Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 582 (4.8.1936)
- Date
- 1936-08-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 3 DIE NEUE WEtT Nr. 582 vom 4. August 193Ö " \ V). i ■ man doch endlich wissen, daß es sich bei diesen um nichts anderes als Heuchelei, Brutalität und Strebertum handelt. Wollen sie vielleicht Memel, Daöaig, Deutachböhmen, Kolonien, Wotanskult oder Alfred Rosenbergs heldische Weltanschauung? Keine Spur. Sie sehnen sich nach Posten in Konzentrationslagern und ähnlichen Institutionen neudeutschesn Kulturtvillens, nach Posten in der östapo. Sehen sie in dieser Richtung keine Chance, dann werden sie zweifellos den Parolen ihres Erziehers Julius Streicher frönen. Das muß verhindert werden. Weltpolitik der Woche Es hat den Anschein, daß das politische Chaos, das im heurigen Frühjahr sich zu einer Explosion zu verdichten drohte, einer Entwirrung entgegengeht. Diese Entwirrung — von einer völligen Klärung sind wir noch weit entfernt — vollzieht sich durch Anwendung zweier divergierender Mittel: durch neue Vereinbarungen, welche die aus der Liquidierung des Weltkriegs hervorgegangenen veralteten Friedensverträge ersetzen sollen; durch eine überdimensionale Aufrüstung. Durch diese beiden einander ergänzenden Methoden sollen Spannungen abgeschwächt, Abgründe überdeckt werden. Insbesondere England kann sich in der Anwendung der genannten Mittel nicht genug tun. So hat England immer wieder versucht, Deutschland an den Verhandlungstisch zu bringen, sonderbarerweise jedesmal nach schwersten deutschen Vertragsbrüchen, und später auch Italien miteinzubeziehen,. das sich seit dem abessinischen Abenteuer von der engeren, kollektiven europäischen Politik distanziert hatte. Heute :ist die Lage im ganzen und großen so, daß an die-alten Sünden (Aufrüstung und Rheinlandmilitarisierung durch Deutschland sowie Okkupation Abessiniens durch Italien) nicht gerührt werden, sondern ein Friedensgebäude auf neuen Grundlagen errichtet werden soll. Durch die Aufrüstung Deutschlands und dessen dynamischen Drang an allen seinen Grenzen einerseits und durch den kolonialen Kräftezuwachs Italiens haben sich die Machtverhältnisse in Europa verschoben. Während Frankreich das Gleichgewicht durch Ausbau seiner Verträge herstellen wollte, versuchte England der Situation dadurch Rechnung zu tragen, daß es Entwicklungsstufen anerkannte, die nur mittels kriegerischer Entscheidungen beseitigt werden konnten. Die Verschiedenheit der Auffassungen war die Ursache der Mißverständnisse zwischen England und Frankreich. England bewies den längeren Atem. Wenn nicht alle Zeichen trügen, werden die nächsten Besprechungen der fünf Mächte (England, Frankreich, Belgien, Italien, Deutschland) in Brüssel-den Zweck haben, zunächst außerhalb des Völkerbundes Maßnahmen zur Sicherung des Weltfriedens zu treffen. Hiebei wird zweifellos eine deutsch-italienische Front einer ' französisch-belgischen gegenüberstehen, während England, getreu seiner politischen Tradition, sich nicht binden, sondern bloß Augenblickskonstellationenherbeiführen wird. Für Deutschland handelt es sich hiebei um eine weitere, ungestörte Aufrüstung, f.ür Italien um eine Sicherung seiner abessinischen Position,, indes Frankreich nach wie vor versuchen wird, seine .Bündnispolitik (Kleine Entente und Sowjetrußland) zu festigen. Die Mentalität der einzelnen europäischen Staaten läßt sich an* Barometer ihrer Einstellung zum spanischen Bürgerkrieg ablesen. Spaniens legitime Regierung steht im Kampf mit Aufständischen, Rebellen, ^Hochverrätern", weiche, die Sympathie der faschistischen Regierungen und damit auch deren Unterstützunggenießen. Die, spanische linksrepublikanische Volksregierung hingegen steht — wenn man von Frankreich absieht —: so ziemlich verlassen da. Man fürchtet im .Falle des Sieges der offiziellen Regierung eine weitere Radikalisierung des Linkskurses, also einen spanischen Bolschewismus, den unmöglich zu machen die Pflicht der „Kulturvölker" sei. Zur ' Zeit ist die Entscheidung in Spanien noch nicht gefallen; Trotzdem (oder gerade deswegen) sind infolge der. divergierenden politischen Interessen Spannungen in Europa entstanden, welche Frankreich durch Forderung strengster Neutralität gegenüber den kämpfenden Parteien in Spanien gelöst sehen möchte. Die Dinge sind im Gange. Die spanischen Ereignisse vermögen die trotz der bevorstehenden Fünfmächtekonferenz entstehende Blockbildung nicht zu unterdrücken. Ein neues Locarno, unter einander mißtrauenden Mächten geschaffen, wird dasselbe Schicksal haben,wie das alte. o, r. Hto(kqiekstottAuskia" OLGA KADISCH, BAD V0SIAU Für Kinder von 3 Jahran aufwärts. Beate Erfolge auch bei schlecht eisenden u. sohwerer eizlehbaran Kindarn. Eratklasaloe Verpflegung. Von Aerzten empfohlen. Spoit, Splsl, Un&rriöhi -Ganzjährig gtMfnit jetzt SCHUBERTPLATZ 3 IN NEU ADAPTIERTER VILLA RUNDSCHAU Arbeftslos ♦ ♦ ♦ Bei der Betrachtung der palästinensischen Wirtschaf tsverhältnlsse wurde immer wieder betont, daß die berufliche Schichtung der jüdischen Arbeiterschaft eine ungesunde sei. Tausende landwirtschaftliche Arbeiter verließen die Siedlungen, um in den Städten — hauptsächlich beim Häuserbau — die hohen Löhne au genießen. Auf diese Weise wurden Arbeitsplätze auf dem Lande für Araber freigemacht, so daß das Prinzip hundertprozentiger jüdischer Arbeit außer acht gelassen wurde. Die wirtschaftliche Schädigung hatte eine moralische zur Folge. Was vorauszusehen war, ist eingetreten. Infolge der Unruhen reduzierte sich die Bautätigkeit im ganzen Lande. Arbeiter müssen entlassen werden. In Tel -Aviv beträgt die Zahl der Arbeitslosen bereits Uber 2500, von denen über 2000 „absolut" arbeitslos sind, d. h. keine Chance haben, in irgend einem Beruf unterzukommen. Am stärksten ist, wie die J. T. A. meldet, die Bauarbeiter- Schaft betroffen, die ungefähr 45 Prozent der Arbeitslosen in Tel-Aviv stellt. In Jaffa sind infolge der Unruhen 500 jüdische Arbeiter ohne Arbeit geblieben. Abhilfe dieses traurigen Zustandes ist dringend nötig. Die Exekutive der Landarbeitergewerkschaft (Merkas Chaklai) hat dem Einwanderungsdurchwegs um bedeutende Persönlichkeiten der Politik und Wissenschaft, die wahrscheinlich Zeit haben werden, sich auf die schwierige Aufgabe vorzubereiten. Denn Kolonienminister Ormsby-Gore erklärte nochmals, daß die Kommission erst dann zu arbeiten beginnen werde, sobald Ruhe und Ordnung in Palästina eingetreten sei. Auch Uber die Aufgaben der Kommission erfuhr man etwas aus der Erklärung des Kolonienministers: daß sie nämlich genau umgrenzt seien. Diese Erklärung ist wichtig. Wir erinnern uns an die unselige Shaw-Kommission (nach den August-Unruhen 1929), die statt eines Untersuchungsprotokolls eine Anklageschrift gegen daa jüdische Siedlungswerk nach Hause brachte. Diesmal wird die Kommission festzustellen nähen, ob die Klagen aer Araber und Juden — so lautet Ormsby-Gores Aeußerung — über angeblich nicht entsprechende Anwendung der Mandatsbestimmungen berechtigt seien. Ueber das Wesen des Mandats selbst ist eine Erörterung nicht zugelassen. Der Bericht der Kommission wird vor entscheidenden Schritten in London geprüft, wo die endgültigen Entschlüsse getroffen werden. Wir Ziohisten haben oft genug erklärt, daß wir nichts zu verbergen haben; daß im Gegenteil genug Beschwerden vorzubringen wären. Und wir stehen nach wit vor auf dem Standpunkt: Am Mandat darf dem Wort und dem Sinn nach nichts geändert werden. Das ist ein Vertrag, der heilig und unverletzlich ist. Nobel kauft man für Jahrzehnfel Ihre Möbel müssen daher nicht nur schön und modern, sondern auch gut und dauerhaft sein. Viele, die mir vertraut haben, sind bestens zufrieden, da meine Möbel trotz hoher Qualität auch zeitgemäß billig sind. Edelmann Große Auswählt Tel Izah lungenl Möbelhaus Edelmann, VIII, Lerchenfelderstr. 12 departement vorgeschlagen, die in den nächsten Wochen zu erwartenden über 1900 neuen Einwanderer auf die landwirtschaftlichen Siedlungen zu verteilen. Ein ebenso gesunder wie selbstverständlicher Gedanke, der leider ziemlich spät auftaucht. Schule „Hakenkreuz" Von Zeit zu Zeit lesen wir, daß in den Vereinigten Staaten irgend ein Redner oder irgend eine Zeitung antisemitische Aeußerungen von sich gegeben habe. Auch ist bekannt, daß in gewissen studentischen Kreisen Amerikas antijüdische Tendenzen in Erscheinung treten. Man wundert sich in Europa über solche Dinge, da hier die Illusion besteht/ daß im freien, .goldenen Amerika völkliche, rassische xind regiliöse Gegensätze keine Rolle spielen. Man erinnert sich aber auch, daß in den letzten Jahren das deutsche Hakenkreuz eine unerhörte Propaganda in USA', entfaltet hat, nicht nur unter den Deutschen, sondern auch unter den Amerikanern und sogar — die Herren Nationalsozialisten sind nicht wählerisch — unter den Negern. Zwar konnte sich das Hakenkreuzlertum in Amerika nicht durchsetzen, aber Reste seiner „Weltanschauung" sind dort wie auch in anderen Ländern geblieben. Jetzt geht sogar die erste Etappe des Präsidentschaftskampfes unter antisemitischen Parolen vor sich. In die Reihen der republikanischen Partei, deren Präsidentschaftskandidat A. L. Landon heißt, ist eine gewisse Zerrüttung infolge der Aeußerung des Parteivorsitzenden John Hamilton, „Ich wünsche nicht, mit Juden in Berührung zu kommen", getreten. Diese Aeußerung ist vor Bankiers und Industrieführern der Wall Street gefallen. Wie gemeldet wird, beschlossen die übrigen republikanischen Führer in einer in New York abgehaltenen Beratung, John Hamilton aufzufordern, seine Aeußerung näher zu beleuchten, bzw. von ihr abzurücken. Man befürchtet, daß, wenn Hamilton an der Spitze der Partei verbleibt, dieser viele Hunderttausende jüdische Stimmen verlorengehen könnten — und das soll vermieden werden. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Mister Hamilton sich aus der Verlegenheit zieht und seine Aeußerung zurückzieht; aber jedenfalls nur bis zum Wahltag. Wenn die Juden ihre Stimmen zugunsten seines Kandidaten abgegeben haben, dann wird er wahrscheinlich wieder gegen die Juden losziehen, wie der Wahlleiter des Präsidentschaftskandidnjten Lenokei, Mr. Caughlin, der in jeder seiner Wahlreden antisemitische Aeußerungen macht. Das Sternenbanner beginnt, dem Hakenkreuzbanner ähnlich zu werden. Die Kommission wird prüfen In der Sitzung des englischen Unterhauses am Mittwoch, 29. Juli, hat der Kolonienminister Ormsby- Gore, wie angekündigt, die Namen der Mitglieder der Royal Commission, die nach Palästina zu entsenden ist, um die Wünsche und Beschwerden von Arabern und Juden entgegenzunehmen, offiziell bekanntgegeben. Es sind dies die bereits genannten Viscount Peel, der ehe« malige Staatssekretär für Indien, der den Vorsitz der Kommission innehaben wird, Sir Horace Rumbold, der bekannte Diplomat, der bei den Friedensverhandlungen in Lausanne Bevollmächtigter Englands war, der Professor für Kolonialgeachlchte an, der Universität Oxfdrd Reginald C o u p 1 a n d, Sir Edgar Bonham Carter und Sir Laurie H a m m o n d. Wie man aus dieser Liste ersieht, handelt es sieb Juden auf der Berliner Olympiade Aus Budapest: In den jüdischen Sportkreisen Ungarns, die sich völlig mit dem Staatsgedanken solidarisieren, konnte eine Boykottbewegung gegen die Teilnahme an der Berliner Olympiade nicht aufkommen; die verschiedenen jüdischen Olympikone werden an den Wettkämpfen in Berlin teilnehmen. Mit der ungarischen Olympia-Mannschaft begeben sich jüdische Athleten und Sportler von Rang nach Berlin, an ihrer Spitze der Säbelmeister Endre Kabos. Vertreten sind ferner Wasserpolo (2) — den Welterfolg im Wasserball verdankt Un« garn dem Juden B61a Komjädi —, Kunstspringen (2 Herren, 1 Dame), Handball (3 vom jüdischen Fecht- und Athletikklub). Weiter nehmen teil der Ringer Karl K & r p & t i, der in Los Angeles Zweiter war, schließlich in der sechsköpfigen Turnriege Stephan S ä r k & n y. (J. T. A.)];; Aus Warschau: Mit der polnischen Olym«» piade-Mannschaft reiste aus Warschau nach Berlin auch; der jüdische Boxmeister Szepsel Rotholz, Mitglied des jüdischen Arbeitersportklubs „Stern". Der Klub hat seinen Mitliedern verboten, nach Berlin zu gehen, allein Rotholz* der jetzt seinen Militärdienst absolviert, mußte sich dem Befehl, nach Berlin zu gehen, unterwerfen. Bei den Verabschiedung von seinen Freunden hatte er Tränen in den Augen. Doch erklärte er, daß, wenn er schon gezwungen ist, im Dritten Reich zu starten, er sein Bestes tun wird, um dem polnischen Sport Ehre zu machen* Die Wiener Hakoah-Sporller Die beiden Mitglieder des jüdischen Sportklubs „Hakoah", der Ringer Finczus und der Mittelstreckenläufer König, welche für Oesterreich an der, Berliner Olymplade teilnehmen, sind nach einer Aus* spräche mit der Klubleitung aus der Hakoah ausgetreten« Dieser Austritt hätte im Grunde schon längst crfolgenl müssen, da der Makkabi-Weltverband, dem auch die Hakoah angehört, in einem Kommunique" erklärte, daß eine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Berlin mit der jüdischen Ehre unvereinbar sei. Die Nachrichten, welche über diesen Fall vorliegen, kennzeichnen nicht genau die Situation. Man erfährt daraus nicht, ob die genannten Sportler von der Hakoah ausgeschlossen wurden oder ob sie selbst aus ihres Teilnahme an der Berliner Olympiade die Konsequenz! zogen. Der ehrenwerte Herr Alfred Guth, der seinerzeit dUrch die Vermittlung seines Klubs Hakoah nach P a- 1 ä1 s t i n a ging und vor kurzem wieder nach Wien zurückkehrte, hat — wie verlautet — schon längere Zeit nicht mehr der Hakoah als Mitglied angehört. Die Leichtathletin Neu mann, die in Berlin startet, hat bisher keinerlei Erklärung abgegeben. Die jüdische Gesellschaft erwartet seitens der, Hakoah Entschlüsse, die der jüdischen Ehre und Würde entsprechen. Es gibt keine Synagoge in Berlin Ein Berliner Freund unseres Blattes teilt uns mit: „In dem vom Organisationskomitee der Berliner Olympiade herausgegebenen, im Reichssportverlag erschienenen Führer zur Olympiade befindet sich auf Seite 156 eine Liste der Gottesdienste für die Olympiadebesucher der verschiedenen Glaubensbekenntnisse» Wir lesen die evangelische, die katholische, amerikanische, französische, schwedische, dänische, russische, buddhistische und islamische Kirche mit genauen Orts- und Zeitangaben. Die Synagogen sucht man vergebens. Hat vielleicht das deutsche .Organisationskomitee damit gerechnet, daß die Juden genug Ehrgefühl besitzen, die Berliner Olymplade zu meiden?"