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Die neue Welt · 1936-09-16 · Heft 594 (16.9.1936) · page 9

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 594 (16.9.1936)
Date
1936-09-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 594 vom tß. September 1Ö36 DIE NEUE WELT Seite ö In die Abhängigkeit von den Babylöniern zu fügen, versprach ihnen aber, falls sie nur friedlich der Ländarbeit nächgingen, für ihr Wohlergehen sorgen zu wollen. Als erstes wies er sie an, die alte Ernte einzubringen, denn die Felder wären mitten in der Arbeit verlassen worden, und die Vorräte von Trauben, Feigen und Oliven einzusammeln. Da Jerusalem in Trümmern lag, wählte er sich das eine reichliche Meile nordwärts gelegene alte Mizpa zur Residenz, wo schon fünfhundert Jahre vorher, unter den Richtern Jiftach und Samuel, das Volk sich zu versammeln pflegte. Hier stießen auch einige Hauptleute des ehemaligen jüdischen Heeres zu ihm, die er auf den Iwbylonischen Herrscher vereidigte, und an einem von fchen, Jochanan ben Kareach, gewann er einen besonders ergebenen Freund. Der Ruf von der Wiederkehr der Ruhe und Ordnung im Lande verbreitete sich allenthalben; die nach Amnion, Moab und Edom Geflüchteten kehrten zurück, und auch die in Samarien verbliebenen führerlosen letzten Angehörigen des Reiches Israel erwogen den Anschluß an das wieder aufwärtsstrebende Land Juda. Der König war gestürzt, der Prunk des Tempels für immer dahin, und eine babylonische Besatzung in Mizpa erinnerte einen täglich an den Verlust der eigenen Macht; aber das Land war in der Hand seiner Söhne verblieben, und das Regiment des gerechten Gedalja erweckte Zuversicht und Hoffnung auf bessere Zelten. Unter den aus Ammon - Zurückgekehrten befand sich auch ein Angehöriger des jüdischen Königshauses, Ismael ben Netanja; er war als einziger aus dem Geschlecht Davids den Babyloniern entronnen und hatte in der unruhevollett Zeit am Hof e des amraoniüschen Königs Baalis Aufnähme gefunden. Diesen Mann verdrossen die Erfolge Gedaljas sehr. Er glaubte, daß ihm, als einem Prinzen, die Macht am ehesten zukomme, und es widerstrebte ihm, sich einem Manne unterordnen zu müssen, dessen Väter seinen Vätern gedient hatten. Auch sah er in Gedalja nur den Sendling und Handlanger der Babylonier, die die Erzfeinde Judas waren: er begriff nicht, daß Gedalja der Berufung hatte Folge leisten müssen, •wenn er Volk und Land nicht gänzlich zugrunde gerichtet sehen wollte. Ein anderer Widersacher Gedaljas war Baalis, der König vo'n Ammon, der 'hoffte, nach einer Beseitigung des . jüdischen Statthalterswerde Land und Volk ihm zufallen, und, ohne dem Ismael etwas von diesen Plänen zu verraten, hetzte er den ehrgeizigen Prinzen immer stärker' gegen den tapferen und pflichtbewußten Gedalja auf. Als Ismael das ammonitische Reich verließ,'tat^er^es mit dem Vorsatz, Gedalja so bald wie1 möglich aus dem Wege zu räumen. Er begab sich nach Mizpa, leistete hier, wie alle anderen Offiziere des früheren jüdischen Heeres, Gedalja den Treueid und wartete auf seine Gelegenheit. So1 heimlich «r sein VörMben hielt, der klügste unter den Hauptleuten Gedaljas, Jochanan ben.Kareäch,. erriet ihü dennoch'und tiegab sich sofort zu Gedalja, um ihn zu warnen. Gedalja aber sagte:;,Ismaei hat mir geschworen und wird sich nicht gegen mich erheben." Jochanan erwiderte: „Ich aber weiß, daß Baalis den Ismael nur zu dem Zweck hieher gesandt hat, um dich zu ermorden; und es gibt keinen andern. Rat, als daß wir ihm zuvorkommen und du mich ermächtigst, den Ismael totzuschlagen." Aber Gedalja glaubte nicht, daß irgend jemand Böses gegen ihn im Schilde führen könne, und weigerte sich, auf eine bloße Vermutung hin einen Menschen zu richten. So gewann Ismael Zeit, seine Verschwörung vorzubereiten. Er dang sich zehn Männer, die zu allem ent-' schlössen waren, und suchte mit ihnen am Tage nach dem Neujahrsfeste den Statthalter auf, der den Gästen ein Mahl richten ließ. Während der Feier erhoben sich die Verschwörer auf ein Zeichen Ismaels und durchbohrten den nichtsahnenden Gedalja mit dem Schwerte. Auch alle Diener des Hauses wurden umgebracht. Ismaels Anhänger verstärkten sich und erschlugen an dem Tage auch die babylonische Wache in Mizpa. Jochanan ben Kareach und die Gedalja besonders ' ergebenen Leute, waren nicht in der: Stadt anwesend und weilten, in Erfüllung einer Order Gedaljas; draußen auf dem Lande. Die schauerliche Mordtat blieb bis zum folgenden Tage unentdeckt, und an diesem ereignete es sich, daß ein Pijgerzug von achtzig Männern, Angehörigen des ehemaligen Reiches Israel, von den Ruinen Samariens, Silos und Sichems nach Mizpa kam, um das dortige Gotteshaus aufzusuchen und Gedalja, Geschenke darzubringen. Der Ruf des jüdischen Statthalters war in die Bezirke des früheren Nordreiches heraufgedrungen, und hätte Gedalja noch gelebt, so wäre es ihm wohl gelungen, den Rest Israels mit dem Rest Judas aufs neue zu vereinigen. Allein Ismaels ruchlose Tat hatte das vereitelt. Der Mörder Gedaljas lockte die Pilger in das Haus des Statthälters, überwältigte sie dort und gab ihnen den Tod; nur zehn von ihnen erkauften sich die Rettung, indem sie dem Ismael ein Versteck verrieten, wo sie ihre Lebensmittel, Weizen; Gerste, Oel und Hohig^ verwahrt hatten. Die Leichname warf Ismael in eine Zisterne, die vor Zeiten König Assa, der Urenkel Salomos, bei der Befestigung von Mizpa angelegt hatte. Danach machte sich Ismael mit seinem Gefolge auf den Weg nach Ammon; er schleppte einen Haufen Volkes aus "der Anhängerschaft Gedaljas und die Königstöchter, die in Mizpa ansässig gewesen waren, gefangen mit sich. Inzwischen erfuhr Jochanan ben Kareach von dem Vorgefallenen; er eilte dem Verräter nach und stellte i&n bei Gibeon. Ismael wurde geschlagen, mußte die Gefangenen herausgeben und auf die Beüte' verzichten. Aber dem Totschläger selbst mit acht Begleitern gelang die Flucht auf ammonitisches Gebiet. Nach Mizpa zurückgekehrt, beriet sich Jochanan mit den Getreuen Gedaljas und dem Propheten Jeremia darüber, wae nun zu tun s,ei. Die Babylonier würden die Niedermetzelung ihrer Wache und den Mord an dem von ihnen eingesetzten Statthalter nicht ungestraft hinnehmen, und da der eigentliche Schuldige in Sicherheit sei, würde die Rache ohne Zweifel alle Juden treffen, die im Lande verblieben seien. Der nächste Kriegszug Babyloniens würde keinen mehr verschonen; das Land Juda sei endgültig verloren und müsse verlassen werden. Dieser verzweifelte Entschluß, das Land der Väter für immer preiszugeben und nach Aegypten auszuwandern, rief Jeremias heftigsten Widerspruch hervor, und er versuchte mit allen Kräften, sie von diesem verhängnisvollen Schritt abzuhalten. Aber seine Worte blieben ungehört; Jochanan ben Kareach und sein Anhang waren durch nichts mehr zum Ausharren In der Heimat zu bewegen. Sie brachen nach Aegypten auf und zwangen auch den Propheten, mitzukommen. So endete der letzte Versuch, das Reich Davids zu erhalten. Juda war nun zerstreut in Babylonien und Aegypten, und es begannen die Jahre der Verbannung. Der Tag aber, an dem Gedalja von Mörderhand gefallen war, der dritte Tischri, wurde zum Fasttag für alle Zeiten bestimmt. Gibt es eine judiidie Kun§i? Von Dr..Alfred Werner (Wien) ■ Demnächst wird, herausgegeben von der „Gesellschaft zur .Förderung der Volkskünstschule WatüV'j eine Schrift über den Begründer und-Leiter der ehemaligen ersten deutschen Volksäkademie für bildende Künste, Alexander Wätin, von Dr. Alfred Werner unter dem Titel „Alexander W.atih- und .die jüdische Volkskunst'' erscheinen. Wir haben über die Bestrebungen;; Watins, der - in Wien eine Volkskunstschule; für junge Juden errichtet hat, seinerzeit berichtet und veröffentlichen nun einen Abschnitt aus dem neuen-Buch über Watin. Main muß die Geschichte unseres Volkes bis zu den Anfängen zurückverfoi|fen, um die ürsäche der schmerzlich^sehnsüchtigen . Art unseres Verhältnisses zu den bildenden Künsten zu.-erfassen. Unstreitig hat das Bildnisverbot '„Du spllstldir kein Bild machen, kein Abbild dessen, was im Himmel droben und wäs auf Erden unten und was im Wasser unter der Erde" sich kunsthemmend ausgewirkt.. Abör es sind über Tendenz und Gewichtigkeit des dritten Gebotes mancherlei irrige An- Auf der Züricher Tagung des Kuratoriums der Hebräischen Universität Jerusalem wurde ein Budget von pal. Pf. 87.000 beschlossen, das von den in den verschiedenen Ländern bestehenden Komitees aufgebracht werden wird, schauungen verbreitet. Es zielt nicht etwa auf ein Verbot der Kunst an sich, sondern auf die Untersagung des Götzendienstes. Wohl existiert in der ältesten Zeit Kunst einzig als religiöse Kunst. Doch bezog sich das Verbot nur auf die bildliche Darstellung von Menschen und Tieren, nicht aber auf Architektur und Kunstgewerbe. Der ehemalige.Oberrabbiner Güdemann hat in einem Vortrag über „Das Judentum und die bildenden Künste" auf. den bemerkenswerten Umstand. hingewiesen, daß die Bibel die beiden Erbauer der Stiftshütte, Bezalel und Oholiab, mit den hervorragendsten geistigen Fähigkeiten ausstattet und das Ehrenprädikat „chächam", „Weiser", zum erstenmal überhaupt«diesen Künstlern widmet, in nachbiblischer Zeit ist übrigens das Bildnisverbot bei weitem nicht immer befolgt und oft in weitgehendem Maße durchbrochen worden. Synagogen wurden häufig m '"/Sä' yM$- . p s ,'. ' ,'i> . •■>■,!' "f',v;.\ I Altrtd V/trner £. ffr. JUUch zu*n Qedehket% Dem fremden Gast, dem adelig Gehörnen, der Judas dunklen Melodien lauschte, der mit der Feder seine Lanze tausehte, umkränzest Du mit Disteln und mit Dornen sein männlich Lied — zuweilen aber ranken aus wirrem Rahmen Köpfe und Gestalten, und zwischen Ahnen, Jungfraun, Engeln halten getreue Wacht die lieblichsten Gedanken. Zu schwach zum Schrei, des Volkes Seele stammelt von Schmach der Unterdrückten, Gram und Wut: doch Einer aus dem Ghetto hat die Glut des Leids In starke Worte eingesammelt. Die Harfe mit den jäh zersprungenen Saiten, nun hängt sie an des Buches müder Stirn — gen Ende aber schimmert Hermons Firn und freie Söhne kühn zur Sonne schreiten ... ' * Wort Gottes ist nicht tot — es lebt die Bibel, Erzvater und Erzmütter und Propheten; indem ihr schauen lernt, lernt ihr auch beten, auf blättert ohne Angst die Weltenflbel. Du schmücktest sie mit Bildern, Gott zur Ehre, jedoch den Kindern Israel zum Frommen, daß Moses einst dem Volke wiederkehre, auf daß die Tage Davids wiederkommen! Aus Alfred Werners Gedichtbuch „Gebet aus der Tiefe" (Verlag der Buchhandlung Frifcs Sußmann, Wien).. mit figürlichen Darstellungen geschmückt, Handschriften damit versehen und selbst Kultusgeräte damit verziert, und zwar nicht etwa dort, wo man von Unkenntnis der Vorschriften und freieren religiösen Ansichten sprechen könnte, sondern gerade an Stätten strengster Observanz. „Es sollte daher mit der Fabel von dem Hasse der Synagoge gegen alle Kunst bis in das Mittelalter und die Neuzeit hinein aufgeräumt werden." (Karl Schwarz.) Selbst viele der Gebildeten verstehen heute unter jüdischer Kunst nur Liebermann oder Israels, Antokolski oder Erich Mendelsohn, sie wissen nichts von der großen, jedoch fast anonym gebliebenen Kunst, welche im freien Spanien, aber auch in der Dumpfheit des Ghettos erblühte. Viele der schönsten Kirchenbauten Spaniens sind Zeugen jüdisch-mittelalterlicher Architektur — Synagogen, die nach der Judenvertreibung in christliche Gotteshäuser umgewandelt wurden. Von "der Kunst der Ghetti sprechen die prächtigen Kult- und Hausgeräte, die sich in so mancher jüdischen Familie duren Generationen bis in unsere Tage weitervererbt haben, deren kostbarste Stücke man jedoch in den Museen findet. Hier erblickt man den echt jüdischen Stil mit seiner ungehemmten Farbenfreude, Gestaltenfülle, Phantasiekraft. Was jedoch im Zeitalter der Emanzipation von uns hervorgebracht wurde, gehört in die Geschichte der englischen, französischen, holländischen, russischen Kunst — erst die neuesten jüdischen Künstler bemühen ich, zur hilfreichen Tradition ihres Volkes zurückzukehren. . Von der. Geburt bis zum Grabe, das ganze jüdische Festjahr hindurch war der Jude von jüdischer Kunstfertigkeit umgeben. Die Juden, ursprünglich den Phöniziern an Geschicklichkeit nachstehend, besassen seit der Spätantike vorzügliches Kunsthandwerk und Kunstgewerbe. Man darf sagen, daß!das Wort des Rabbi Jehuda: „Wenn jemand seinen Sohn kein Handwerk lehrt, so ist es, als ob er ihn zur Straßenräuberei erzöge" ohne Unterbrechung bis tief in die Neuzeit als Richtschnur gegolten hat. Wo die Juden nicht gewaltsam von der manuellen Tätigkeit ferngehalten wurden, haben sie sich als tüchtige und fleißige Handwerker erwiesen; in manchen Ländern waren sie berühmt als Teppichweber, Kupferschmiede, Gelbgießer, Waffenschmiede, Glasarbeiter, vor allem aber als Goldschmiede. Im Osten, namentlich in Polen, wo einst die christlichen Handwerker sogar 'die Ueberhutung Ihrer Berufe beklagten, gibt es noch heute ein bodenständiges jüdisches Handwerk, das freilich längst seinen „goldenen Boden" eingebüßt hat. Es ist erstaunlich, bis zu welcher Höhe sich die jüdische Volkskunst im Mittelalter entwickelt hat — trotz Verfolgung, Mühsal, Elend, die dem Juden nur wenig Zeit zur Besinnung beließen. Man vergleiche die liebevoll gearbeiteten prächtigen Biiderhandschriften der Haggaden, ihre Phantasie, ihren gesunden Sinn für Humor und groteske Komik, ihre Fabulierlust mit den billigen Druckwerken und kitschigen Illustrationen, deren wir uns am Feste bedienen, um den Unterschied zwischen echter, ungebrochener Volkskunst und modernem Kunstersatz zu begreifen. Bis ins achtzehnte Jahrhundrt erhielt sich diese einzigartige Kunst, die wir in Museen bewundern können, deren Schöpfer jedoch meist unbekannt geblieben — dann versiegte plötzlich der Quell. Dafür stiegen die Namen zahlreicher Künstler jüdischer Herkunft empor, die mit den christlichen Meistern in der nicht jüdischen Kunst wetteiferten. Es ist nicht ein Stern erster Größe darunter, wohl aber viele Talente, Maler, Bildhauer, Architekten, die siett durch nichts von ihren Kollegen unterschieden und meist die Taufe nahmen. Dieses Nicht-anders-sein-wollen war ebenso ihre menschliche wie ihre künstlerische Tragödie. Sie hatten — die Schrift verloren! Man könnte diesen fast durchwegs dem Westjudentum entstammenden Künstlern dasselbe vorwerfen, was einst Goethe an den anakreontißch tändelnden deutschen Gedichten eines Juden aussetzte: es mangle ihnen die (nationale^ Originalität! Wären nicht aus dem Osten neue Kraftströme gekommen, es gäbe heute vielleicht ebensowenig eine jüdische Kunst wie ein jüdisches Volk! Wie unter den ostjüdischen Schriftstellern eine neue Generation sich nach Freiheit, Licht und Sonne sehnte, so fanden zahlreiche Künstler — darunter als einer von vielen Alexander W a t i n — bewußt' oder auch unbewußt anknüpfend an die Ueberlieferung, den Weg zur bildhaften Gestaltung ihrer Wünsche und Geschichte.

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