Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 580 (28.7.1936)
- Date
- 1936-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2712150-2712205--5924-2719608- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Preis 10 Groschen Dienstag, den 88. Infi 1916 MEIIE WM ■■ w WM 10* lahrgang 185 Nr« 580 V* b* b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal ezp£di6 par Pfiditenr" *itl. Vn iv^Sl Kötsk %/, °^e/f *Fj ,e», /. REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER ii ORBIS POLEN Abfahrt: Jeden Sonntag Anmeldungen: Poln. ReisebUro „ORBIS I. Kärntnerstraße 41, R-sf-J-78 Oesterreichisches Verkehrs-Büro l. Frledrtchstraße 7, B.27-500, i. Graben 20, u.99.0.35 fxaue& odec £dfout*g> Betrachtungen zum 9* Ab '- Alle Festtage sind uns ein Mahnzeichen für die Zerstörung unseres Heiligsten, in allen Gebeten klingt das Erinnern an die Vertreibung aus dem Lande unserer Väter durch. Zwei* tausend Jahre des Fernseins und ebensoviele Jahre trotzigen Glaubens an die Wiederkehr geben unserer Geschichte den einzig*jüdischen Charakter. Unser Kalender weist auf all diese Leiden und Opfer und .Hoffnungen hin. Er will uns aber nicht glauben mächen, daß die Zer* Streuung, die Heimatlosigkeit—r die Schicksals* gewollte Form unserer Existenz ist. Der 9. Ab.: will mehr sein als ein Anlaß, an historische Dinge anzuknüpfen. Mit . ihm begann die jüdische Verbannung und mit ihr wiederum die Judenfrage. Die Geschichte des jüdischen Volkes bezieht einen ihrer Impulse ms den Schrecknissen der wilden Straßen* kämpfe im brennenden Jerusalem, um beim letzten Rest des. Tempels, der Klagemauer, ein wenig rückblickend zu verweilen. Rings um den Tischa b'aw spinnt sich das unergründliche Verlangen der jüdischen Seele nach religiöser Ekstase. Auf wieviel Wegen versuchte man, die Judenfrage einer „Lösung" zuzuführen? Auf wieviel Wegen die Unzerstörbarkeit des jüdi* sehen Wesens in der Welt zu untergraben? Politische Entrechtung, wirtschaftlicher Boy* kott, religiöse Taufbewegung, moralische Aech* tung waren die Mittel, das zerstreute jüdische Volk die Vergänglichkeit seiner traditionellen Werte fühlen zu lassen. Umsonst. Ueber alle Leiden und Leidenschaften, über alle zeitweilige Verfehlungen und Ge* bresten triumphierte der Gedanke, daß . das Leben in der Zerstreuung nur ein bedingtes sei und von einem reicheren, seelisch und volkhaft tieferen abgelöst würde — dort rings um die Klagemauer, die der 9. Ab alljährlich uns zum Bewußtsein bringt.. Seit dem ersten Tischa b'aw zogen viele yöljcerstämme durch das Land: Römer, Byzan* tiner, Araber, Aegypter, Türken, Kreuzritter. Ünd alle waren bloß Durchwanderer, Unseß* hafte, Nomaden... Das Land blieb hebräisch. Die Fremden hatten keinen Sinn für eine seelisch* völkische, Verwurzelung. Die palästinensische Scholle, versagte sich ihnen, als hätte sie den Wunsch, sjch den späteren ,jüdischen Pionieren' aufzubewahren, jenen Generationen, die den' jüdischen Volksgedanken, den palästinensi*: sphen Staatsgedanken zur Reife bringen. ' Trauer durchzieht die jüdische Welt. Der 9'! Ab ist ein düsteres Mahnzeichen für uns alle,, die im Chaos dieser Zeit als aufrechte, tradi* tiohsstolze, volksbewußte Juden leben wollen. Noch nie war die Zeit so reif zur Entscheidung wie heute. Das Gedenken des 9. Ab führt uns alle zu einem Kristallisationspunkt zusammen. Der Sinn der Geschichte wird uns lebendig. Wir fühlen die große Aufgabe, die uns über* antwortet ist, wir stehen vor der Schicksals* frage: ' ' Wird die Klagemauer in Jerusalem Ruine bleiben oder der Grundstein zu einem neuen Tempel werden? Wird der Tischa b'aw immer als Tag der Trauer bleiben oder der ßeginn fteuen. JErlösunfiswillens werdend BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—: Polen monatlich Zloty 1.60» vierteljährig Jloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Marie 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—: Italien monatlich Lire 6.—, vierteljährig Lire 14.—,s Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.60, vierteljährig Schweizer Francs 4.60. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlieh. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8,7eL A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Ein „ehrloser" Jude startet nicht Die Disqualifizierung der Hakoahnerin Judith Deutsch, die sich als Jüdin weigerte, an den Olympischen Spielen in Berlin teilzunehmen, hat in allen sportlichen, gesellschaftlichen und politischen Kreisen Eindruck gemacht. Die Wirkung war naturgemäß nicht überall die gleiche. Auf der einen Seite wurde das Verhalten der jüdischen Schwimmerin als richtig erklärt, auf der änderen einer mehr oder minder scharfen, d. i. ablehnenden Kritik unterzogen. Auch die „Wiener Stadt-Stimmen" (ein Organ* der Vaterländischen Front), nehmen zur Affäre Deutsch Stellung. 'Sie bedauern, daß Judith Deutsch nicht angetreten ist und finden, daß man ihre Disqualifizierung seitens der Oesterreichischen Turn- und Sportfront als einen Akt des Rechts und der Pflicht anzusehen habe. Die vornehme und verständnisvolle Art, mit der die „Wiener Stadt-Stimmen" den Fall Judith Deutsch behandeln, machen uns < eine Auseinandersetzung, beziehungsweise Erklärung.; des Fragenkomplexes zu feiner angenehmen Aufgabö. Das genannte Blatt beruft sich in seiner prinzipiellen Auseinandersetzung auf die deutschen.; Sportter^jüdischer Abstammung, Helene Mayer und Rudi Ball, , die durch ihren . Startantritt den Beweis erbringen können, „treue Kinder ihres. Landes zu sein, trotz allem", d. h. trotzdem man ihre Stammesgenossen in Deutschland (jso sehr demütige,; ja entehre". Wesensverwandt liege der Fall Judith Deutsch. Die „Wiener Stadt-Stimmen" (Nr. 27) erklären zunächst: „Nicht nur, daß Judith Deutsch für ein Vaterland hätte starten sollen, das ihr und ihren Glaubensgenossen keinerlei Diffamierung zuteil werden, sondern volle Gleichberechtigung aller staatlich anerkannten Konfessionen walten läßt, hätte sie ihr Vaterland ja nicht in einem nationalsozialistischen Wettbewerb vertreten, sondern bei Kampf spielen aller Nationen in Olympia, das diesmal zufälligerweise in Berlin zu liegen kam." Diesem Gesichtspunkt kann absolut nicht beigepflichtet werden. Alle Welt weiß, daß das nationalsozialistische Deutschland die Olympia-Spiele nicht als reines Sportfest, als einen internationalen Wettbewerb betrachtet, sondern die Olympia-Tage zu einer Propaganda für das Hakenkreuzregime verwenden will. Es ist also nicht richtig, daß die Olympiade „diesmal zufälligerweise in Berlin" abgehalten wird, sondern daß Berlin, das in Potemkinscher Weise für die Olympia-Gäste lammfromm gemachte Berlin sich selbst (als' den : Kulturmittelpunkt des „neuen deutschen Geistes", des „erwachten Deutschland") präsentieren will und hiezu eben die Olympiade mißbraucht. Die „Wiener Stadt-Stimmen", das Organ der Vaterländischen Front, wird sich doch von den nationalsozialistischen Arrangeuren der Berliner Olympiade nichts vormachen lassen. Soeben wird aus Berlin gemeldet: , i „Wie ■ dem „Manchester Guardian" aus Berlin gemeldet wird, hat der Landwirtschaftsminister Walter Darr6, .bekanntlich ein Antisemit aus der Schule Streichers, die ländlichen Beamten in einem vertraulichen Zirkular aufgefordert, allen Olympiade-Gästen höflich zu begegnen, auch wenn sich Juden unter ihnen befinden sollten,. da die deutsche Regierung sich gegenüber dem Internationalen Olympischen Ausschuß verpflichtet habe, die Olympiade-Gäste zu schützen. In . keinem Falle -Tso fährt Darre" fort — dürfe man „jüdischen Provokateuren"(!) eine Handhabe geben, Zwischenfälle zu verursachen und Wasser auf die Mühlen der „feindlichen Propaganda" im Ausland zu treiben. Die Klebezettel mit den antijüdischen Losungen müssen für die .Zeit der Olympiade entfernt werden. Das Zirkular schließt: „Die Grundhaltung des deutschen Vol- . kes gegenüber dem Judentum bleibt unverändert." . Was bedeutet das anderes, als daß den Juden in Deutschland und auch den in Deutschland weilenden jüdischen Gästen nur eine kurze Gnaden- ^rist eingeräumt wurde, mir. weil Nazideutschland sich eben verpflichtet hat, die Olympia-Gäste zu schützen. Verpflichtet! Welcher Hohn! Sonderbares Ansinnen an Deutschland! Weit hat es die Kulturwelt gebracht, wenn es ein Land, das die Ehre der Beherbergung der Olympiade genießt, zu dem selbstverständlichen Akt der Courtoisie Gästen gegenüber erst verpflichten muß. In einem Land allerdings, wo die Jugend, also auch die sportliche, die schändlichen „Protokolle der Weisen von Zion" als Erziehungsstoff von Staats wegen vorgesetzt bekommt, wo die Entrechtung und Diffamierung jeder Juden, also auch des Olympia-Starters zur nationalsozialistischen Weltanschauung und Praxis gehört, in solchem Lande müßte man sich erst der Uebung gesitteter Umgangsformen versichern. Es war ja absurd anzunehmen, daß da3 Dritte Reich, plötzlich und ohne innere Umkehr von den Methoden, die es in den kulturellen Kreisen aller Länder (also auch Oesterreichs) verhaßt gemacht haben, seinen Grundsätzen untreu werden könnte, es sei denn, daß es wegen politischer und wirtschaftlicher Interessen sein Gesicht für die Olympia-Zeit maskiert. „Es ist dafür gesorgt", heißt es in einem offiziellen Prospekt, „daß der Berlin-Besucher neben dem Besuch der Olympischen Spiele auch die Möglichkeit hat, das Kulturleben der Reichshauptstadt kennenzulernen und sich ein Büd von der Höhe des deutschen Kulturwillens zu verschaffen." Klarer kann die Absicht der deutschen Olympia-Arrangeure nicht zum Ausdruck gebracht werden. Die „Wiener Stadt-Stimmen" schreiben weiter: „Gerade deshalb, weil Judith Deutsch als vollberechtigte österreichische Sportlerin in die repräsentative österreichische Olympiamannschaft eingereiht worden war, hätte es ihr ihr Vaterlandsgefühl und das stolze Bewußtsein, Oesterreicherin zu sein, gebieten müssen, ihre gefühlsmäßige und sicherlich nur zu verständliche Einstellung den Grundsätzen und Handlungsweisen 'der NSDAP, gegenüber zugunsten ihres Vaterlandes Oesterreich zurückzustellen und ihre Stellungnahme nicht von Beschlüssen abhängig zu machen, die irgendein Schwimmverband faßt, dem sie als Mitglied gerade angehört; denn auch über diesem Verband steht die Oesterreichische Turn- und Sportfront, und letzten Endes das Vaterland." Diese — höchst einseitige — Betrachtungsweise wäre allen erspart geblieben, wenn die Oesterreichische Turn- und Sportfront sich nicht auf ein starres Dogma gestützt, sondern den psychologischen Sachverhalt berücksichtigt und damit den jüdischen Sportlern einen schweren Gewissenskonflikt erspart hätte. Die Erklärung der jüdischen Sportler, daß sie sich auf hakenkreuzlerischem Boden, in einer die Juden verfemenden Umgebung gehandikapt fühlen, hätte genügen müssen, um die kompetente Sportbehörde von ihrem Ansinnen abzuhalten, Man erinnere sich bei dieser Gelegenheit an den Fall Bronislaw Hub er man! Dieser wurde im Jahre 1932 von Wilhelm Furtwängier aufgefordert, in Berlin zu konzertieren und lehnte mit der Motivierung ab, daß er als Künstler nur in einer freien, von Rassenhaß ungetrübten Atmosphäre wirken könne . . . Soll sich vielleicht der in Berlin startende jüdische Sportler der Gefahr aussetzen, von einem im Geiste des Streicherschen „Stürmers" erzogenen nationalsozialistischen Sportkollegen oder, sonstigen deutschen Volksgenossen angepöbelt zu werden? Nein. Zu groß ist der Gegensatz zwischen dem in seiner Ehre vom deutschen Hakenkreuz betroffenen jüdischen Menschen und den Berliner Herren, welche Billige und bequeme IRUT-Sonderr eisen nach Polen u. Czemowitz am 8. und 9. August 1936 „IRUT", tylen I, Kgrlsplat* 1. Telephon U-44-5-79