Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 586 (18.8.1936)
- Date
- 1936-08-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 58« voin 11. Äugust 1S36 ME NHüE WEIT Seite 8 '« Vorschlage zur Organisation des Judentums In seinem Referat über „Organisation der jüdischen Gemeinschaft" führte Dr. Kubowitzki (Belgien) u. a. aus: Der Kongreß hat nicht die Aufgabe, ein Zentralorgan zu schaffen, das allen Juden Instruktionen darüber zu exteilen hätte, wie sie sich in den Ländern, in denen sie wohnen, verhalten sollen, sondern der Kongreß will nlne legitime Repräsentanz der Jüdischen Gemeinschaft für allo Angelegenheiten des jüdischen Lebens in der Diaspora ins Leben rufen. Der Kongreß wird alle vier Jahre gewählt und tritt alle zwei Jahre zu ordentlichen Sessionen zusammen. Er setzt einen Zentralrat ein, der alle sechs Monate tagt. Ein Teil der Mitglieder der Exekutive übernimmt bestimmte Ressorts, jedem Ressort ist eine permanente Kommission angegliedert. Das politische Ressort hat die Aufgabe, die Anerkennung des Jüdischen Weltkongresses und seiner Organe als der jüdischen Repräsentanz für alle Diaspora- Angelegenheiten durchzusetzen. Es wird einen großen, ideellen Kampf für die „Neue Emanzipation" und somit gegen die Totalitätsforderungen des Staates führen müssen. Seine besondere Aufmerksamkeit wird das politische Ressort dem wirtschaftlichen Inhalt der bürgerlichen Gleichberechtigung und dem Schutz der jüdischen wirtschaftlichen Punktionen und Positionen zu widmen haben. Der Kampf gegen den Hitlerismus wird eine seiner wichtigsten Aufgaben bilden. Es wird den Grundsatz zur Geltung zu bringen versuchen, daß die antisemitische Hetze überall und auch international als ein Verbrechen anzusehen und zu bestrafen sei. Dem Ressort wird eine Sonderabteilung für die Koordinierung der wirtschaftlichen Abwehraktionen (Boykott) angegliedert sein. Auf sozialökonomischem Gebiet wollen wir mit den bestehenden Organisationen weder kämpfen, noch konkurrieren; wir wollen nur diese Arbeit koordinieren und neue Bemühungen kontrollieren. Es fehlt uns das Grundinstrument für eine konstruktive Politik auf den Gebieten der jüdischen Oekonomie und der sozialen Hilfe, der Emigration und der Kolonisation. Der Jüdische Weltkongreß muß deshalb ein permanentes zentrales Wirtschaftsinstitut schaffen. Propaganda ist eine der wichtigsten Methoden zur Bekämpfung des Antisemitismus. Wir dürfen nicht die geringste Hetzerei und Wühlerei passieren lassen. Propaganda ist eines der Hauptiiistrumente internationaler Politik. Zur Deckung der Kosten der Kongreßinstitutionen soll eine Sammelaktion zur Gründung eines Fonds proklamiert werden Die Verbreiterung der Kongreßbasis Der amerikanische Dclegierto Ab; Goldborg schlug vor, eine Sonderkommission einzusetzen, die die Aufgabe haben soll, mit den zahlreichen wichtigen amerikanischen und anderen jüdischen Organisationen, die dem Weltkongreß ferngeblieben sind, wegen einer Teilnahme an späteren Kongressen zu verhandeln. Auch soll die Kommission Mittel und Wege vorschlagen, um nichtjüdische Organisationen zur Bekämpfung antijüdischer Strömungen heranzuziehen. Statu! des Jüdischen Weltkongresses Der Kongreß tritt jedes zweite Jahr an dem vom Zentralrat oder der Exekutive zu bestimmenden Ort und Zeitpunkt in ordentlicher Session zusammen. Die Einberufung erfolgt durch die Exekutive. Eine außerordentliche Session des Kongresses kann jederzeit von der Exekutive oder dem Zentralrat einberufen werden. Die Delegierten eines jeden Landes müssen aus allgemeinen, direkten und proportioneilen Wahlen hervorgehen. In Ländern, in denen eine allgemein demokratisch gewählte Gesamtvertreturig der Judenheit besteht, darf diese die Delegierten zum Kongreß entsenden. 1. Das aktive Wahlrecht ist an das Alter von 20, das passive Wahlrecht an das Alter von 25 Jahren geknüpft. 2. Jeder Jude und jede Jüdin sind berechtigt, an den direkten Wahlen teilzunehmen. 3. Jeder Wähler hat nur oine Stimme. * Die Wahlen zum Kongreß finden alle vier Jahre statt. Das Mandat eines jeden Delegierten beginnt mit dem Zusammentritt desjenigen Kongresses, für den seine Wahl erfolgt ist, und erlischt mit dem Zusammentritt dos nächstfolgenden, aus Neuwahlen hervorgegangenen Kongrosses. Zentralrat 1. Der Zentralrat dient zur Beratung und Ueberwachung der Ausführung der vom Kongreß beschlossenen Angelegenheiten. Der Zentral rat besteht aus: a) den Mitgliedern der Exekutive, b) vom Kongreß gewählten Mitgliedern. 2. Nur die unter 1 b) genannten Mitglieder haben Stimmrecht im Zentralrat. 3. Der Kongreß wählt die Mitglieder des Zentralrates unter proportioneller Berücksichtigung der auf dem Kongreß vorhandenen Gruppierungen. Der Zentralrat tritt mindestens einmal jährlich zusammen. Die Exekutive hat für regelmäßige Einberufung zu sorgen. Exekutive 1. Die Exekutive versieht außerhalb der Tagung des Kongresses und des Zentralrates, die diesen obliegenden Funktionen. Sie führt die Beschlüsse des Kongresses und dos Zcntralratca aus und erledigt die laufenden Geschäfte, StteifAutdet mm SfUudstkeH Bityedttify Die Juden in den Kampfgebieten — Mittelalterlicher Antisemitismus — Die jüdische Minderheit in Algerien — Beunruhigende Rassenf rage Aus Barcelona wird geschrieben: Der Bürgerkrieg, ,der Spanien gegenwärtig in zwei Teile zerreißt, hat für die in Spanien lebenden Juden sehr verschiedene Folgen mit sich gebracht, je nachdem sie in Gebieten wohnten, die der Madrider Regierung treublieben oder die sich in Orten befanden, in denen das aufständische Militär sich siegreich durchsetzte. Der Großteil der deutschen Emigranten wohnt in Barcelona und in Madrid. In beiden Städten wurde der Widerstand des Militärs in wenigen Tagen durch die regierungstreue Polizei mit Hilfe der bewaffneten Arbeitermilizen gebrochen. Daß Juden bei diesen Kämpfen ums Leben gekommen sind, ist bisher nicht bekannt geworden. Nach Beendigung des während der Kämpfe herrschenden Generalstreiks ist in beiden Städten zwar noch kein Normalzustand festzustellen, denn unweit von Madrid, in der Sierra, ist der wichtigste Kriegsschauplatz Kastiliens, und zahlreiche Arbeiter Barcelonas nehmen an den Kämpfen um Saragossa teil. Immerhin hat das Wirtschaftsleben bereits wieder insoweit begonnen, daß man sich ein Bild über die künftige Entwicklung für den Fall eines Endsieges der bisherigen Regierung machen kann. Maßgebenden Einfluß auf die Regierung haben die Gewerkschaften gewonnen, die bereits Lohnerhöhungen, Arbeitszeitkürzungen, Mietssenkungen und die Sozialisierung einer Anzahl von Großbetrieben, insbesondere der gemeinnützigen Betriebe, durchgesetzt haben. Die Regierung hat bisher getan, was in ihren Kräften stand, um für die Sicherheit und das Eigentum der Ausländer zu sorgen. Wenn in den ersten bewegten Tagen auch in jüdischen Geschäften requiriert wurde, so haben diese Beschlagnahmen, die durch die Schwierigkeiten der Lebensmittelversorgung in den ersten Tagen veranlaßt wurden, schnell aufgehört. Aus Barcelona sind bisher zirka 30 Familien jüdischer Emigranten aus Deutschland sowie eine Anzahl Juden italienischer Staatsangehörigkeit geflüchtet. Weltpolitik der Woche Die Frage, ob sich aus dem spanischen Bürgerkrieg Verwicklungen innerhalb Buropas ergeben werden, beschäftigt zur Zeit VVeltmeinung und Weltpresse. Paris versuchte ein Mittel zur Lokalisierung des Streites: es schlug einen Neutralitätspakt für die sogenannten interessierten Mächte England, Frankreich, Italien, Deutschland vor. Da aber — wie überall — außer Sympathieempfindungen auch Interessenfaktoren sprechen, drang die französische Neutralitätsthese bisher nicht durch. England tat, was es immer tut: es gab regierungsmäßige Zusicherungen, die auf der Pariser Basis stehen, Heß aber privaten Profittendenzen freien Lauf. Die britische Flugzeugindustrie liefert der Madrider Regierung und den Rebellen, also beiden Parteien, Flügschiffe zum Schlüssel von 1 : 3. Das ist die britische. Neutralität. Deutschland knüpft an sein Neutralitätsversprechen weitgehende Bedingungen, indem es für angebliche Tötung von deutschen Staatsbürgern u. a. Satisfaktion verlangt und sich überdies vorbehält, nach Maßgabe der Lage zu handeln, indes Italien aus der unsicheren Lage Vorteile zu ziehen hofft, erklärend, daß der Neutralitätspakt an sich noch.viele wichtige Details offengelassen habe. Der „Temps" schreibt hiezu: „Daß Italien und Deutschland in dieser Angelegenheit gemeinsam vorgehen, ähnlich wie bei der Zustimmung zur Fünferkonferenzj daran kann man nicht zweifeln. An Stelle eines Bündnisses ist eine übereinstimmende Politik die Regel für die beiden Regierungen geworden." Frankreich seinerseits hat mit der allgemeinen Volksstimmung zu rechnen, die sich gegen die hochfliegenden Pläne der extrem-nationalistischen Kreise aller Länder wendet, die Pläne, welche als eine Gefahr für die französische, belgische und englische Demokratie angesehen werden, so daß das Wort „U nmoralische Neutralität" aus dem Mund des französischen Sozialisten Bracke als Ausfluß der Sorge angesehen werden kann. Die französische Regierung selbst zeigt sich gerade im Fall Spaniens von ihrer schwächsten Seite. Sie hat ihre Entschlußfähigkeit eingebüßt, nachdem sie, bzw. ihre Vorgänger sowohl die deutsche Aufrüstung als auch die Rheinlandbesetzung hingenommen hat und von der englischen Regierung, welche immer noch auf die Beantwortung, ihres Fragebogens wartet, keine wirklich entscheidende Beihilfe erwarten kann. Die Situation hat sich daher auf die Frage induziert, wer im spanischen Bürgerkrieg die Oberhand gewinnen wird. Niemand will auf das falsche Pferd setzen. Man erwartet das blutige Rennen ab. Eine Methode, die der moralischen Haltung gewisser Regierungen auch in anderen Fällen entspricht. Dadurch kommen jene Mächte zu kurz, welche die Sorge um eine neutrale Haltung durch völlige Abstinenz übertreiben. o, r» Völlig anders als in Madrid und Barcelona ist diel Entwicklung in den unter der Herrschaft des Militärs stehenden Landesteilen. Abgesehen von einigen Emigranten in Sevilla, ist besonders der jüdische Bevölkerungs- Sektor Spanisch-Marokkos, der aus mehr ala 30.000 Seelen besteht, schwer betroffen. Die Einstellung all der Gesellschaftsschichten und Parteien, die die Aufstandsbewegung in Spanien stützen, ist antisemitisch. Das hohe Militär, der spanische Adel, die Kirche, sind noch heute in dem religiösen Antisemitismus des Mittelalters befangen,, an dem die Jahrhunderte scheinbar spurlos vorübergegangen sind. Breite Teile des Mittelstandes und der Akademiker fürchteten trotz der verhältnismäßig geringen Einwandererzahl eine jüdische Konkurrenz und wurden in ihren Befürchtungen durch antisemitische Angriffe in den jetzt von der Madrider Regierung verbotenen Zeitungen „Debate" und „Informaciones", dem Blatte des Bankiers der Revolution, March, unterstützt. So kommt es nicht überraschend, wenn das zukünftige Regierungsprogramm der Aufständischen, das bei einem in Barcelona gefangenen Offizier gefunden wurde, als Punkt i enthält: Vertreibung der Juden aus Spanien. Dieser lapidare Satz sagt besser als viele Worte, mit welchem Schicksal die Juden in Spanien bei einem Siege der Rechten zu rechnen haben. Aus Marokko wird gemeldet, daß General Pranco, der Führer der Aufständischen, die jüdische Bevölkerung zur Zahlung von 1 Million Pes. Kriegsbeihilfe gezwungen habe, nachdem schon vor einigen Tagen die in jüdischen Händen befindlichen Banken größere Summen haben zah-t len müssen. Außerdem hat Franco eingeborene Araber und die aus früheren Kämpfen bekannten Rifkabylen bewaffnet, und so eine ständige Gefahr für die jüdische Bevölkerung geschaffen. Denn die Reibungsflächen zwischen Juden und Mohammedanern in Spanisch-Marokko sind die gleichen wie in Franzöaisch-Marokko und Algier, wo die blutigen Zwischenfälle der letzten Monate noch in frischer Erinnerung sind. In Marokko kommt jetzt noch die offizielle Einstellung der augenblicklichen Machthaber gegen die als politische Anhänger der Madrider Regierung bekannten Juden hinzu, die Befürchtungen für die Entwicklung der Zukunft erregt. Die Pariser Zeitschrift „Illustration" veröffentlicht eine Artikelserie, die sich im besonderen mit den Verhältnissen in Algerien beschäftigt. Es heißt darin: „Algerien ist keine Kolonie mehr. Algerien ist Frankreich ... Was jedermann im Monat Juli 1936 bei der Landung inAlgerienins Auge springt, ist die Tatsache, daß die Rassenfrage, der ewige und grausame Kampf der Rassen, eine dramatische Entwicklung zu nehmen droht. Sie erhob sich immer wieder an den Küsten des Mittelmeers, oft in blutiger Form. Warum ist diese Rassenf rage mit einem Schlag akut geworden? Darüber ist gar kein Zweifel möglich. Es ist eine direkte Folge der letzten Kammerwahlen und des Experiments, in das sich Frankreich gestürzt hat. Hier wie anderswo haben die Politiker zur Eroberung der Macht die üblichen Mittel angewandt: sie haben an die Leidenschaften appelliert, sie haben Wind gesät und ernten jetzt den Sturm. "Wir haben vom Kampf der Rassen gesprochen. In Algerien bedeutete das immer dasselbe. Die Judenfrage war zu allen Zeiten der wunde Punkt in Nordafrika. In Algerien ist diese Wunde in sträflichem Leichtsinn durch die Politik vergiftet worden. Die letzten Wahlen und ihre Folgeerscheinungen haben ein latentes Uebel wieder aufgewühlt, dessen Heilbarkeit ohnehin fraglich war, das aber unter allen Umständen Zeit und Ruhe gebraucht hätte, um sich zum Bes-» sern wenden zu können." In Algerien mit einer Gesamtbevölkerung von etwa 6,5 Millionen lebt zwischen der großen Masse der Ein-» geborenen und den etwa 880.000 Europäern eine jüdische Minderheit, „die — wie es in dem Arti]*ef der .Illustration* heißt — weder bei den einen noelfbei den anderen beliebt ist, die als Ursäche aller Üebei hingestellt wird und deren außerordentliche Entwicklung in der Zeit von weniger als hundert Jahren unberechenbare Konse« quenzen für die ganze Bevölkerung zu haben droht". Die ersten der über ganz Nordafrika zerstreuten jüdischen Siedlungen stammen aus vorchristlicher Zeit; eine neue Welle brachte die Zerstörung Jerusalems, und auch bei der Vertreibung der Mauren aus Spanien ergoß sich gleichzeitig noch einmal ein Strom jüdischer Einwanderer über die afrikanische Mittelmeerküste. Für die Juden in Algerien bedeutete die französische Herrschaft die B ex freiung aus dem Ghetto und Sicherheit gegen den Haß der Araber; politisch schlössen sie sich, als sie das französische Bürgerrecht erhielten, den Linkspar* t e i e n an, die, in Frankreich den Antisemitismus bekämpften. Diese traditionelle Neigung der Juden für dia MüuleqmsiM„Auskia" OLGA KADISCH, BAD VttSLAU Für Kinder von 3 Jahren aufwärts. Beste Erfolge auch bei schleoht essenden u. sohwerer euiehbaren Kindern. Erstklassige Verpflegung. Von Aerzten empfohlen. Sport. Spiel, Unterricht. Ganzjährig ge öffne 1 jetzt SCHUBERTPLATZ 3 IN NEU ADAPTIERTER VILLA