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Die neue Welt · 1936-09-08 · Heft 592 (8.9.1936) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 592 (8.9.1936)
Date
1936-09-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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ffr. 80t rem 9. Septeiälifer 1036 DIU NEUE WBLf ■»j»>,.^ ■■■ ■'■•f-f-T-t ■■ ii Seit* $ Alle Schulbücher richtige Auflagen, für antiquarische allcrbllllgste frfttstl Größte Auswahl! Spesenfreie Zusendung. Verzeichnisse umsonst. — Zeit spart, wer kauft im SchulbUcherantfquariat Hermann Tuchner, Wien II. Icktt TaborstraOc 52 / ttl. R M-A-ao Vom großen Raubzug Von »rotester Jokob LatschlnsKy («Ml) Ein übler Anfang Öle. Wahlen in die Wiener Judengemeinde Diesmal hat die „Union österreichischer Juden" den Wahlkampf eröffnet. Sie fordert die Glaubensgenossen ftUf, am 8. November für die Liste der Union zu stimmen, und begründet dieses Verlangen mit einem „Aufruf", der wohl keine positiven Prdgrammpunktc enthält, dafür aber eine Fülle von Schmähungen, die an die Adresse der Zionisten, und Verdächtigungen, die ari die Adresse der nichtjüdischen Außenwelt gerichtet sind. Vor einigen Monaten hatte die „Union" eine Beschwerde an die Regierungsstellen gerichtet, in welcher die zionistische Majorität des Gemeindevorstandes der Korruption, Vaterlandslosigkeit, des Bruches der Gemeindeverfassung, und was es noch für schöne Dinge gibt, beschuldigt und die Auflösung des Vorstandes gefordert wurde. Die Aufsichtsbehörde hat die Beschwerde in »11 en Punkten für unbegründet erklärt und zurückgewiesen. Neben dieser Abfuhr wirtschaftete sich die „Union" noch die Empörung weitester, auch nicht- »ionistischer jüdischer Kreise ein, nicht zuletzt die Entrüstung eigener Mitglieder, die die denunziatorische Aktion als Mißbrauch ihres Namens empfanden. Aber die Herren, welche heute die Union leiten, haben nichts gelernt, und ihr Wahlaufruf ist nicht anderes als ein gedrängter Auszug aus ihrer so langen . und so unrühmlichen Schmähschrift, die unter dem Titel einer Aufsichtsbeschwerde in die Welt gesetzt wurde. Wieder sprechen sie von Zurückdrängung der „Wiener-österreichischen Richtung", nicht-vaterländischer Erziehung der Jugend, Verdrängung der religiösen Momente, . von der „überfremdeten Kultusgemeinde" und von allem, was sich die Feinde des Judentums und der jüdischen Gemeindeautonqmie sonst noch wünschen' können. Zum Schlüsse wird dieses giftige Gemisch „Kampf gegen den jüdischnationalen Ungeist" genannt. Ob die Führer der Union damit die Menschen, welche ihre Reihen verlassen haben, wieder gewinnen werden, ist mehr als fraglich. Aber eines haben die Herren sicher erreicht: Sie haben es allen, die jüdische Selbsterniedrigung und Denunziation ablehnen, unmöglich gemacht, mit ihnen auch nur zu verhandeln. Ein übler Anfang! ' ' ' 4* Die „Union." bringt ihren Aufruf auf der ersten Seite ihres Blattes. Was sie aber auf den weiteren Seiten zur Bekräftigung hinzufügt, soll nicht unerwähnt bleiben.1 Es zeigt so recht die „Geistigkeit der Union", welche dem „jüdischnationalen Ungeist" entgegengesetzt wird. Unter dem triumphierenden Titel „Vor Torschluß" wird die die ganze Judenheit erschütternde Gefahr der Einwanderungssperre in Palästina nur als. „Blamage der Jüdischnationalen" und Palästina als eine „Kolonie der Engländer" hingestellt, wegen der eine „hoffnungsvolle jüdische Jugend, von nationalen Politikern nicht irregeleitet werden darf". Frohlockend wird an einer anderen Stelle berichtet, daß von 538.000 jüdischen Auswanderern und Flüchtlingen der letzten zehn Jahre nur 177.000 nach Palästina gegangen sind. Daß die 177.000 in Palästina freie Menschen mit gesicherter Existenz geworden sind, die anderen aber,' zum großen Teile notleidend, verfolgt und verachtet, ein qualvolles Emigrantendasein fristen, davon sprechen die Union- Führer nicht. Die ganze jüdische Welt zittert um Palästina, aber die Union-Herren freuen sich der Wolken, die das Jüdische Nationalheim bedrohen. Das ist ihre Geistigkeit. Der Hauptzeuge gegen Hilsner gestorben. Aus Prag: In Horaädowitz starb dieser Tage der Besitzer 'der 'Masöhineriwe'rkstätte Alois Bfezina. Bfezina war im Polnaer ..Ritualmordprozeß und später im Pisekcr Prozeß der Hauptbelastungszeuge gegen den des Ritualmordes beschuldigten Leopold Hilsner. Der Prozeß hatte in der gesamten Kulturwelt großes Aufsehen sowie Abscheu und Erbitterung wegen der seitens der -Judengegner gehäuften Lügen und Entstellungen erregt. Bfezinas Name war damals in aller Mund. Ein Gebot christlicher Ehre Aus New York: Die hier tagende Amerikanisch-Christliche Konferenz hat an den englischen Ministerpräsidenten Stanley Baldwln ein Telegramm gerichtet, in dem es als ein Gebot, christlicher Ehre bezeichnet wird, daß England seine den Juden gcgebenenVersprechungen halte. In einer Reihe von Abhandlungen hat der bekannte jüdische Natiönalökonom geschildert, wie der Nationalsozialismus in Deutschland das jüdische Wirtschaftsleben vernichtet. Wir bringen einen Ausschnitt, der sich auf einen Teil der Großindustrie bezieht. Bezüglich der größeren Geschäfte besitzen wir ein Verzeichnis von 260 Betrieben, die aus jüdischen itt „arische" Hände übergegangen sind. Diese Liste gibt nicht nur einen empörenden Maßstab vom Umfang der übernommenen und geraAibtenjiidl sehen Güter und Wirtschafts Positionen, Sie gibt auch ein glänzendes Bild von der Rolle, die das deutsche Judentum in den verschiedensten Zweigen des deutschen Wirtschaftslebens gespielt hat, und von dem hohen Rang, den es darin eingenommen hat. Wir können hier leider nicht die ganze Liste dieser 260 jüdischen Großbetriebe wiedergeben. Wir müssen uns damit begnügen, ihre Verteilung auf die verschiedenen Branchen aufzuzeigen, unter Erwähnung der 1 allergrößten und wichtigsten Einzelfälle. Es sind von jüdischen Großunternehmungen in „arische" Hände übergegangen: .1. Konfektionsbetriebe .... 55 2. Betriebe der Textilbranche . 38 3. Verlage und Buchhandlungen 25 4. Lebensmittelbranche ... 25 5. Leder- und Schuhfabriken . 16 6. Betriebe der Metallbranche . 15 7. Verschiedene Betriebe ... 86 Summa: 260 Großbetriebe. Um mit der M e t a 11 b r an ch e zu beginnen, itt der einige jüdische Firmen Weltruf hatten und eine wahre Pionierrolle in der deutschen Wirtschaft spielten, nennen wir nur: Orenstein & Koppel, Lokomotivwerkstätten; Hirsch Kupfer- und Messingwerke; Julius Berger Tiefbau; „Adrema" (Jakob Goldschmidt); „Nitag" (Naphtha-Industrie und Tanklager A.-G.); die „Heliowattwerke" (Elektrizitätsgesellschaft). Diese sieben jüdischen Firmen, bezüglich deren Aktienkapital Nachweise vorhanden sind, verfügten allein über ein Kapital von 53 Millionen Mark. Zweifelllos betrug das Gesamtkapital der 15 ganz großen liquidierten jüdischen Metalifirmen an 100 . Millionen Mark,;ür Gelegenheitskäufe Wien VIII, Stadtbahnviadukt 23 bei Lerchenfelderstraße . .Telephon: A-21-5-31 ■MMMHMM»^^ Jede der genannten Firmen stellt ein Blatt deutscher Wirtschaftsgeschichte dar, ein Blatt, auf dem jüdische Energien; jüdischer Elan und jüdischer Unternehmungsgeist verzeichnet sind, aber nicht weniger auch ein Blatt Geschichte Von ./den'' durch" jüdische UnterT nehmer geschaffenen Verbindungen Deutschlands mit allen Enden der Welt, mit den entlegensten Ländern, in die hinein sie deutsche Waren und Menschen zu lancieren verstanden haben. Es dürfte genügen, wenn wir mit ein paar Worten nur den Lebensgang ein,er Firma, wie Orenstein & Koppel,, einer der größten Lokomotiv-. und Bahnmaterialfabriken der Welt, hier skizzieren. Neuheit für Fußleidende - Zwergiohle die leichte, elastische, orthopädische Schuheinlage ehn« Metall S W.¬ Alleinverkauf; B«ISii4:« __________ Ecke Freyung 5 Institut Bständig1 Te,n,altslraße 1 Beratving kostenlos! Im- Jahre 1876 von zwei kleinen jüdischen Angestellten — Orenstein aus Posen und Koppel aus Berlin — begründet, baute die Firma zuerst Feldbahnen, ein für das damalige Deutschland völlig neues Pionierunternehmen. Zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts besaß die Firma bereits Filialen in aller Welt — in Rußland, Spanien, den Vereinigten Staaten, Argentinien und anderen Ländern —. Bei Chicago wird eine Bahn gebaut, deren eine Station den Namen „Koppel" erhält zu Ehren des Geschäftsmitinhabers, der die Arbeiten -\ persönlich glänzend durchgeführt hatte. Vor dem Kriege beträgt das Aktienkapital des Unternehmens 30 Millionen Marl«. Im Jahre 1936 waren es noch 17,5 Millionen. Der Hauptaktionär, Orenstein jun., hat 1935 7;5 Millionen für seinen Aktienbesitz erhalten. Aber nicht etwa in bar, sondern in Aktien einer Untergrundbahngesejlschaft in Argentinien, wohin "er ausgewandert ist. Sein Vater, der Gründer des Unternehmens, kam von Posen nach Berlin und schuf dort den Konzern, der jetzt Uber elf Tochtergesellschaften In der Welt verfügt, der noch 1935 einen Umsatz von 35 Millionen Mark erzielte und der in Deutschland 8000 Arbeiter und Angestellte beschäftigt. Der Sohn mußte 1935 nach Argentinien, auswandern. Wieviel Hoffnung, Glauben, Energie, Schwung, Unternehmungsgeist und Lebensdrang hatte aber dieser kleine Angestellte aus Posen mit sich gebracht — und. wieviel Verzweiflung, Verbitterung, Enttäuschung, Müdigkeit und Erschöpftheit führt der Erbe der Millionen nach Argentinien mit? Diese ganz kurz berichtete Geschichte eines jüdischen Unternehmens in Deutschland ist typisch für sehr viele andere, deren Inhaber und Leiter heute über Dutzende von Staaten und Ländern zerstreut sind, mitunter mit geretteten MUllöhen, weit öfter aber mit nichts als Verzweiflung in der Seele und mit Verbitterung im Herzen. In der alten — vermeintlichen — Heimat müßten Sie das Ergebnis der zähen Arbeit von Generationen zurücklassen,, die konzentrierten BnergleaufWendungen von Hunderten von Jahren. Die Hirsch» Kupfer-Werke bestanden seit 1804. Die soeben erst in „arischen" Besitz Übergegangene Bank von Hahn (Deutsche Effekten-, und Wechselbank) in Frankfurt am Main war 1811 gegründet worden. Und es gibt noch ältere Firmen. Das Wichtigste dabei ist folgendes: All dies» Unternehmungen haben Ihre Arbeit nicht ein» Minute lang unterbrochen, auch nicht in cem Augenblick, als ihre Besitzer hinausgeworfen würden. Die große, komplizierte und vielfältige Maschinerie, di» vor langer Zeit einmal von ihnen angelassen und lü Gang gesetzt worden war, stand nicht nur nicht »tili, sie ist nicht einmal eine Sekunde lang an irgend einem Punkte in Unordnung geraten. Denn so liegt es in der Natur der modernen Großunternehmung: die Besitzer werden mit dem großen Schaumlöffel „a b g eschäumt", das Geschäft geht weiter. Es handelte sich in diesem Falle nicht um soziale, sondern um nationale Enteignungen. Aber der großkapitalistische Charakter der modernen Unternehmungen, in denen die Eigentümer fast keine Beziehungen mehr zur unmittelbaren technischen, ja kaum noch zur kommerziellen Geschäftsleitung haben, kam auch in diesen Fällen den Expropriateuren zunutze. Jedoch mit einem Unterschied: die soziale Enteignung tilgt auch den Namen des „abgeschäumten" Eigentümers; sie bedarf dieses Namens nicht mehr. Der nationale Hitler-Zugriff läßt den neuen „arischen" Besitzer aber die alten jüdischen Namen der „abgeschäumten" Inhaber ruhig weiterbenutzen — die Firmen funktionieren auch, weiterhin als „Orenstein & Koppel", „Hirsch-Kupfer" usw.; diese auf dem Weltmarkt so gut eingeführten Firmennamen sind wertvollstes Kapital und Hitler , hat die Maxime: Der Jude stinkt, aber sein Geld nicht! Und so sind sogar die alten jüdischen Namen gut brauch« bar," wenn ein „arischer" Mann damit Geld verdien en kann.. Erwähnt seien hier noch einige große jüdische Firmen verschiedener . Branchen: „Schultheiß-Patzen-: hofer" (Großbrauerei, Aktienkapital 16,5 Millionen M,), ein Betrieb, der bis 1934 in jüdischen Händen war und dann in „arische" überging; von Schuh- und Lederfabriken „Konrad Tack" (Krojanker), eine der größten deutschen Unternehmungen'.dieser Branche mit, 190 eigenen ■ Verkaufsfilialen,: die .für5,3 Millionen Mark verkauft wurde; „Leiser'.' (Klausner), der mit einer Werkstatt, in der drei Gesellen beschäftigt waren, angefangen hatte, 1932 sein . vierzigjähriges Geschäftsjubiläum feierte und dessen Jahresumsatz mehr als 40 Millionen Mark betrüg; Lederfabrik Meyer (Aktienkapital 6,5 Millionen Mark) u. a. Vom arabischen Terror Ueber die neuerlichen Terrorakte der arabischen Banden in Palästina liegen folgende J.-T.-A.-Berichte aus ' Jerusalem vor: ZerstörteOclleilung ..' . Die Oelleitung der Ir ak-'P etrdieum-Gesell schaft. ist abermals bei Tamra im Beisan-Gebiet durch einen Sprengstoffanschlag beschädigt worden. Das ausströmende Oel wurde in Brand gesteckt.! „Official Gazette'' teilt mit, daß in den ersten drei Monaten der Unruhen 36.600 Weinstöcke vernichtet wurden. .. Sdifadit mit Flugzeugen Bei einem Zusammenstoß mit aufständischen Arabern bei Tulkarem :wurden am Donnerstag ein britischer O f f i z i e r, ein Korporal und ein Maschinengewehrschütze getötet. Ein britischer Offizier und zwei Soldaten wurden verwundet. Abteilungen des Llncolnshlre- und des Royal Scots- Defijierregiments wurden ber Bala durch eine 50 Mann i starke arabische Freischar angegriffen. Erst mit Hilfe von Flugzeugen gelang es den britischen Truppen, die Araber zurückzuschlagen und zu zerstreuen. Auf britischer Seite kamen ein Fliegeroffizier und sein Begleiter bei einer Notlandung im Anschluß an das Gefecht ums Leben, ferner wurde ein Infanterist getötet und vier weitere britische Heeresangehörige, darunter zwei Offiziere, verwundet. Auf arabischer Seite wurden bisher zehn Tote gezählt, sowie mindestens sechs Verwundete. Sechs Häuser des Ortes Bala, aus denen geschossen worden war, wurden von den Truppen niedergerissen. Fast an der gleichen Stelle erneuerten sich am Freitag die Kämpfe zwischen Arabern und englischen Truppen,-wobei auf .britischer Seite 16 Kampfflugzeuge zur Durchführung der Säuberungsaktion eingesetzt wurden. Die Verluste der Araber werden jetzt seitens, der britischen Militärstellen mit nicht weniger als .28 Toten angegeben. Beim Absuchen der Schlupfwinkel der Araber stießen die britischen Streitkräfte auf mehrere Abteilungen Aufständischer, die auch mit Maschinengewehren bewaffnet waren. Stundenlang knatterten die Maschinengewehre. der Flugzeuge auf die Araber hernieder. Per größte Teil der Araber fiel unter den Salven der Maschinengewehre der Kampfflugzeuge. S a f e d, sowie die Siedlungen Bet Alfa und Haozar sind heftig aus verborgenen Schützennestern beschossen worden. In das Truppenlager bei Safed wurde eine Bombe geworfen, die jedoch keinen Schaden anrichtete.

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