwachsen. < . ■ Das Exekutivkomitee richtet an die Staatsmänner und; an die PresT^aller-Kulturstaaten den feierlichcir Appell, den .von, den höchsten Stellen des Deutschen Reiches und der nationalsozialistischen Partei ausgehenden Verleumdungen, die sich gegen die Juden in allen Ländern lichten und die in allen Staaten Konflikte und Krisen heraufbeschwören wollen, nachdrücklich entgegenzutreten. ' Das Exekutivkomitee des Jüdischen Weltkongresses ttberniittelt diese Erklärung im Namen der vielen .Millionen Juden, die es vertritt, den einzelnen Regierungen und Parlamenten, dem Völkerbund und der Weltpresse, Wir Juden bekennen Streicher fordert Ausrottung . Die Londoner „Times* bringen aus Berlin folgende Keldung, die ihnen aus ganz zuverlässiger Quelle-zugegangen ist: ' 1.; Am Samstag abend, während der Parteitag in Nürnberg noch tagte, hat Julius Streicher hinter verschlossenen , Türen vor einer Gruppe von Parteifunktionären, allerdings ohne die Anwesenheit des Führers, sowie vor Antisemiten aus verschiedenen a u $ efr d e . u t s c h e n Ländern eine Ansprache gehalten, in der,er erneut erklärt, daß nicht nur eine deutsche Kampagne gegen die Juden notwendig sei, sondern eine internationale. Streicher betonte, daß die einzige Möglichkeit, das Judenproblem zu lösen, die Aua» rottung der Juden sei. „Es. gibt manche", sagte Streicher wörtlich, '„die glauben, die Judenfrage könne ohne Blut' gelöst werden. Diese Leute täuschen sich ' gründlich. Wenn eine radikale Lösung erzielt werden soll, dann müsse man einen blutigen Weg -gehen. Solche Maßnahmen sind schon darum be-; rechtigt, weil ja die Juden immer ihre Ziele durch Massemnord erreicht haben und für Kriege und alle .möglichen Ausschreitungen verantwortlich zu raachen sind. Um die Sicherheit der ganzen Welt zu gewährleisten, müssen die Juden ausgerottet werden." Das Blatt weist darauf hin» daß Streicher der intimste .. Freund Hitlers ist. . per Vorsitzende der Judengemeinde Madrid . Aus Madrid; Die Polizei hat im Hause des Vorsitzenden der Madrider Jüdischen Gemeinde, Ignacio. Bau.er, der einige Monate im Auslande geweilt bat, «ine Haussuchung, durchgeführt. .■'.■'] . •.]:.-W{«i -erinnerlich, haben die Hakenkreuzler, die mit rdem militärischen Aufstand in Spanien zusammenarbeiten! In der nationalsozialistischen Presse die . Behauptung aufgestellt, die spanischen Juden und ihr Führer Igna/bio, Bauer hätten die „linke Revolution" in Spanien - Inszeniert, 1. Alle Juden, auch die der „aufgeklärten" Generation, empfinden dn den Tagen um die Hohen Feiertage die Großartigkeit des jüdischen Schicksals. Geradezu atmosphärisch kündigt sich im Herbstnebel die Rosen Haschana- und Jörn Kipur-Stimmung an. Kaum einer kann sich diesem einzigartigen Gefühl entziehen: Es ist der Grundakkord des jüdischen Lebens, wie man ihn intensiver und inniger zu keiner Zeit rauschen hören kann. Sogar verhärtete Menschen, fernstehend der jüdischen Gemeinschaft, sehen sich mit magischer Kraft zum Judentum hingezogen; zu den traditionellen Bräuchen; zu dem, was man Schicksalsgsmeinschaft nennt. Jahrhunderte geschichtlicher Vereinsamung inmitten nichtjüdischer Völker werden plötzlich wach, das alltägliche Leben erscheint in romantischer Verklärung, wir forschen nach dem Sinn-unserer Geschichte, unseres Andersseins, unseres — Leidens, um schließlich zu erkennen, daß dies wegen unseres Jüdeweins geschieht. Wer das nicht empfindet, wer sich durch das nicht emporgehoben fühlt, , wer nicht die" Vergangenheit an sich yorbei- •zieheii lassen kann, wer nicht „gedenkt" und wer nicht bekennt, daß er Jude ißt,-für den fallen die Hohen '^eiertage; die Feste der Innerlichkeit, ins Leere. 2. Die Zeiten, in die unsere Hohen Feiertage diesmal fallen, sind weltpolitisch bewegt. Vor einigen Wochen versuchten wir im Jüdischen Weltkongreß eine Institution zu schaffen, welche die Wünsche und Aspirationen der Juden in aller Welt repräsentativ .vertreten sollte. Die erste Tagung in Genf war ein ^Anfang« Die Delegierten hatten die Aufgabe, für die alle Juden einigenden Ideen eine Formel zu finden und niit ihr zugleich einen Weg, um diese Ideen im Rahmen der Völker zu verwirklichen. Und wie immer, wenn Jjiden zusammenkommen, um über ihr gemeinsames Schicksal zu beraten, stellten sich auch diesinäl Stimmen ein, welche dieses Tun verdächtigten. Wie immer, waren es auch diesmal die Stimmen der T— Anti- Reaelmäßiger Reisedienst der „Czern. Allg. Ztg." nach POLEN und CZERNOWITZ Nächste Abfahrten: S». Sapttmbcr und 11. Oktober 1916 Anmeldungen ouiKlilltßlich Im Reisebüro „Marlenbrücke". I. Botenturmstr. 26. R-24>2-86;87 I^^^MH^^^^^^^Mm^m^^MBB^MS^^^^HWSXaaOTB &e mit e n. Insbesondere bei uns in Oesterreich konnte man die böswilligsten Verleumdunge» hören. Es ging diesen hundertprozentigen „österreichischen Patrioten" nicht um eine Klärung des Sachverhaltes, die das Einfachste von der Welt gewesen wäre, sondern um die Entladung von Haßinstinkten, um böswdpige Hetze, um Befriedigung antijüdischer Gefühle, pie Kampagne ging — wie nicht anders zu erwarten ^— von den „betont nationalen" Oesterreiohern aus, dieser vielbestaunten: Spezialität. Wenn wir uns mit der Presse dieser Austrospezialisten befassen., geschieht dies nicht etwa deshalb, weil wir ihr ein großes Maß von Einfluß zugestehen, sondern weil wir zeigen wollen, daß selbst die klarsten Dinge der Welt von den Gehirnen der „Um-jeden-Pr^is-Antisemiten" vernebelt werden. 3. •■■ . Das ,;D e u t s c h e V o 1 k s b 1 a 11" (22. Ausbist £936) regt sich darüber auf, daß der Jüdische Weltkongreß eine Boykottresolution gegen Deutschland beschlossen, also einen bereits seit mehr als drei Jahren' bestehenden Zustand ratifiziert habe. Der' Jüdische Weltkongreß wird als eine Institution hingestellt, welche den Juden in den einzelnen Ländern Richtlinien gebe, die den Interessen dieser Länder zuwiderlaufen. Da beispielsweise bezüglich Oesterreichs lind Deutschlands das Abkommen vom IL Juli 1036 yorUege, wonach außer politischer Beruhigung eine Intensivierung der wirtschaftlichen Beziehung^ fischen den beiden Nachbarstaaten angestrebt werde, müßten die österreichischen Juden klar bekennen, ob sie sich „an die Parole der österreichischen Staatsführunghalten oder an die Weisungen, die ihnen von ihrem Weltkongreß ausgegeben werden". „Sind die österreichischen Juden" — heißt es im „Deutschen Volksblatt" weiter — „wirklich die treuesten Diener des Staates . . ., dann müssen sie von den Beschlüssen des Jüdischen Weltkongresses vor aller Oeffentlichkeit abrücken und ohne jede Zweideutigkeit erklären, daß sie nicht gewillt sind, den Boykott gegen das Deutsche Reich mitzumachen". „Die Neue Zeit" (Linz, 19. August 1936). sieht im Jüdischen Weltkongreß „eine Art jüdischer Internationale", deren Beschlüsse die österreichischen Juden angeblich in einen Gegensatz zur österreichischen Staatsführung stellen, nicht nur wegen des Deutschland-Boykotts, sondern auch wegen ihrer angeblichen Sympathie für — demokratische Staaten, demokratische Staatsmänner und demokratische Staatsverfassungen. Und das „Salz bürg er V o 1 k s b 1 a 11" (vom 24. August 1936) läßt sich (von einem angeblichen Genfer Korrespondenten T. Binder) sogar berichten, daß der Weltkongreß sich mit der Möglichkeit beschäftigt habe, die — inzwischen hingerichteten — jüdischen Kommunistenführer, die'„Verschwörer gegen Stalin", zu retten. Auch sonst zeigte der genannte Korrespondent-viel Phantasie. Er dichtete eine Neuausgabe der Protokolle der Weisen von Zion. Aus seinem Märchenbuch sei folgendes wiedergegeben: „Viel Baum wurde den Diskussionen hinsichtlich eines zu erzielenden Freispruches dies Mörders an dem Deutschen Gustloff, des in der Schweiz seiner Aburteilung entgegensehenden Frankfurter, gegeben. Hauptsächlich aber befaßte sich d|e Kommission Nr. 5 mit den Ereignissen in Spanien. Selbstverständlich wünscht ganz Juda den Sieg der Regierungstruppen und der kommunistisch-jüdischen Regierung Spaniens. Eifrigst wurden alle Möglichkeiten in Er- . wägung gezogen, durch die man die Regierungs- . trappen mit Waffen, Munition, Flugzeugen et«, versorgen könne, wofür unbegrenzte Summen zur Verfügung gestellt werden müssen. Zu diesem Zwecke wird eine besondere Abordnung dafür sorgen, die jüdischen Finanzleute Europas und Amerikas unter scharfen Druck zu setzen." 4. ' Das Ganze ist die Ausgeburt einer deutschnational betonten Phantasie. Leider muß man sich mit solch albernem Zeug befassen. Denn es ist der Nährboden für weiteren Haß und Verleumdung, die Basis, auf der gegen das Judentum in der ganzen Wejt gearbeitet wird, hauptsächlich von jenen, die allzusehr auf die „Interessen" ihres Vaterlandes bedacht zu sein vorgeben. 5. Die drei österreichischen Zeitungen, nationalbetont bis zum Hals hinauf, verlangen Rechenschaft von uns, verlangen Antwort auf ihre Frage, ob wir dem Judentum oder dem österreichischen Staat dienen wollen — vornehmlich im Hinblick auf die Boykottforderung unserer angeblich höchsten Instanz, des Jüdischen Weltkongresses. Wir können antworten. Wir vermögen zu bekennen. Zunächst einmal müssen wir die genannten Zeitungen dahin aufklären, daß der Jüdische Weltkongreß die Repräsentanz einer freiwilligen Organisation ist, daher keinerlei Zwangsmaßnahmen gegenüber den Juden der einzelnen Länder durchführen kann. Der Jüdische Weltkongreß hat aber auch keinerlei Richtlinien zu geben, denn er selbst ist der Ausdruck des jüdischen Willens, die sichtbare Kristallisation der Bestrebungen und Wünsche, welche den Juden aller Länder gemein»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.