Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 581 (31.7.1936)
- Date
- 1936-07-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Groschen Freitag, den 31<JulM936 Iflhrgang ri66 7>. ^ir,xt2 lr**ve*r?' Nr* 581 V*b*fc Zeltung vom Verleger versendet „Journal exp£dl6 par l'6dltetlr" R E V U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich rtiönatllch S 1.40,: vierteljährig a 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.150. vierteljährig Zloty 4.50: Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Ke 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 80.—, vierteljährig. Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schwei« und die. übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.60. Mit E bezeichnete) Anzeigen sind: entgeltlich. Redaktion u, Verwaltung: IX, Universitätssir. 8,7eL A-20-2-78 - Erseheint Dienstag u.Freitag r^°-:>; fz? $<'■>'• |«J » ORBIS S POLEN Abfahrt: Jeden Sonntag Anmeldungen: Poln. Reisebüro „O R BIS" l. Kärntnerstrane 41, R-ai-s-r» Oesterreichisches Verkehrs-Büro I. Friedrichstrane 7, B.27-500, i. Graben 20, U-M-o.» Olympia und Hakenkreuz Oesterreichische Reflexe Wien, den 29. Juli 1936. Die' auf Österreichischem Boden spielende Voretäppe der Berliner Olympiade war nicht erfreulich. Ein amtlicher Bericht meldet, daß es im Zuge der Festlichkeiten' anläßlich des Olympia-Fackellaufs zu Demonstrationen: kam, welche die Weihe des Abends störten - und die Besorgnis aufkommen ließen,' das Befriedungswerk könne gefährdet werden. Im amtlichen Bericht ist , von gewissenlosen; Unverantwortlichen Elementen die^ Rede, allerdings ohne nähere Bezeichnung ■ der politischen Provenienz.: ' : v. ' •■ -: i" '■ Wer die Ges,chehnis3^^<^e|j;erreich auch nur oberflächlich verfolgt, kann unschwer erraten, unter welchen Parolen.die Störungen. vor sich gingen; insbesondere, wenn er. sich vor Augen hijilti daß, die. Spannung zwischen Oesterdeich -und Deu#:^ättd. dUrcÜ 'Ämnestierung, der aiif v Gedeih: und Verderb nationalbetonten Fanatikerbeseitigt werden sollte. Heute schön, 14 Tage nach der großzügigen Erklärung des österreichischen Bundeskanzlers; wird die Hoffnung auf eine innere Befriedung zujsohanden gemacht.. Allerdings konnten nur weitester Optimismus und der Glaube an Fairness zu jener Hoffnung verführen. _ Die „gewissenlosen", „unverantwortlichen" Elemente, die in der amtlichen Meldung als die Unruhestifter bezeichnet werden, wurden eben mitein- ■ bezogen in den Bereich, in welchem sich der Kulturaustausch ' zwischen Oesterreich und Deutschland abspielen Böli, ohne Rücksicht darauf, daß diese Elemente — abgesehen von ihrer charakterologischen Minderwertigkeit — solch einen Kulturaustausch-gar nicht anstreben, sondern hur ihre Machtgelüste befriedigt sehen wollen. Die Erklärung, ' daß Oesterreich sich als deutscher Staat fühle und als solcher handeln wolle; legen diese Elemente dahin aus, daß ihnen von nun ab ..erlaubt sei, sich so aufzuführen, 'als ob sie drüben im Dritten Reich wären, und darum mußte naturgemäß die Demonstration für „Ein Volk — ein Reich" zu antisemitischen Ausbrüchen führen, zu' einer Erscheinung, die allein uns in diesem Zusammenhang beachtenswert erscheint. Denn festzustellen, wieweit dfcs christlich-deutsche Oesterreich die Annäherung an das hakenkreuzlerische Deutschland vollzogen sehen will, ist nicht unsere Sache.; Hierin sind wir weder befugt noch kompetent. - In Vorahnung der Arbeit „gewissenloser und unverantwortlicher Elemente" schrieben wir in unserer Ausgabe vom 14. Juli unter dem Titel „Wien-Berlin u.nd die Juden" u. a.: . „An Versuchen unbefugter Faktoren, den reichs-! deutschen Tendenzen in Oesterreich Widerhall zu verschaffen, wird es nicht fehlen."; .'. Diese Versuche sind am Abend des olympischen Fackellaufs in Wien gemacht worden. „Hinaus mit den Juden!" und „Oesterreich erwache!" — waren noch die harmlosesten Rufe, die auf der von einer sportbegeisterten, spalierbildenden Menge gefüllten Ringstraße gehört wurden. Es blieb nicht bei Rufen. Die Unentwegten, die also, derer man sich durch das deutsch-österreichische Abkommen vergewissern wollte, zeigen sich auch als die Unbelehrbaren, als die schändlichen Hetzer und Giftträufler, als die Terroristen und Huligans. Denn es blieb w_ wie gesagt — nicht bei Rufen. Der erhabene olympische Gedanke, die Quintessenz antiker Kultur, wurde von den radikalen Elementen des österreichischen Nazitums geschändet. . . . mit dem letzten Auskunftsmittel, das drüben 1h Deutschland zum täglichen Bedarf gehört, bloß für die Bauer der Olymplade abberufen wurde: mitderHetze liegen d]e Juden. Ein paar ausgeschlagene Fensterscheiben, haben in Die verlassene Klagemauer Zum erstenmal seit Jahrhunderten ist am Vorabend des 9. Ab, des traditionellen Trauer- und Festtages der Judenheit um die Zerstörung des Tempels, der Trauergang zur Klagemauer und das Sagen der Kinoth, der Traucrlieder, unterblieben. Das Jerusalemer Rabbinat, der Waad Leumi (Jüdischer Nationalrat) und die orthodoxe Agudas Jisroel forderten die jüdische Bevölkerung auf, sich von der Klagemauer fernzuhalten, weil der Weg dahin durch die unsicheren, engen Gassen der Altstadt führe. Dem Europäer dürfte diese Situation wohl unverständlich sein. Er wird kaum begreifen können, daß die Mandatsregierung, die über so viele Militär- und Polizeikräfte verfügt,; nicht in der Lage sein sollte, den ein paar hundert Meter langen Weg zu Jerusalem,, die Stadt der-vpolilischen Kämpfe -? (Gesamtansicht)' 1 * ■ 1 'x> .. . ■}; schützen, insbesondere in der Stadt Jerusalem mit ihren 120.000 Einwohnern; einem Bereich, der einem mittleren Wiener Wohnbezirk entspricht. Dabei darf man nicht vergessen, daß dieser Zustand bereits viele Wochen währt, ohne daß der Oberkommissär Wauchope auch nur den Versuch gemacht hätte, hier seine ihm von der britischen Regierung und vom Völkerbund vorgeschriebene Pflicht zu erfüllen. an die Augustunruhen 1929, beziehungsweise an die sich daran anschließenden Hohen Feiertage! Die „Neue Welt" berichtete damals u. d. 8. Oktober: „Am Freitag Vormittag wurde eine mit Maschinengewehren und Handgranaten ausgerüstete starke Infanterieabteilung zur Verstärkung der Polizeiwache an die Klagemauer beordert. Als um 4 Uhr nachmittags die Juden sich zum Gebet an die Klagemauer begaben, umsäumten Abteilungen Soldaten mit Stahlhelmen die zur Klagemauer führenden Straßen und Wege. Die kürzlich aus Aegypten eingetroffenen Panzerautos wurden an den Haupttoren der Altstadt postiert. Das von den Moslemiten neu geöffnete, zur Omar-Moschee führende Tor an der rechten Seite der Klagemauer blieb während der jüdischen Feiertage geschlossen. Jeder Durchgangsverkehr an der Klagemauer während der jüdischen Feiertage war verboten." - Was damals Lord Plumer mit seinen paar hundert Soldaten machte, sollte heute mit den vielen tausenden Soldaten des Oberkommissärs Wauchope unmöglich sein? Je länger dieser beschämende Zustand dauert, desto klarer muß es erscheinen, daß die böswillige palästinensische Bürokratie die Absichten Londons sabotiert und die Unsicherheit der Straßen Palästinas sozusagen legalisieren will. Dieses schändliche Verhalten der Palästina-Regierung hat natürlich die schlimmsten Folgen für den Wirtschaftsverkehr in Jerusalem. Geradezu groteske Früchte zeitigt die Lässigkeit und Böswilligkeit der britischen Administration. Jeden Sonntag — billige Sonderfahrten mit „Francopol" ».<h Polen Und CZGmOWitZ Nächste Abfahrt: 2. August früh „Francepol", III, Schwarzenbergplatz 7, Telephon U-16-4-90 „Cedok'f, I, Kärntnerstraße 32, Telephon R-23-4-83 CerngroR, VII, Mariahilferstraße 42, Telephon B-38-2-68 Man muß wissen, daß es sich durchaus nicht um einen Aufstand handelt, in dessen Verlauf dieser oder jener Teil des Stadtgebietes in den Besitz dieser oder jener Partei geraten ist. Es geht in ganz Palästina — also auch in Jerusalem — um heimtückische Angriffe einzelner arabischer Terroristen und Banditen. Was insbesondere Jerusalem anlangt,. wäre es ein Leichtes, den Weg zum - JaffatoiS wo sich die Klagemauer inmitten einer arabischen; Umgebung befindet, zu schützen und etwaigen Marodeuren die Lust auf 'Schießereien zu nehmen. Erinnern wir uns dieser aufgeregten Zeit nicht viel zu bedeuten. Aber es geschah noch etwas anderes: Die Hakoah-Sportler wurden, als sie im Zuge aufmarschierten, von „unverantwortlichen, gewissenlosen Elementen" beschimpft und besudelt, also gerade in jener Stunde beleidigt, die dem olympischen Gedanken geweiht war. Die . Hakoahner hätten der olympischen Idee besser gedient, wenn sie sich mit der Ehre, B er 1 i n fernzubleiben, begnügt hätten. Unter dem Aspekt des gestrigen .Vorfalles bekommt die Disqualifizierung der drei judischen Sportlerinnen Deutsch, Langer und Goldner ein anderes Gesicht. Man erkennt aus den Handlungen der österreichischen Berlin-Enthusiasten, daß die Olympiade 1936 eine Angelegenheit des politischen Hakenkreuzes geworden ist. Der Wiener Reflex war deutlich genug. Der Sportgedanke artete in die Rufe „Hinaus mit den Juden!,r „Oesterreich erwache!" aus. Bezeichnende Rufe, aber nicht uaerwaiftete. Wir werden sie uns merken. , . o. -r.: I So mußte beispielsweise ein Holländer, darauf verzichten, sich in ein unweit vom Jaffator befindliches Reisebüro zu begeben, und seine Wünsche umständlicherweise durchs Telephon mitteilen.; So werden die wenigen Fremden, wenn sie in die Jaffastraße zum Hauptpostamt gehen, ihrem Schicksal überlassen. Kaum wird ein arabischer Bandit/ der hinterrücks schießt oder Bomben wirft, von der tüchtigen Polizei erwischt. Aber man kann poch immer da und dort jüdische „Illegale" gefesselt durch die Straßen geführt sehen, junge, arbeitende Menschen, deren Verbrechen darin besteht, daß sie kein Zertifikat zugewiesen erhalten haben ... : Die1 letzten drei Monate haben den Beweis erbracht, daß die Palästina-Regierung, beziehungsweise die Mandatsregierung die # Sicherheit des ihr anvertrauten Landes nicht zu verbürgen vermag; ja daß sie nicht einmal den Zugang zu den heiligen Stätten schützt. Der Art. 13 des Mandats lautet : „Die gesamte Verantwortung im bezug auf die Heiligen Stätten und religiösen Gebäude oder P1 ä t z e in Palästina einschließlich jener für die Aufrechterhaltung bestehender Rechte, für die Sicherung freien Zuganges zu den heiligen Stötten, religiösen Gebäuden und Plätzen sowie für die freie Ausübung des Gottesdienstes und der Wahrung der Erfordernisse der öffentlichen Ordnung und des Anstandes wird vom Mandatar übernommen." Der Sinn dieses Textes ist klar. Die britische Regierung hat dafür zu sorgen, daß also die Juden auc Klagemauer ohne Störung gehen können. Die Siehei I