Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1936-08-28 · Heft 589 (28.8.1936) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 589 (28.8.1936)
Date
1936-08-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2712150-2712214--5992-2719685
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 6 DIB NEtfö WELT Nr. 589 vom 28. August 1936 Abraham Rei§en Zum 60. Geburtstag des jüdischen Schriftstellers Mehr als dreißig Jahre Sind es her, daß ich Gelegenheit hatte, mit Abraham Reisen (in Wie n) beisammen zu sein. Er war damals ein noch wenig bekannter Schriftsteller, Lyriker, Gedichteschreiber. Zu seiner Gesellschaft zählten einige jüdische Studenten, die um die Wende des 19. Jahrhunderts, während der letzten Lebensjahre Theodor Herzls, ihr Quartier im Cafe zur Börse in der Wipplingerstraße bezogen hatten; junge, enthusiastische Zionisten, denen die Berührung mit der Literatur und den Menschen des Ostens mehr Sensation bedeutete, als man sich heute vorstellen kann. Reisen hatte bereits in einigen jiddischen Blättern Verse und Prosaski2zen veröffentlicht und war auf dem besten Wege, sich in diesen dichterischen Formen einen Namen zu machen. Ein Lyriker und „Spezialist in Kurzgeschichten" ist er bis heute geblieben. Seine Lehrmeister waren zweifellos Scholem Alechem und Perez. Ohne diese beiden wäre er — trotz seiner starken, originalen Begabung — wahrscheinlich ein mittelmäßiger Lyriker geworden. Soweit er sich von der Enge des Stoffes, des ihm eigenen Stoffes, emanzipierte, verdankte er das den jüdischen Klassikern. Reisens Hauptthema — die jüdische Armut, ausgeprägt in einer langen Reihe von Typen, zuerst den Kleinstadtfiguren seiner litauischen Heimat, später, als er nach New York kam, wo er heute noch lebt und schafft, den jüdischen Intellektuellen und Arbeitern. Resignation verbrämt Reisen mit Ironie und manchmal sogar mit einem Rand von Selbstzufriedenheit, die fast wie Optimismus aussieht. Das Leben ist paradox. In Monologen läßt sich diese Paradoxie darstellen. Das Gedicht verlangt mehr Geschlossenheit, mehr philosophische Musik. Es gibt ein schönes Gedicht von Reisen: die Mutter, die sich ins Grab wünscht ob der acht auf einem Lager liegenden Kinder: „Eng wird's auch im Grab wohl sein, aber im Grab liegt jedes allein ..." Und ein zweites schönes, zum Volkslied gewordenes Lied des Jeschiwa- Bochers, dessen Strophe jeweils mit der Lernfrage beginnt: „Maj kemasch me Ion?" („Was lehrt es uns?"), indes der Herbstregen an die Fensterscheiben tropft, hinein in die Einsamkeit des Jünglings, der das Erdendiesseits tötet und aufs Himmeljenseits wartet.. Reisens literarischer Reichtum ist bewundernswert. Allwöchentlich kann man im New-Yorker jiddischen „Vorwärts" eine seiner feinen Skizzen aus dem Leben der „Heimat" oder des „goldenen Amerika" lesen. o. r. Hiebe Hudlet Skizze von Abraham Reisen Für Essen und Wohnen zahle ich meiner Mutter sechs Rubel den Monat. Jeden Donnerstag Abend, wenn ich von der Fabrik abgearbeitet und müde nach Hause komme und Mutter mir mit einem Seufzer begegnet, ziehe ich stumm den Beutel und zähle ihr zehn Gulden (15 Kopeken-Stücke) hin — einen um den anderen. Mutter zählt mit einem Seufzer nach und legt das Geld in die verrostete Blechtasse, die vor Jahren „treffe" geworden war und ihr seither als Kasse dient. Und mit einem Seufzer spricht sie: - „Nun, geh essen!" Versteht ihr? — Meine Mutter, meine alte fromme Mutter, die bei jedem Wort den lieben Gott im Munde führt, die das ganze Frauengebetbuch auswendig weiß, die über ein bißchen kaltes Wasser erst den Segen spricht, ehe sie's trinkt, die nicht den kleinsten^ Bissen Brot ißt, ohne daß sie sich vorher gewaschen hat, meine alte fromme Mutter sagt mir gleich: ,J7un, geh essen!" Geh, wasch dich — das sagt sie nicht. Das wagt sie nicht. Sie verdient an mir einen Viertelrubel die Woche oder vielleicht zwei Gulden . . . Ich liebe sie nicht. Aber wenn ich sogleich zu Tisch gehe, ohne meine Hände gewaschen zu haben, und dazu auch noch den Hut abnehme — da tut mir das Herz weh um meine arme fromme Mutter, daß sie es nötig hat, für einen Viertelrubel die Woche ihren starken, großen Gott zu verkaufen . . . Ich "nehme mir fast jeden Tag vor, von heute ab nicht ohne die Waschung und nicht ohne Hut zu essen, aber ich kanns nicht, ich kanns einfach nicht! . . . Ich bin, seht ihr, ein ausgewachsener Arbeiter. Ich weiß, daß der Himmel kein Himmel ist — bloß Luft, ich weiß etwas vom Darwinismus, ich weiß, was Kapital bedeutet, ich weiß, wie sich der erste Staat gebildet hat, ich weiß, wie sich Sitten und Gebräuche entwickelt haben. Dieses Wissen hat mich soviel Mühe gekostet. Und nun plötzlich — geh zur Waschung und iß bedeckt! « . . Wohl wahr, Erbarmen mit Mutter . . . Und Erbarmen mit mir?. Und warum soll mein Gott billiger sein als ihr Gott? Aber ich leide, ich leide darunter, es tut mir weh. Und viel Freude an diesem Essen habe ich nicht . . Dazu kommt noch manchmal mein "blasses dreizehnjähriges Schwesterchen hungrig gerannt und langt eich ein Stück Brot vom Tisch und ißt. Steht's Mutter, fällt sie sie schreiend an: „0, du Ausbund! Ungewaschen?" Und ich,, ü^t«tt?n^ mir ist, als fühlte Mutter das und wollte mir antworten; Du, mein Sohn, darfst das — dd verdienst . . . Ich darf es — ich verdiene. Gleich wird sie zum Metzger gehn und für mein Geld Fleisch kaufen, und morgen, Freitag, wird sie den Sabbat rüsten. Sie wird Lichter kaufen und den Segen über sie sprechen und dabei das magere, faltenreiche Gesicht andächtig mit den Händen bedecken, und niemand wird ihre Tränen fließen sehn außer — tüte sie glaubt — Gott. Oh, ich fühle großefl Erbarmen mit meiner Mutter. Wenn ich ihr vorzeitig verwelktes Gesicht sehe, wenn ich ihre erloschenen, hoffnungslosen Augen sehe, wenn ich ihre mageren Hände sehe, wie sie sittern, wenn sie das Essen zum Tisch reichen — wenn ich ihre leise, Iii det fitoiükiiHe W — ^Wmr9F WnPWWrtFFwIf Von Abraham Reisen Eine Laubhütte klein Aus Brettern gemein Hab ich, armer Jud, mir gemacht. Gedeckt das Dach Nur lose mit S'chach, Und sitze heim Fest drin zur Nacht. Vom Winde, dem kalten, Der bläst durch die Spalten, Mein Lichtlein verlöschen schon will. Das Weihegebet Nun Sprech ich, und seht: Mein Licht brennt ruhig und still. Mit Sorgengesicht Das erste Gericht Trägt mir mein gut Weib nun herein. Sie stellt es weg Und spricht in Schreck: „Der Wind wirft die Hütte bald ein." Ach, sieh nur zum Rechten, Laß dich's nicht anfechten, Vom Winde nicht machen dir bang! Nicht selten sie blasen, Die Winde, und rasen — Doch steht unsre Hütte schon lang . niedergeschlagene Stimme höre, drückt es mir das Herz ab. Lieb aber habe ich sie nicht ... Ich bin ein armer niedergeschlagener Arbeiter, von Dunkelheit vor Tag bis Dunkelheit zur Nacht stehe ich in der Fabrik und sehe nur die mageren Gesichter meiner Arbeitskameraden um mich, höre nur ihre Klagen, habe nur die großen verstaubten Fenster vor den Augen, mit eisernen Gitterstäben davor, wie im Gefängnis. Und doch — glaubt mir — trage ich in mir das Herz eines Reichen, Starken, Aristokraten. Ich hasse Armut, Schwäche, Niedergeschlagenheit . . . Ich weiß nicht, woher es mir kommt. Mein Vater, meine Mutter, meine Großmutter und mein Großvater — die ganze Familie, Erbteil von Geschlechtern der Armut, ist so gewöhnt daran, seufzt nicht mal besonders, bücken und beugen sich um einen rGoschen, um einen einzigen kleinen Groschen. Und ich, ihr Erbe, in dem ihr Blut fließt, hasse das so, schüttle die Fäuste gegen das alles, und liebe meine eigene Mutter nicht . . . Und oft, wenn Mutter mir das Essen reicht, und ich mich zu Tisch setze, den Hut in die Ecke werfe und gleich zu essen anfange, und Mutter wie ein Schatten dahinschleicht und sich blind und taub stellt, als merke sie gar nichts, wallt es auf in mir und ich möchte ihr zuschreien: ,Mutter, warum sagst du nichts? Warum schweigst du? Mutter, schlag mich, kneif mich, stoß mich — schrei mich an, zürne mir, Mutter, protestiere, wenn man dir für einen Viertelrubel Gott abkauft. Mutter, laß dirs nicht gefallen! Wehre dich!" Aber Mutter schleicht heran mit gesenktem Kopf. Mit einer kranken Stimme fragt sie: ,&u ißt vielleicht ein bißchen Rettich zum Fleisch?" „Mutter, ich esse doch unbedeckt", will es mir entfahren. Aber ich habe Erbarmen mit ihr und halte mich zurück. — Lieben aber tu ich sie nicht. Doch ich liebe mich selbst auch nicht, Und wen überhaupt liebe ich denn?, (Deutsch von A. Suhl.) KINO'PROGRAMME STAFA, VII Mariahilf arttraBo 120 Telephon B-33-0-68 Wochentags: », 7, 9 Uhr Lunapark Eddie Cantor VOTIVPARK IX; Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-96 l^iS&SW"''*' Lunapark E&die Cantor Scharfe Kritik an Englands Palästina-Politik In unserer letzten Ausgabe haben wir berichtet, daß die Ständige Mandatskommission des Völkerbundes in ihrem Bericht an den Völkerbundrat sich sehr scharf gegen die britischen Verwaltungsmethoden in Palästina gewendet hat. Hiezu erfahren wir weiters aus Genf: In dem Bericht der Mandatskommission an den Völkerbundrat wird auch berichtet, daß die Kommission bei ihrer letzten Tagung an den Maßnahmen und Unterlassungen der Mandatarmacht für Palästina Kritik geübt hat. In den Bemerkungen zu dem Bericht der Mandatarmacht für 1935 nimmt die Mandatskommission die Forderung der Jewish Agency iiach einer Korrektur der anormalen Lage Palästinas in seinen Handelsbeziehungen mit anderen Ländern zur Kenntnis und fordert die Mandatarmacht auf, in ihrem nächsten Bericht umfassende Auskünfte über die Politik zu geben, die sie zum Schutz der Interessen des Landes durchführen will. Was insbesondere die Frage der Behandlung des Imports aus Staaten betrifft, die aufgehört haben, Mitglieder des Völkerbundes zu sein, würde sich die Mandatskommission freuen, in dem nächsten Bericht der Mandatarmacht umfassende Auskünfte über die Politik! zu finden, die die Mandatarmacht befolgen will, um die Interessen des Mandatslandes und der Mitgliedsstaaten des Völkerbundes zu wahren. Zu dieser Bemerkung entschloß sich die Mandatskommission nach einer lebhaften Debatte, in der der stellvertretende Vorsitzende der Kommission, Pierre1 Orts, besonders hervortrat. In den besonderen Bemerkungen über Palästina bringt die Kommission ihr Bedauern darüber zum Ausdruck, „daß die gegen die illegale Einwanderung getroffenen Maßnahmen sich nicht als zufriedenstellend erwiesen haben. Sie muß sich fragen, ob nicht dadurch, daß die Mandatarmacht von vornherein die bewilligten Einwanderungsquoten — bei denen ausdrücklich für illegale Einwanderung Vorsorge getroffen wurde — herabgesetzt hat, die Verhinderung illegaler Einwanderung erschwert wurde." Nach einer Debatte über die Organisation der arabischen Gemeinschaft kam die Mandatskommission zu der Bemerkung, daß sie sich „freuen würde, in künftigen Berichten ausführlichere Einzelheiten über die Art der Einsetzung, der Zusammensetzung, der Funktionen und Tätigkeit des Obersten Moslemitischen Rates zu finden". (J. T. A.) Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) Frankreich: Schlafwagen Paris—Toulon. Amerika: Staatsanwalt unter Mordanklage —* Männer ohne Namen — Der Weg ins Ungewisse — Rex, der König von Arizona — Schuldige Hände — Ihre letzte Nacht — Das Gericht der Totengräber — Rätsel um eine Frau — Desperados — Liebe vor dem Frühstück — Rosemarie — Metropolitan — Sie heiratet ihren Chef — Singing Kid — Luna-Park (Strike the Pink) — Chicago Gangster. Feime unter Arierparagraph Raub der Sabinerinnen — Die letzte Fahrt der „Santa Margareta" — Mädchenmarkt — Die Fahrt ins Blaue — Boccaccio — Der Holzschnitzer vom Erzgebirge — Befehl ist Befehl — Mister X. — Der Dämon vom Himalaya — Puppenfee — Die Drei um Christine — Arzt aus Leidenschaft — Der Hundefänger — Weiberregiment — Opernring — Der Schlaumeier — Mädchenpensionat — Confetti. Einzige jüdische Handelsschule für Knaben und Mädchen. Unterricht laut Normallehrplan für Handelsschulen. Abendkurse: Für kaufmännische Fächer, Sprachen usw. Wien, II., Taborstraße 39, Tel. A-45-6-57. Prospekt gratis! 6. bis 12. September 1936 Technische und Landwirtschaftliche Messe bis 13. Sept. Luxusu. Gebrauchsartikel / Möbel / „Gas im Haushalt" „Elektrizität im Haushalt" / „Kunst im Handwerk" Oesterreichische Zeitungs- und Zeitschriftenschau Neuester Schaufensterbedarf Textilien u. Bekleidung / Wiener Strickmode / Pelzmode TECHNISCHE MESSE Bauu. Straßenbaumesse / „Was Oesterreicher erfindeu" Rundfunkmesse/„Der Realitäten'Vermittleru.-Verwalter" Bürobedarfsmesse / Ausstellung der Oesterr. Tabak-Regie Gewerbliche Kollektiv - Ausstellungen / Lebensmittel- Ausstellung Sonderausstellungen Britisch-Indiens, Frankreichs, Hollands, Italiens u. Ungarns Land- und forstwirtschaftliche Musterschau mit Sonderschau „Oesterreichisches Bauerntum" Bundesweinkost ZUCHTVIEHMESSE: 11. bis 13. September BEDEUTENDE FAHRPREISERMÄSSIGUNGEN 1 Messeauswelse a S 6.-* bei der Wiener Messe-A. G., Wien VII, Messeplatz.—Eintrittskarten (zum einmaligen Besuch der Rotunde oder des Messepalastes und der Neuen Burg) a S 2.50 bei den Kassenachaitern der Messehäuser.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.